„Eine gute Ganztagsschule nimmt alle Kinder an“

Die Jahrestagung des Ganztagsschulverbandes Hessen „Ganztagsschule und Lernkultur“ stieß auf ein riesiges Echo. Im Gespräch mit www.ganztagsschulen.org zieht der Vorsitzende Guido Seelmann-Eggebert Bilanz.

Online-Redaktion: Herr Seelmann-Eggebert, als Sie vor knapp drei Jahren als Rektor und Lehrer in den Ruhestand gingen, bezeichneten Lokalzeitungen Sie als „Mister Ganztagsschule". Der Hintergrund ist, dass sie maßgeblich dazu beigetragen haben, die Hermann-Ehlers-Schule zur ersten Wiesbadener Ganztagsschule weiterzuentwickeln. Was gab vor 30 Jahren den Ausschlag, den Ganztag einzuführen?

Guido Seelmann-Eggebert: Nachdem ich Anfang der 1970er Jahre als Student mit einem Lehrauftrag an einer Frankfurter Ganztagsschule erste Erfahrungen mit der Ganztagsschule sammeln konnte, hat mich das Thema nicht mehr losgelassen. Ich sah die positiven Wirkungen für Schülerinnen und Schüler, aber genauso für Lehrerinnen und Lehrer.

Guido Seelmann-Eggebert beim Eröffnungsvortrag der Jahrestagung© Guido Seelmann-Eggebert

Als ich 1980 an die Hermann-Ehlers-Schule in Wiesbaden kam, befand sich die in einem beklagenswerten Zustand. Starker Schülerrückgang, demotivierte Kolleginnen und Kollegen. Das führte zu der Erkenntnis, dass wir eine neue Idee für die Schule brauchten, um den Standort überhaupt zu sichern. Mit meinen Erfahrungen in der Ganztagsschule konnte ich die Mehrheit des Kollegiums überzeugen, dass der Weg in eine Ganztagsschule erfolgversprechend für die Weiterentwicklung der Schule sein könnte.

Diese Diskussion führte zu einem Innovationsschub an der Schule. In vielen Gesprächen, aber auch Auseinandersetzungen haben wir ein innovatives Konzept für eine Ganztagsschule entwickelt. Mit Unterstützung der Stadt Wiesbaden konnten wir auch das Hessische Kultusministerium überzeugen, der Hermann-Ehlers-Schule den Titel „Ganztagsschule” zu verleihen. Danach entwickelten sich die Schülerzahlen sehr positiv, sodass die Schule bald darauf auch den Antrag zur Integrierten Gesamtschule stellte.
 
Online-Redaktion: Nun sind Sie kein Schulleiter mehr, dafür aber Vorsitzender des Hessischen Ganztagsschulverbandes. Wo sehen Sie aktuell die größten Herausforderungen für Ganztagsschulen? In Hessen, aber auch bundesweit?

Seelmann-Eggebert: Die größte Herausforderung sehe ich darin, im bundesweiten Vergleich beim Ausbau gebundener Ganztagsschulen wieder nach vorn zu kommen. Hier in Hessen wurde schließlich der Ganztagsschulverband vor über 50 Jahren gegründet, und Hessen hatte Ende der 1950er in Frankfurt und Kassel die ersten Ganztagsschulen, als das für die meisten Bundesländer noch gar kein Thema war. Doch dann gab es einen folgenschweren Stillstand. Andere Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen, Berlin oder Niedersachsen haben die Herausforderung Ganztagsschule angenommen und Hessen weit überholt. Ich bin jedoch vorsichtig optimistisch, dass es uns über den Bildungsgipfel gelingt, die gebundene und rhythmisierte Ganztagsschule wieder in den Fokus bildungspolitischer Entwicklungen zu rücken.

Online-Redaktion: Was leistet eine gute Ganztagsschule?

Seelmann-Eggebert: Eine gute Ganztagsschule schafft förderliche Lernbedingungen durch ein gut durchdachtes und schülerfreundliches Rhythmisierungskonzept. Das Mehr an Zeit im Tagesablauf erlaubt ein entspanntes Lernen gegenüber dem Zeitdruck der Halbtagsschule, aber auch gegenüber offenen Modellen, die ja Rücksicht auf die Kinder nehmen müssen, die die Schule weiterhin als klassische Halbtagsschule nutzen.

Schulklasse
© Britta Hüning

Eine gute Ganztagsschule ist Lern- und Lebensraum, aber auch Erfahrungs- und Kulturraum. Eine gute Ganztagsschule entwickelt eine förderliche Schul- und Lernkultur durch die Betonung von Formen des selbstständigen und eigenverantwortlichen Lernens.

Eigenverantwortliches Arbeiten in Ateliers, Lernbüros, Werkstätten, Bibliotheken und Computerräumen unterstützt diesen Prozess. Die Trennung von Lernen in der Schule und Üben zu Hause wird aufgehoben durch die Einrichtung von Lernzeitmodellen. Aus der Kurzstunde von 45-Minuten-Einheiten werden Doppelstundenmodelle oder die 60-Minuten-Stunde mit ihren flexiblen Möglichkeiten.

Eine gute Ganztagsschule nimmt alle Kinder an, mit oder ohne Beeinträchtigungen. Die Inklusion ist an guten Ganztagsschulen eher zu verwirklichen. In einer guten Ganztagsschule arbeiten Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher, Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen sowie weitere Berufsgruppen gemeinsam und auf gleicher Augenhöhe an einem gemeinsamen Ganztagskonzept kooperativ zusammen.

Online-Redaktion: In Hattersheim fand vor einigen Tagen die Landesverbandstagung des Ganztagsschulverbandes Hessen statt. Was sind für Sie die wertvollsten Erkenntnisse?

© Britta Hüning

Seelmann-Eggebert: Die unglaublich hohe Anzahl von Anmeldungen, die wir nicht alle berücksichtigen konnten, zeigt überdeutlich das hohe Interesse der Kolleginnen und Kollegen, aber auch der Mitarbeiter kommunaler Einrichtungen wie Horte an einem regionalen Austausch, an Fortbildung zu Fragen der Ganztagsschulentwicklung, am Kennenlernen von Ganztagsmodellen und erfolgreicher Praxis. Wenn der Umbau von der Halbtags- zur Ganztagsschule gelingen soll, dann sind solche Fortbildungsveranstaltungen und Fachtage zwingend notwendig.

Online-Redaktion: Überschrieben war die Tagung mit dem Titel „Ganztagsschule und Lernkultur - Ganztagsschule im Spannungsfeld von individualisiertem und gemeinsamem Lernen". Gelingt den hessischen Ganztagsschulen der Spagat im beschriebenen Spannungsfeld?

Seelmann-Eggebert: Das kann ich nicht abschließend beurteilen. Es gibt bereits eine Reihe von Ganztagsschulen in Hessen, die in dem Prozess schon weit fortgeschritten sind. Aber natürlich sind das nicht alle. Es gibt aber offensichtlich in allen Schulformen ein starkes Bedürfnis, stärker in diese Richtung zu arbeiten.

Online-Redaktion: Oft wird bei der individuellen Förderung an die Unterstützung Leistungsschwächerer gedacht. Verstehen Sie die Sorge von Eltern, die Förderung Leistungsstärkerer werde aus dem Blick verloren?

Seelmann-Eggebert: Eine gute Ganztagsschule entwickelt eine Förder- und Forderkultur. Individuelle Förderung bedeutet daher nicht nur die Unterstützung eher leistungsschwächerer Schülerinnen und Schüler. Die Förderung leistungsstarker Schülerinnen und Schüler muss an einer Ganztagsschule gewährleistet sein. Das ist eine große Herausforderung für die Schulen.

Online-Redaktion: Was bedeutet für Sie „gelingende Lernkultur"?

Seelmann-Eggebert: Voraussetzung für eine gelingende Lernkultur ist ein gemeinsamer Konsens im multiprofessionellen Kollegium über die Ziele und wie sie erreicht werden sollen. In der Auseinandersetzung mit den jeweiligen Umfeldbedingungen bildet jede Einzelschule ihre eigene Lernkultur aus. Dies äußert sich in Konzepten zur Schulgestaltung, in besonderen pädagogischen Maßnahmen oder in Formen der Kooperation.

Blick in den Zuschauerraum
Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Jahrestagung© Guido Seelmann-Eggebert

Online-Redaktion: Immer wieder kam bei der Tagung das Thema Hausaufgaben auf. Darf es sie und damit den Begriff in der Ganztagsschule eigentlich noch geben?

Seelmann-Eggebert: Hausaufgaben sollte es an Ganztagsschulen in der traditionellen Form nicht mehr geben. Ziel einer Ganztagsschule ist es ja gerade, Hausaufgaben zu Lernzeiten zu entwickeln, die im rhythmisierten Tagesablauf zu unterschiedlichen Zeiten stattfinden. Ganztagsschule heißt auch viel Üben und Wiederholen, aber nicht zu Hause, sondern in der Schule.

Es bleiben aber immer auch noch Aufgaben für daheim. Vokabeln lernen, Vorbereitung auf eine Klassenarbeit oder Recherchieren, Umfragen durchführen und Ähnliches. Alles aber im überschaubaren Rahmen. Insgesamt soll nach Unterrichtsschluss wirklich die Freizeit beginnen.
 
Online-Redaktion: Wenn Sie auf die Tagung zurückblicken: Wo drückt Schulen, Eltern, aber auch Schülerinnen und Schüler der Schuh am stärksten? Und was ist dagegen zu tun?

Seelmann-Eggebert: Die ganztägig arbeitenden Schulen in Hessen brauchen eine angemessene personelle Ausstattung. Sie brauchen Spielraum für ein gutes Konzept. Das ist auch für die Schülerinnen und Schüler manchmal unbefriedigend. Es gibt mitunter Schulen, die lieber wieder als traditionelle Halbtagsschulen arbeiten wollen.

Online-Redaktion: Was möchten Sie mit dem Landesverband im kommenden Jahr erreichen?

Seelmann-Eggebert: Wir wünschen uns, dass wir die Landesregierung von der Notwendigkeit echter und  rhythmisierter Ganztagsschulen überzeugen können und unseren Wünschen entsprechend der Ausbau in Angriff genommen wird. Auch unser Land muss den Kindern faire und gerechte Bildungschancen geben, um den Abbau schulischen Scheiterns zu forcieren, die aktive Teilnahme an gesellschaftlichen Prozessen zu ermöglichen und die Integration von Kindern gerade auch mit Migrationshintergrund zu fördern. Daran wollen wir gerne arbeiten.

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