8. Saarländischer Ganztagsschulkongress

"Eine Schule für Alle – Chancen und Grenzen von Inklusion in der Ganztagsschule" lautete das Thema des 8. Saarländischen Ganztagsschulkongresses am 8. November 2014 in Saarbrücken.

Kongress-Logo
© Serviceagentur „Ganztägig lernen“ Saarland

Leitmotiv des 8. Landeskongresses in der Hermann-Neuberger-Sportschule war ein Thema, das landauf, landab diskutiert wird: Inklusion. Fortbildungen der Serviceagentur „Ganztägig lernen“ Saarland, die das Team um Anette Becker zur inklusiven Bildung durchführt, sind regelmäßig ausgebucht. Bildungsminister Ulrich Commerçon wird das Thema in diesem Monat auf zwei Veranstaltungen in Homburg und Saarlouis diskutieren. Deren Titel: „Inklusion – behutsam, aber beherzt!“

Diese Botschaft vermittelte auf dem Kongress auch Christine Streichert-Clivot, Leiterin der Grundsatzabteilung im Ministerium für Bildung und Kultur, mit ihrem Grußwort. „Für uns das keine Frage mehr des Ob, sondern nur noch des Wie“, führte sie aus. „Es handelt sich um einen Paradigmen- und Systemwechsel im Schulsystem, die Abkehr vom selektiven, homogenen hin zum inklusiven, stärkeorientierten Lernen. Der Schlüssel dazu ist die individuelle Förderung.“

Diskussion mit (v. l.) Christine Streichert-Clivot, Markus Fichter (Pestalozzischule Eisenberg), Michael Thieser (Saarländischer Rundfunkt), Andrea Platte, Alexander Westheide (Aktion Mensch) und Klaus Großmann (Brüder-Grimm-Schule Ingelheim) © Ralf Augsburg

Für die Grundschulen gebe es ein Budget für Unterstützungsleistungen und zusätzliche Kompetenzstunden, es werde jahrgangsübergreifender Unterricht mit einer Eingangsphase Klasse 1 bis 3 ermöglicht, zu Leistungsbenotungen kämen kompetenzorientierte Kommentare. Im Schulgesetz sei für das Schuljahr 2016/17 die Ausweitung auf die Sekundarstufe I vorgesehen. „Dann können wir auch auf die Erfahrungen auf die Pilotschulen Inklusion zurückgreifen“, so Christine Streichert-Clivot. Sie dankte der Serviceagentur „Ganztägig lernen“ für die geleistete Arbeit.

Lernen aus der Schülerperspektive

In ihrem Impulsvortrag „Inklusion an der Ganztagsschule“ sprach sich Prof. Andrea Platte von der Fachhochschule Köln für eine „Perspektivenvielfalt schaffende Heterogenität in den Schulklassen“ aus. Sie zitierte den Schweizer Kinderarzt und Bestsellerautor Remo Largo: „Das Ausmaß an Vielfalt ist unvereinbar mit irgendeiner Normvorstellung.“ Und ergänzte: „Die Entwicklungsschere in einer Klasse kann bis zu drei Schuljahre betragen.“ Inklusion heiße nichts Anderes, als einen „willkommen-heißenden Umgang“ mit Heterogenität zu pflegen und Diskriminierungen abzubauen. „Damit dies gelingt, müssen alle pädagogischen Professionen, die Eltern und die Schülerinnen und Schüler in alle Entwicklungsschritte einbezogen werden“, schlussfolgerte Andrea Platte.

Public Viewing  der GemS
Public Viewing in der Gemeinschaftsschule Freisen während der Preisverleihung des Deutschen Schulpreises 2014© GemS Freisen

Lernen solle aus der Schülerperspektive gedacht werden, unter zwei Leitfragen: „Wann lerne ich besonders gut? Wann fällt mir das Lernen schwer?“ Die Schülerinnen und Schüler müssten Teilhabe, Wertschätzung, Gemeinschaftsgefühl und Kompetenzen erfahren. „Individuelle Förderung ist richtig und wichtig“, resümierte Andrea Platte, „aber das Dazugehörigkeitsgefühl ist ebenfalls essentiell.“

Gemeinschaftsschule Freisen: „ Das geht wunderbar“

Den Bogen von der Theorie zur Praxis spannten sieben Foren und zwei Vorträge am Vor- und Nachmittag des Kongresses. Das Diktum von Andrea Platte, es könne „in unserem gegliederten Schulsystem keine inklusive Schule geben“, stellte sich dann im konkreten Einzelfall als zu absolut heraus. Die Gemeinschaftsschule Freisen aus dem Landkreis St. Wendel im nordöstlichen Teil des Saarlandes an der Grenze zu Rheinland-Pfalz, kommt beispielsweise dem Ideal einer erfolgreich arbeitenden inklusiven Schule zumindest sehr nahe.

Rolf Mohr, Schulleiter der Gemeinschaftsschule Freisen© GemS Freisen

Rektor Rolf Mohr, seit 21 Jahren für seine Schule verantwortlich, und Konrektorin Sarah Reinert stellten ihr Differenzierungsmodell vor. Die Hinwendung zu einem inklusiven Unterricht ergab sich vor sieben Jahren nach der Teilnahme der Ganztagsschule an den drei PISA-Erhebungen 2000, 2003 und 2006. „Jedes Mal waren wir nur durchschnittlich – das hat mich wahnsinnig geärgert“, berichtet Mohr. „Ich sah mir die Länder aus Skandinavien an, um deren Erfolgsrezepte zu ergründen. Ich stieß darauf, dass die Klassen bei allen PISA-Siegern heterogen sind.“

Die Gemeinschaftsschule Freisen begann, ihre Klassen ebenfalls ganz bewusst heterogen zu besetzen, und zwar bis in die Tischgruppen hinein, an denen nun die verschiedensten Schülerinnen und Schüler – mit Realschul-, Hauptschul-, Gymnasialempfehlung und sonderpädagogischem Förderbedarf – gemischt sitzen. „Ich höre immer: Das geht nicht“, so Mohr. „Unsere Erfahrungen zeigen: Das geht wunderbar. Es ist das Erfolgsrezept unserer Schule.“ Einer Schule, die inzwischen mehrfach ausgezeichnet und für den Deutschen Schulpreis nominiert worden ist und deren Schülerinnen und Schüler bei Vergleichsarbeiten wie VERA 8 überdurchschnittlich abschneiden.

„Das Arbeiten ist wesentlich entspannter“

Der Schulleiter ärgert sich, dass in den Diskussionen um Inklusion „immer der Rollstuhlfahrer durchs Bild“ rolle, das ginge an der Aufgabenstellung vorbei. „Alle Schülerinnen und Schüler müssen inklusiv beschult werden und daher muss sich auch die Schule den Bedürfnissen und Besonderheiten der Kinder anpassen.“ Homogenität befördere das Lernen nicht, im Gegenteil legten Kinder schon bald Verhaltensweisen an den Tag, die sie mit der jeweiligen Sortierung identifizierten. „Es hat keine fünf Wochen gedauert, dass Schüler, die früher völlig unauffällig und normal waren, nach ihrer Empfehlung für die Hauptschule auf einmal anfingen, aggressiv und desinteressiert zu werden“, erinnert sich Mohr.

Außenansicht der Schule
Schulgebäude der Gemeinschaftsschule Freisen© GemS Freisen

Das gehört der Vergangenheit an. „Alle Besucher sind erstaunt, wie ruhig unsere Schülerinnen und Schüler arbeiten und wie still es im Schulhaus ist“, berichtete der Schulleiter. Was auch daran liege, dass die Schülerinnen und Schüler mehr als früher arbeiten, „und wer mehr arbeitet, lernt auch mehr.“ Frontalunterricht macht rund 25 Prozent der Unterrichtszeit aus, im Vordergrund steht das selbstständige Lernen, oft in der think-pair-share-Methode. Zunächst widmen sich die Kinder in Stillarbeit der Aufgabe, dann diskutieren sie mit ihrem Tischnachbarn oder in der Tischgruppe über die Lösungen und die Lösungswege. Am Schluss präsentieren sich alle gegenseitig ihre Lösungen. „Wir geben den Schülerinnen und Schülern Aufgaben in verschiedenen Schwierigkeitsgraden. Jedes Kind kann sich nach Lösen der Basisaufgaben an den erweiterten Aufgaben versuchen, und die Meisten tun dies und schaffen es auch“, erläuterte Mohr.

„Es hat schon Stunden gegeben, in denen ich nur rumgegangen bin, um zu schauen, wo es Unterstützungsbedarf gab, aber kein einziges Mal nachhelfen musste“, berichtet Konrektorin Reinert. „Das Arbeiten ist wesentlich entspannter, zumal sich manche Schülerinnen und Schüler von selbst anbieten, ihren Mitschülern zu helfen. Aber zur Wahrheit gehört auch, dass wir wesentlich mehr Vorarbeiten leisten müssen, um so differenziert zu unterrichten.“ An der Gemeinschaftsschule Freisen teilen sich die Jahrgangsteams diese Vorarbeiten, jeder übernimmt eine spezielle Aufgabe, die dazu beiträgt, einen Fundus an Materialien aufzubauen.

Individualisierung ist Schlüssel der Pädagogik

Die mit IZBB-Mitteln gebaute Aula Lebach (Landkreis Saarlouis) wird vom Johannes-Kepler-Gymnasium, vom Geschwister-Scholl-Gymnasium und von der Nikolaus-Groß-Schule genutzt © Britta Hüning

Die Schülerinnen und Schüler wiederum sind gehalten, in ihre Lernziele und die erreichten Kompetenzen in Pensenbüchern genau festzuhalten. Sie beschreiben und reflektieren ihren Lernprozess. ihre Kompetenzen zur Lernorganisation, zur Präsentation, zur Informationsbeschaffung und zum kooperativen Lernen. Die Lehrerinnen und Lehrer benoten die Pensenbücher – die Note fließt in die Mitarbeitsnote auf dem Zeugnis ein –, die von den Eltern abgezeichnet werden. Dazu kommen Lerndialoge mit den Lehrkräften und halbjährliche Schüler-Lehrer-Eltern-Gespräche.

Die Gemeinschaftsschule hat nicht alles auf den Kopf gestellt: Hausaufgaben gibt es, Tests und Klassenarbeiten, und der Stundenrhythmus verschiebt sich kaum. Aber Schulleiter Mohr sieht den Ertrag der Individualisierung, die der „Schlüssel zu unserer Pädagogik ist“: „Wir haben 700 Schülerinnen und Schüler. Sie werden niemanden finden, der Löcher in die Luft starrt oder rumschreit. Keiner macht sich einen lauen Lenz.“ Und das schlage sich dann in den Leistungen nieder: 80 Prozent der Realschülerinnen und -schüler besuchen schließlich die gymnasiale Oberstufe, 75 Prozent der Hauptschülerinnen und -schüler eine Berufsfachschule.

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