Reinbek: Ganztag als „zweite Heimat“ : Datum: Autor: Autor/in: Stephan Lüke

Anfangs waren es 30, jetzt besuchen 160 Kinder den Ganztag der Gertrud-Lege Grundschule in Reinbek-Neuschönningstedt. Schule und Ganztag sollen nun noch enger zusammenwachsen, ja am besten „verschmelzen“.

Christian Naterski redet nicht lange um den heißen Brei herum. Eine Formulierung „So werden wir sein“ komme seinem Kollegium und ihm niemals über die Lippen, sagt der Schulleiter der Gertrud-Lege-Grundschule in Reinbek-Neuschönningstedt im Kreis Stormarn, nahe gelegen von Hamburg. „Eine Schule und eine Ganztagsschule im Besonderen, befindet sich nämlich ständig in Entwicklung. Und die gehen wir im Team sehr positiv und optimistisch an“, betont er.

Konkret geht es um die Zukunft des aktuell noch bestehenden Hortes. Denn seit die „Phase Null“ zur Planung der Zukunft der Offenen Ganztagsschule 2020 gestartet wurde, steht auch die Überlegung an, Ganztagsschule und Hort verschmelzen zu lassen – unter anderem, weil die Räumlichkeiten dringend für den Ganztag benötigt werden. Entsprechend ist die Arbeiterwohlfahrt als Träger von Hort und Ganztag in die Planungen eingebunden. Diese Phase erstreckte sich über rund neun Monate bis August 2021. Nun liegen die Umbau- und Nutzungspläne in der Gemeinde. Und die Schule hofft, dass sie in nicht allzu ferner Zukunft umgesetzt werden können.

Wandern zwischen den Welten

Aktuell dürfen sich die Schülerinnen und Schüler, die den Ganztag nutzen, als Wanderinnen und Wanderer zwischen den Welten fühlen. Hier die Schule, dort das Gebäude, in dem sich die Aktivitäten nach Unterrichtsende abspielen. Naterski: „Wir möchten, dass Schule und Ganztag zusammenwachsen, dass wir im Interesse der Kinder enger zusammenrücken.“ Und er möchte, dass sich der Stil des Unterrichts verändert.

Über einen Mangel an Fachräumen kann das Kollegium nicht klagen. Was fehlt, sind Möglichkeiten zur Differenzierung, das heißt, für Gruppenarbeit oder dafür, auch einmal einzelne Kinder aus der Gruppe zu nehmen, ihnen Ruhe an einem Extra-Arbeitsplatz zu gönnen. Ganz zu schweigen von einem Ort für die Lehrkräfte, an dem sie sich einmal jenseits des klassischen, recht beengten Lehrerzimmers aufhalten, sammeln und auf Weiteres vorbereiten können. Naterski: „Wir träumen von einem Lounge-Bereich.“

Bücherei
Die Ausstattung kann sich sehen lassen ... © Gertrud-Lege Grundschule Reinbek-Neuschönningstedt

Der Schulleiter weiß, dass die Ausstattung und damit die Chance, die pädagogischen und didaktischen Ziele schon einmal anpeilen zu können, sich durchaus sehen lassen können. Micky-Maus-Kopfhörer existieren in allen Klassenräumen, damit Kinder auch einmal ungestört für sich lernen können. Und wer es auf seinem Stuhl nicht mehr aushält, darf sich eine der im Raum befindlichen Matten schnappen und liegend lernen. Wie das im Klassenzimmer gelingt, hängt nicht zuletzt von der in der Klasse gewählten Anordnung von Tischen und Stühlen ab. Jede mit der Klassenleitung betraute Lehrkraft kann über das „Wie“ entscheiden. Dieses Szenario unterstreicht das Credo der Schule, jeder Lehrerin und jedem Lehrer möglichst viel Freiheit zu gewähren. „Sie  ist für einen passgenauen Unterricht, für das Profil der Lehrenden notwendig“, ist Naterski überzeugt.

Stetig steigendes Interesse am Ganztag

Svenja Tsetsas hat den Hut der pädagogischen Leitung des Ganztags auf, der von aktuell 160 der über 300 Kinder genutzt wird. Sie stimmt dem Schulleiter in nahezu allen Punkten zu: „Wir möchten mit der Zeit gehen, zukunftsorientiert sein und zusammen denken.“ Mehr Nähe – mehr Kommunikation = mehr und bessere Förderung der Schülerinnen und Schüler lautet die Gleichung der beiden. Denn mehr Augen und Ohren sehen und hören mehr. Ein runderes Bild vom Kind ist das Resultat.

Svenja Tsetsas darf auf die Unterstützung der Eltern bauen. Die stetig steigende Zahl der Anmeldungen für den Ganztag belegt es. Kontinuierlich kletterte sie von anfangs 30 auf nunmehr 160. Eltern und Kinder schätzen das rund 15 Personen starke Team, dessen Fachlichkeit, Empathie für die Kinder und Verlässlichkeit. Als kürzlich eine für einen Ausflug eingeplante Kollegin kurzfristig ausfiel, sprang Tsetsas spontan ein. Nach der Rückkehr stellte sie sich in der Lehrküche mit dem schönen Motto an der Wand „Schmeckt nicht, gibt`s nicht“ an den Herd und bereitete den Kindern ein Lieblingsessen: Pfannekuchen.

Diese Speiseauswahl kann als Sinnbild für die Arbeit der Schule stehen. Der Blick aller dort Tätigen ist auf das einzelne Kind gerichtet. Ihm soll der Ganztag zur zweiten Heimat werden. Eine Heimat, in der sich die Grundschülerinnen und -schüler sicher und wohl fühlen. Nicht zuletzt deshalb wurde ein intensiver Kontakt zu den Kitas im Umfeld aufgebaut.

Starterklassen erleichtern den Übergang

Unter dem schönen Titel „Starterklasse“ werden die Kinder des letzten Kindergartenjahres schon einmal wöchentlich einige Stunden in der Schule „unterrichtet“ und von zwei Kolleginnen des Ganztagsteams in ihrer Einrichtung besucht. Erste Bindungen wachsen. Im zweiten Halbjahr vor der Einschulung kommen die künftigen I-Dötzchen, wie sie gerne in manchen Bundesländern genannt werden, häufig gebracht von ihren Eltern, regelmäßig in die Schule, lernen spätere Schulfreunde kennen und sich zurechtzufinden.

Schulleiter Naterski: „Das erleichtert den allermeisten den Übergang, nimmt Ängste und Sorgen.“ Eine lohnende Zeitinvestition. Mal abgesehen davon, dass sich die Lehrkräfte und das weitere hier tätige Personal schon einmal mit den „Neuen“ beschäftigen und ansatzweise bereits ausloten können, wer welche Unterstützung, Förderung und Forderung benötigt.

Schulgarten der Gertrud-Lege Grundschule Reinbek-Neuschönningstedt
Verwunschener Schulgarten © Gertrud-Lege Grundschule Reinbek-Neuschönningstedt

Dabei hat sich das Team auf einen sorgsamen Umgang mit den Kindern verständigt. Als „No-Go“ gilt, einem Kind das Gefühl zu vermitteln, „es sei an etwas schuld“. Was nicht gleichbedeutend damit ist, alles durchgehen zu lassen. Es gelten klare Regeln und wenn erforderlich, wird das Gespräch mit den Eltern gesucht. Ein Kind beispielsweise, das so bewegungsfreudig ist, dass es andere beim Lernen „stören“ könnte, erhält die Gelegenheit, sich auf dem recht weitläufigen Außengelände mit zahlreichen Spiel- und Tobemöglichkeiten sowie einem verwunschenen Schulgarten austoben und „runterregulieren“ zu können.

Und weil man sich bewusst ist, dass Erstklässlerinnen und Erstklässler ihre Schwierigkeiten damit haben können, sich 60 Minuten zu konzentrieren, darf die Unterrichtsstunde von einer Laufpause unterbrochen werden. Wann immer sie passt und ratsam erscheint. Apropos Regeln: Grüßen ist selbstverständlich. Der Schulleiter: „Das aber predigen wir nicht, sondern leben es vor.“

Nutzen, was nutzt

Vorgelebt wird den Schülerinnen und Schüler auch ein verantwortungsbewusster Umgang mit Medien. Nicht alles, was auf dem Markt ist und wofür auch Finanzen bereitstehen, wird angeschafft. Entscheidend ist, was das Lernen unterstützt. So finden sich in den Klassenräumen noch die „gute alte“ Tafel sowie ein Bildschirm. Darüber hinaus existieren in allen Räumen Koffer mit acht bis zehn Tablets. Die Sinne für den Umgang damit hat das Kollegium bei einer Fortbildung in Lübeck geschärft. Den der Dritt- und Viertklässler schult an speziellen Tagen ein Mitglied der Lehrkräfterunde: Silvia Homp.

Um die sozialen Kompetenzen der Kinder kümmert sich besonders auch Schulsozialarbeiterin Bianca Bähr. Sie ist in der Gertrud-Lege-Grundschule an vier Tagen pro Woche tätig, leitet das Sozialtraining in Jahrgangsstufe 1, bildet Streitschlichter in Jahrgang 3 aus, unterstützt die Lehrerin beim Sexualkundeunterricht und lädt zu „Klassentagen“, wenn einmal ein heikles soziales Thema geklärt werden muss. Und immer wieder treu an ihrer Seite taucht Schulhund „Pepper“ auf. Die Kinder lieben „ihren“ ausgebildeten Therapiehund sowie sie es lieben, in den Zeiten des Ganztags in ihrer Entscheidung sehr frei zu sein, was sie machen. „Denn sie möchten dann nicht schon wieder permanent Termine haben.“ Sagt Svenja Tsetsas und wendet den Pfannekuchen.

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