Online 2021: „Qualitätsbereiche guter Ganztagsschulen“ : Datum: Autor: Autor/in: Stephan Lüke

Als Fundgrube wissenschaftlicher Erkenntnisse und gelungener Praxisbeispiele entpuppte sich der Bundeskongress des Ganztagsschulverbandes. Im Zentrum der Überlegungen stand immer wieder die Frage der Qualität.

Es war ein neues, von Corona eingefordertes Format, in dem sich der Bundeskongress des Ganztagsschulverbandes im November 2021 präsentierte. Online standen die Vorträge, Beiträge, Interviews, Diskussionen und virtuelle Schulbesuche zur Verfügung. Zeitlich unabhängig und stets wieder aufrufbar. Das hatte durchaus seinen Charme, konnte man doch beliebig zurückspulen, um sich noch einmal Gesagtes anzuhören und zu verinnerlichen. Man mag dies durchaus als Vorteil wertschätzen, schließlich grenzt es an Unmöglichkeit, eine Referentin oder einen Referenten in seinen Ausführungen zu unterbrechen und um Wiederholung der Überlegungen zu bitten.

Im Zentrum der Themen standen die Qualitätsentwicklung der Ganztagsschulen, aber auch die Chancen der Digitalisierung. Entsprechend lautete der Titel des Kongresses: „Ganztag jetzt – Qualitätsbereiche guter Ganztagsschulen“. Es darf durchaus als Erfolgsmeldung gelten, dass die Verbandsvorsitzende Eva Reiter in ihren Begrüßungsworten darauf hinweisen konnte, dass beim Deutschen Schulpreis „ganz überwiegend Ganztagsschulen ausgezeichnet werden.“ Sie machte auch deutlich, dass der Qualitätssicherung mit dem Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung zusätzliche Bedeutung zukomme.

Lesetipp: Handreichungen

Die Forschung beschäftigt sich seit langem mit der Frage, was Qualität ausmacht. Das DIPF – Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation hat dazu sechs Handlungsfelder identifiziert und in seinem „Wissenschaftsbegleiteten Qualitätsdialog“ gebündelt. Amina Kielblock, Nora Wazinski und Julia Karl präsentierten diese, nachdem sie erläutert hatten: „Der Qualitätsdialog wurde ins Leben gerufen, nicht nur, um die Vielzahl Erkenntnisse in die Breite zu tragen, sondern auch um neues, transformiertes Wissen zu generieren.“

Eva Reiter, Vorsitzende des Ganztagsschulverbandes
Eva Reiter, Vorsitzende des Ganztagsschulverbandes © Claudia Pittelkow, Hamburg

In der ersten Phase sei es darum gegangen, die Perspektiven aus Bildungsforschung, Bildungsverwaltung und Bildungspraxis zusammenzubringen. Im zweiten Schritt habe man nach mehreren Qualitätsdialogen die Ergebnisse in sechs Handreichungen gebündelt. Themen dieser Broschüren sind: Steuerung des Ganztags, Zusammenarbeit, Ganztagskonzept, Angebotskonzept, Soziale Beziehungen und Angebotsdurchführung. Im Folgenden erläuterten sie die konkreten Inhalte der einzelnen Abhandlungen, die das Wissen aus Forschung und Praxis bündeln. Amina Kielbrock machte deutlich: „Expertinnen und Experten sehen Leitungen als besonders wichtig an. Es bedarf eines kooperativen Leitungsverständnisses und einer klaren Zielsetzung.“

Wie dies gelingen kann und welche Wege in allen Handlungsfeldern die richtigen sein können, um die Qualitätsentwicklung voranzubringen, verraten die Broschüren. Man könnte festhalten: ein echter Lesetipp für alle an Ganztagsschulen Beteiligten. Denn im Vortrag wurden auch Verbesserungspotenziale nicht verschwiegen. Etwa, wenn es um Kooperationen geht. Es wurden Studienergebnisse präsentiert: „Die Kooperationsbeziehungen werden häufig als gut bis gewinnbringend bezeichnet. Trotz positiver Einschätzungen gleichen sie, wenn sie überhaupt im persönlichen Austausch stattfinden, eher einem Briefing, in dem die Lehrkräfte den Ton angeben.“  

Partizipation – ein Kinderrecht

Um die wirksame Gestaltung von Beziehungen drehte sich der Beitrag „Ganztag aus der Perspektive von Kindern“. Prof. Dr. Iris Nentwig-Gesemann von der Freien Universität Bozen (Italien) machte deutlich, dass die UN-Kinderrechtskonvention das Recht auf Gehör und damit auch auf gemeinsames „Doing Ganztag“ klar festschreibe. Die Umsetzung sei untrennbar mit der Verwirklichung von Demokratie verbunden. Sie betonte: „Kinder aller Altersstufen, etwa bei der Entscheidung, was gespielt wird, aktiv mitwirken zu lassen, gewähren wir ihnen nicht, sondern es gehört zu ihren unantastbaren Rechten.“

Sie präsentierte die Ergebnisse eines einjährigen, im Herbst 2020 abgeschlossenen Forschungsprojektes mit 200 KiTa- und 165 Ganztagsschulkindern. Dabei sei unter anderem herausgekommen, dass sich Kinder im Ganztag ein Kontrastprogramm zum Unterricht wünschen. Das Ganztagsangebot sollte ihre Erfahrungsmöglichkeiten erweitern, handlungspraktische und lebensnahe Bildungsaufgaben – nicht „Hausaufgaben“ – sowie ungezähmtes, freies und „wildes“ Spielen ermöglichen.

Darüber hinaus erhofften sich Kinder „nicht verpädagogisierte Freiräume“, sprich Bewegungsfreiheit, Raumaneignung und Raumgestaltung, fantasievolle Rollenspiele sowie Ausflüge in den Sozialraum, in die Natur – eben ins „echte Leben“. Nentwig-Gesemanns Appell an Ganztagsschulen: „Qualitätsentwicklungsprozesse sollten nicht ohne Beteiligung der Kinder und Eltern stattfinden.“

Lesen in Oasen

„Mit außerunterrichtlicher Leseförderung zu mehr Bildungsgerechtigkeit?“, lautete die Frage über den Ausführungen von Johannes Freund von „Save the children“ Berlin. Er stellte Erkenntnisse und Beobachtungen aus dem von ihm geleiteten Projekt „LeseOasen – Leseförderung im Ganztag“ der Kinderrechtsorganisation vor. LeseOasen sind Räume zum Lesen für Kinder, zum Wohlfühlen mit Sofas und Kissen und vie­len Büchern. „Save the Children“ hat an 40 Grundschulen solche LeseOasen eingerichtet. Die Kinder können sie nachmittags nutzen – aber nicht nur zum Lesen. 

2019: Ganztagsschulkongress „Digitalisierung“ in Rust/Ettenheim
2019: Ganztagsschulkongress „Digitalisierung“ in Rust/Ettenheim © Online-Redaktion

Wer dem Vortrag lauschte, dürfte die Erkenntnis gewonnen haben, dass die Einrichtung solcher „Oasen“ auch ohne großen Aufwand umsetzbar ist und auch dazu führen kann, dass Kinder, die den Weg in Bibliotheken sonst eher nicht gefunden hätten, zum Lesen kommen. Johannes Freund gab Hinweise für lesefreundliche Räume. Es sollte sich um „Räume für Kinder“ handeln, um „Wohlfühlorte“ zum Alleinsein und zur Geselligkeit. Zugleich sollten sie einen Erlebnisraum darstellen, der multifunktionell genutzt werden könne und mit einer kleinen, aber feinen Buchauswahl aufwarte. Hemmschwellen, ihn zu betreten, müssen reduziert werden.

Bei der Gestaltung, die sich weiterentwickeln könne, seien die Kinder und Jugendlichen zu beteiligen. Bei der Buchauswahl sei es wichtig, die Interessen der Schülerinnen und Schüler zu berücksichtigen und sie nach inklusiven und diversen Gesichtspunkten zu treffen. „Was soll ein Kind denken, das in Armut aufwächst, wenn alle Bücher in gutsituierten Vorstadtfamilien spielen.“ Freund ist überzeugt, dass freizeitorientierte Leseförderung einen Beitrag zu mehr Bildungsgerechtigkeit leistet, wenn diese Kriterien berücksichtigt werden.

Neudefinition von Lernprozessen

Mehr Bildungs-, zumindest aber Chancengerechtigkeit, gilt auch als Folge einer ausgefeilten Binnendifferenzierung. Die Richtsbergschule Marburg, eine integrierte Gesamtschule, hat nach eigener Aussage die Chancen der Digitalisierung für eine erfolgreiche Umsetzung der Differenzierung erkannt. Das betonte Schulleiter Thomas Ferber im Gespräch mit Alexander Scheuerer vom Ganztagsschulverband. Er machte jedoch deutlich: „Es geht nicht alleine um den Einsatz neuer Technik, sondern um eine Neudefinition von Lernprozessen.“

Ferber präsentierte die schuleigene Lernplattform PerLenWerk, übersetzt: Personalisierte Lernumgebung und Werkstätten. Zwei junge StartUps entwickelten sie. Im Schulgebäude wurden im wahrsten Sinne des Wortes Wände eingerissen, um Raum für Lernlandschaften zu schaffen. Hier treffen sich Lerngruppen von rund 15 Schülerinnen und Schülern. Unterm Arm tragen sie ihren Schulranzen – ihr Tablet. Mit Tablets werden alle Schulneulinge seit vier Jahren ausgestattet. In diesen bündeln sich Arbeitsblätter, Recherchemöglichkeiten und sämtliche Kommunikation, die für eine erfolgreiche Lernbegleitung erforderlich ist. Die Eltern finanzieren die Anschaffung der Endgeräte, wenn erforderlich unterstützt sie der Förderverein der Schule.

Die Rolle der Lehrkräfte hat sich gewandelt. Mal agieren sie als Lernbegleiterinnen und Lernbegleiter. Sie stehen für Fragen zur Verfügung, wenn das selbstständige Aneignen von Kompetenzen (Ferber: „an selbst gewählten Inhalten“) einmal stockt. Zu anderen Zeiten schlüpfen sie wieder in ihre Fachlehrerrolle und treffen Schülerinnen und Schüler in der „Fachecke“.

Fachschere aus dem Kopf bekommen

Die Plattform ist personalisiert, sprich darauf eingerichtet, vier unterschiedlichen Niveaustufen anzubieten: Aufbau-, Mindest-, Regel- und Expertenstandard. Stück für Stück können sich die Schülerinnen und Schüler der nächsthöheren Stufe annähern. Auch die Lehrkräfte betraten mit PerLenWerk Neuland.

Schulorchester des Gymnasiums Am Stoppenberg, Essen
Schulorchester des Gymnasiums Am Stoppenberg, Essen © Online-Redaktion

„Wir haben ja alle gelernt, ein Fach zu unterrichten oder eben Förderlehrkraft zu sein. Jetzt heißt es, die Fachschere aus dem Kopf zu bekommen“, sagt Thomas Ferber. So manche Stunde Fortbildung befähigte sie dazu, auch dazu, das 15-minütige wöchentliche Lernbegleitgespräch mit den Schülerinnen und Schülern zu führen. Denn es geht darum, die persönliche Situation der Lernenden zu verstehen, sie zu fragen, wie sie sich fühlen, wie sie beim Lernen vorankommen und welche Unterstützung sie sich wünschen.

Es war die Mischung aus Erkenntnissen der Bildungsforschung, des Ganztagsschulverbandes und zivilgesellschaftlichen Engagements, gepaart mit zahlreichen Praxisbeispielen, die den Erfolg des Ganztagsschulkongresses ausmachte. Entstanden ist eine Fundgrube für die Qualitätsentwicklung in einem gelungenen, innovativen Format.

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