"Kooperation ist für uns ein Baustein von Qualität"

Am 8. November findet in Hamburg die Ganztagsschulmesse „Qualität durch Kooperation“ statt. Uwe Gaul von der Behörde für Schule und Berufsbildung skizziert im Interview die aktuelle Ganztagsschulsituation im Stadtstaat.

Online-Redaktion: Herr Gaul, am morgigen Samstag findet im „Tor zur Welt“ in Hamburg-Wilhemsburg die Messe für Ganztagsschulen und ihre Partner statt. Welchen Stellenwert hat dieser Termin im Hamburger Ganztagsschulkalender?

Porträtfoto Uwe Gaul

Uwe Gaul: Die Hamburger Ganztagsschulentwicklung setzt sehr stark auf die Kooperation. Wenn man sich unsere Drucksachen ansieht, stellt man fest, dass hier immer der Professionenmix erwähnt wird. Die außerschulischen Anbieter haben eine zentrale Rolle. Kooperation ist für uns ein Baustein von Qualität in der Ganztagsschule. Wir sind der festen Überzeugung, dass Schule den Weg zur Ganztagsschule nicht alleine bewerkstelligen kann und auch nicht sollte. Es sollen andere Kompetenzen aus den Bereichen Kinder- und Jugendkultur, der offenen Kinder und Jugendarbeit und der Kindertagesbetreuung in die Organisation des Ganztagsbetriebes einfließen. Wir wollen diese verschiedenen Partner zusammenbringen, und genau das hat diese Messe zum Ziel.

Neben unserem Ganztagsschulkongress, den wir im Frühjahr veranstaltet haben, ist die Messe die größte Veranstaltung und hat allein schon deshalb einen hohen Stellenwert. Das zeigt sich auch daran, dass unser Bildungssenator Ties Rabe für eine Stunde die Messe besuchen und eine Pressekonferenz zur Bedeutung der Kooperation mit außerschulischen Partnern geben wird.

Online-Redaktion: Was möchten Sie mit der Messe erreichen?

Gaul: In Hamburg ist die Ganztagsschule nun beileibe nichts Neues mehr. Dennoch ist es für manche Schulen noch immer ungewohnt, sich so massiv für die Außenwelt zu öffnen und den Kollegenkreis deutlich zu erweitern. Hamburg hat eine große Vielfalt potenzieller Partner zu bieten, und um diese Partner kennenzulernen, ist diese Messe der richtige Ort.

Schulen bekommen täglich zig E-Mails und Briefe von außerschulischen Anbietern und von Einzelpersonen, die sich vorstellen und ihre Zusammenarbeit anbieten. Auf der Messe kann man sich im persönlichen Gespräch kennenlernen und die Schnittmengen ausloten, jenseits des gewohnten Sozialraums. Gerade im Bereich Kultur ist die Mobilität der Partner besonders ausgeprägt, sodass es kein Problem ist, auch Kooperationspartner aus anderen Stadtteilen zu engagieren. Man muss sie nur kennenlernen.

Online-Redaktion: 124 Hamburger Ganztagsgrundschulen wurden von in diesem Jahr von einer Experten-Arbeitsgruppe besucht. Was war das Ziel dieser Besuche?

Eingang der Louise-Schroeder-Grundschule in Hamburg
Louise-Schroeder-Grundschule in Hamburg © Britta Hüning

Gaul: Der Senat hat eine Qualitätsoffensive angeschoben. Das Ziel der Legislatur, alle Schulen in Ganztagsschulen umzuwandeln, ist mit diesem Schuljahr bis auf wenige Ausnahmen erreicht worden. Der quantitative Ausbau in Hamburg ist somit sehr schnell erfolgt. Nun geht es verstärkt um Inhalte. In diesem Kontext haben die sogenannten Standortbegehungen stattgefunden. Zwischen acht und zwölf Personen haben sich die Ganztagsgrundschulen angesehen. Sie kamen aus Elternvertretungen, Schulaufsicht, Schulleitung, Ganztagskoordination der Schule, Leitungen des Ganztags, von Jugendhilfeträgern und Verbänden sowie der Sozial- und Schulbehörde.

Die Besuche erfolgten nicht im Sinne einer Inspektion, sondern eines kollegialen Austauschs, bei dem auch Ratschläge gegeben werden. Wenn man nach und nach den Überblick über die gesamte Stadt gewinnt, kann man gute Beispiele kommunizieren: „Schauen Sie mal dort vorbei, da wird das Mittagessen so gestaltet“ oder „Kontaktieren Sie doch die Schule, dort können Sie sich etwas von der Freizeitgestaltung abgucken.“

Online-Redaktion: Welche positiven Eindrücke konnten die Arbeitsgruppen aus den Schulen mitnehmen?

Gaul: Es ist ganz grundsätzlich ein sehr großer Schritt, dass nun in der Fläche und für jede Familie erreichbar eine Ganztagsschule vorhanden ist, die ein ganztägiges Angebot von 6 bis 18 Uhr inklusive der Ferien anbietet. Wir sind sozialpolitisch gut aufgestellt, indem alle Kinder und Jugendlichen in Hamburg ein warmes Mittagessen in der Schule erhalten. Diese beiden Bausteine fallen in der qualitativen Debatte immer hintenüber. Aber es handelt sich hier um einen Quantensprung im deutschen Bildungswesen, dies in allen staatlichen Schulen bis zur 10. Klasse ohne Zugangsbeschränkungen umzusetzen.

Bei den klassischen Ganztagsschulen, die bei uns GTS heißen und in denen der gesamte Tag in der Verantwortung der Schule organisiert wird, wachsen die Jahrgänge von unten hoch. Bei den GBS-Standorten – GBS heißt "Ganztägige Bildung und Betreuung an Schulen", und das sind die 124 Standorte, die besucht worden sind – organisieren Schule und ein Träger der Kinder- und Jugendhilfe, meistens die ehemaligen Horte, den Ganztag gemeinsam. Hier wurde die Ganztagsschule nach der Auflösung der Horte auf einen Schlag eingeführt.

Was uns bei den Begehungen auffiel, ist, wie weit nach nur einem Jahr die Schulen ihre Organisationsstrukturen bereits entwickelt haben. Das war schon beeindruckend. Auffallend waren die unterschiedlichen Schwerpunkte in diesen Ganztagsschulen. Einige hatten zum Beispiel sehr gute Freizeitangebote. An vielen Standorten wurde indessen die Erfahrung gemacht, dass man den Tag nicht überorganisieren darf, sondern es auch freie Spiel- und Erholungsphasen geben muss. Da bauen manche Ganztagsschulen ihre Angebote schon wieder zurück.

Online-Redaktion: Was konnten Sie bei der Zusammenarbeit der verschiedenen pädagogischen Professionen beobachten?

Gaul: Eine Zusammenarbeitskultur zu entwickeln ist sicherlich eine elementare Gelingensbedingung. Als der Prozess 2009 einsetzte, gab es viele Vorbehalte und Sorgen in der Jugendhilfeszene. Hier ist es beachtlich, wie es an vielen Standorten nicht nur eine artikulierte, sozusagen gefühlte Partnerschaft der verschiedenen Professionen unter der Überschrift „Wir machen den Ganztag zusammen“ gibt, sondern wie eng und vertrauensvoll die Schulleitungen tatsächlich mit den Leitungen des Ganztagsnachmittags zusammenarbeiten. Auch das am Anfang ganz schwierige Thema Raumdoppelnutzung ist teilweise hervorragend und einvernehmlich gelöst worden.

Online-Redaktion: Und wo gibt es noch Handlungsbedarf?

Mensa der Louise-Schroeder-Grundschule in Hamburg
Louise-Schroeder-Grundschule in Hamburg © Britta Hüning

Gaul: Die Verzahnung von Vor- und Nachmittag ist eine Herausforderung, die noch Zeit benötigt. Da geht es um Entwicklungsprozesse, die sich theoretisch formulieren lassen, aber in der Praxis müssen sich Menschen kennenlernen und aufeinander zubewegen. Da spielen gemeinsame Konferenzen und Fortbildungen eine Rolle. Zurzeit veranstaltet nur die Serviceagentur „Ganztägig lernen“ professionenübergreifende Angebote. Der Senator unterstützt unsere Initiative, dass künftig alle Hamburger Fortbildungsinstitute an einem Runden Tisch solche übergreifenden Fortbildungskonzepte zu Themen wie Hausaufgaben und Lernzeiten entwickeln und koordinieren.

Online-Redaktion: Zielt das Projekt „Vollzeitverträge für qualifiziertes Personal“ auf die Verbindung von Vor- und Nachmittag?

Gaul: Die Erzieherinnen und Erzieher, die ab 13 Uhr in die Schulen kommen, verfügen in der Regel über 20- bis 25-Stunden-Verträge. Das führt aufgrund der geringen Verdienstmöglichkeiten nicht nur zu Unzufriedenheit, sondern auch zu Fluktuation. Hier überlegen wir derzeit, Erzieherinnen und Erzieher, die am Vormittag zum Beispiel für Inklusion und weitere Förderangebote benötigt werden, auch am Nachmittag und damit den ganzen Schultag über einzusetzen. Das geht nicht von heute auf morgen, aber der Senator ist sehr entschlossen, den Erzieherinnen und Erziehern ein gutes Angebot zu machen. Die Idealvorstellung ist, dass eine Ganztagsschule ein System aus einem Guss ist und sich die Frage, wer der Beschäftigungsträger ist, gar nicht mehr stellt.

Online-Redaktion: Sie haben den vollständigen Ganztagsschulausbau in der Hansestadt angesprochen. Wie viele Schülerinnen und Schüler nehmen die Ganztagsangebote wahr?

Gaul: Rund 75 Prozent aller Kinder und Jugendlichen nehmen am Ganztag teil. Das übertrifft deutlich die Prognosen, die 2009 abgegeben worden waren. Dort gingen wir von der 26-prozentigen Betreuungsquote in den Horten aus und prognostizierten rund 40 Prozent Teilnahme an der Ganztagsschule. Schnell wurde uns klar, dass diese Prognose nach oben korrigiert werden muss. Auf den Elterninformationsabenden sahen die Schulen die Resonanz und hörten die artikulierten Bedarfe, sodass wir dann 60 Prozent Teilnahmequote antizipierten.

Messestand
© Serviceagentur "Ganztägig lernen" Hamburg

Aktuell scheint sich der Bedarf bei 75 Prozent zu stabilisieren. Es kann aber auch sein, dass damit das Ende noch nicht erreicht ist. Denn im Rahmen der Begehungen ist uns in den Gesprächen mit den Kindern deutlich geworden, dass sich diese aneinander orientieren. Besucht der beste Kumpel oder die beste Freundin die Ganztagsschule am Nachmittag, dann will man auch dabei sein. Ich rechne also fest damit, dass es hier zu einer weiteren Verschiebung hin zur Ganztagsschule kommen wird.

Online-Redaktion: Welchen finanziellen Beitrag müssen die Eltern in Hamburg leisten?

Gaul: Die Kernzeit von 8 bis 16 Uhr ist für die Eltern bis auf den Beitrag für das Mittagessen kostenfrei. Die sogenannten Betreuungszeiten vor 8 Uhr und nach 16 bis maximal 18 Uhr an fünf Tagen inklusive Ferienzeiten sind sozial gestaffelt kostenpflichtig.

Online-Redaktion: Die Ganztagsschulmesse wird von der Serviceagentur „Ganztägig lernen“ organisiert. Gibt es Pläne, wie die Arbeit der Serviceagentur 2015 fortgeführt wird?

Gaul: Die Serviceagentur ist Teil meines Referats, sie moderiert zentrale Netzwerke und veranstaltet Tagungen wie eben die Messe oder den Kongress. Im Doppelhaushalt 2015/2016 sind die Mittel von Seiten des Landes bereits eingespeist. Unser finanzieller Teil bleibt also auf jeden Fall erhalten und damit auch die Agentur – in welchem Umfang, das werden die Verhandlungen zwischen den Ländern und dem Bund ergeben.

Uwe Gaul leitet in der Behörde für Schule und Berufsbildung (BSB) Hamburg die behördenübergreifende Projektgruppe "Ganztägige Bildung und Betreuung an Schulen" (GBS).

Die Ganztagsschulmesse wird von der Serviceagentur „Ganztägig Lernen“ und dem Referat „Ganztägige Bildung im Sozialraum“ der BSB zusammen mit dem Referat „Deutsch und Künste“, der Kulturbehörde, der LAG Kinder- und Jugendkultur e.V. und Stadtkultur e.V. veranstaltet.

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