„Klasse Schule – so baut die Welt“

Schulen sollten nicht nur schön oder zweckmäßig sein – sie müssen in anderen Teilen der Welt auch vor Hochwasser, Hitze und Erdbeben schützen. Die Ausstellung „Klasse Schule – so baut die Welt“ im Berliner Institut für Auslandsbeziehungen zeigt noch bis zum 6. April 2015 Schulbauten aus aller Welt.

In der Bucht des nigerianischen Lagos schwimmt eine zehn mal zehn Meter breite Holzkonstruktion aus Holz und Plastiktonnen. Auf diesem schwimmenden Floß ist ein Spitzdach aufgebaut. Innerhalb dieser A-förmigen Konstruktion sind drei Ebenen vorhanden: Im Erdgeschoss findet man einen begrünten Pausenhof, während in den oberen beiden Etagen Klassenräume untergebracht sind, die Raum für bis zu 100 Schülerinnen und Schülern bieten. Die Kinder und Jugendlichen können hier abseits des Alltagstrubels lernen, und ihre Schule bietet auch einen Schutz vor dem Hochwasser, mit dem die „Floating School“ keinerlei Probleme hat. Geplant wurde sie vom niederländischen Architekturbüro NLÉ, das sie 2012 bis 2013 errichtete.

Außenansicht des Schulgebäudes
Schule in Gando, Diébédo Francis Kéré, 1999-2001© ifa-Galerie Stuttgart

Die Schwimmende Schule ist eines von 20 Beispielen für Schulbauten rund um die Welt und sicherlich eines der spektakulärsten. Studierende und Dozenten der Fachbereiche Architektur und Innenarchitektur an der Universität Stuttgart, der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck und an der Hochschule für Technik Stuttgart haben diese Beispiele zusammengetragen und präsentieren sie in der Ausstellung „Klasse Schule – so baut die Welt“. Diese ist, nachdem sie von Oktober 2014 bis Januar 2015 in Stuttgart gezeigt wurde, noch bis zum 6. April 2015 in der ifa-Galerie Berlin zu sehen.

Die Ausstellung geht auf eine Idee von Iris Lenz, die Leiterin der ifa-Galerie in Stuttgart, zurück. Lenz hatte die Universität Stuttgart angesprochen, ob nicht Interesse an einer gemeinsamen Erschließung des Themas mit Studentinnen und Studenten bestünde. Die Dozenten und etwa 120 Studierende der Universitäten Stuttgart und Innsbruck trugen ab dem Wintersemester 2013/14 die Schulbeispiele zusammen, während die Hochschule für Technik das Ausstellungskonzept und seine Realisierung erarbeitete.

Verknüpfung mit soziokulturellen Themen

Die Studierenden und Dozenten wählten die internationalen Beispiele vor dem Hintergrund aus, ein möglichst breites Spektrum mit ganz unterschiedlichen Schularchitekturen darzustellen. Sie recherchierten, trugen Fotos, Entwürfe, Baupläne und Hintergrundinformationen zusammen. Für einige der Beispiele bauten die Studentinnen und Studenten Miniaturmodelle, um die besonderen räumlichen Konzepte fassbarer zu machen.

Maria-Grazia-Cutuli-Schule, Herat, 2A+P/A, Rom, 2011© Giovanna Silva

An der Hochschule für Technik ging man die Herausforderung an, Architektur für ein breites Publikum zu präsentieren. Die Studierenden fanden Verknüpfungen zu soziokulturellen Themen, die sie als „Brücken“ zu den architektonischen Inhalten wählten. Das Alphabet – die gemeinsame Grundlage des Lernens - wählten sie als Sortierungsprinzip. Der Ausstellungsraum ist wie ein großer Karteikasten in 26 kleine Kabinette gegliedert. Unter dem Buchstaben „A wie Ameise“ sind in der ersten Koje die beiden kleinsten Schulgebäude der Ausstellung zu besichtigen. „P wie Pausenbrot“ widmet sich der Schulpause. Texttafeln und Fotografien der Schulbauten bilden immer das Grundgerüst. Darüber hinaus ermöglichen Objekte und Medien wie Videos zusätzliche Informationen.

„Das Gebäude bewirkt schon selbst Cultur“

„Klasse Schule“ stellt zeitgenössische Schulbauten in Afrika, Asien, Europa und Lateinamerika vor – Architekturen, die mit der regionalen Bau- und Lebensweise harmonieren oder partizipativ zusammen mit Lernenden und Lehrenden entstanden sind. Neben den 20 internationalen Beispielen, die seit 2000 entstanden, werden auch historische Schulbauten gezeigt. Dazu gehören die Bürgerschule in Weimar, die 1822 bis 1825 entstand, oder die Walter Spickendorffs Waldschule in Berlin-Charlottenburg, eine der ersten Freiluftschulen, die schon als Ganztagsschule konzipiert war. Mit dabei sind auch die Geschwister-Scholl-Gesamtschule in Lünen mit einem von Hans Scharoun Ende der 1950er Jahre entworfenen Schulbau und das 1973 gebaute Progymnasium Lorch, heute das Gymnasium Friedrich II. Lorch, das seit dem Schuljahr 2013/14 aufbauend ab Klasse 5 als offene Ganztagsschule arbeitet.

Außenansicht der Brückenschule
Brückenschule in China, Li Xiaodong, Xiashi, 2009© Li Xiaodong

Die 13 „Exemplarischen Schulbauten des 19. / 20. Jahrhunderts“ verhelfen der Ausstellung zu einer interessanten verbreiterten Perspektive: So wird augenfällig, dass nicht nur die Geografie und ihre Anforderungen unterschiedliche Schulbauten entstehen lassen, sondern auch der Zeitgeist, pädagogische und architektonische Strömungen. So ist die Architektur und Konzeption der Bürgerschule in Weimar von den Konzepten der Aufklärung geprägt. War Schulbildung bis dahin weitgehend der Aristokratie vorbehalten, entwickelte sich Ende des 18. Jahrhunderts, als das Bürgertum die Schulbildung einforderte, der Schulbau zu einer öffentlichen Angelegenheit.

„Aller düsteren Dummheit entrückt“

Die dreiflügelige Anlage der Bürgerschule Weimar war in eine Mädchen- und eine Knabenschule unterteilt. Ihr Bauherr war Großherzog Karl August. Johann Wolfgang von Goethe, seit 1775 in Weimar und im Dienst des aufgeklärten Herzogs stehend, hatte den Schulbau beraten, wie in der Ausstellung nachzulesen ist:

„Das Gebäude bewirkt schon selbst Cultur, wenn man es von außen sieht und hineintritt. Die rohsten Kinder, die solche Treppen auf- und abgehen, durch solche Vorräume durchlaufen, in solchen heiteren Sälen Unterricht empfangen, sind schon auf der Stelle aller düsteren Dummheit entrückt und sie können einer heiteren Thätigkeit ungehindert entgegengehen.“

Grundschule in Uto, Kazuhiro Kojima & Kazuko Akamatsu, 2011© ifa-Galerie Stuttgart

Die 1904 entstandene Waldschule in Berlin wiederum atmete den Geist der Reformpädagogik im Volksschulwesen: Koedukation, Ganztagsschule, Unterricht und Mahlzeiten im Freien. Der Unterricht fand in Holzbaracken im Pavillonstil statt, die ab 1950 durch Steinbauten ersetzt wurden. Die Ausstellung macht deutlich, wie pädagogische Ideen und Lernarrangements über die Zeiten und über Kontinente hinweg in Variationen wiederkehren.

So gibt es beispielsweise im 2007 fertiggestellten Ørestad College in Kopenhagen anstelle von Klassenzimmern Lerninseln, auf denen in Gruppen oder individuell gelernt werden kann. Die Schülerinnen und Schüler nutzen aber auch Nischen oder Flure zum Lernen. Riesige Sitzkissen laden zum Lesen, Diskutieren oder schlicht zum Ausruhen ein. Die Brückenschule im chinesischen Xiashi in der Provinz Fujian ist gleichzeitig als Gemeindezentrum konzipiert: Vormittags findet der Unterricht statt, mit Schulende stöbern die Dorfbewohner in der kleinen Bibliothek im Schulgebäude. Die Außenfassaden können geöffnet werden, um Klassenräume für Theatervorstellungen oder Konzerte zu nutzen.

„Bildung gehört visualisiert“

Innenansicht der Schule
Gymnasium in Orestad, 3xn Architekten, 2007 Fertigstellung 2005 © ifa-Galerie Stuttgart

Die Besucherinnen und Besucher lernen auch Herausforderungen für den Schulbau kennen, derer man sich hierzulande weniger bewusst ist: In den palästinensischen Gebieten Ost-Jerusalems ist es gesetzlich untersagt, permanente Strukturen zu errichten: Das Legen von Fundamenten oder das Bauen mit Zement sind verboten. Italienische Architekten und Bauherren haben 2009 in Kooperation mit den Jahalin Beduinen daher eine Schule aus 2.200 alten Autoreifen, Lehm, Erde und Holz gebaut. In Bangladesch ist das Boot Schulbus und Schule zugleich: Solarbetriebene Boote holen jedes Kind einzeln ab und schwimmen auf dem Fluss. An Bord gibt es einen Klassenraum, der 35 Schülerinnen und Schülern Platz bietet, aber auch eine Bibliothek und Computer. Pro Tag werden vier Fahrten mit vier Klassen unternommen. Seit 2001 haben rund 70.000 Kinder und Jugendliche auf dem Wasser gelernt.

Während in Ecuador eine Schule für umgerechnet 650 Euro entstanden ist, baute die Stadt Zürich von 2005 bis 2009 die Schulanlage Leutschenbach für circa 52 Millionen Euro. Architekt Christian Kerez aus Zürich beschreibt den Schulbau, in dem 22 Klassenräume, Kinderhort und -garten, Werkräume, Turnhalle, Schulküche und Mensa, Bibliothek, Mehrzwecksaal und vieles mehr vorhanden sind: „In Schwamedingen leben viele jener Leute, denen man eine bildungsferne Herkunft nachsagt. Für sie baute die Stadt Zürich ein republikanisches Schulhaus. Es ist ein Versprechen: Bildung und ihre Orte gehören visualisiert und zelebriert. Bildung gehört gefeiert.“

Zu der Ausstellung gibt es einen hervorragend gestalteten Katalog (140 Seiten) mit informativen Texten und zahlreichen Fotografien.

Die Ausstellung ist noch bis zum 6. April in der ifa-Galerie Berlin in der Linienstraße 139/140 zu sehen. Dienstags bis Sonntags von 14 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei.

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