"Café Beruf" in der Ganztagsschule

An der Johann-Amos-Comenius-Schule in Kassel können Schülerinnen und Schüler mit der Wahl des Faches „Vertiefende Berufsorientierung“ unter anderem ein 18-wöchiges Praktikum über zwei Jahre in einem Betrieb absolvieren.

Es kommt nicht alle Tage vor, dass der Bundespräsident einer Schule gratuliert. Aber am 5. Juni 2014 war es für Schulleiter Volker Lerch von der Johann-Amos-Comenius-Schule in Kassel so weit: Aus den Händen von Joachim Gauck erhielt Lerch die Auszeichnung für den dritten Platz beim Bundeswettbewerb „Starke Schule“. Die Jury hob in ihrer Begründung insbesondere die hohe Zahl von rund 90 Kooperationspartnern und die Intensität der Berufsorientierung an der Integrierten Gesamtschule hervor.

Nach dem Gewinn beim Landeswettbewerb Hessen war dies der zweite bemerkenswerte Sieg der Ganztagsschule in diesem Wettbewerb im vergangenen Jahr. Die beiden Auszeichnungen gehören zu einer ganzen Reihe von Würdigungen der Schule im Stadtteil Niederzwehren für ihre Berufsvorbereitung. Und sie sind Lohn einer kontinuierlichen Arbeit über Jahre. Bereits 2009 hatte die IGS am „Starke Schule“-Wettbewerb der Hertie-Stiftung teilgenommen und damals den fünften Rang erreicht.

© IGS Johann-Amos-Comenius-Schule

Die Johann-Amos-Comenius-Schule hilft ihren Schülerinnen und Schülern zum Beispiel mit dem seit 2012 organisierten „Café Beruf“. Hieran beteiligen sich zahlreiche Handwerks- und Industriebetriebe, die Agentur für Arbeit, weiterführende Schulen sowie die Ausbildungsberatung der Handwerkskammer Kassel. Die Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 8 bis 10 können wie auf einer Messe Berufe in „lebenden Werkstätten“ ausprobieren und Informationen zu Ausbildungsinhalten zahlreicher Ausbildungsberufe erlangen. Dazu kommen sie, ihre Eltern und Lehrkräfte mit Ausbildern und Auszubildenden ins Gespräch. Dieser feste Termin im Schuljahreskalender der Gesamtschule ist Volker Lerch zufolge „ein wichtiger Meilenstein im Berufsorientierungskonzept unserer Schule.“

Teilnahme nach Motivation, nicht nach Noten

Ganz besonders aber hebt sich indes die teilgebundene, vierzügige Ganztagsschule von anderen Schulen durch ihre „Vertiefende Berufsorientierung“ ab, die auch eine gewichtige Rolle bei der Jury-Entscheidung im „Starke Schule“-Wettbewerb gespielt hat. Dieses Projekt hat zum Ziel, Jugendlichen über das Betriebspraktikum in der 8. Klasse hinaus einen intensiveren Einblick in Betriebe und Berufe zu ermöglichen, als das gewöhnlich möglich ist.

Carsten Horstmann, Lehrer und Koordinator für Berufsorientierung, ist seit 2009 an der Johann-Amos-Comenius-Schule. „Viele Schüler hatten nach dem Ende der 10. Jahrgangsstufe keine Ahnung von Berufen“, erinnert er sich an die Motivation der Schule, hier verstärkt Mittel und Zeit zu investieren. Im Schuljahr 2010/11 gründete man daher die vertiefende Berufsorientierungsgruppe, für die sich alle Schülerinnen und Schüler bewerben konnten.

© IGS Johann-Amos-Comenius-Schule

Die Teilnahme hängt nicht von bisher erzielten Noten ab, sondern richtet sich nach der Motivation und Belastbarkeit der potentiellen Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Diese findet der Koordinator für Berufsorientierung im Vorfeld gemeinsam mit den Jugendlichen und ihren Eltern in Gesprächen heraus. Die Schülerinnen und Schüler verbleiben bei einer Teilnahme weiter in ihren Klassen. Die Erfahrungen der letzten Jahre haben laut Horstmann gezeigt, dass die Mehrheit der Schülerinnen und Schüler trotz der höheren Arbeitsbelastung ihre schulischen Leistungen verbessern und dabei zugleich ihre Berufswahl zielgerichteter angehen konnten. „Es hat noch nie einen Schüler gegeben, der gesagt hat, dass es ihm zu viel sei“, erklärt der Berufsorientierungskoordinator.

„Ohne Ganztag wäre das nicht zu stemmen“

Schülerinnen und Schüler, die das Fach „Vertiefende Berufsorientierung“ wählen, absolvieren 18 Wochen Praktikum in einem Betrieb. Die 18 Wochen verteilen sich auf zwei Schuljahre in den Jahrgangsstufen 9 und 10, wobei rund 40 Prozent des Praktikums in die Schulferien fallen, sodass sich der Unterrichtsausfall für die Jugendlichen in Grenzen hält. Dadurch muss allerdings auch während der Ferien immer eine Lehrkraft erreichbar für die Betriebe sein. Laut Carsten Horstmann ist das kein Problem, wenn man sich diese „Stallwache“ innerhalb eines Teams aufteilt. „Wir wollen unser Lehrerteam erweitern, um noch flexibler zu werden“, so der Pädagoge.

Durch das längerfristige Engagement in einem Betrieb sollen sich die Chancen auf einen Ausbildungsplatz erhöhen. „Die Firmen wissen, dass diese Jugendlichen wiederkommen und arbeiten sie daher auch richtig ein. Sie kochen nicht nur Kaffee...“, betont Horstmann. „Und die Kinder wachsen mit ihren Aufgaben. Schülerinnen und Schüler mit schwachen Noten oder Verhaltensschwierigkeiten sind wie ausgewechselt.“

© IGS Johann-Amos-Comenius-Schule

Die lange Praktikumszeit optimiert die Einschätzung eigener Neigungen und Fähigkeiten und somit eine erfolgreiche Berufswahl. Da die Schülerinnen und Schüler das Anforderungsprofil des jeweiligen Ausbildungsberufs bereits im Praktikum kennenlernen, kann auch die Zahl der Abbrüche während einer möglichen späteren Ausbildungszeit gesenkt werden. Die „Vertiefende Berufsorientierung“ ist darüber hinaus mit zwei Unterrichtswochenstunden und zwei AG-Stunden im Ganztag verbunden, die jeweils von einer Lehrkraft geleitet werden. Der Ganztagsbereich wird so auch für die Kooperation mit Coaches aus dem Unternehmen und der Agentur für Arbeit genutzt. „Ohne den Ganztag wäre das nicht zu stemmen“, ist Schulleiter Lerch überzeugt.

„Schüler wissen nun genauer, was sie wollen“

Für die „Vertiefende Berufsorientierung“ hat die Johann-Amos-Comenius-Schule ein Curriculum entwickelt, das die Inhalte und Maßnahmen vom Beginn der 9. Jahrgangsstufe bis zum Ende der 10. Klasse Monat für Monat aufschlüsselt. Die Schülerinnen und Schüler lernen unter anderem etwas über Arbeitsschutz und Arbeitssicherheit, Jugendarbeitsschutz und Berufsbildungsgesetz, über den Umgang mit Geld, über Lohn und Einkommen, Tarifverträge und Gewerkschaften. Sie absolvieren ein professionelles Bewerbungstraining mit der Simulation von Bewerbungsgesprächen und informieren sich über Karrierechancen in technischen Berufen. Die Schülerinnen und Schüler erweitern durch die Dokumentation ihrer Praktika ihre Methodenkompetenz, indem sie Präsentationen, Lerntagebücher oder Plakate anfertigen. Nach einer Abschlusspräsentation vor Vertretern von Betrieb und Schule erhalten sie ein Zertifikat, das ihr zusätzliches Engagement und ihre erworbenen Kompetenzen während der Betriebspraktika würdigt.

© IGS Johann-Amos-Comenius-Schule

Eine Besonderheit ist in diesem Zusammenhang das kooperative Bildungsprojekt „Unterricht für Kassel“, das von der Stadt Kassel, dem Staatlichen Schulamt und dem Landkreis Kassel gestartet wurde. Hier kommen ein- bis zweimal wöchentlich Nachwuchsführungskräfte renommierter Kasseler Unternehmen und Einrichtungen in die 9. und 10. Klassen der Gesamt- und Realschulen. Ein Auto-Werk in Baunatal ist seit dem Schuljahr 2011/12 Partner der Johann-Amos-Comenius-Schule. Gemeinsam mit der Schule entwickelte das Firmenteam 17 Unterrichtseinheiten, die in das Curriculum eingeflossen sind. Dazu gehören Module wie „Erfolgreich bewerben“, „Betriebsorganisation“, „Arbeitssicherheit“ und „Teamarbeit“. Inzwischen schickt das Unternehmen jedes Jahr drei bis fünf Mitarbeiter, die in den Berufsorientierungsunterricht integriert sind. „Solchen Leuten hören die Jugendlichen ganz anders zu als uns Lehrern“, beobachtet Carsten Horstmann. „Auch die Besuche in Wolfsburg oder im Werk Baunatal beeindrucken sie.“

Für ihn haben sich die Maßnahmen bereits gelohnt, weil „unsere Schülerinnen und Schüler beim Schulabgang viel genauer wissen, was sie wollen und was sie nicht wollen“. Welche Wirkung die vertiefende Berufsorientierung entfalten kann, schildert Horstmann am Beispiel eines Schülers, der Baggerfahrer werden wolle. „Für ihn war das sonnenklar – es gab für ihn nichts Anderes als Baggerfahrer, Baggerfahrer, Baggerfahrer. Nach der vertiefenden Berufsorientierung ist er dann Erzieher geworden – und glücklich in seinem Beruf.“

Literaturhinweis:
Jung, E., Rottmann, J. & Schlemmer, E. (2011). Förderung von Ausbildungsfähigkeit und Berufsorientierung. Abschlussbericht des Projekts FABiG. PH Weingarten.

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