Auf den Ganztag gut vorbereitet: Hans-Fallada-Schule Feldberg

Immer mehr Schulen werden Ganztagsschulen. Viele von ihnen haben sich lange darauf vorbereitet. In unserer Sommerreihe heute: die Hans-Fallada-Schule in Feldberg (Mecklenburg-Vorpommern).

Schulklasse
© Britta Hüning

Im Schuljahr 2015/2016 ist es für viele Schulen endlich soweit: Sie können sich auf den Weg zur Ganztagsschule machen. Wir möchten wissen, wie so ein Umgestaltungsprozess in der Praxis verläuft. Was ist zu bedenken? Womit beginnen sie? Und wie überwinden sie Anfangsschwierigkeiten? In unserer Sommerreihe „Auf den Ganztag gut vorbereitet“ fragen wir Schulleitungen nach ihren Erfahrungen.

Online-Redaktion: Frau Friedrich, die Hans-Fallada-Schule arbeitet neuerdings zehnklassig?

Monika Friedrich: Vor zwei Jahren haben sich die Grundschule und die Regionale Schule zu einer Schule von Klasse 1 bis 10 zusammengeschlossen. Bis dahin gab es zwei Kollegien im Haus, die jahrelang nebeneinander gearbeitet hatten, aber teilweise nicht mal die Namen voneinander kannten. Mit der Fusion bin ich Schulleiterin geworden, zuvor hatte ich hier als Lehrerin gearbeitet.

Online-Redaktion: Und jetzt kommt mit der Ganztagsschule die nächste Neuerung...

Friedrich: Genau. Wir haben diesen Schritt schon seit einiger Zeit mit Befragungen der Eltern und mehrfachen Antragstellungen vorbereitet. Nach mehreren Absagen sind wir nun glücklich, zu den fünf Schulen zu gehören, die im neuen Schuljahr als gebundene Ganztagsschule beginnen können.

Online-Redaktion: Warum wollten Sie Ganztagsschule werden?

Unterricht
© Britta Hüning

Friedrich: Wir leben hier auf dem Lande. Unsere 250 Schülerinnen und Schüler kommen aus vielen verschiedenen Ortschaften. Wenn man sich einzelne Orte genauer anschaut, stellt man fest, dass es dort keine anderen Kinder mehr in den entsprechenden Altersgruppen gibt. Das Kind fährt nach Hause aufs Dorf, und da fehlt der Spielkamerad. Da entwickelt sich stattdessen die Schule immer mehr zum Lebenszentrum. Die Kinder und Jugendlichen freuen sich, hierher zu kommen, hier ihre Freunde und andere junge Leute zu treffen. Jedem ist klar, dass wenn man jungen Leuten Angebote machen möchte, diese Angebote hier vor Ort sein müssen.

Und wie sollten diese Schülerinnen und Schüler denn auch andere außerschulische Angebote am Nachmittag wahrnehmen? Sie fahren teilweise erst lange mit dem Bus nach Hause, und von da aus müssen sie mit dem Bus wieder los zu einem Angebot in einem anderen Ort. Das stößt schlicht an zeitliche Grenzen. Wir möchten den Kindern und Jugendlichen, die sonst vielleicht alleine vor dem Fernseher oder Computer in ihrem Dorf sitzen würden, sinnvolle und für sie interessante Angebote machen, die sie zusammen mit anderen Kindern wahrnehmen können.

Online-Redaktion: Welche Schritte waren zu gehen, um Ganztagsschule zu werden?

Mittagessen in der Schule
© Britta Hüning

Friedrich: Zuerst einmal haben wir Befragungen der Schülerinnen und Schüler und der Eltern durchgeführt, um den Bedarf zu erfahren. Das haben wir ausgewertet und in den einzelnen Konferenzen vorgestellt. Wir konnten immer auf die starke Unterstützung der Gemeinde zählen. Unsere Gemeinde hat uns ermuntert, diesen Schritt zu tun, und hundertprozentig hinter uns gestanden. Nach der ersten Ablehnung unseres Antrags haben wir uns so gesagt, dass wir unser Interesse immer wieder vorbringen würden. Als Ministerpräsident Sellering in Feldberg zur Bürgersprechstunde war, haben wir das genutzt, um unsere Sicht nochmal darzustellen. Zweimal waren wir bei Minister Brodkorb in seiner Sprechstunde in Neubrandenburg. Wir sind immer drangeblieben.

Als dann signalisiert wurde, dass es diesmal klappen könnte, habe ich mit vielen Institutionen, Vereinen und kompetenten Leuten vor Ort gesprochen, ob sie sich vorstellen könnten, sich in die Ganztagsschule einzubringen. Dabei bin ich auf große Resonanz gestoßen. Dann kam aber leider der Wermutstropfen, dass keine Kapitalisierung der Mittel möglich ist. Das ist für uns sehr hinderlich, denn wir können inhaltlich nicht alles aus den eigenen Reihen abdecken. Das ist der nächste Baustein, mit dem wir uns befassen werden.

Online-Redaktion: Dennoch lassen Sie sich nicht ganz entmutigen?

Friedrich: Wir mobilisieren wirklich alle Reserven, die es in der Gemeinde gibt, ob es jetzt der Jugendklub ist oder die Bibliothekarin. Das Forstamt macht uns ein Angebot zur Waldpädagogik. Es gibt Eltern, die bei uns schon aktiv gewesen sind und sagen, dass sie dazu stehen und weitermachen werden. Ein Großvater macht Sportangebote wie Tischtennis.

Eine ehemalige Kollegin, die im Niederdeutschen sehr versiert ist, unterstützt uns ebenfalls. Nächste Woche habe ich ein Gespräch mit der Landjugend. Schließlich konnten wir eine sehr kreative Theaterpädagogin gewinnen, die uns viele Angebote im Kunstbereich machen kann.

Online-Redaktion: Wie soll der Ganztag aussehen?

Junge beim Fußballtraining
© Britta Hüning

Friedrich: In den Klassen 1 bis 4 starten wir sofort komplett mit der vollen Halbtagsschule, in der auch schon verschiedene Angebote stattfinden. Die gebundene Ganztagsschule lassen wir aufwachsen und beginnen hier mit den Jahrgängen 5 und 6 an drei Tagen. Im Grundschulbereich mit der vollen Halbtagsschule bleibt der Schultag erst einmal so, wie er ist: Der Unterricht liegt klassisch am Morgen, und am Nachmittag folgen die Ganztagsangebote. In den Klassen 5 und 6 wollen wir die Angebote und den Unterricht schon mehr mischen. Zum Beispiel führen wir das Selbstorganisierte Lernen ein, das dann am Vormittag liegen kann, und der Unterricht rutscht in den Nachmittag.

Online-Redaktion: Gibt es noch Hausaufgaben?

Friedrich: Das Wort „Hausaufgaben“ wollen wir überhaupt nicht mehr verwenden. Denn das sind keine Hausaufgaben, sondern Aufgaben, die in der Schule erledigt werden. Für die volle Halbtagsschule haben wir uns überlegt, an verschiedenen Tagen unterschiedliche Übungsschwerpunkte zu setzen. So gibt es zum Beispiel an einem Tag den Schwerpunkt Lesen, beispielsweise mit dem Lesekönig-Angebot. Am nächsten Tag kann dann der Schwerpunkt Mathematik sein. Da heißt es dann nicht „Seite 87, Aufgabe 3“, sondern die Beschäftigung mit Mathe wird ganz anders verpackt, in leistungsmäßig heterogen zusammengesetzten Gruppen und auf die einzelnen Schülerinnen und Schüler abgestimmt.

Schülerin am Kicker
© Britta Hüning

Für die 5. und 6. Klassen werden wir in der ersten Woche Methodentage zum Selbstorganisierten Lernen veranstalten, die die Hausaufgaben ersetzen. In einer 5. Klasse haben wir in diesem Jahr schon einen Versuch mit dem Selbstorganisierten Lernen gestartet. Das kam bei den Kindern sehr gut an und wurde am Ende sogar von ihnen eingefordert. Auch das wollen wir aufwachsen lassen bis zur 10. Klasse, bis zu großen Projekten, die die Schülerinnen und Schüler dann selbstständig bearbeiten.

Online-Redaktion: Haben Sie baulich etwas verändert?

Friedrich: Das mussten wir nicht. Wir haben aber schon begonnen, die Flure umzugestalten sodass dort jetzt Lerngruppen-Ecken entstanden sind. Auf den Fluren haben wir jetzt Möbel und Trennwände, sodass die Gruppen dort für sich allein und selbstständig arbeiten können. Teilweise haben die Schülerinnen und Schüler auch bisher schon an anderen Orten außerhalb des Klassenzimmers gelernt, aber das wird sich mit der Ganztagsschule nun sicherlich verstärken.

Online-Redaktion: Gibt es noch Widrigkeiten?

Friedrich: Wir können noch nicht anfangen richtig zu planen, weil die Stelle einer Kollegin noch nicht klar ist. Wenn ich wüsste, mit wem ich genau planen könnte, wäre mir wohler. Ich habe mir hier in meinem Büro einen Plan eingerahmt, der zeigt, wo ich mal hinmöchte. Wenn es mal möglich sein wird, Stellen zu kapitalisieren, wird ein großer Schritt getan sein.

Jetzt haben wir die Eltern informiert, dass das, was wir vorhatten, zunächst noch nicht ganz umsetzbar ist, dass wir aber 33 zusätzliche Lehrerstunden vom Schulamt bekommen haben. Die werden wir bestmöglich für die Schülerinnen und Schüler einsetzen. Schritt für Schritt werden wir lernen, die für uns beste Variante zu finden. Wir werden es sicherlich nicht jedem recht machen können. Aber wir sind aufgeschlossen, packen es an, werden uns immer wieder hinterfragen und daraus lernen.

 

 

Leitbild der Hans-Fallada-Schule

„Wir sind eine lebensnahe, naturverbundene Schule, die die Schüler unter Berücksichtigung ihrer individuellen Lernvoraussetzungen sozial kompetent, lebenspraktisch und leistungsorientiert in optimaler Weise zunächst auf den Übergang in die 5. Klasse und dann auf ihre berufliche Zukunft vorbereitet.“

Die Hans-Fallada-Schule entstand schon 1975 als zehnklassige Schule. 1990 wurden eine Grundschule und eine Kooperativen Gesamtschule. Letztere wurde 2003 zur Regionalen Schule. 2013 erfolgte die Zusammenlegung von Grundschule und Regionaler Schule. Die Schülerinnen und Schüler kommen aus der gesamten Region der Gemeinde Feldberger Seenlandschaft mit 34 Ortsteilen. Zum Kollegium gehören 21 Lehrerinnen und Lehrer und eine Schulsozialpädagogin. Die Schule arbeitet bereits jetzt mit sozialen Einrichtungen, Kindertagesstätten, Vereinen, Verbänden, Musikschule und Kirchen zusammen und führt Projekte wie das „Insektenprojekt“ im Naturpark Müritz, das vom Schulförderverein finanzierte „Solarprojekt“ oder die Waldolympiade durch. Die Schule verfügt über ein umfassendes Berufsorientierungskonzept, zu dem Betriebspraktika und das Lernen an lokalen Lernorten gehören. Ihren Namen hat die Schule nach dem Schriftsteller Hans Fallada, der sich von 1933 bis 1944 in den Feldberger Ortsteil Carwitz zurückgezogen hatte.

Lesetipp: Hans Fallada: Geschichten aus der Murkelei. Geschichten über und für Kinder.

 

 


 

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