Jugendarbeit und Ganztagsschule: Spielräume gestalten

Wie steht es um die Kooperation der Offenen Kinder- und Jugendarbeit mit Ganztagsschulen? Was bedeutet das Konzept des Wohlbefindens für die Gestaltung von schulischen und außerschulischen Lern- und Bildungsorten? Was gilt es rechtlich zu beachten? Das 5. Forum Jugendarbeit und Schule lotete diese Fragen am 10. und 11. Dezember 2014 im bayerischen Gauting aus.

Das Gesicht der Kooperation ist bunt. Am Nachmittag des 10. Dezember stellen sich auf dem 5. Forum Jugendarbeit und Schule „Spielräume erkennen, nutzen und gestalten“ im Institut für Jugendarbeit Gauting, der Fortbildungseinrichtung des Bayerischen Jugendrings, sechs Kooperationsprojekte vor.

Roland Herzog von der Jugendbildungsstätte Königsdorf präsentiert zum Beispiel das s.t.e.p.-Seminar zur Berufsorientierung für Jugendliche in 9. Klassen der Real- und Mittelschulen. Mit erlebnispädagogischen Methoden werden Teamfähigkeiten trainiert. Kommunikationsübungen mit Videoanalyse bereiten auf ein Bewerbungsgespräch vor.

© Britta Hüning

Die Pfadfinderinnenschaft St. Georg berichtet über „Girl Scouts@School - Lernen und leben mit allen Sinnen“. Die Pfadfinderinnen beteiligen sich in Schwaben, Franken und München am Modellprojekt „Jugendarbeit und Schule“ des Bayerischen Jugendrings. Die Mädchenarbeit wird inhaltlich, strukturell und räumlich als Bildungsort und -gelegenheit in verschiedenen Ganztagsschulen verankert.

Vielgestaltigkeit der Kooperationen

Der Kreisjugendring Nürnberger Land bildet Kinder und Jugendliche zu Medienscouts aus, um die aktive, kritische und kreative Auseinandersetzung mit den Herausforderungen aktueller Medien und die altersgerechte Weitergabe der gewonnenen Erkenntnisse zu Themen wie Cybermobbing, „Abzocke“, Gewalt und Medien, Datenschutz und sozialen Netzwerken an Mitschülerinnen und Mitschüler, Lehrkräfte oder Eltern zu unterstützen.

Martin Gläser von der Evangelischen Jugend im Dekanat Coburg stellt die JULEICA-Schulung vor, bei der Schülerinnen und Schüler zu ehrenamtlichen Jugendleiterinnen und Jugendleitern ausgebildet werden, die sich dann für ihre Mitschülerinnen und Mitschüler nach dem Motto „Schüler helfen Schülern“ engagieren.

Beim „Respekt“-Projekt der Regionalstelle für Kirchliche Jugendarbeit Main-Spessart begegnen sich in Karlstadt (Landkreis Main-Spessart) Schülerinnen und Schüler der 8. Klassen aus Mittelschule, Realschule, Förderschule und Gymnasium, um gemeinsam Respekt, Achtung und Toleranz zu reflektieren. Und schließlich engagiert sich der Kreisjugendring München-Stadt seit 2001 in der Kooperation der Offenen Kinder- und Jugendarbeit mit Ganztagsschulen. Drei wesentliche Säulen der Zusammenarbeit sind Klassenräte, Klassensprecher-Trainings und politische Bildung.

Rechtliche Fragen im Alltag

Das Forum mit rund 60 Interessierten bildete bereits mit diesem Ausschnitt die Vielgestaltigkeit der Kooperationen von Ganztagsschulen und außerschulischen Partnern ab. Aber die Veranstaltung des Bayerischen Jugendrings, der Bayerischen Kultusministeriums, der Serviceagentur „Ganztägig lernen“ und des Staatsinstituts für Schulqualität und Bildungsforschung belegte auch: Es herrscht noch Verunsicherung bei Kooperationspartnern und solchen, die es werden wollen, was Vertragsabschlüsse und rechtliche Fragen betrifft, etwa Aufsichtspflicht und Versicherungsschutz.

© Britta Hüning

Die Veranstalter hatten mit Julian Hömberg und Steffen Heußner aus dem Bayerischen Kultusministerium und mit Heiko Häußel von der Kommunalen Unfallversicherung Bayern daher Experten zum Thema eingeladen. Die Gesamtverantwortung für die Angebote in der Ganztagsschule trägt die Schulleitung“, stellte Steffen Heußner klar. „Da es sich bei der Ganztagsschule um eine schulische Veranstaltung handelt, gelten die allgemeinen Sicherheitsbestimmungen.“

„Schule ist kein Event-Betrieb“

Auf die ging Heiko Häußel aus Sicht der Unfallversicherung ein. Weil die Ganztagsschule eine schulische Veranstaltung sei, seien die Schülerinnen und Schüler im Rahmen dieser schulischen Veranstaltung ebenso wie auf dem Schulweg versichert. Häußel riet, sich „vor Aufnahme der Tätigkeit eine Unterweisung von der Schulleitung geben zu lassen“. Niemand fange in einem Betrieb an, ohne über die Sicherheitsbestimmungen unterrichtet worden zu sein. So solle es auch in der Schule und dort besonders im Sportbereich als selbstverständlich gelten, sich über die Bestimmungen vor Ort zu informieren.

© Ralf Augsburg

Die außerschulischen Partner hätten Spielräume bei der Ausgestaltung der Angebote, das Engagement entbinde nicht vom Gebrauch des gesunden Menschenverstandes, so der Präventionsexperte Häußel, der selbst einmal als Lehrer gearbeitet hat: „Schule ist kein Event-Betrieb. Sie kommen aus der Ermessensentscheidung, was Sie der Ihnen anvertrauten Schülergruppe an Aktivitäten zumuten können, nicht heraus.“

Zentral sei die Aufsichtspflicht durchaus, aber eine „vollständige, lückenlose Überwachung der Kinder“ sei weder machbar noch gefordert. Man müsse situationsabhängig schauen, wie nah man „dran bleiben“ müsse. „Wenn Schülerinnen und Schüler mit Werkzeugen und Maschinen arbeiten, sich am Wasser oder in der Natur bewegen, erfordert das eine entsprechend engere Aufsicht.“

Das Potenzial in Kooperationen sehen

Das 5. Forum Jugendarbeit und Schule – das erste hatte 2008 stattgefunden – widmete sich nicht nur solchen Alltagsfragen, sondern spannte am ersten Tag auch einen größeren Bogen. So ging es um das Konzept des Wohlbefindens für die Gestaltung von schulischen und außerschulischen Lern- und Bildungsorten oder den Beitrag der Schule zur Entfaltung von Freiräumen und Kreativität.

Prof. Eckart Liebau von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg fragte in seinem Vortrag nach der „Kunst der Schule“. Für den Erziehungswissenschaftler und Inhaber des UNESCO-Lehrstuhls für Kulturelle Bildung soll die Schule auch die Begegnung mit der Lebenswirklichkeit ermöglichen. „Man muss das Potenzial in Bildungslandschaften und Kooperationen sehen.“

Martina Liebe vom Bayerischen Landesjugendring© Ralf Augsburg

Zweitens müsse Demokratiebildung in den Schulen stattfinden, nicht nur theoretisch, sondern praktisch durch Partizipation: „Die Schule muss für die Kinder und Jugendlichen ein beeinflussbarer Raum sein.“ Drittens sollte die ästhetische Bildung einen größeren Raum als bisher erhalten, um „Kreativität“ und „Imagination“ zu fördern. „Besonders dem Theaterspielen kommt hier eine zentrale Rolle zu.“

Viertens lernten die Schülerinnen und Schüler in der Schule die Methoden und Haltung wissenschaftlichen Arbeitens kennen. Eine fünfte Aufgabe sei die Auseinandersetzung mit Religion im Sinne eines reflexiven Umgangs mit den unterschiedlichen Religionen, denn „ohne die Religion kann die Gegenwart nicht verstanden werden“. Aufgabe der Schule sei schließlich auch die Wertevermittlung: „Die Verpflichtung zur Sorge um den Mitmenschen und die Umwelt muss auch in der Schule vermittelt werden.“

Verschiedene Weltzugänge erschließen

In Ganztagsschulen seien diese Aufgaben leichter zu realisieren, weil sie nicht auf den Unterricht reduziert würden, auch wenn der Unterricht zentral bleibe. „Die Ganztagsschule ist besonders, weil sie die verschiedenen Systeme Schule und Jugendarbeit zusammenführt und verschiedene Professionen hier zusammenarbeiten“, führte Liebau aus. Es gebe gute Beispiele, die verschiedenen „Weltzugänge“, wie sie die Schule und die außerschulischen Kooperationspartner repräsentieren, in Ganztagsschulen gemeinsam zu erschließen.

© Spielen in der Stadt

Besonders im Kulturbereich ließen sich derzeit interessante neue pädagogische Kompetenzen finden, die sich laut Liebau „fruchtbar für einen Ganztagsschulunterricht einsetzen“ lassen. „Vieles von dem, was da an Lernprozessen und Persönlichkeitsentwicklung in Ganztagsschulen geschieht, kann man aber nicht à la PISA messen“, so der Erziehungswissenschaftler.

Wohlbefinden junger Menschen stärken

Martina Liebe, Grundsatzreferentin des Bayerischen Jugendrings, widmete sich der „Gestaltung außerschulischer und schulischer Lern- und Bildungsorte aus der Perspektive des Wohlbefindens junger Menschen“. Zum Konzept des „Wohlbefindens“, das für die Jugendarbeit die Grundlage ihres Handelns darstellt, gehören sechs Dimensionen: subjektive Zuversicht und sichere Zukunftsperspektiven, Erfahrungen, die Selbstwirksamkeit ermöglichen, die Qualität von Beziehungen, freie Räume und frei verfügbare Zeit, Wahlmöglichkeit und Entscheidungsfähigkeit sowie faire Zugänge zu Lern- und Bildungsorten. Ganztagsschule müsse daher auch Rückzugsmöglichkeiten für die Schülerinnen und Schüler schaffen, vor allem aber Mitbestimmung und Wahlmöglichkeiten vorsehen. „Es ist wichtig, wenn auch ungemein schwierig, dass Lehrkräfte helfen Lerngelegenheiten zu schaffen, bei denen sie nicht im Mittelpunkt stehen.“

Julian Hömberg, Steffen Heußner und Heiko Häußel (v.l.)© Ralf Augsburg

Die Direktorin des Staatsinstituts für Schulqualität und Bildungsforschung (ISB), Dr. Karin Oechslein, betonte: „Schulleitungen sind heute so frei wie nie zuvor in der Gestaltung ihrer Schule.“ Nicht immer müsse man zuerst fragen: „Wo steht das denn in der Schulverordnung?“ Die Qualität des Ganztags in Kooperation der Jugendarbeit werde vom ISB offensiv angegangen und unterstützt: „Wir wollen das Thema voranbringen.“ Die vom ISB gemeinsam mit dem Kultusministerium erarbeiteten Qualitätsrahmen für Ganztagsschulen sehen denn auch die „aktive Mitgestaltung und Weiterentwicklung der Ganztagskonzeption in enger Zusammenarbeit mit dem Kooperationspartner“ vor.

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