Niedersachsen: Auf dem Weg zum Ganztagsschulland

Niedersachsen hat sich aufgemacht, das Ganztagsschulland zu werden. Das versprach die Kultusministerin des Landes, Frauke Heiligenstadt, auf der Bildungsmesse didacta in Hannover.

Gemeinsam mit Katja Frohnwieser (Pfingstbergschule Mannheim), Dr. Alfred Lumpe (Bundesarbeitsgemeinschaft SchuleWirtschaft) und Axel Witt (Unternehmerverbände Niedersachsen) nahm die niedersächsische Kultusministerin Frauke Heiligenstadt am Mittwoch, dem 24. Februar, an einer Diskussionsrunde der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände  (BDA) teil. Sie stellten sich dem Thema „Für mehr gute Ganztagsschulen“.

Diskussionsrunde
Ulrike Plewnia (Moderatorin), Dr. Alfred Lumpe, Frauke Heiligenstadt, Katja Frohnwieser und Axel Witt (v.l.)© Stephan Lüke

Eine große Herausforderung, da war sich die nur selten kontroverse Runde einig. Und ein Kraftakt, den sich die Landesregierung in den kommenden vier Jahren 260 Millionen Euro zusätzlich kosten lasse, betonte die Kultusministerin. „Wenn wir Chancengleichheit umsetzen, wenn wir Leistungsstarke wie Leistungsschwächere fördern und fordern wollen, geht das nur mit gut ausgestatteten und qualitativ guten Ganztagsschulen.“ Der hohe Betrag werde in den kommenden Jahren für gute Angebote in den Schulen, die Arbeit mit wichtigen außerschulischen Partnern, aber auch für die Finanzierung von Personal genutzt.

Eltern wollen die Ganztagsschule

Seit vergangenem Jahr können sich Niedersachsens Schulen wieder auf den Weg zu allen Formen der Ganztagsschule machen: offenen, teilgebundenen und gebundenen. „Immer mehr Eltern wollen die Ganztagsschule für ihr Kind“, meinte sie. Die Kritik, viele offene Ganztagsschulen, seien eigentlich gar keine Ganztagsschulen, mochte sie nicht stehen lassen. Gegenüber www.ganztagschulen.org hob sie hervor: „Unsere Erfahrung zeigt, dass sich viele Schulen, die als offene Ganztagsschule beginnen, bald zu teilgebundenen weiterentwickeln.“

© Deutsche Messe

Hamburg sei da schon ein Stückchen weiter, schmunzelte Dr. Alfred Lumpe. Dort seien die Ganztagsschulen gut ausgestattet. Doch er betonte auch: „Gute Ganztagsschulen brauchen Ressourcen. Aber mehr Lernzeit allein bedeutet nicht automatisch bessere Lernzeit.“ Andere Strukturen, vor allem aber auch eine andere Denkweise seien erforderlich. „Gute Ganztagsschule ist eine Bildungsaufgabe – und zwar vor- wie nachmittags. Das ist nicht billig, aber finanzierbar“, betonte er.

Frauke Heiligenstadt stimmte ihm da grundsätzlich zu. Doch sie schob ein Aber hinterher. Wolle Niedersachsen all jene Aufgaben stemmen, die ein modernes, die Chancengerechtigkeit förderndes Bildungssystem ermöglichten, bedeutete das zusätzliche zwei Milliarden Euro. „Wir brauchen eine gesamtstaatliche Bildungsstrategie. Die Länder allein schaffen das nicht.“ Im Gespräch mit www.ganztagsschulen.org äußerte sich die Kultusministerin „hoffnungsfroh“, dass diese Forderung auf fruchtbaren Boden fällt. „Schließlich hat auch unser Ministerpräsident das Thema auf die Tagesordnung gesetzt. Dabei wird uns die Unterstützung durch die Wissenschaft sicher zugute kommen.“

Qualifizierte Persönlichkeiten

Die von Alfred Lumpe eingeforderte Rhythmisierung und der von der Schule mitgestaltete Nachmittag seien an der Pfingstbergschule in Mannheim eigentlich schon Normalität, versicherte deren Konrektorin  Katja Frohnwieser. Ein besonderes Augenmerk legt die Schule auf die gezielte Berufsorientierung. Dafür ist der Schule Anerkennung gewiss. Erst vor wenigen Wochen hatte Baden-Württembergs Kultusminister Andreas Stoch die Werkrealschule als beste Schule des Landes im Übergang Schule/Beruf ausgezeichnet.

Messebesucherinnen und -besucher
© Deutsche Messe

Mit diesem Hinweis eröffnete Katja Frohnwieser die Diskussion über ein vielen Schulen, vor allem aber Eltern und Jugendlichen unter den Nägeln brennendes Thema: „Was können wir tun, damit nicht wieder wie bei einer Studie des BDA herauskommt, dass sich die Schülerinnen und Schüler nicht ausreichend über Berufsmöglichkeiten und -perspektiven informiert fühlen?“ Denn, auch darüber herrschte Einigkeit: Eine gute Ganztagsschule braucht Berufsorientierung. Darauf verwies unter anderem Axel Witt. Zudem betonte er: „Die Ganztagsschule hat die Chance, Menschen mit Qualifikation, aber auch mit Persönlichkeit hervorzubringen.“

Dass ihre Schule genau darauf achtet, erklärte Katja Frohnwieser. Nicht nur, dass dort das Berufsorientierungsprogramm bereits in Klasse 5 etwa mit Besuchen bei der Feuerwehr starte und kontinuierlich bis zu zwei zehntägigen Praktika in den Jahrgangsstufen 9 und 10 gesteigert werde. Nein, man lege auch Wert auf das Sozialverhalten. „Gute Kopfnoten sind ebenso wie keine unentschuldigten Fehlstunden an Praktikumstagen und 180 Stunden Tätigkeit im sozialen Bereich Bedingung, um einen der 40 Ausbildungsplätze zu erhalten, die ein Ausbildungspakt zwischen Schule und Unternehmen sichert“, berichtete sie.

„Schwimmen lernt man nicht im Sitzen“

© Deutsche Messe

Alfred Lumpe wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass sich in den Unternehmen bereits viel geändert habe. „Sie öffnen sich immer stärker für  engagierte Schulen“, meinte er. Das sei auch wichtig und gut. Schließlich lernten die Schülerinnen und Schüler nicht für die Schule – man müsse stets auch den Anschluss im Blick haben. Damit sei immer sowohl die Ausbildungs- als auch Studierfähigkeit gemeint.

„Schwimmen lernt man nicht im Sitzen. Das gilt auch für die Berufswahl“, so Lumpe. Für die Kultusministerin steht fest, dass eine gezielte Berufsorientierung auch in den Gymnasien verankert werden muss.

Berufsorientierung in die Lehrerausbildung

Rundherum zufrieden mit den Möglichkeiten in Niedersachsen, Schülerinnen und Schüler die Berufsorientierung zu erleichtern, zeigten sich Carl Arend und Arno von Jesche-Neuenroth. Die beiden Pädagogen präsentierten am Stand des Niedersächsischen Kultusministeriums das Konzept BeoLeo (Berufs- und Lebensorientierung) der Integrierten Gesamtschule Franzsches Feld aus Braunschweig. BeoLeo trug dazu bei, dass die Schule 2006 zu den Preisträgern beim Deutschen Schulpreis zählte.

Eingang zur Messe
© Deutsche Messe

Früh werden die Schülerinnen und Schüler an mögliche Berufsfelder herangeführt. Sie nehmen Praktika wahr, die sie möglicherweise niemals freiwillig gewählt hätten. „Auch das Akademikerkind schnuppert mal in einen Ausbildungsberuf hinein“, berichteten die Lehrkräfte. Einen Wunsch an die Landesregierung äußerten die beiden schließlich doch noch: „Wir haben bei der Gestaltung der Berufsorientierung große Freiheiten erhalten. Aber diese wichtige Aufgabe der Schule und damit der dort Tätigen sollte fester Bestandteil der Lehrerausbildung werden. Bislang ist das für Referendare, die zu uns kommen, überhaupt kein Thema.“

didacta für den Austausch von Schulen öffnen

Ebenfalls am Stand des Kultusministeriums treffen wir Bodo Facklam. Für das Niedersächsische Landesinstitut für schulische Qualitätsentwicklung präsentierte er den Bildungsserver des Landes. „Er ist die Anlaufstelle, die Informations-, Kommunikations- und Kooperationsplattform für alle an Bildung Interessierten“, erläuterte er. Die Schulen des Landes und natürlich auch die Ganztagsschulen stünden vor zahlreichen Herausforderungen. Konkret nannte er die Inklusion sowie die neuen Kerncurricula, insbesondere im Fremdsprachenbereich.

„Wir nutzen die didacta, um Lehrerinnen und Lehrer zu informieren und ihr Blickfeld zu erweitern. Die derzeit diskutierte Rückkehr zum neunjährigen Abitur wirft viele Fragen auf, auch weil das Schulgesetz noch nicht verabschiedet ist und deshalb viel Unsicherheit herrscht“, meinte er.

Für manche Pädagoginnen und Pädagogen lohnte sich ein Abstecher zum Ministeriumsstand besonders. So für zwei junge Kolleginnen einer Halbtagsschule. Sie wollten lieber nicht genannt werden, da sie sich vom Besuch der Messe erhofften, Konzepte anderer Ganztagsschulen kennenzulernen, „die uns helfen, unser recht betagtes Kollegium davon zu überzeugen, sich auf den Weg zur Ganztagsschule zu begeben.“

Diese Gelegenheit böten ihnen die anwesenden Schulen. Ihre Hoffnung: „Wenn es nach uns ginge, sollte die didacta noch stärker zu einem Markt der Möglichkeiten, zum Austausch unter den Schulen weiterentwickelt werden.“

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