Nordhorn: Ganztagsgymnasium mit Herausforderung : Datum: Autor: Autor/in: Stephan Lüke

Den Umgang mit Herausforderungen meistern zu lernen, gehört zum Bildungsauftrag des Evangelischen Gymnasiums Nordhorn für seine 752 Schülerinnen und Schüler. Lebenspraktisches Lernen soll ihre Resilienz stärken.

Nordhorn reihe 2
© Ev. Gymnasium Nordhorn
Schulpreis Spezial 2021: "Tragfähige Netzwerke"
Schulpreis Spezial 2021: "Tragfähige Netzwerke" © Ev. Gymnasium Nordhorn

„Wenn man sich als Kirche eine Schule leistet, muss diese pädagogisch innovativ, einfach anders sein“, betont Dr. Gabriele Obst. Sie leitet seit 2011 das von aktuell 752 Schülerinnen und Schülern besuchte Evangelische Gymnasium Nordhorn im niedersächsischen Landkreis Grafschaft Bentheim. Ein schöner Satz auf geduldigem Papier, den sie da formuliert. Aber ist das Gymnasium innovativ? Reicht der Gewinn des Deutschen Schulpreises in der Kategorie „Tragfähige Netzwerke“ von 2021 als Beleg, dass der eigene Anspruch erfüllt wird?

Ein Blick hinter die Kulissen offenbart: Dieses Gymnasium ist anders. Es bietet mehr als das, was viele von einem Gymnasium erwarten. Es bereitet die Kinder und Jugendlichen vom ersten Tag an auch auf das Leben außerhalb der schützenden und behütenden Schulmauern vor. Die Wissensvermittlung bleibt verständlicherweise zentral. Dabei wird dem Profilunterricht, etwa in Musik, MINT-EC und Medien, besondere Bedeutung in den eingeräumt. Der Schritt zu 80-minütigen Doppelstunden erfolgte nach reiflicher Überlegung vor acht Jahren, erläutern Verena Potgeter, die Verantwortliche für die Sekundarstufe I, und Geschichts- und Lateinlehrer Elias Hoffmann als Projektkoordinator.

„In 80 Minuten hat man die Ruhe, die man benötigt“, betont Potgeter. Außerdem habe man erkannt, dass die üblichen Fünf-Minuten-Pausen nicht „viel bringen“. Weder für die Schülerinnen und Schüler noch für die Lehrkräfte, zumal aus fünf meistens sieben oder acht Minuten wurden, ehe es weitergehen konnte. Insgesamt „holten wir aus jeder Doppelstunde so zehn Minuten“. Ein Pool für anderes. Wie etwa für die zahlreichen Projekte des Ganztags.

Schülersprecher Joshua van Greuningen gesteht: „Am Anfang waren 80 Minuten am Stück ein ganz schönes Brett.“ Doch nach der Gewöhnungsphase stimmt er dem Konzept zu. Denn „die Pausen nahmen dem Unterricht den Fluss.“ Von Einzelstunden hält die Schulfamilie, als die sich Lehrende wie Lernende verstehen und fühlen, nichts. Begründung: „Das ist viel zu hektisch.“

Lebenspraktisches Lernen

Herausforderungen gehören zum Bildungsauftrag.
Herausforderungen gehören zum Bildungsauftrag. © Ev. Gymnasium Nordhorn

Die durch den Stundenrhythmus gewonnene Zeit wird an dieser Schule mit teilgebundenem Ganztag in zahlreiche obligatorische und freiwillige Projekte investiert. Sie alle firmieren im Kern unter der Überschrift „Herausforderung“. Seinen Ursprung hat die Herausforderungsidee in einem in Jahrgangsstufe 10 angesiedelten Projekt. Sein Ziel lautet: Lebenspraktisches Lernen. Seine Verantwortung liegt in den Händen von Kerstin Fritzen. Sie ist überzeugt: „Hierbei wird die Resilienz der Schülerinnen und Schüler gestärkt.“. Schulleiterin Gabriele Obst fügt hinzu: „Deshalb gehört es auch zu unserem Bildungsauftrag.“

Zwei Stunden wöchentlich im ersten Halbjahr widmen sich kleine Gruppen der Zehntklässlerinnen und -klässler, begleitet von drei Erwachsenen, einem selbst gewählten Thema. Sie suchen eine eigene Herausforderung. Vier Schülerinnen und Schüler entschieden sich für eine Woche im Schweigekloster. Joshua und sein Team wählten eine Tour ins sogenannte Kliemanns-Land in Rüspel, das Kreativprojekt des YouTubers, Unternehmers und Musikers Fynn Kliemann. Auf dem Hof, der mit der Möglichkeit wirbt, sich selbst zu verwirklichen, halfen sie eine Woche bei der Renovierung, zelteten dort, mussten sich selbst versorgen.

Verantwortung für sich übernehmen

Joshua erzählt uns von seinen Erfahrungen. Alles müsse alleine geplant werden. Die Absprache mit dem Hof, die 70 Kilometer weite Anreise mit dem Fahrrad, die Finanzierung, für die jedem 100 Euro zur Verfügung standen. „Du erfährst auf einmal, was alles dazu gehört, so etwas zu planen und zu organisieren. Du trainierst, mit Geld umzugehen, mit Menschen Kontakt aufzunehmen, an Kleinigkeiten zu denken“, berichtet er. „Ich habe extrem gelernt, Verantwortung für mich und mein Handeln zu übernehmen.“ Schmunzelnd ergänzt er: „Das gilt auch für nicht so gut Durchdachtes.“ Er denkt dabei daran, dass seine Gruppe übersah, wie weit das nächste Geschäft entfernt lag und niemand vor Ort so recht Lust verspürte, noch vor dem Frühstück zehn Kilometer dorthin zu strampeln.

Projektkoordinator Elias Hoffmann umschreibt den Charakter der Herausforderung so: „Die Schülerinnen erfahren vom ersten Tag an, dass sie es selbst machen müssen, auf sich angewiesen sind. Das Behütete fällt weg. Und sie müssen Frustration aushalten.“ Etwa, wenn ihre Idee kurzfristig platzt oder die aus Eltern, Lehrkräften, anderen Schülerinnen und Schülern bestehende Prüfungskommission nicht überzeugt. Möglich wird das zeitintensive Projekt durch die gewonnene Zeit, die dem Ganztag zugutekommt. Auch die begleitenden Lehrkräfte profitieren davon. „Wir lernen, uns zurückzuhalten, den Schülerinnen und Schülern möglichst viel Freiheit beim eigenen Lernen einzuräumen. Das verändert unsere Rolle.“

Mindestens ein Projekt muss gewählt werden.
Mindestens ein Projekt muss gewählt werden. © Ev. Gymnasium Nordhorn

Die Schulleiterin wünscht sich deshalb eine möglichst starke Fluktuation im Betreuerstab. „Das könnte das Unterrichtsklima grundlegend verändern.“ Frei nach dem Motto: „Wir wollen ja nach Liverpool fahren. Ihr plant…“ Die Begleitung der Jugendlichen wird zumeist künftigen Lehrkräften und Studierenden anvertraut. Dr. Gabriele Obst: „So wird die Herausforderung für uns auch ein Ort der Personalrekrutierung. Wir entdecken Menschen, die gut zu uns passen und umgekehrt.“

Zahlreiche Projekte

Wichtig ist dem Team, darauf hinzuweisen, dass bereits die Startphase an diesem Gymnasium von kleinen, lehrreichen, nicht benoteten Projekten geprägt wird. Ein Projekt muss mindestens gewählt werden, nichts spricht gegen mehrere. Einen Tag in der Wildnis zu verbringen, stellt für viele eine Herausforderung dar. Computerspiele zu entwickeln, Raketen zu bauen oder am Upper-Fit-Programm eines nahegelegenen Fitness-Studios teilzunehmen, die Ausbildung zum Verkehrslotsen und die Gestaltung von Gottesdiensten gehören ebenso zum Angebot.

Ebenso die Mitarbeit im und am sogenannten Klukkert-Hafen, einem denkmalgeschützten Gelände. Der ehemalige Umschlagplatz für Waren wird vom Gymnasium vielfältig genutzt. Derzeit gestalten Schülerinnen und Schüler das Gelände samt kleinem Gebäude um, legen Hochbeete und ein grünes Klassenzimmer an. „Hier entsteht ein perfekter außerschulischer Lernort, inklusive der Möglichkeit, von hier mit unseren Kajaks und Kanus auf Tour bis in die benachbarten Niederlande zu starten“, sagt Elias Hoffmann.

Er berichtet von Plänen, das Gelände außerhalb der Unterrichtszeit auch Vereinen zur Verfügung zu stellen. „Das stärkt die Verbindung zur Region“, ist er überzeugt. Über diese hinaus reichen die Kontakte des Gymnasiums. Tansania und Israel bereichern beispielsweise die Liste der ausländischen Kontakte und Erfahrungsmöglichkeiten.

Über den Tellerrand schauen

Sozial-diakonisches Praktikum in Klasse 9
Sozial-diakonisches Praktikum in Klasse 9 © Ev. Gymnasium Nordhorn

Zurück zu den Herausforderungen. Als solche erweist sich mitunter das sozial-diakonische Praktikum. Es steht in Jahrgangsstufe neun für alle an. „Evangelische Werte und Profile wie Empathie, Toleranz und Liebe werden hier erfahren und gelebt“, erwähnt Schulleiterin Gabriele Obst. Manche entscheiden sich, zwei Stunden pro Woche (Herbst bis Mai), die außerhalb der Unterrichtszeit liegen, im Wohnheim für behinderte Menschen oder bei der Nordhorner Tafel zu arbeiten. Verona Potgeter ist überzeugt, dass dies hilft, „über den Tellerrand zu schauen, Berührungsängste abzubauen und eigenes Verhalten zu reflektieren.“ Das Praktikum beinhaltet eine Zwischenreflexion, eine Präsentation in der Klasse und beim Dankeschön-Abend für alle Beteiligten.

Perfekt passt dazu EiS – Engagement in der Schule. 80 Minuten wöchentlich tun die Elftklässlerinnen und -klässler etwas für ihr Gymnasium. Sie unterstützen den Hausmeister, arbeiten in der Mensa oder dem kleinen, aber fein ausgestatteten Lernzentrum, bieten eigene Projekte an. Was möglich ist, wird auf der „EiS-Börse“, in der Lehrkräfte ihre Angebote unterbreiten, „gehandelt“. Kerstin Fritzen: „Auch hier nehmen Lehrende und Lernende neue Rollen ein.“ Individuelle Förderung inklusive. Was auch für die Begabtenförderung, etwa durch die Teilnahme am Projekt „denkmal aktiv“ der Deutschen Stiftung Denkmalschutz gilt.

Wie von den herkömmlichen 45- oder 90-minütigen Unterrichtseinheiten hat sich das Gymnasium von der Klingel und weitgehend von Hausaufgaben verabschiedet. Lehrkräfte stehen begleitend in den verpflichtenden und freiwilligen Lernzeiten zur Verfügung. Dort wie den gesamten Tag, ob im Unterricht oder in Angeboten des Ganztags, geht es betont familiär und frei zu, wie Schulleiterin Gabriele Obst hervorhebt. Zugleich wird auf den Gemütszustand und die Fitness der Schülerinnen und Schüler geachtet. Progressive Muskelentspannung im Raum der Stille, Schach oder Comics lesen zählen zu den Offerten der Mittagsangebote für die Fünft- und Sechstklässler, die wann immer sie mögen auch das 40-minütige Angebot zum Mittagssport nutzen können. Und das am Evangelischen Gymnasium Nordhorn, der etwas anderen Schule.

Kategorien: Ganztag vor Ort

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