Zirkuspädagogik: "Jedes Kind hat Erfolgserlebnisse"

Zirkuspädagogik kann Schülerinnen und Schüler für Neues begeistern. Der saarländische Berufsschullehrer und Zirkuspädagoge Peter Oberbillig berichtet im Interview von seinen Erfahrungen.

Online-Redaktion: Herr Oberbillig, wie sind Sie zur Zirkuspädagogik gekommen?

Peter Oberbillig: Ich bin seit 1979 im Schuldienst und unterrichte Sport und Englisch. Vor ungefähr 18 Jahren nahm ich an einer Fortbildung im Bereich Sport zur Zirkuspädagogik teil, zu der mich ein Kollege überredet hatte. Das LPM (Landesinstitut für Pädagogik und Medien, d. Red.) veranstaltete diese Fortbildung, bei der ein Sportlehrer seine Kenntnisse und Fähigkeiten, die er sich selbst angeeignet hatte, weitergab. Ich fand das Ganze sehr beeindruckend und habe sofort Feuer gefangen.

Peter Oberbillig© Zirkusschule HECK MECK

Online-Redaktion: Was begeistert Sie an der Zirkuspädagogik?

Oberbillig: Diese Art der Pädagogik hat einen sehr starken Aufforderungscharakter. Man sieht Dinge, die nicht alltäglich sind, mal etwas komplett Anderes, und möchte das sofort selbst ausprobieren. Ich habe mir gedacht, dass das etwas für meine Schüler sein könnte, und das hat sich auch bewahrheitet.

Online-Redaktion: Was haben Sie mit dem Wissen aus der Fortbildung als nächstes angefangen?

Oberbillig: Ich habe mir zunächst einmal verschiedene Dinge selbst angeeignet, brachte mir das Jonglieren bei und habe mir ein Einrad ausgeliehen, um in den Ferien drei Tage lang einen Sportplatz "umzupflügen". Ich besorgte mir Tücher, Bälle, Keulen und bastelte mir selbst Geräte. Und so ging das immer weiter. Meine damals sechsjährige Tochter war Mitglied in einem Turnverein, in dem nur "das Übliche" geboten wurde. Ich fand das schade und habe vorgeschlagen, in Kooperation mit der Grundschule immer samstags der 1. Klasse das Balancieren, Einradfahren und Jonglieren beizubringen.

© Zirkusschule HECK MECK

Daraus ist ein mittlerweile 18-jähriges Engagement entstanden, das noch immer Bestand hat. Inzwischen habe ich also schon etliche Schülergenerationen mit der Zirkuspädagogik bekannt gemacht. Die Kinder und ich sind anfänglich mit unseren Künsten von Schulen, Kindergärten und Seniorenheimen engagiert worden. Das summierte sich in einem Jahr bis zu 150 Auftritten. Für Jung und Alt war das immer wieder faszinierend.

Online-Redaktion: Sie geben Ihr Wissen nun auch in Fortbildungen weiter...

Oberbillig: Ja, ich habe Fortbildungen für meine eigenen Kollegen gehalten, und das LPM hat mich als Fortbildner engagiert, zum Beispiel am Tag des Berufsschulsports. Ich unterrichte selbst an einer Berufsschule und habe mich dann auch in einer Kommission engagiert, die für die Erstellung eines neuen Lehrplans für das Fach Sport zuständig war. Dort haben wir die Zirkuspädagogik verankert. In dieser Woche werde ich für die Serviceagentur „Ganztägig lernen“ Saarland pädagogische Fachkräfte, die am Nachmittag tätig sind, fortbilden.

Online-Redaktion: Wie kann eine Ganztagsschule die Zirkuspädagogik einbinden?

Oberbillig: Die Schule sollte Zirkuspädagogik zunächst in Form eines Projekts durchführen, das sechs bis acht Wochen dauert. Die Erfahrung lehrt, dass das Ganze ein Selbstläufer wird, bei dem eine ungeheure Dynamik entsteht. Die Schüler kommen fast immer und fragen, ob man das Projekt nicht verlängern könne. Solche Projekte sollten meiner Meinung nach nicht benotet werden. Zum einen halte ich das für eh schwierig, die Leistungen der Kinder und Jugendlichen in diesem Bereich zu benoten, zum anderen steht für mich die soziale Komponente im Vordergrund. Die Erfahrung zeigt, dass schnell eine eigene Dynamik entsteht.

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Im Nachmittagsbereich finde ich es zumindest im Grundschulbereich, wenn die Kinder noch jünger sind, schwierig, weil die Projekte dann oft erst um 15 Uhr starten, wenn die Schüler nach dem Unterricht, dem Essen und der Hausaufgabenbetreuung oft ziemlich fertig sind. Da muss man das Ganze äußerst behutsam angehen. Dann kann es eben sein, dass auch hier diese Dynamik einsetzt und die Kinder auf einmal wieder "warmlaufen". Manche Schulen fragen an, ob ich Blöcke von zwei Stunden anbieten kann. Das macht aber aus meiner Sicht wenig Sinn. Eine Stunde bis 16 Uhr ist genug. Man muss bedenken, dass die Kinder oft schon seit sechs Uhr auf den Beinen sind. Ich biete die Zirkuspädagogik-AG derzeit an einer Grundschule in St. Ingbert an, mit einer Stunde pro Woche.

Online-Redaktion: Müssen die Schulen mit hohen Kosten rechnen, wenn sie Zirkuspädagogik veranstalten wollen?

Oberbillig: Da müssen wir nicht drumherum reden: Zunächst muss Geld in die Hand genommen werden, um eine gute Grundlage an Gerätschaften zu haben. Zum Glück sind die Gerätschaften inzwischen aber alltäglicher und damit billiger geworden. Als ich loslegte, kostete mein Einrad 180 Mark. Heute kann man auch welche ab 30 Euro in Supermärkten bekommen. Es bestehen aber viele Möglichkeiten, benötigte Geräte mit den Kindern und Jugendlichen selbst zu basteln und zu konstruieren. Zum Beispiel gibt es eine Laufkugel, die etwa 400 Euro kostet. Fährt man aber mal zu einem Schrottplatz und besorgt sich da ein 200 Liter-Spundfass, bekommt man die für circa fünf Euro. Die müssen dann noch gereinigt werden, aber ein Vorteil ist, dass darauf dann zwei bis drei Kinder statt nur einem wie bei der Laufkugel laufen können.

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Online-Redaktion: Wie würden Sie beschreiben, was Schülerinnen und Schülern aus der Zirkuspädagogik mitnehmen?

Oberbillig: Dieser Bereich ist so vielseitig, dass jedes Kind unabhängig von seinen motorischen Fähigkeiten etwas findet, mit dem es Erfolgserlebnisse hat, und das relativ schnell. Es ist ein unglaublicher Entwicklungsanreiz für die Kinder. Wenn ich sehe, dass einem Mädchen oder Jungen gerade etwas gelungen ist, ermutige ich sie dazu, ihre Fähigkeiten an Andere weiterzugeben. Dann findet Kommunikation statt, die für mich elementar ist.

Das Schöne ist, dass ehemalige Schülerinnen und Schüler, die vor 18 Jahren mit mir angefangen haben und die jetzt Mitte zwanzig sind, mich heute als Helfer unterstützen, wenn ich Projekte durchführe. Ich finde es toll, dass diese Mitzwanziger nun ihr Wissen so an Grundschüler weitergeben, wie sie es einst selbst erhalten haben. Und hoffentlich geben die heutigen Grundschüler das in fünfzehn Jahren selbst wieder weiter.

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