Von Hausaufgaben zu Lernzeiten oder: anders üben

Üben gehört zum Lernen, aber nicht zwangsläufig nach Hause. Wie Grundschulen auf Hausaufgaben (weitgehend) verzichten können, schildern Gunhild Schulz-Gade und Wendelin Grimm in ihrem Buch „Übungs- und Lernzeiten an der Ganztagsschule“.

Buchcover
© debus Pädagogik

Bevor das Autorenteam sich darauf konzentriert, zu beschreiben, wie eine Schule die traditionellen Hausaufgaben abschaffen und Lernzeiten einführen kann, blickt es auf die Kinder. Wendelin Grimm und Gunhild Schulz-Gade, beide selbst ausgebildete Lehrer beziehungsweise Lehrerin, wissen, welche Hausaufgaben Kinder überhaupt nicht schätzen. Das sind solche, die laut einer Untersuchung des Bildungsforschers Ulrich Trautwein von 2006 mit folgenden Worten aufgegeben werden: „So, das macht ihr zu Hause fertig.“ Oder: „Im Buch ist noch S. 11 die Nr. 3 offen“. Bei diesen Sätzen gehe die Motivation in den Keller (S. 15).

Unterricht und Üben sind nicht zu trennen

Aber wollen Kinder überhaupt üben? Durchaus, sagen die Autoren und legen auf S. 15 eine Tabelle an, der sich auf einen Blick entnehmen lässt, auf welche Art des Übens und Weiterarbeitens sich Kinder gerne und bereitwillig einlassen. Das mögen Kinder: erforschen, ausprobieren, eigenständig und erfolgreich arbeiten, Wertschätzung ihrer Leistung. Das lehnen Kinder ab: eintönige Übungen, eintönige und reproduktive Aufgabenstellungen, Über- und Unterforderung, Reduktion der Leistung auf ordentlich, vollständig, richtig. Die Tabelle ist umfassender, aber die Quintessenz ist eindeutig: „Häusliche Übungen werden am ehesten akzeptiert, wenn Kinder den Nutzen für ihr eigenes Lernen erkennen und sie selbst bestimmen können, wie sie etwas üben“ (S.14).

Warum aber soll man Hausaufgaben dann abschaffen? Reicht es nicht, sie eng mit der Unterrichtskonzeption zu verknüpfen und der Selbstständigkeit sowie der Selbsttätigkeit der Kinder mehr Raum zu geben? Nein, sagen die Autoren. Hausaufgaben beziehen ihre Legitimation aus der Trennung von Unterricht und Üben. Beides sei aber nicht voneinander zu trennen. Dieses Verständnis widerspreche jeder Definition von Lernen. „Üben ist Teil des Lernens und gehört somit selbstverständlich zu individuellen Lernzeiten“ (S. 34), diese wiederum seien wesentlicher Bestandteil des Lernens in der Schule.

Lernzeiten – mehr als verlagerte Hausaufgaben

Grimm und Schulz-Gade machen sich in ihrem Praxisleitfaden zur Integration von Hausaufgaben in den Ganztag die Mühe, das Für und Wider zum Thema Hausaufgaben zu diskutieren, Einwände aufzugreifen, Studien gegeneinander abzuwägen und die Befindlichkeiten der Betroffenen (Kinder, Eltern, Lehrer) zu analysieren. Unter anderem haben sie rund 30 Fragen zusammengetragen und ausführlich beantwortet. Darunter: „Wie stellt man im Kollegium einen Konsens zur Einführung von Lernzeiten her?“, „Werden mit den Lernzeiten alle Aufgaben für zu Hause abgeschafft?“, „Kann die Schule genügend Zeit zum Üben bieten?“ Und nicht zuletzt: „Was sind Lernzeiten?“ (S. 136 ff.)

Schüler machen Hausaufgaben in der Schule
© Britta Hüning

Lernzeiten sind viel mehr als verlagerte Hausaufgaben, wie die sechs Good-Practice-Beispiele zeigen. Dass diese keine Rezeptsammlung sind, deren „Zutaten“ eins zu eins zu übernehmen sind, versteht sich bei pädagogischen Prozessen von selbst. Die Beispiele sind gut strukturiert, bereiten zunächst die Daten und Fakten auf und bieten anschließend Einblicke in Schulen, die Hausaufgaben bereits abgeschafft und integrierte Konzepte des Lernens und Übens umgesetzt haben.

Stundenpläne und Wochenpläne, Tagebücher und Logbuchseiten, Fotos, Kompetenzlisten und Lernthekenhefte sind im Buch abgebildet und zeugen von der Umsicht, mit der die Kollegien der vorgestellten Schulen sich ihren eigenen Weg zur Integration von individuellen Lernzeiten in den Tagesablauf ihrer Schule erarbeitet haben. So werden die Leserinnen und Leser nicht mit „Theorie“ überfrachtet, sondern können – falls sie selbst Lehrpersonen sind – im Abgleich mit der eigenen Unterrichtssituation Chancen erkennen und Stolpersteine beachten.

Normierte Hausaufgaben erübrigen sich

Auch die Motivation von Lehrerinnen und Lehrern machen die Autoren deutlich. So erläutert etwa die stellvertretende Schulleiterin der Grundschule Comeniusstraße in Braunschweig, Christine Eicke, im Interview: „Im Zuge des immer individualisierter gestalteten Unterrichts erübrigten sich normierte Hausaufgaben, aber auch all unsere Auseinandersetzungen (in Theorie und Praxis) brachten uns zu der Überzeugung, dass wir unsere Kinder auf dem bisherigen Weg nicht weiterbringen“ (S. 64).

Schülerinnen bei Hausaufgaben in der Schule
© Britta Hüning

Und wie schaffen Lehrerinnen und Lehrer Platz für individuelle Lernzeiten? Beim Sichten der Tagesabläufe fällt auf, wie vor allem die Planungen der Stunden so verändert wurden, dass Freiräume entstanden. Das heißt: In der Rhythmisierung liegt die Chance für eine veränderte Aufgabenpraxis. Die Friedrich-Wöhler-Schule in Kassel ist zum Beispiel so vorgegangen, dass sie die sechs 45-minütigen Unterrichtsstunden zu zwei 80-minütigen Unterrichtsblöcken zusammengezogen hat. So konnten pro Unterrichtsblock zehn Minuten für individuelle Lernzeiten gewonnen werden.

Forscheraufgaben, Wochenarbeit und Rechnen beim Einkaufen

Die Grundschule Bad Oldesloe wiederum arbeitet in den Fächern Deutsch und Mathematik mit differenzierten Wochenaufgaben, die die Kinder an drei Tagen in einer vorher festgelegten Zeit bearbeiten. Jede Wochenarbeit ist mit einer Selbsteinschätzung der Kinder und einer Rückmeldung durch die Lehrkraft verbunden. Ergänzend dazu erhalten die Schülerinnen und Schüler eine verpflichtende Forscheraufgabe, die im Unterricht gemeinsam besprochen, aber eigenständig zu Hause erledigt wird. „Hierbei handelt es sich um Aufgaben, die die Kinder anregen sollen, etwas zu entdecken, zu sammeln, zu lesen, zu beobachten etc.“ (S. 118).

Schüler bei Hausaufgaben in der Schule
© Britta Hüning

Dagegen besteht die Freiherr-vom-Stein-Schule in Rodgau auf Hausaufgaben – aber auf ganz besonderen. Sie werden auf S. 111 aufgelistet und lauten zum Beispiel: Lesen, Gesellschaftsspiele, Miteinandersprechen, Erzählen, Rechnen beim Einkaufen, Einkaufszettel schreiben.

Aha, wird mancher nun aufatmen: Da haben die Eltern zu Hause ja doch noch etwas zu tun. Eltern nämlich stehen Hausaufgaben, wie die Autoren herleiten, höchst zwiespältig gegenüber. Einerseits fürchten Mütter und Väter den fast täglichen Kampf um die Hausaufgaben, der nicht selten auch die Wochenenden beeinträchtigt. Andererseits argwöhnen sie, dass sich mit Abschaffung dieser leidigen Pflicht das „Fenster zur Schule“ (S. 19) endgültig schließt.

„Ich genieße, dass mein Kind frei hat“

Wenn Eltern noch keine Alternativen zu Hausaufgaben erlebt haben (wie etwa das Logbuch, das die Kinder zur Information der Eltern mit nach Hause bekommen), dann sind sie mehrheitlich gegen die Abschaffung von Hausaufgaben (vgl. S. 136). Eltern müssen folglich bei diesem Paradigmenwechsel unbedingt mitgenommen werden, um Transparenz und Akzeptanz zu schaffen, mahnen die Autoren. Es brauche seine Zeit, bis das Verständnis von Eltern über Schule nicht mehr durch die Trennung von Unterricht und Üben zu Hause bestimmt wird. Neue Fenster müssten sich erst öffnen, bevor eine Mutter, nachdem sie die Lernzeiten an der Willemerschule in Frankfurt am Main kennengelernt hat, sagen kann: „Ansonsten möchte ich als Mutter keine Hausaufgaben zurückhaben. Ich genieße, dass mein Kind frei hat, wenn es aus der Schule kommt und wir entspannt unseren Tag verplanen können, wenn wir das möchten.“ (S. 107)

Schülerinnen und Schüler bei Hausaufgaben in der Schule
© Britta Hüning

Fazit: Wendelin Grimm und Gunhild Schulz-Gade machen in ihrem gut strukturierten, anschaulichen und lebendigen Plädoyer für die Integration von Lernzeiten in den Ganztag deutlich, dass man auf Hausaufgaben nicht nur verzichten kann, sondern dass diese auch kontraproduktiv für das engagierte Lernen von Kindern sein können. Sie bieten Impulse zur Schulentwicklung und bringen gut nachvollziehbare Beispiele sowohl für eine stärkere Individualisierung von Unterricht als auch für neue Formen der Kooperation mit Eltern. Dabei wird stets deutlich, dass Lernzeiten nicht additiv gedacht werden dürfen, sondern didaktisch und methodisch eine Einheit mit Unterricht sind. Ihr Buch ist eines, das den Titel Praxisleitfaden verdient hat. Nicht zuletzt greifen die Autoren das Unbehagen mancher auf, die sich fragen, ob bei so viel individuellem Lernen nicht eine Leistungsnivellierung in Kauf genommen werden muss. Ihre Antwort: „Im Gegenteil, es führt sogar zu einer größeren Leistungsheterogenität. Und man lese und staune: auf höherem Niveau!“ (S. 141)

Wendelin Grimm & Gunhild Schulz-Gade (2015). Übungs- und Lernzeiten an der Ganztagsschule. Ein Praxisleitfaden zur Integration von Hausaufgaben in den Ganztag. Schwalbach/Ts.: debus Pädagogik.

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