„Ein Sportverein ist immer dabei“

Wie finden Vereine und Ganztagsschulen gemeinsam zum richtigen Rhythmus? Antwort auf diese und viele andere Fragen zu den Möglichkeiten und Herausforderungen der Kooperation bot die Fachtagung „Sportvereine und Ganztagsschulen“ des Württembergischen Landessportbundes e.V. am 24. April in Stuttgart.

14 Workshops bot der Veranstalter, und „wir haben die Qual der Wahl“, merkte ein Schulleiter an. Denn die Themenpalette war ebenso lang wie spannend. Sie reichte von konkreten Überlegungen „Sport, Spiel und Spaß mit Nichts“ über die Frage, wie Handball, Fußball, Tischtennis oder Tennis in den Ganztag integriert werden
können, bis hin zu Informationen über die „Motorische Grundlagenausbildung im Ganztag “.

Publikum beim Vortrag
Vortrag von Prof. Dr. Ivo Züchner auf der Fachtagung© Stephan Lüke

„Ohne Moos nix los“ – davon wissen auch viele Ganztagsschulen und Sportvereine ein Lied zu singen. In seinem Workshop über Finanzierungsmöglichkeiten machte Jürgen Heimbach vom Württembergischen Landessportbund (WLSB) auf die Unterscheidung zwischen der Finanzierungsmöglichkeit für Ganztagsgrundschulen nach dem neuen Schulgesetz und den anderen (älteren) Ganztagsschulen aufmerksam. Heimbach: „Die Monetarisierung ist nur an Ganztagsschulen nach dem neuen Schulgesetz aus dem Jahr 2014 möglich.“ Alle anderen Möglichkeiten wie Jugendbegleiterprogramm, Lehrbeauftragtenprogramm, Flexible Nachmittagsbetreuung, Kooperation Schule und Verein gelten für die Ganztagsschule nach altem Modell.

Finanzfragen beschäftigen auch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Workshop „Wie soll ich mich verhalten – Rahmenbedingungen in der Schule.“ Doch nicht nur darauf gingen Katja Volk und Ralf Bartmann vom Regionalteam Sport im Staatlichen Schulamt Albstadt ein. Im schulrechtlichen Teil stand das Thema Aufsichtspflicht im Fokus des Interesses.

Regen Zulauf erfreuten sich die Präsentationen unterschiedlicher Landessportverbände. Dabei hatte der Veranstalter Wert darauf gelegt, dass nicht nur die „führenden“ Sportarten vertreten waren. Eine der sogenannten „Trendsportarten“, die die Gelegenheit nutzten, sich zu präsentieren, vertrat der Baden-Württembergische Triathlonverband e.V. Dessen Vizepräsident, Reimund Mager, hob gegenüber www.ganztagsschulen.org hervor: „Wenn wir uns in den Ganztagsschulen engagieren, haben wir eine Chance, Kinder zu erreichen, die sonst nicht zum Triathlon gekommen wären.“

„Echte Kooperation entsteht, wenn beide ein gemeinsames Ziel verfolgen“

Mit Spannung hatten die Tagungsgäste den Hauptvortrag des Erziehungswissenschaftlers Prof. Dr. Ivo Züchner von der Philipps-Universität Marburg „Kooperation von Sportvereinen und Ganztagsschulen: Strukturen, Möglichkeiten und Herausforderungen“ erwartet. Im Interview mit der Redaktion  www.ganztagsschulen.org erläutert der langjährige Mitarbeiter der „Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen“ (StEG), welche Potentiale die Kooperation mit dem organisierten Sport bereit hält und warum Bewegung zur Ganztagsschule gehört.

Online-Redaktion: „Ohne Sport nix los?" überschrieben Sie ein Kapitel Ihres Vortrages. Welche Rolle nimmt der Sport unter den Kooperationspartnern von Ganztagsschulen ein?

 Ivo Züchner
Prof. Dr. Ivo Züchner© Ralf Augsburg

Prof. Ivo Züchner: Sport ist das häufigste Ganztagsangebot an Schulen und wird von den Ganztagsschülerinnen und -schülern auch an häufigsten genutzt. Und wenn Schulen mit Kooperationspartnern zusammenarbeiten, dann ist fast immer auch ein Sportverein dabei. In Baden-Württemberg findet laut Schulleitungsbefragung der StEG-Studie von 2012 an 70 Prozent aller Ganztagsschulen mindestens ein Kooperationsangebot von einem Sportverein statt. Damit sind diese Kooperationen häufiger als Kooperationen mit alle anderen Kooperationspartnern.

Online-Redaktion: Welche Ursachen sehen Sie, dass der Sport so herausragt?

Züchner: Sport ist als AG schon lange in vielen Schulen vorhanden. Er trifft die Interessen und Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen, gerade im Gegensatz zum Unterricht. Sportangebote sind für Eltern mittlerweile ein Grund, eine bestimmte Schule auszuwählen. Es gibt Kooperationspartner, die stärker in die Schule hineinwirken als der Sport, wie zum Beispiel andere Träger der Jugendarbeit, aber kaum welche, die sich dieser Beliebtheit bei einer großen Mehrheit der Schülerinnen und Schüler erfreuen.

Online-Redaktion: Wie kann der Ausbau des Ganztags durch Sportangebote bereichert werden?

Züchner: Das eine sind die Angebote, die die Sportvereine für ihre Sportart oder auch Sportart übergreifend für Schülerinnen und Schüler unterbreiten und die diese zumeist auswählen können. Darüber hinaus  können Sportvereine durch ihr Engagement in Schulen auch dafür sorgen, dass das Thema Sport und Bewegung mehr zum Thema der Ganztagsschule wird. Durch eine Aufmerksamkeit und Offenheit von Lehrkräften und anderem pädagogischen Personal, aber auch durch eine entsprechende Gestaltung von Schulgebäuden und Pausengeländen können vielfältige Anreize für Eigenaktivität in Sport und Bewegung gesetzt werden.

Online-Redaktion: Wie können Sportvereine in der Kooperation mit Ganztagsschulen einen Beitrag zum informellen Lernen leisten?

Junge mit Fußball
© Britta Hüning

Züchner: Informelles Lernen kann man nicht wirklich planen, man kann nur Gelegenheit dafür geben. Neben den Sportangeboten bieten die angesprochenen Gelegenheiten, sich zu bewegen, aber auch eine sportanregende Umgebung wertvolle Chancen: sich auszuprobieren, seinen Körper zu erfahren, mit dem Körper Welt zu erfahren oder sich für gemeinsame Sportaktivitäten erst einmal zu organisieren und abzusprechen. Und darin liegen natürlich Chancen für bedeutsame Lernprozesse, auch wenn diese natürlich nicht garantiert werden können.

Online-Redaktion: Reicht die Kooperation mit Vereinen und damit eine Ausweitung des Sports aus? Oder sollte Ganztagsschule insgesamt bewegter und bewegender sein?

Züchner: Das hängt davon ab, was man mit der Ganztagsschule erreichen will. Aber sicher gibt es gute Gründe, in einen bis 16 Uhr dauernden Schultag bis 16 Uhr aktiv  Bewegung hineinzubringen. Unterricht und andere Angebote zielen häufig eher auf Ruhe, Konzentration und Stillsitzen. Entsprechend sind  Bewegungsmöglichkeiten,  bis auf die Pausen, eher eingeschränkt.

Es gibt mittlerweile viele gute Beispiele,  Bewegungsmöglichkeiten im Schulgebäude oder auf dem Außengelände auszubauen. Aber auch der Unterricht kann viel bewegungsreicher organisiert werden. Ich bin kein Mediziner. Aber ich bin der Meinung, dass Schule auch die Verantwortung hat, für hinreichende Bewegung und Bewegungsmöglichkeiten zu sorgen.

Online-Redaktion: Wie kann aus Zusammenarbeit echte Kooperation zwischen Ganztagsschulen und Vereinen erwachsen?
 
Züchner: Echte Kooperation entsteht für mich, wenn beide Partner ein gemeinsames Ziele verfolgen und dafür zu einem gewissen Grad auch Verantwortung beziehungsweise Entscheidungshoheit abgegeben. Das ist gerade im Kontext Schule nicht einfach. Das heißt Mitbestimmung für Vereine auch in der Schule.

© Britta Hüning

Und andersherum bedeutet das Einlassen der Vereine auf Schule mehr als die bloße Orientierung an Mitgliedergewinnung. Dazu braucht es gemeinsame Orte der Beratung und Abstimmung, sei es in Steuerungsgremien der Schule oder auf regionaler Ebene, in der Kommune, in gemeinsamen Planungs- und Gestaltungsprozessen für eine Bildungslandschaft, in der sich Partner treffen und kennenlernen, Standpunkte austauschen und gemeinsame Ziele verabreden.

Online-Redaktion: Ein Blick nach vorne: Welche Perspektiven für die Kooperation von Sportvereinen und Ganztagsschulen wagen Sie?

Züchner: Ich vermute, dass wir in einigen Jahren gar nicht mehr so sehr von Ganztagsschule sprechen, sondern von Schule und ihren vielfältigen Angeboten, die es neben dem Unterricht gibt und die auch dann noch zwischen den Schulen sehr unterschiedlich sein werden. Ich sehe weiterhin eine starke Rolle des Sports, zum einen, weil er den Kindern und Jugendlichen attraktive Angebote macht und diese in den Schulen auch gut zu erreichen sind. Zum anderen wird sich auch der Sport immer stärker auf die Schulen zu bewegen.

Dabei werden die Aufgabenbreite und die Handlungsfelder der Sportvereine vielfältiger, weil sie nicht einfach nur das machen können, was sie ansonsten im Verein tun. Und es wird einen gewissen Professionalisierungsschub auf Seiten der Vereine geben, da sie immer stärker auf die Verlässlichkeit, die Qualifikation des Personals und die strukturellen Absicherungen ihrer Angebote achten und darüber hinaus in gemeinsame Organisationsprozessen eingebunden sein werden.

Zur Person:

Prof. Ivo Züchner, Jg. 1971, ist Erziehungswissenschaftler und seit 2013 Professor für außerschulische Jugendbildung an der Philipps-Universität Marburg. Er war zuvor von 2009 bis 2013 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung in Frankfurt am Main sowie von 2003 bis 2007 Wissenschaftlicher Referent am Deutschen Jugendinstitut in München. Er ist langjähriger Mitarbeiter der „Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen – StEG“. Seine Forschungsschwerpunkte sind u.a.  Bildung im Kindes- und Jugendalter, Ganztagsschule sowie Ausbildung und Arbeitsmarkt für pädagogische/soziale Berufe.

Literatur:

Grgic, M. & Züchner, I. (2013) (Hrsg.). Medien, Kultur, Sport. Was Kinder und Jugendliche machen und ihnen wichtig ist. Die MediKuS-Studie. Weinheim: Beltz Juventa.

Rauschenbach, Th. & Züchner, I. (2011). Bewegung, Spiel und Sport im aktuellen Bildungsauftrag der Ganztagsschule. In R. Naul (Hrsg.), Bewegung, Spiel und Sport in der Ganztagsschule. Bilanz und Perspektiven (S. 14-29). Aachen: Meyer & Meyer.

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