Auf den Ganztag gut vorbereitet: Stadt Karben

Immer mehr Schulen werden Ganztagsschulen. Ohne Unterstützung der Städte und Gemeinden wäre das kaum möglich. Im Interview heute: Bürgermeister Guido Rahn, Stadt Karben (Hessen).

Blick aus der Ferne auf die Stadt Karben
© Stadt Karben

Im Schuljahr 2015/2016 ist es für viele Schulen endlich soweit: Sie können sich auf den Weg zur Ganztagsschule machen. Wir möchten wissen, wie so ein Umgestaltungsprozess in der Praxis verläuft und welche Bedeutung das Ganztagsangebot für eine Stadt wie Karben (Hessen) mit rund 22.000 Einwohnerinnen und Einwohnern hat. In unserer Sommerreihe „Auf den Ganztag gut vorbereitet“ fragen wir Schulleitungen und Bürgermeister nach ihren Erfahrungen.

Online-Redaktion: Herr Bürgermeister, zum kommenden Schuljahr werden die Grundschule in Kloppenheim und die Pestalozzischule in Groß-Karben Ganztagsschulen. Zudem kann die Selzerbachschule ihr Programm aufstocken. Welche Bedeutung hat dies für die Stadt Karben?

Guido Rahn: Durch die Einführung einer Betreuungsplatzgarantie für Kinder von 1 bis 6 Jahren und unser Ziel, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu ermöglichen, müssen wir uns um die Nachmittagsbetreuung der Grundschüler und Grundschülerinnen kümmern. Die heutigen Verhältnisse sind nicht mehr die, die ich aus meiner eigenen Grundschulzeit kenne. Damals gab es noch jedem der sieben Ortsteile von Karbener eine Grundschule. Meine Grundschule hatte gerade mal zwei Lehrer für vier Klassen. Es wurden immer zwei Klassen in einem Raum unterrichtet, und mittags gingen alle nach Hause. Ganztagesschule wäre damals noch verfehlt gewesen. Heute ist Ganztagesschule beziehungsweise die Nachmittagsbetreuung der Schülerinnen und Schüler für eine Stadt wie Karben in unserer wachsenden Rhein-Main-Region ein MUSS!

Online-Redaktion: Wie hoch ist die Betreuungsquote in Ihrer Stadt?

Bürgermeister Guido Rahn© Stadt Karben

Rahn: Als Bürgermeister der Stadt Karben lege ich großen Wert darauf, dass alle Betreuungswünsche für Kinder im Alter von 1 bis 10 Jahren erfüllt werden können. Daher haben wir in den vergangenen Jahren unter anderem zwei neue Kindergärten für über 160 Kinder gebaut. Die Betreuungsplatzzahl für Kinder von 1 bis 10 Jahren ist von 1.150 auf rund 1.600 Plätze angewachsen. Und die Plätze zur Betreuung der Grundschüler konnten wir seit 2010 von 320 auf über 500 steigern. Dadurch können rund zwei Drittel der Grundschülerinnen und -schüler einen Betreuungsplatz bis 17 Uhr an fünf Wochentagen erhalten. Wir können alle Betreuungswünsche erfüllen, wenn die Eltern berufstätig sind.

Der Begriff Ganztagsschule ist allerdings meiner Meinung nach etwas irreführend. Denn das jetzige Programm sieht eine freiwillige Verlängerung des Schultages an drei Tagen in der Woche bis 14.30 Uhr vor. In dieser Zeit gibt es ein gemeinsames Mittagessen und eine Hausaufgabenbetreuung. Darüber hinaus versuchen die Träger der Betreuung verschiedene Arbeitsgemeinschaften auch in Kooperation mit der Musikschule oder Sportvereinen anzubieten. Die Betreuungszeiten bis 14.30 Uhr reichen aber vielen Eltern bei weitem nicht aus. Es macht doch wenig Sinn, einen Rechtsanspruch auf einen Kinderbetreuungsplatz für 1- bis 6-Jährige festzuschreiben und dann, wenn die Kinder in die Grundschule kommen, nur noch eine Betreuung an drei Tagen bis 14.30 Uhr anzubieten.

Online-Redaktion: Erhöht das Ganztagsangebot die Attraktivität Ihrer Stadt? Zum Beispiel weil so Eltern, die nach Frankfurt pendeln, Familie und Beruf besser vereinbaren können?

Rahn: Auf alle Fälle. Eine ausreichende Zahl an qualitativ guten Betreuungsplätzen gehört heute zur notwendigen Infrastruktur. Wenn eine Stadt auch zukünftig attraktiv für Familien mit Kindern bleiben will, geht das nicht ohne gute Kinder- und Schülerbetreuung. Dass die Anstrengungen der Stadt Karben sich lohnen, zeigen die steigende Kinderzahl in unserer Stadt und der Zuzug junger Familien.

Online-Redaktion: In und um Karben gibt es viel Industrie. Kam auch von dort der Wunsch nach der Ganztagsschule?

Außenansicht der Pestalozzischule Groß Karben
Pestalozzischule Groß Karben © Stadt Karben

Rahn: Karbener Betriebe haben bislang keine Wünsche nach Ganztagesschulen an uns herangetragen. Das liegt auch daran, dass viele dort Beschäftigte von außerhalb nach Karben einpendeln. Ihre Kinder gehen ja am Wohnort zur Schule. Allerdings wird die Stadt in Kürze den Betrieben Kita-Plätze für Kinder von 1 bis 6 Jahren anbieten. Viele Arbeitnehmer kommen von außerhalb nach Karben und suchen an ihren Wohnorten mitunter vergeblich einen Betreuungsplatz. Durch die Bereitstellung von Kinderbetreuungsplätzen in Arbeitsplatznähe wird natürlich der Wirtschaftsstandort attraktiver und die Personalgewinnung leichter.

Online-Redaktion: Seit wann liefen die Planungen für die Umwandlung der beiden Grundschulen in Ganztagsschulen?

Rahn: Die Planungen und Gespräche laufen bereits seit mehreren Jahren. Aber wie hierzulande so üblich, bedarf alles einer gründlichen Vorbereitung mit Konzepterstellung, Trägersuche, Raumplanung und dann noch einer Antragsbearbeitung. So dauert es leider bis zur Realisierung noch immer zwei bis drei Jahre – wenn alles gut läuft.

Online-Redaktion: Von wem ging die Initiative zur Ganztagsschule aus?

Rahn: Als ich vor fünf Jahren Bürgermeister der Stadt Karben wurde, gab es hier noch keine einzige Ganztagesschule. Für eine Stadt direkt vor den Toren Frankfurts in der Rhein-Main-Region war das meiner Meinung nach nicht mehr zeitgemäß. Weil die Antragstellung zur Ganztagesschule aber nur durch die Schulleitung erfolgen kann, brauchten wir eine gemeinsame Initiative von Stadt und Schule. Am Anfang herrschte noch große Skepsis, ob man den Schritt zum Ganztag wagen sollte. Wie bei allem Neuen muss erst einmal ein Mutiger vorangehen und zeigen, dass das Programm erfolgreich umzusetzen ist.

Außenansicht der Selzerbachschule
Selzerbachschule Karben © Stadt Karben

Die Selzerbachschule mit ihrer Leiterin, Frau Matthes-Ahäuser, war die erste, die sich gewagt hat. Sie begann vor zwei Jahren mit 80 Plätzen und wird ab September 2015 auf bis zu 160 Schüler aufstocken. Von gut 240 Grundschülerinnen und -schülern nutzen dann rund zwei Drittel das Ganztagesprogramm. Das zeigt, dass der Weg richtig war und sich der Mut der Vorreiter gelohnt hat.

Das Land förderte diesen ersten Schritt mit einer halben Lehrerstelle bzw. umgerechnet 23.000 Euro. Mit dem Arbeiter-Samariter-Bund als Träger und der Schule zusammen haben wir dann noch Betreuungsmodule bis 17 Uhr an fünf Tagen zusätzlich zur Ganztagesschule angeboten. Die Stadt hat sich immerhin mit gut 50.000 Euro im Jahr zusätzlich beteiligt. So konnten wir fast 80 Plätze bereitstellen.

Online-Redaktion: Welchen Einfluss konnten Sie als Bürgermeister nehmen?

Rahn: Ich habe intensive und konstruktive Gespräche mit allen Schulleitungen und der Schulverwaltung geführt. So gab es gemeinsame Treffen mit allen Schulleitungen, um die Notwendigkeit des Schritts in den Ganztag zu verdeutlichen. Hierbei habe ich auch die Hilfe der Stadt angeboten, und zwar logistisch und finanziell, um endlich ein Ganztagesangebot an den Grundschulen zu erreichen.

Online-Redaktion: Wie funktioniert das Zusammenspiel mit dem Schulträger?

© Britta Hüning

Rahn: Da der Wetteraukreis als Schulträger die Räume zur Verfügung stellen müsste, aber das derzeitige Angebot nur für drei Tage bis 14.30 Uhr Gültigkeit hat, ist die Raumsituation für die Zeit bis 17 Uhr noch nicht ganz geklärt. Unser Ziel ist eine gemeinsame Nutzung vorhandener Räume, um unnötige Doppelkapazitäten zu vermeiden. Hier wünschen wir uns noch deutlichere Regelungen zur Raumsituation. Das heißt, wir haben noch einiges zu klären: Wer zahlt welchen Anteil für die Räume, wenn diese auch nach 14.30 Uhr für die Betreuung genutzt werden beziehungsweise wie wird das finanziell geregelt, wenn die Stadt Räume für den Ganztag zur Verfügung stellt.

Online-Redaktion: Welchen Beitrag leistet die Stadt Karben zum Ausbau der Ganztagsangebote?

Rahn: Die Stadt Karben kooperiert mit den Schulen bzw. den Trägern des Ganztagesangebotes. So haben wir in Groß Karben mit LOLA e.V. einen engagierten Elternverein und an den übrigen Standorten den Arbeiter-Samariter-Bund als Partner gewinnen können. Wir unterstützen das Ganztagesangebot finanziell und indem wir Räume zur Verfügung stellen. Die Stadt zahlt 1.200 Euro je Schülerbetreuungsplatz und Jahr. Das summiert sich dann jährlich auf über eine halbe Million Euro!

Online-Redaktion: Wird es bald weitere Ganztagsschulen in Karben geben?

Schülerinnen und Schüler in der Garderobe
© Britta Hüning

Rahn: Ja, die Grundschule in Okarben hat bereits für das nächste Schuljahr die Absicht geäußert, sich auch beim Ganztagesprogramm zu beteiligen. Damit wären dann vier von fünf Karbener Grundschulen dabei. In der Grundschule in Petterweil gibt es derzeit ein Betreuungsangebot durch den ASB außerhalb des Ganztagesprogramms – allerdings auch mit städtischer Förderung.

Für die Zukunft ist die Stadt Karben damit auf dem besten Weg, von einem Schlusslicht zum Vorreiter in Sachen Betreuungsplätze von 1 bis 10 Jahren zu werden. Wir sprechen so oft von der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. In Karben haben wir diesem Anspruch Leben eingehaucht, der ist nicht mehr nur in Sonntagsreden präsent.

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