Demokratie und Ganztag: Das KinderParlament Graz : Datum: Autor: Autor/in: Stephan Lüke

In Graz hat das KinderParlament kürzlich seine 12-jährige Bürgermeisterin und seinen 9-jährigen Bürgermeister gewählt. Stadtrat Kurt Hohensinner im Interview über die hohen Standards der Beteiligung in seiner Stadt.

Online-Redaktion: Herr Stadtrat, bei uns in Deutschland gilt Mitbestimmung als ein Erfolgskonzept von Ganztagsschulen. Doch die Stadt Graz geht einen Schritt weiter: Sie bindet Kinder und Jugendliche in die Lokalpolitik ein, und das schon seit zwei Jahrzehnten. Wie geschieht das konkret?

Kurt Hohensinner: Das KinderParlament ist ein Beteiligungsprojekt für alle Grazer Kinder und Jugendlichen im Alter von 8 bis 14 Jahren. Es wird im Auftrag der Stadt Graz (Amt für Jugend und Familie) vom „Kinderbüro – Die Lobby für Menschen bis 14“ überparteilich durchgeführt. Durch das Grazer KinderParlament soll Kindern eine kontinuierliche und nachhaltige Partizipation ermöglicht werden. Im KinderParlament werden die Ideen und Veränderungswünsche der Kinder besprochen sowie gemeinsame Initiativen geplant und umgesetzt. Die Treffen finden, außer in den Ferien, zweimal im Monat statt – derzeit online, sonst je nach Covid-Situation möglichst auch im Freien. Interessierte Kinder können sich jederzeit im Kinderbüro dafür anmelden.

Online-Redaktion: Wie erfahren die Schülerinnen und Schüler von dieser Möglichkeit, und wie werden sie Mitglied im Parlament?

Hohensinner: Grundsätzlich geht die Initiative, am KinderParlament teilzunehmen, von den Schulen beziehungsweise den Lehrerinnen und Lehrern oder der Nachmittagsbetreuung aus. Derzeit vertreten die 12-jährige Lucia Havrillova und der 9-jährige Felix Kanzler die Anliegen der Kinder und Jugendlichen gegenüber der Politik. Ihre feierliche Angelobung erfolgte am 14. März 2022. Über 850 Kinder zwischen acht und 14 Jahren stimmten online oder persönlich ab, um ihre Vertreterinnen und Vertreter für das KinderParlament 2022 zu wählen. Unter www.kinderparlament.at findet man auch alle aktuellen Termine.

Online-Redaktion: Wie und worauf können die jungen Parlamentarier Einfluss nehmen?

Hohensinner: Das Parlament ist alles andere als eine Alibiveranstaltung. Die Politik nimmt die Meinungen der jungen Menschen sehr ernst. Ihr Einsatz lohnt sich. Wichtige Projekte wie das Rauchverbot auf Kinderspielplätzen, unser Projekt „Graz wächst“, wo für jedes neugeborene Kind ein Baum gepflanzt wird, die von Kindern gesprochenen Straßenbahnansagen oder die erst 2022 umgesetzte Familienbefragung „Essen an Grazer Schulen“ gehen auf entsprechende Initiativen des KinderParlaments zurück. Es hat bereits eine Menge bewegt und wird das weiter tun. Etwa, wenn es um das für uns alle, besonders aber auch für die künftigen Generationen so wichtige Thema wie das Klima geht.

Sitzung im Kinderparlament
© Stadt Graz / Fischer

Online-Redaktion: Welche Bedeutung hat das Kinderparlament für die Entwicklung eines Demokratieverständnisses bei Kindern und Jugendlichen?

Hohensinner: Graz ist kinder- und familienfreundliche Gemeinde. Deshalb ist es uns ganz besonders wichtig, Kindern eine Stimme zu geben. Mit der Wahl der Kinderbürgermeisterinnen und ‑bürgermeister sowie dem KinderParlament tun wir genau das und geben ihnen die Möglichkeit, die Stadt positiv mitzugestalten. Kinder und Jugendliche erhalten die Chance, ihre Anliegen in demokratischen Prozessen zu formulieren, zu diskutieren, abzustimmen und wo möglich, umzusetzen. Der direkte Austausch mit Politikerinnen und Politikern oder mit Einrichtungen der Stadt ist zentraler Bestandteil der Arbeit des KinderParlaments. Wie bereits eingangs erwähnt, haben viele Projekte eine nachhaltige, positive Wirkung auf die Stadt Graz!

Online-Redaktion: Wie wirkt sich das Kinderparlament auf das Schulleben aus? Gibt es entsprechende Sequenzen im Unterricht, im Ganztag oder der Tagesbetreuung?

Hohensinner: Flächendeckend nicht, aber punktuell ja. Zum Beispiel gibt es Kooperationen mit einzelnen Schulen, die sich mit Themen wie einem „Klassenrat“ oder einem „Schulparlament“ befassen. Eine Ausweitung für die Zukunft haben wir schon angedacht.

Online-Redaktion: Welche Chancen bietet der Ganztag für die Entwicklung des Demokratie-Verständnisses und wie kann das in der Ganztagsschule gelebt werden?

Hohensinner: Grundsätzlich denke ich, dass es egal ist, ob es eine ganztägige Schulform ist oder nicht. Das Demokratieverständnis wird im österreichischen Schulsystem in unterschiedlichster Form entsprechend der Altersgruppe gefördert. Das beginnt in der Volksschule im Sachunterricht mit Informationen über die Heimatgemeinde und das Bundesland, geht über die Unterstufe der Mittelschule in Form des Geschichtsunterrichts und mündet schließlich in den höheren Schulen in die politische Bildung. Seitens der Stadt gibt es noch eigene Projekte wie Beteiligung.st, das von der „Demokratie lernen im Kindergarten“ bis zum Projekt „Mitmischen“, in dem Kinder und Jugendliche die Stadtpolitik kennenlernen, reicht.

Online-Redaktion: Nimmt die Stadt Graz Einfluss darauf, dass die Themen Demokratie und Mitwirkung, auch die Achtung anderer Meinungen, Kulturen und Religionen in der Schule den erforderlichen Raum erhalten?

Hohensinner: Die Stadt hat grundsätzlich keinen Einfluss auf das pädagogische Schulpersonal am Vormittag– dies ist ausschließlich Angelegenheit des Bundes und des Landes. Allerdings unterstützt die Stadt Graz natürlich diverse Projekte gegen Rassismus, gegen Antisemitismus, darunter etwa das Projekt „Trialog macht Schule“. Alle diese Projekte sollen genau diese Mitwirkung und Achtung fördern. Das KinderParlament hat zum Beispiel gerade auf Initiative der Kinderbürgermeisterinnen und -bürgermeister eine Umfrage zum Thema Essen initiiert.

Online-Redaktion: Wie hat sich der Ganztag in Graz in den vergangenen fünf Jahren entwickelt?

Hohensinner: Grundsätzlich hat sich die ganztägige Schulform, ob in der verschränkten Form oder mit getrennter Abfolge, wie es bei uns heißt, in den vergangenen Jahren immer mehr gesteigert. Hatten wir 2016/2017 noch 192 Gruppen, so sind es jetzt bereits 226. Die Abdeckung in Graz ist sehr gut. So sind zum Beispiel 36 von 38 Volksschulen Schulen mit ganztägiger Schulform.

Mit Headset am Computer
© Britta Hüning

Online-Redaktion: Welche Ziele werden mit der ganztägigen Schulform angestrebt?

Hohensinner: Grundsätzlich werden unterschiedliche Ziele verfolgt. Einerseits geht es natürlich darum, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gesteigert wird. In Graz ist dies durch flächendeckende ganztägige Schulformen erreicht. Zugleich soll aber auch die Wahlfreiheit für die Eltern gegeben sein. Das erreichen wir durch die zwei Formen der Ganztagesbetreuung, die verschränkte und die getrennte Abfolge. Schließlich soll es zugleich auch eine Unterstützung für die Schülerinnen und Schüler sein, die durch den Besuch der Ganztagsschule mehr Lernhilfen und eine entsprechende Unterstützung durch das Fachpersonal erhalten. Das alles fügt sich ein in unsere Bildungsstrategie 2020 bis 2025.

Online-Redaktion: Vielen Dank für das Interview!

Zur Person:

Kurt Hohensinner, MBA, Jg. 1978, ist seit 2014 Stadtrat für Bildung, Integration und Sport und seit 2017 Stadtrat für Bildung, Integration, Sport, Soziales, Jugend und Familie der Stadt Graz. Der gebürtiger Grazer absolvierte ein Studium an der Fachschule für Sozialberufe und der Lehranstalt für Heilpädagogik zum Diplom-Behindertenpädagogen und später einem Master-Lehrgang für Gesundheits- und Sozialmanagement. Von 2000 bis 2007 war er als Behindertenpädagoge in der „Lebenshilfe Graz und Umgebung“ und ab 2007 als Koordinator des Lebenshilfe-Projektes „Freiwilligenmanagement" in der Region tätig. Seit 2022 ist er Stadtparteiobmann der Grazer Volkspartei, für die er davor politisch als Gemeinderat und Clubobmann aktiv war. Er war bereits von 1996 bis 1998 Stadtobmann der Grazer Schülerunion und von 1998 bis 2000 Landesobmann der Steirischen Schülerunion.

Er engagiert sich u. a. in den Bereichen Bildungsstrategie, Schulausbau, flexible Kinderbetreuung, Sprachförderung, Integrationsarbeit, Neue Wege in der Behindertenhilfe, Moderne Ansätze in der Sozialpolitik, Sportförderung und Sportinfrastruktur und Projekten für das junge Graz. Die Talenteförderung von Kindern, die Schaffung von attraktiven Rahmenbedingungen für Bildung, Sport und ehrenamtliches Engagement, aber vor allem die Förderung von Inklusion für Menschen mit Behinderung sind ihm von jeher ein besonderes Anliegen.

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