Langeweile im Ganztag – auch eine Chance : Datum: Autor: Autor/in: Stephan Lüke

Beim Fachtag „Gute gesunde Ganztagsschule“ der Serviceagentur Ganztag NRW sprach der Diplompsychologe und Generationenforscher Rüdiger Maas zum Thema „Wie ticken die Kinder und Jugendlichen?“

Online-Redaktion: Auf dem Fachtag der Serviceagentur Ganztag NRW haben Sie zum Thema „Wie ticken die Kinder und Jugendlichen der 5. bis 10. Klassen?“ referiert. Danach haben es Kinder und Jugendliche heute nicht leicht. Inwiefern?

Rüdiger Maas: Wir haben über 1.000 Pädagoginnen und Pädagogen befragt, die die Kinder und Jugendlichen, mit denen sie beruflich zu tun haben, beurteilt haben. Diese Daten haben wir ausgewertet. Kurz zusammengefasst: Nach dem Urteil der Pädagoginnen und Pädagogen dürfen Kinder heute weniger Kind sein, können zu wenig eigene Erfahrungen sammeln. Sie haben aus Sicht der Pädagoginnen und Pädagogen meist Eltern, die maximal versuchen alles richtig zu machen und ihren Kindern keine Fehler zugestehen wollen.

Infolge dessen haben viele Kinder und Jugendliche zu wenig Freiräume. Alles wird durchgeplant. Zudem nehmen Eltern oft unangenehme oder schwierige Dinge ab, was zu einer Reduktion der Frustrationstoleranz führen kann. Und in der Tat haben Kinder heute Probleme, Konflikte selbst zu lösen. Nicht wenige Eltern nehmen ihren Kindern sogar alles ab, auch die Chance, Dinge selbst zu regeln, sich in der Gruppe abzustimmen, zu akzeptieren, dass andere eine andere Meinung haben und nicht alles nach dem eigenen Wunsch laufen kann.

Online-Redaktion: Sie sagen andererseits in Interviews aber auch, dass Kinder und Jugendliche heute mehr bestimmen dürfen, wo es lang geht, was wiederum Lehrkräfte nicht akzeptieren. Ist das nicht ein Widerspruch?

Maas: Nein, da die Lehrerin oder der Lehrer vor einer ganzen Klasse steht, die es allein schon von der Anzahl her unmöglich macht, so intensiv wie Eltern auf das einzelne Kind einzugehen. Aber mal ehrlich: An welche Lehrerin oder welchen Lehrer erinnern wir uns positiv zurück? Jene, die allen Wünschen der Schülerinnen und Schüler nachkamen, oder jene die den Unterricht „vorgaben“, wo man auch stolz war, für eine gute Leistung eine gute Bewertung bekommen zu haben…

Online-Redaktion: Würden Sie Ihre Studie etwas erläutern?

Mutter mit ihren zwei Kindern
© Britta Hüning

Maas: Wir haben im ersten Schritt einige Erzieherinnen und Erzieher sowie Lehrkräfte interviewt, um ein Verständnis von der momentanen Situation zu bekommen. Die gewonnenen Daten haben wir ausgewertet und daraus einen Fragebogen für eine bundesweite Befragung entwickelt. So war es uns möglich, die verschiedenen Einrichtungs- und Schularten sowie Stadt-Land, Ost-West, Nord-Süd etc. abzudecken. Am Ende haben über 1.000 Pädagoginnen und Pädagogen an der Befragung teilgenommen. Die Ergebnisse haben wir wiederum von Pädagoginnen und Pädagogen mitbewerten lassen. Wir nennen dieses Verfahren: Methodentriangulation, um ein Bild aus unterschiedlichen Perspektiven zu zeichnen.

Online-Redaktion: Unsere Tochter und ihre Freundin, die sich in der Schule mit dem Thema Generation beschäftigt haben, meinen, dass man erst in einigen Jahrzehnten wissen könne, wie sich die jetzige Generation entwickelt.

Maas: Ja, da haben sie zu Teilen Recht. Wir beschreiben ja hauptsächlich einen Ist-Zustand, aus dem jedoch ein Zukunftsszenario gezeichnet werden kann, natürlich mit vielen offenen Variablen.

Online-Redaktion: Und Ganztagsschulen können diesen Tendenzen begegnen?

Maas: Ganztagsschulen geben Kindern Sicherheit, klare Strukturen und Stringenz. Ich möchte aber auf einen Bruch hinweisen, zumindest in NRW. Fast alle Kinder gehen in die Kita, oft acht bis neun Stunden. Dann kommt für einen immer noch sehr großen Teil von ihnen eine massive Veränderung: Sie werden von ihren Eltern nicht für den Ganztag in der Offenen Ganztagsgrundschule angemeldet. Ich halte es für gut, dass Eltern sich für oder gegen die Ganztagsschule entscheiden können. Aber Kinder und Eltern erleben plötzlich eine Zeit, die sie gestalten müssen. Und da neigen manche Erwachsene dazu, ein Angebot nach dem anderen aufzulegen, nur, damit keine Langeweile entsteht. Man kann schon sagen, die Kinder werden durchgängig befeuert.

Online-Redaktion: Ein Plädoyer für Langeweile?

Maas: Selbstverständlich sollen Eltern Angebote machen. Doch ständiger Aktionswechsel führt dazu, dass Kinder zu wenig eigenes Erfahrungswissen aufbauen. Pädagoginnen und Pädagogen haben in unserer Studie berichtet, dass ein permanentes Bespaßen und Unterhalten in ihrem Unterricht oder Gruppe dazu führt, dass Kinder schlechter zuhören können,. Sie haben den Eindruck, dass Kinder ständig unterhalten werden wollen und weniger aus sich selbst heraus entwickeln.

Doch auch Langeweile fördert die Kreativität. Ich möchte ein Beispiel nennen. Heute muss eine Puppe, die auf Begeisterung bei Kindern stoßen soll, aus Sicht einiger Erwachsener zig Funktionen haben. Hat sie die nicht, muss das Kind kreativ und aktiv werden. Und Sie werden sich aus Ihrer Kindheit erinnern, was ohne viel und bis ins feinste Detail durchkonzipiertes Spielzeug möglich ist: Mit Fantasie können die Puppen auf einmal viel mehr als die vielleicht fünf vorgegebenen Funktionen, denn der kindlichen Phantasie sind bekanntlich keine Grenzen gesetzt.

Online-Redaktion: Dann werden Ganztagsschulkinder glücklichere Kinder?

Maas: Das kann man natürlich so nicht pauschalisieren. Wir haben ja beim Fachtag „Gute gesunde Ganztagsschule“ in Nordrhein-Westfalen auch über die Chancen gesprochen, die der Ganztag bietet. Ganztagsschulen sollten auch die Möglichkeit eröffnen, dass Kinder und Jugendliche sich selbst beschäftigen, mit Gleichaltrigen aushandeln, was gespielt wird, wer welche Rolle übernimmt – Stichwort demokratischen Verständnis – oder sogar eine Unterrichtseinheit mitzugestalten. Und wenn ihnen zunächst einmal nichts einfällt, sollte nicht direkt wieder ein Vorschlag der Erwachsenen folgen. Vielmehr sollten diese selbst die Phase aushalten, in der das Kind eventuell einmal ungehalten wird, weil es noch nicht weiß, was es tun möchte.

Kinder lesen in der Bibliothek
© Britta Hüning

Online-Redaktion: Ganztagsschulen und Eltern stehen eher vor der Herausforderung des Umgangs mit digitalen Medien, oder?

Maas: Ein vielschichtiges Thema. Zwei Aspekte jenseits der Ganztagsschule möchte ich zunächst anführen. Wir erleben die erste Elterngeneration, die mit den digitalen Medien, auch mit ihren unbestrittenen Vorteilen, aufgewachsen ist. Der Nachteil: Alles wird zuerst digital gelöst z.B. ergoogelt, die Googeltreffer führen aber bei den meisten Eltern zu noch mehr Verunsicherung. Ähnlich verhält es sich mit den tausenden von Erziehungsratgebern, die ebenfalls dafür sorgen, dass die eigene Intuition nicht mehr genutzt wird. Die eigene Intuition sowie beispielsweise die Qualität von Erziehungswissen aus der eigenen Vita oder dem eigenen Elternhaus zählen heute nicht mehr in dem Maße, wie es für frühere Elterngenerationen gezählt hat. Gleichzeitig erleben wir, dass Eltern, die ihre Kinder überbehüten, dies zumeist nur in der analogen Welt tun, während sie die Kinder in der digitalen Welt oft völlig alleine lassen.

Online-Redaktion: Ein Dilemma auch für die Ganztagsschulen?

Maas: Nicht unbedingt. Sie sollten sich der Herausforderung aber bewusst sein. Und so auch verstehen, wie Kinder ticken. Darauf können sie mit Angeboten reagieren. Wenn ich als Lehrer weiß, dass die digitale Welt ein wichtiger Rückzugsraum geworden ist, kann ich Kinder dahin begleiten, ihnen den verantwortungsbewussten Umgang vermitteln. Wenn Ganztagsschulen es nicht selbst leisten können, stehen überall externe Profis zur Verfügung. Das Dilemma, von dem Sie sprechen, beginnt, wenn Eltern nach der Google-Lektüre die Angebote der Lehrkräfte, Erzieherinnen und Erzieher infrage stellen. Denn dann ist das Kind namens „Vertrauen“ schon ein Stück weit in den Brunnen gefallen. Um dem vorzubeugen, würde ich empfehlen, von vornherein das Konzept und die Maßnahmen der Ganztagsschule detailliert vorzustellen, um so Vorbehalte abzubauen. Es hilft übrigens sehr, wenn Eltern, die bereits Erfahrung mit der betreffenden Schule gesammelt haben, diese den „Neuen“ weitergeben. Auf dieser Basis kann erfolgreiche Bildungs- und Erziehungsarbeit gemeinsam von Eltern und Ganztagsschule gelingen.

Online-Redaktion: Vielen Dank für das Interview!

Zur Person:

Rüdiger Maas, Jg. 1979, ist Diplom-Psychologe und Unternehmensberater. Nach dem Studium der Psychologie an der Otto-von-Guericke Universität Magdeburg und der Universität Nagasaki gründete er 2012 eine Unternehmensberatung (Maas Beratungsgesellschaft mbH) mit den Schwerpunkten Personalentwicklung und Organisationsentwicklung. 2017 gründete er das „Institut für Generationenforschung“ in Augsburg, das unter anderem generationsbedingtes Verhalten in Zusammenarbeit mit zahlreichen nationalen und internationalen Hochschulen und Universitäten erforscht und analysiert.

Veröffentlichungen u.a.:

Maas, R. & Perret, E. (2022): Wie ich mit Kindern über Krieg und andere Katastrophen spreche: Der Ratgeber für Erziehende, Lehrpersonen und Pädagogen. Kiedrich: BrainBook.

Maas, R. (2021): Neueste Generationenforschung in ökonomischer Perspektive. Reichen Generation X, Y, Z zur Beschreibung der Wirklichkeit aus? Stuttgart: Kohlhammer.

Maas, R. (2021): Generation lebensunfähig. Wie unsere Kinder um ihre Zukunft gebracht werden, München: Yes Publishing.

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