Gesamtschule Barmen: „Der Ganztag hat viel bewegt“

Ein besseres Geschenk zum 20-jährigen Bestehen hätte sich die Gesamtschule Barmen nicht wünschen können: Sie gewann den Deutschen Schulpreis 2015.

Bundeskanzlerin Angela Merkel, Schulleiterin Bettina Kubanek-Meis, Moderatorin Pinar Atalay © Robert Bosch Stiftung / Max Lautenschläger

Die Freude ist groß bei der Gesamtschule Barmen aus Wuppertal, die an diesem 10. Juni 2015 mit Schulleitung, Kolleginnen und Kollegen, Schülerinnen und Schülern nach Berlin gereist ist: Gerade hat Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der Verleihung des Deutschen Schulpreises bekanntgegeben, dass die Jury der gebundenen Ganztagsschule den ersten Preis zugesprochen hat. An der Gesamtschule Barmen sorgten Teamarbeit auf allen Ebenen und die Mitwirkung von Schülerinnen und Schülern, Eltern und außerschulischen Partnern für ein lernförderliches Klima, lobte die Jury.

Bettina Kubanek-Meis, seit zehn Jahren Schulleiterin der Gesamtschule Barmen, hat ihre „weichen Knie“ von der Aufregung überwunden. „Ich bin zwar damals an eine Schule gekommen, in der schon vieles etabliert war. Aber es hat sich in den letzten Jahren nochmal viel bewegt, gerade auch durch den Ganztag“, erzählt sie.

Besonders entscheidend sei die Veränderung des Stundentaktes von 45 auf 65 Minuten gewesen, den man sich an zwei anderen Schulen „abgeguckt“ hatte. Abgesehen davon, dass der neue Stundentakt mehr Ruhe in den Schultag gebracht, die „Kurzatmigkeit des Unterrichts“ und die vielen Fachraum-Wechsel reduziert habe, sei er vor allem dem Unterricht selbst zugute gekommen. „Bei 45 Minuten hat man es doch häufig erlebt, dass kurz vor Schluss nochmal schnell irgendwas gemacht wird“, meint die Pädagogin. „Die 65 Minuten erleichtern es, andere Lernformen anzuwenden und Lernzeiten statt Hausaufgaben zu integrieren. Es hat nur Vorteile, wir wollen da nie wieder zurück.“

„…das gesamte Schulgebäude zum Lernort gemacht“

Nach der ersten Unterrichtsstunde findet gleich um 9:05 Uhr die erste Frühstückspause statt, da der Schulleiterin zufolge viele Schülerinnen und Schüler, ohne gefrühstückt zu haben, zur Schule kommen. Nach zwei weiteren Unterrichtsblöcken folgt ab 11.40 Uhr eine Mittagspause bis 12.50 Uhr. In der Mensa haben dann zwei Köche schon frisch gekocht. Die Jugendlichen können aber auch noch Freizeitangebote wahrnehmen. Nachmittags folgen Unterricht oder Arbeitsgemeinschaften. Mit dieser Rhythmisierung kommen die Schülerinnen und Schüler laut Bettina Kubanek-Meis gut durch den Tag. Nur am Dienstag, der für Konferenzen freigehalten wird, ist schon um 14.30 Uhr Schluss.

Vertreter der Gesamtschule Barmen bei der Preisverleihung
Jubel bei der Preisverleihung: Sozialpädagogin Marita Falke, stellv. Schulleiter Arne Brassat und Didaktische Leiterin Dorothe Block, Schulleiterin Bettina Kubanek-Meis (v.l.) © Robert Bosch Stiftung / Max Lautenschläger

Die Veränderung der Zeitstrukturen ging mit Veränderungen der Unterrichtsmethoden einher. Dafür hat das Kollegium eine Reihe von Fortbildungen besucht, unter anderem zum kooperativen Lernen und zur didaktischen Fragen. Laut Bettina Kubanek-Meis korrespondierte das gut mit den neuen, kompetenzorientierten Kernlernplänen in NRW. Vorteilhaft für die veränderte Lehr- und Lernkultur wirkte sich aus, dass „wir schon immer eine Teamschule gewesen sind“, wie die Schulleiterin meint. Jahrgangsteams gab es bereits. Nun fanden sich Arbeitsgruppen, um spezielle Themen zu bearbeiten.

Nicht nur die Zeitstruktur an der Gesamtschule Barmen hat sich verändert. „Wir haben das gesamte Schulgebäude zum Lernort gemacht“, freut sich Bettina Kubanek-Meis, „was die Schülerinnen und Schülern wunderbar nutzen. Sie sitzen in der Halle, in den Ecken und arbeiten diszipliniert und still für sich oder gemeinsam in kleinen Gruppen.“ Auch nutzen die Jugendlichen freie Lernangebote: „Kolleginnen und Kollegen haben für die 5. und die 9. Klasse ein zusätzliches Förderangebot mit einer Wochenstunde angeboten, und 80 Prozent der Schülerinnen und Schüler haben das angewählt.“

Der Ganztagskoordinator lädt ein…

In der großen gebundenen Ganztagsschule mit zurzeit etwa 1.100 Schülerinnen und Schüler im Ganztag ist eigens ein Lehrer als Ganztagskoordinator eingesetzt. Axel Sardemann pflegt die Kontakte zu den außerschulischen Partnern, den Universitäten, Vereinen und den Eltern. Er organisiert die etwa 50 Arbeitsgemeinschaften, die zum Teil auch von Schülerinnen oder Schülern aus der Oberstufe geleitet werden, und kümmert sich um die Organisation und Ausgestaltung der Offenen Angebote. Und er akquiriert neue Partner.

Gesamtschule Barmen© Robert Bosch Stiftung / Theodor Barth

Einmal im Monat lädt Axel Sardemann zum Ganztagscafé, um eine gute Kommunikation zu schaffen. In lockerer Runde spricht man darüber, was gut und was weniger gut läuft. Der Koordinator sitzt im Ganztagsausschuss, dem Koordinationsgremium für den Ganztagsbereich, zusammen mit der Didaktischen Leiterin Dorothe Block und anderen Kolleginnen und Kollegen, darunter Sozialpädagogen. Manchmal sind auch Eltern, Schülerinnen und Schüler dabei. Das Gremium diskutiert zweimal im Jahr Qualitätsfragen. „Im Laufe des Jahres kommen viele Ideen auf, die an dieser Stelle gesammelt und konzentriert besprochen werden können. Das schützt auch vor Betriebsblindheit“, so Dorothe Block.

Ein multiprofessionelles Team

„Wir haben sehr viele Kooperationspartner wie zum Beispiel die Junior-Universität, die Kirche, Kunstprojekte, aber auch Amnesty International, den CVJM, die Polizei oder die Berufsberatung“, berichtet Dorothe Block.

Schülerinnen und Schüler beim Kochen
Gesamtschule Barmen© Robert Bosch Stiftung / Theodor Barth

Von Beginn an gab es zwei Sonderpädagogen an der Gesamtschule Barmen. Als vor zehn Jahren eine integrative Klasse startete, kamen weitere hinzu, und mit dem Beginn der inklusiven Beschulung vor zwei Jahren noch einmal Sonderpädagogen, ein Sozialarbeiter und Sozialpädagogen.

„Wir sind gerade dabei, ein multiprofessionelles Team aufzubauen“, erzählt Bettina Kubanek-Meis, „und Rituale des regelmäßigen Austausches zu verankern. Zunächst haben die Lehrer auf der einen und die Fachkräfte auf der anderen Seite ihre Wünsche und Befürchtungen diskutiert. Dann haben wir die beiden Gruppen zusammengeführt. Von dieser Basis aus diskutieren nun alle, wie wir am besten zusammenarbeiten.“

Die Ganztagsschule legt Wert auf ein enges Miteinander mit den Eltern. Ralph Blum ist seit zwei Jahren Schulpflegschaftsvorsitzender. Er hat zwei Kinder an der Schule und beobachtet, dass „das gesamte Kollegium sehr engagiert ist, die Eltern mitzunehmen und immer wieder das Gespräch zu suchen“. Und viele Eltern honorierten dieses Bemühen, zum Beispiel wenn sie den Tag der offenen Tür mitgestalten. Die gute Teilnahme an den Elternabenden sei ein Ausdruck des Engagements, gemeinsam das Beste für die Kinder zu erreichen.

Eine „tatkräftige Schülervertretung“

„Ich habe selten eine Schule erlebt, an der Schüler, Lehrer und Eltern so respektvoll und wertschätzend miteinander umgehen“, hatte Schulpreis-Jurymitglied Prof. Michael Schratz die Gesamtschule Barmen gelobt. „Andere Schulen können von der Gesamtschule Barmen lernen, wie Partizipation und Teilhabe in exzellenter Weise gelebt werden.“

Eingang der Gesamtschule Barmen© parade architekten

Das Motto der Schule „SCHUL(e)-MIT-WIRKUNG“ ist also kein falsches Versprechen. In den Klassen arbeiten Klassenräte, zu bestimmten Themen hat die Schülervertretung Arbeitskreise gebildet, und auf Schulebene findet vierteljährlich ein Schülerrat mit allen Klassensprechern statt. „Hier berichten sie der Schülervertretung, was sich in ihren Klassen so tut“, erzählt Schülersprecher Innokenty Burshteyn. „Und es ist dann an der SV, entsprechende Anregungen umzusetzen.“ Für Schülersprecherin Josepha Biehl kommen so „ganz viele kleine Impulse zusammen, mit denen wir unseren Schulalltag verändern wollen“.

Die Schülervertretung hat einen guten Draht zur Schulleitung. „Alle zwei Wochen treffen wir uns mit der Schulleitung und besprechen neue Ideen der SV und deren Umsetzbarkeit“, berichtet Schulsprecherin Lisa Knitterscheidt. „Gerade haben einige von uns die Idee gehabt, in das Flüchtlingslager in Heiligenhaus zu gehen, um dort Deutschunterricht zu geben. Die Schulkonferenz hat das angenommen, woraufhin wir Spenden gesammelt haben.“ Innokenty Burshteyn ergänzt: „Wir haben eine sehr tatkräftige Schülervertretung und das Glück, dass unsere Schulleitung immer ein offenes Ohr für uns hat und offen für Ideen ist. Und wenn sie mal nicht unserer Meinung sind, dann vermitteln sie uns die Ansprechpartner, mit denen wir das dann direkt klären können.“

Schulhof wird Bewegungshof

Als die Schule vor zwei Jahren über Handys diskutierte, gab es eine interessante gemeinsame Lösung: Im Unterricht dürfen Smartphones als Quasi-Computer genutzt werden, außerhalb des Unterrichts sind sie bis Klasse 10 nicht gestattet. Zu diesem Thema passt, dass sich die Gesamtschule Barmen als Schule versteht, die viel Wert auf Medienerziehung legt. Daher sind alle inhaltlichen und technischen Aspekte in dem Wahlpflichtfach „Medien und Gestalten“ zusammengefasst. Bereits ab der 5. Jahrgangsstufe gibt es das Fach „Medienethik“, und im schulinternen Lehrplan sind medienethische Fragen verankert.

Mit 100.000 Euro ist der Deutsche Schulpreis dotiert. Die Schule hat schon eine Idee, wie sich der Gewinn einsetzen lässt, sagt Schulleiterin Bettina Kubanek-Meis: „Wir wollen uns den schon lange gehegten Wunsch erfüllen, unseren Schulhof zu einem Bewegungshof umzubauen.“

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