Kleine Goldbek-Schule – im Ganztag ganz groß : Datum: Autor: Autor/in: Claudia Pittelkow

Rund 340 Kinder lernen in der kleinen Goldbek-Schule im Hamburger Norden. In Sachen Ganztag hat die Grundschule einmal klein angefangen, doch inzwischen langjährige Erfahrung – und die Ganztagsangebote sind riesig! 

Sie ist klein aber fein: Die Goldbek-Schule im Stadtteil Winterhude gehört mit zu den beliebtesten Grundschulen der Stadt. Gelegen am idyllischen Goldbekkanal im Norden Hamburgs werden an der teilgebundenen Ganztagsschule zurzeit rund 340 Kinder in drei Parallelklassen unterrichtet. Vor fünf Jahren hat die Schule ein neues, größeres Gebäude bekommen, mit Platz für 15 Klassenräume und weitere Fachräume sowie eine Mensa mit Küche.

„Insgesamt haben wir jetzt rund 2530 Quadratmeter mehr zur Verfügung“, freut sich Martin Meisenburg, der seit 2014 die Schule leitet. „Das ist eine Bereicherung für den Unterricht und natürlich auch für den Ganztag.“ Die drei Stockwerke des Neubaus am Poßmoorweg sind als eine Art „Hallenschule“ über eine offene Treppe miteinander verbunden. Die Schüler haben dort nun deutlich mehr Platz als in den ehemaligen fünf Schulpavillons aus den 1970er Jahren.

Rund 13,4 Millionen Euro hatte die Stadt vor sechs Jahren in den Neubau investiert. Erhalten geblieben sind nur die Gymnastikhalle aus dem Jahr 2005 und ein im östlichen Teil des Schulgeländes befindlicher Sportplatz. „Ein besonderes Brandschutzkonzept ermöglicht uns, auch die Flure zu nutzen, das ist schon sehr besonders“, betont Meisenburg. Die Flächen sind in unterschiedliche Zonen eingeteilt und werden für Gruppenarbeiten und Ganztagsangebote genutzt. Jede Zone ist anders möbliert und trägt einen Namen aus der Seefahrt, beispielsweise Maschinenraum, Handarbeitskajüte oder Leseschiff.

In den teilgebundenen Ganztag hineingewachsen

Ganztagskoordinatorin Frauke Schmidt
Ganztagskoordinatorin Frauke Schmidt © Claudia Pittelkow

Der Ganztag hat an der Goldbek-Schule eine lange Tradition. Schon lange bevor der Rechtsanspruch auf ganztägige Bildung und Betreuung für Grundschülerinnen und Grundschüler in der Hamburgischen Bürgerschaft beschlossen wurde, war die Winterhuder Schule eine Ganztagsschule.

„Wir arbeiten bereits seit 2007 ganztägig, zunächst als offene Ganztagsschule“, erklärt Ganztagskoordinatorin Frauke Schmidt. „Im ersten Jahr hat eine Erzieherin mit Unterstützung einiger Mütter den Ganztag begleitet. Wir haben damals den ehemaligen Musikraum kurzerhand zur Kantine umgestaltet und sind dann Stück für Stück reingewachsen“, erinnert sie sich. Im Zuge der Schulreform 2010/2011 musste sich die Goldbek-Schule für eine Form des Ganztags entscheiden: offen, gebunden oder teilgebunden.

Bevor die Entscheidung fiel, habe man genau überlegt, welche Form im Viertel am besten zu den Familien passt – das war die teilgebundene Form. „Die gebundene Form hätte damals unter den Eltern Unmut ausgelöst, da viele Kinder am Nachmittag in Vereinen eingebunden waren“, erinnert sich Frauke Schmidt an den Übergang. Seit 2013 ist die Schule eine teilgebundene Ganztagsschule. Nach der Umwandlung habe es zunächst noch für jedes Kind einen festen individuellen Kursstundenplan gegeben, doch dieses Konzept sei so nicht aufgegangen. Schmidt; „Wir haben gemerkt, dass diese straffe Taktung am Nachmittag an den Bedürfnissen der Kinder vorbeiging. Deswegen haben wir parallel offene Angebote und Zeit für freies Spielen geschaffen.“

Freies Spiel mit „Klammertafel“

Diese Lösung ist bis heute geblieben: Es gibt eine Auswahl an festen und offenen Angeboten und die Kinder können täglich neu entscheiden, ob – und wenn ja: an welchen Kursen sie teilnehmen oder ob sie stattdessen lieber spielen wollen. Um sicherzustellen, dass die Erzieherinnen und Erzieher stets wissen, wo sich welches Kind gerade aufhält, hat die Schule die „Klammerwand“ etabliert. „Jedes Kind besitzt eine Klammer mit seinem Namen und steckt diese an der Wand an die Stelle, an der es sich an dem Tag aufhält. Die Wand ist einerseits transparent für die Kinder, da sie sehen können, was alles angeboten wird, und die Eltern wissen andererseits immer, wo ihr Kind gerade steckt“, erläutert die Ganztagskoordinatorin das Konzept.

„Wir haben uns auch davon gelöst, feste Abholzeiten vorzugeben, was dank der Klammertafel und unseres „Tresen-Dienstes“ möglich ist. Das ist für uns zwar mehr Verwaltungsaufwand, aber wir wollen unterstützen, dass die Familien Zeit mit ihren Kindern verbringen können. An den nicht gebundenen Tagen handhaben wir die Abholzeiten so flexibel wie möglich. Eltern können ihr Kind dann jederzeit abholen. Allerdings müssen sie es selber suchen – ein Blick auf die Klammerwand genügt, wenn sich das Kind eingetragen hat“, so Frauke Schmidt.

Natürlich gibt es auch Kurse, für die sich die Kinder zu Schuljahresbeginn verbindlich anmelden müssen, etwa zum Chor oder zu Fußball oder Schach. „Bei diesen Angeboten macht es Sinn, kontinuierlich dran teilzunehmen“, ergänzt Schulleiter Meisenburg. „So haben wir das Gefühl, dass die Kinder zufrieden sind, und die Kursanbieter auch!“ An der Angebotsgestaltung werden die Kinder beteiligt, es gibt Wunschlisten und regelmäßige Abfragen.

Kooperation mit der Akademie für Kinder

Lernzeit Goldbek
© Claudia Pittelkow

Aktuell werden in der teilgebundenen Ganztagsschule alle Schülerinnen und Schüler der Klassenstufen 1 bis 4 nicht nur am Vormittag, sondern auch an zwei Nachmittagen in der Woche bis 16 Uhr unterrichtet. „Bei uns findet dieser verpflichtende Unterricht dienstags und donnerstags statt“, so Meisenburg. Die anderen Tage stehen den Kindern frei zur Gestaltung offen, was wichtig sei wegen der zwei langen Tage.

Die Goldbek-Schule ist eine Ganztagsschule nach Rahmenkonzept, das heißt, dass die Ganztagsangebote nicht ausschließlich von einem Dienstleister oder Kooperationspartner gestaltet werden, sondern auch von den Schulbeschäftigten selbst. So geben beispielsweise Lehrkräfte auch am Nachmittag Unterricht, bieten Kurse an oder führen Aufsicht. Gleichzeitig sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Akademie für Kinder (AfK) auch am Vormittag tätig, arbeiten in der Lernzeit mit, unterstützen im Bereich Förderung, im Schulgarten und im Medienbereich.

„Wir streben gemeinsam mit der AfK eine sehr enge Verzahnung des Vor- und Nachmittages an“, so Schmidt. „Uns ist wichtig, dass wir ein großes Mitarbeiter-Team sind.“ Deshalb gebe es auch kein Lehrerzimmer, sondern ein Mitarbeiterzimmer. Gegenüber früheren Zeiten, in denen die Kinder nachmittags nur außerhalb der Schule ihren Hobbys nachgehen konnten, bietet die Schule heute quasi alles innerhalb der Schule an, angefangen vom Erlernen eines Instruments – die Schule ist JeKi-Schule im Hamburger Netzwerk „Jedem Kind ein Instrument“ – bis hin zu sportlichen Aktivitäten wie Fußball oder Handball.

Musik und Sport: „Die Kinder müssen eigentlich gar nicht mehr weg“

Schulleiter Meisenburg: „Alle unsere Schülerinnen und Schüler lernen im JeKi-Unterricht verschiedene Instrumente kennen.“ Ohnehin hat der musikalische Bereich einen sehr großen Stellenwert an der Schule. Durch die Jeki-Kooperationen mit der Hochschule für Musik und Theater beginnt ab Klasse 1 die sogenannte Grundmusikalisierung. Ab Klasse 3 sind alle Kinder eines Jahrgangs in einem Orchesterformat.

„Aber auch sportliche Kurse beispielsweise mit dem HSV Handball oder dem FC St. Pauli finden hier vor Ort statt. Die Kinder müssen eigentlich gar nicht mehr weg“, so Meisenburg. Die Schule ist im Stadtteil tief verwurzelt und pflegt einen engen Kontakt zu benachbarten Einrichtungen, unter anderem mit dem Bauspielplatz Poßmoorwiese, der Akademie Hamburg für Musik und Kultur oder mit der Boxschool, in denen Kinder, die zu viel oder auch zu wenig Selbstbewusstsein haben, auf sportliche Weise lernen, Regeln einzuhalten.

Die Goldbek-Schule hat zudem ein besonderes Förderkonzept. So gibt es grundsätzlich keine Hausaufgaben, sondern Schulaufgaben. „Diese werden in der Lernzeit im sogenannten Lernbüro am Vormittag erledigt“, erläutert Förderkoordinator Matthias Callsen-Peisker. Denn es sei für Grundschülerinnen und Grundschüler schwierig, noch mit den Hausaufgaben anfangen zu müssen, wenn sie erst um 16.30 nach Hause kämen. In der Lernzeit könnten die Kinder außerdem Themen aus dem Unterricht vertiefen oder an eigenen Themen arbeiten.

Keine Förderstunde, wenn andere draußen spielen

Das Ganztagsmobiliar erinnert an die Seefahrt
Das Ganztagsmobiliar erinnert an die Seefahrt © Claudia Pittelkow

Callsen-Peisker: „Gleichzeitig werden die Kinder auf diese Weise zur Selbstständigkeit erzogen. Wir arbeiten mit dem Konzept der sogenannten Leitplanke: Alle arbeiten oder alle spielen.“ Was bedeutet das? Förderkoordinator Callsen-Peisker erklärt: „Die Grundidee ist eine strikte Trennung von Freizeit und Lernen. Im Lernbüro üben die Kinder über den Tag verteilt, daneben kann Förderung und additives Lernen stattfinden. Wichtig ist uns dabei, dass niemand ‚arbeiten’ muss, wenn andere draußen spielen!“

Auch die sonderpädagogische Arbeit hat einen wichtigen Stellenwert an der Schule. Zwei Kollegen sind ausgebildete Sonderpädagogen, die sonderpädagogische Förderung findet integrativ statt. Kinder mit emotional-sozialen Entwicklungsschwierigkeiten werden zum Beispiel zeitweilig parallel zum Unterricht in Kleingruppen unterrichtet. Dafür gibt es die „Differenzierungszonen“, einem eigens für diesen Zweck eingerichteten Raum.

„Wir haben festgestellt, dass es nicht effektiv ist, wenn Kinder, die gefördert werden und ohnehin nicht das beste Selbstbewusstsein haben, während der Förderstunde draußen andere Kinder spielen sehen“, ergänzt die stellvertretende Schulleiterin Julia Dohmeier. Aus diesem Grund hat die Goldbek-Schule die Lern- und Förderzeiten komplett umgestellt. Lernzeit oder Förderung finden jetzt immer parallel zum Unterricht statt, nicht mehr nachmittags und nie parallel zur Spielzeit. Dohmeier: „Ein Schüler sagte nach der Umstellung einmal zu mir, dass er jetzt endlich in Ruhe lernen könne, da er nun wisse, dass alle lernen!“

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