Hessen: "Zeit(t)raum Ganztagsschule"

250 Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen zum Landeskongress der Serviceagentur „Ganztägig lernen“ Hessen, um sich über die neuesten Entwicklungen in den Ganztagsschulen des Landes zu informieren.

Nicht zufällig wählte die Serviceagentur „Ganztägig lernen“ Hessen die Stadt Kassel als Veranstaltungsort für ihren diesjährigen Landeskongress „Zeit(t)räume Ganztagsschule. Zeiten planen – Räume gestalten – Beziehungen pflegen“ am 25. und 26. September 2014. Im Juli hat das Hessische Kultusministerium die sechs Regionen bekannt gegeben, die am Pilotprojekt „Pakt für den Nachmittag“ teilnehmen werden. Neben der Stadt Frankfurt, dem Landkreis Bergstraße, dem Landkreis Gießen, dem Landkreis Darmstadt-Dieburg sowie der Stadt Darmstadt gehört auch Kassel zu den Kommunen, die insgesamt 145 zusätzliche Stellen erhalten, um ein „passgenaues und freiwilliges Ganztagsangebot für Bildung und Betreuung“ zu schaffen, wie es das Kultusministerium erklärte.

© Stadt Baunatal

Ziel des „Paktes für den Nachmittag“, der auf dem Landeskongress viel diskutiertes Thema war, ist ein verlässliches Bildungs- und Betreuungsangebot von 7.30 bis 17.00 Uhr. Dafür nimmt das Kultusministerium im Laufe der Legislaturperiode alle Grundschulen auf freiwilliger Basis in das Ganztagsschulprogramm des Landes auf, die an fünf statt wie bisher an drei Tagen in der Woche bis 14.30 Uhr ein ganztägiges Bildungs- und Betreuungsangebot leisten. Im Gegenzug dazu strebt das Land an, mit allen Schulträgern Vereinbarungen zu schließen, um für den Zeitraum von 14.30 Uhr bis 17.00 Uhr und in den Schulferien verlässlich weitere Angebotszeiten sicherzustellen.

Die Stadt Kassel hat bereits seit Jahren den Ganztagsschulausbau gerade auch im Grundschulbereich vorangetrieben – ein Bereich, dem Wolf Schwarz, Leiter des Referats „Innovation und Qualitätsentwicklung, individuelle Förderung, Ganztagsangebote, schulische Integration“ im Hessischen Kultusministerium, für den Rest des Landes noch „Nachholbedarf“ attestiert. Im Jahr 2013 unterbreiteten rund drei Viertel aller Kasseler Grundschulen Ganztagsangebote, während im Landkreis Kassel gerade mal zwei von 50 Grundschulen Ganztagsschulen waren.

Schulbezogene Sozialarbeit an Grundschulen in Kassel

„Die Priorisierung von Ganztagsschulen ist kein Selbstzweck, sondern soll Bildungsteilhabe und Chancengerechtigkeit ermöglichen sowie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erleichtern“, erklärte Anne Janz zur Eröffnung des Kongresses. Die Stadträtin für Jugend, Schule, Frauen und Gesundheit sieht in der additiven Ganztagsschule „kein Zukunftsmodell“: „Wir brauchen die Verzahnung von Vor- und Nachmittag, einen pädagogischen Rahmen, der sich gut für die gemeinsame Arbeit von Schule und Jugendhilfe nutzen lässt. Wir müssen diese Systeme neu denken, denn die Ganztagsschule lohnt sich nicht nur für die Kinder, sondern auch für die Pädagoginnen und Pädagogen. Die Schule wird in der Schule gemacht, wir als Stadt geben nur den Rahmen vor. Die Erfahrungen in Kassel sind bisher jedenfalls sehr positiv.“

Bettina Pauli und Frank Grasmeier stellen die Baunataler Bildungskette vor© Fabian Wanisch

Seit 2010 arbeiten das Schulverwaltungsamt und das Jugendamt der Stadt Kassel gemeinsam am Programm „Ganztag an Grundschulstandorten“. Ein wesentlicher Baustein bei der Zusammenführung von Schule und Jugendhilfe unter dem Dach der Kasseler Ganztagsschule bildet dabei seit 2012 die „Schulbezogene Sozialarbeit an Grundschulen“ (SchubS). Die Betreuung an elf Ganztagsgrundschulen durch SchubS-Kräfte – im Team der Schulbezogenen Sozialarbeit arbeiten überwiegend Sozialpädagoginnen, aber auch ein Sozialpädagoge, eine Diplom-Pädagogin und eine Erziehungswissenschaftlerin – finanziert die Schuldezernentin mit 750.000 Euro pro Jahr aus dem Bildungs- und Teilhabepaket des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales. Zusätzlich hat Kassel eine Stelle für die Gesamtkoordination des SchubS-Projekts im Umfang von 30 Stunden eingerichtet.

Je ein SchubS-Mitarbeiter ist mit 30 oder mit 19,5 Stunden am Standort beschäftigt und bildet die Nahtstelle zwischen Schule und Hort. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind aus haushaltsrechtlichen Gründen bei der Trägergesellschaft StadtBild gGmbH angestellt, einer indirekten Tochtergesellschaft der Stadt Kassel. Die Dienst und Fachaufsicht liegt bei der Stadt.

SchubS soll die Umsetzung des kommunalen Ganztagsrahmenkonzepts unterstützen. Dazu entwickeln die Grundschulen, die Horte und die SchubS-Mitarbeiter Ganztagsschulkonzepte vor Ort. Zu den Aufgaben gehören der Aufbau der Kommunikationsstrukturen und der organisatorischen Abläufe sowie die Konzeptarbeit. Übergeordnete Aufgaben bestehen in der Förderung des Austauschs zwischen den Schulen, der bedarfsgerechten Qualifizierung des pädagogischen Personals aus Schule und Hort durch übergreifende Arbeitskreise, Fachtage, Fortbildungen und Diskussionsformen. Die SchubS-Kräfte sind aber auch in der pädagogischen Arbeit tätig, zum Beispiel im Freizeit- und im AG-Bereich, bieten soziales Lernen an und unterstützen die Partizipation von Kindern und Eltern durch Klassenrat, Kinderkonferenzen und Elterncafés.

„Wir stehen an einer Zeitenwende“

„Eine Ganztagsschule als eine Institution mit gleichwertigen Rahmenbedingungen für alle Professionen aus Schule und aus der Jugendhilfe würde die Zusammenarbeit sehr vereinfachen“, stellte Christa Ment klar, die seit April 2012 im Schulverwaltungsamt das Projekt „SchubS“ koordiniert. Momentan müssten beide Seiten noch viel voneinander lernen. Dafür sei eine ständige Kommunikation nötig, die angesichts der unterschiedlichen Arbeitszeiten nicht immer einfach sei. Auch hier bildet SchubS eine Brücke. Die Diplom-Sozialpädagogin sieht die Ganztagsschule auch als eine Chance für eine veränderte Lernkultur.

Wolf Schwarz© Fabian Wanisch

„Wir stehen an einer Zeitenwende“, ist Wolf Schwarz überzeugt, der sich in der Hessischen Landesregierung seit 20 Jahren für die Ganztagsschulen engagiert. „Als ich mit meiner Aufgabe begann, gab es 120 Ganztagsschulen im Land, zumeist Förderschulen. Die Stellen dafür waren gedeckelt, der Bedarf war sozusagen von oben vorgegeben“, erinnerte sich der Referatsleiter. Im Schuljahr 2013/2014 verfügten in Hessen insgesamt 917 Schulen über ein Ganztagsangebot. Ziel für die nächsten fünf Jahre sei es, 90 Prozent aller Grundschulen zu Ganztagsschulen weiterzuentwickeln. Dann gäbe es 1.700 Ganztagsschulen in Hessen.

„Für diese Aufgabe benötigen wir ein neues Lehrerbild“, führte Schwarz aus. „Es gibt noch viele Lehrerinnen und Lehrer, die dem ganzen Ganztagsschulangebot skeptisch gegenüber stehen, weil sie ihre Ausbildung unter anderer Prämisse, auch hinsichtlich ihrer Arbeitszeiten, antraten. Wir werden die Verpflichtung zu Aus- und Weiterbildung in die Verträge mit den Schulträgern aufnehmen. An der Akademie für Lehrerbildung soll dem in Zukunft Rechnung getragen werden, indem Lehrer für Ganztagsbildung fortgebildet werden.“

Baunatal: Brücken statt Brüche

Was Kassel in Sachen Vorreiterrolle für die Zusammenarbeit von Schule und Hort ist, ist die Stadt Baunatal im Bereich der kommunalen Bildungslandschaft. Frank Grasmeier, Leiter des Jugendbildungswerks, und Bettina Pauli, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Kassel – sie war 2001 als Jugendbildungsreferentin bei der Stadt Baunatal tätig –, stellten das „Ganztägige Lernen in der Bildungslandschaft Baunatal“ vor.

Ilse Kamski widmet sich in ihrem Vortrag dem Thema der Rhythmisierung© Fabian Wanisch

„Die Stadt begreift Bildung als Standortfaktor und investiert verstärkt in diesen Bereich“, erklärte Grasmeier. Den Impuls, eine Bildungslandschaft anzustoßen, gab 2007 eine Arbeitsgruppe im Staatlichen Schulamt. „Man wollte Bildungsangebote verzahnen und Kooperationen verstärken, um Bildungsbenachteiligung abzubauen“, berichtete der Jugendbildungswerkleiter. 2009 veranstaltete die Stadt den 1. Baunataler Bildungstag, auf dem sich das Bildungsforum Baunatal gründete. In Netzwerktreffen und thematischen Arbeitsgruppen verständigten sich Schulen, Freie Träger, die Stadt, das Schulamt und die Serviceagentur „Ganztägig lernen“ auf die Baunataler Bildungskette: „Brücken statt Brüche“.

Elternpaten und Hausbesuche

Mit einer geringfügigen Freistellung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus dem Regelbetrieb der Einrichtungen konnte ein wohnortnahes Beratungsangebot in Kitas, im Stadtteilzentrum und im Kinder- und Jugendzentrum geschaffen werden. Ein Team von ehrenamtlichen „interkulturellen Elternpatinnen“ hilft nun bei Elterngesprächen oder Elternabenden in Kita und Schule. Fachkräfte aus dem Team der AWO-Familienbildungsstätte führen Hausbesuche durch, um junge Eltern mit den Unterstützungsangeboten in Baunatal vertraut machen und ihnen ein städtisches Willkommenspaket zu überreichen. Im Weiteren erfolgt ein regelmäßiger Austausch von Schulen, Vereinen und städtischen Einrichtungen.

Anne Janz im Gespräch© Fabian Wanisch

In Baunatal wurden bereits im Herbst 2011 Eltern von Kindern und Jugendlichen der 3. bis 7. Klassen und im Frühjahr 2012 Schülerinnen und Schüler der 4. bis 7. Klassen in einer Erhebung der Universität Kassel befragt. Hier ging es um die Frage: „Welche Bedürfnisse, Interessen, Anliegen haben Eltern und Schüler bezogen auf den Schulalltag an den weiterführenden Schulen und die Freizeitgestaltung?“ Die Ergebnisse sollen dazu beitragen, die Schul- und Bildungsentwicklung stärker an den Bedürfnissen der Schulgemeinde zu orientieren und auch Anliegen der außerschulischen Partner in die Schulentwicklung einfließen zu lassen.

„Die Eltern wünschen sich mehr Kommunikation, die Vereine mehr Einbeziehung in die Schulentwicklung, die Lehrkräfte eine neue Gestaltung der Lernumgebung und die Rhythmisierung des Unterrichts und die Kinder mehr selbstbestimmte, unbeobachtete Zeiten und vielfältige, abwechslungsreiche Angebote“, fasste Bettina Pauli die Ergebnisse zusammen. Für einen Lacher auf dem Kongress sorgte die zitierte Antwort eines Schülers. Er hatte auf die Frage, was er sich von der Schule erhoffe, geantwortet: „Eine artgerechte Haltung.“

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