Nachhaltig leben lernen in der Ganztagsschule

Der Erziehungswissenschaftler Prof. Gerhard de Haan ist Vorsitzender des Nationalkomitees der UN-Dekade "Bildung für nachhaltige Entwicklung" (2005-2014). Im Gespräch zieht er eine Bilanz des Erreichten und betont die Möglichkeiten der Ganztagsschule, Nachhaltigkeit zu verankern.

 

Online-Redaktion: Prof. de Haan, welche Herausforderungen sahen Sie auf sich zukommen, als Sie 2005 zum Vorsitzenden des Nationalkomitees der UN-Dekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ gewählt wurden?

Gerhard de Haan: Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich mich zuerst einmal fragte, wie es gelingen könnte, die vielen Akteure zu motivieren, sich für diese Charta zu engagieren. Es gab schon einige Beteiligte, die in der Bildung für eine nachhaltige Entwicklung arbeiteten. Ich war dann sehr überrascht, wie viele Akteure hier unterwegs waren und wie vielfältig sich das Engagement darstellte. Da ging es nicht nur um Schulen, sondern auch Kitas oder Hochschulen und einen weiten außerschulischen Bereich. Ich hielt mich wirklich für einen Experten, der sich auf diesem Gebiet gut auskennt, aber weit gefehlt: Es gab sehr viele Engagierte, die ich erst im Laufe des Prozesses kennenlernte.

Prof. den Haan
© Freie Universität Berlin

Dass meine Erwartungen übertroffen wurden, wurde auch daran deutlich, dass ich zu Beginn prognostiziert hatte, es würden sich rund 1.000 Dekade-Projekte bewerben. Am Ende haben wir 3.000 Bewerbungen gesichtet. Davon konnten wir 2.000 auszeichnen, was eine sehr hohe Anzahl ist, weil unsere Kriterien anspruchsvoll gewesen sind.

Online-Redaktion: Denken Sie, dass das Thema Nachhaltigkeit in Schulen, Bildungseinrichtungen und Bildungspolitik nunmehr auch fest verankert ist?

de Haan: Wir haben von Anfang an im Komitee über eine hohe Motivation verfügt und eine starke Dynamik entfaltet, was uns immer wieder Auftrieb gegeben hat. Enttäuschung wäre zu viel gesagt, aber ich habe doch feststellen müssen, welch ein langsamer und langwieriger Prozess es ist, Bildungs- oder Rahmenpläne zu ändern, um das Thema in den Bundesländern zu verankern. Erst jetzt zum Ende der Dekade zeigt sich eine deutliche Initiative in den Ländern. Ich habe mal in einem Interview von einem „zähen Geschäft“ gesprochen, und auch wenn das nicht bei allen besonders gut angekommen ist, trifft es den Prozess doch.

Online-Redaktion: Weshalb sind die Bretter so dick, die hier zu bohren sind?

de Haan: Gerade in der Bildungspolitik ist man mit tagesaktuellen Problemen beschäftigt. Als wir vor zehn Jahren starteten, war die PISA-Debatte ins Rollen gekommen. Die Länder kümmerten sich um Bildungsstandards, um die Leistungsansprüche, die Kompetenzen in den Fächern Deutsch, Mathematik und Naturwissenschaften. Momentan beschäftigt sich die Politik mit dem großen Thema der Inklusion.

Das sind alles sehr wichtige Themen. Die Nachhaltigkeit, die auch eine zentrale und fundamentale Thematik ist, kommt im Gegensatz dazu nicht so schnell auf die Agenda der Tagespolitik. Da ist man schnell versucht zu sagen: „Klimawandelszenarien des Jahres 2050 – das ist doch noch so weit hin!“ Für wichtig erachtet man das schon, aber nicht für besonders dringlich. Das macht es so schwierig, hier etwas zu bewegen. Dazu kommt, dass Bildungspläne nicht von heute auf morgen umgeschrieben werden. Da muss man immer auf einen neu in Gang kommenden Zyklus warten.

de Haan
© Freie Universität Berlin

Als Zukunftsforscher ist mir indes schon bewusst, dass es vom Zeitpunkt der Idee eines neuen Konzepts oder einer Bildungsreform bis zum Ende, wenn konkrete Kompetenzen definiert worden sind, in der Regel 30 Jahre dauern kann. Insofern haben wir noch ein bisschen Zeit. Und es bewegt sich ja schon etwas: So hat Baden-Württemberg gerade die Nachhaltigkeit zum Leitprinzip erhoben. In Nordrhein-Westfalen tut sich einiges. Und auch in anderen Ländern achtet man darauf, die Nachhaltigkeit nicht nur in der Präambel auftauchen zu lassen, sondern es auch konkret, bis in die Bildungspläne der einzelnen Fächer hinein, durchzudeklinieren.

Online-Redaktion: Sie sprechen von der Nachhaltigkeit als einem „fundamentalen Thema“. Wie können Sie damit in Politik und Gesellschaft durchdringen?

de Haan: Nachhaltige Entwicklung geschieht nicht nur auf der Basis technischer Innovationen oder unternehmerischen Handelns, sondern sie setzt ein mentales Umdenken voraus. Dass das dringlich erforderlich ist, sagen inzwischen alle. Es auf die Ebene des faktischen Handels und in den schulischen Alltag zu bringen, ist noch ein langer Pfad, den man gehen muss. Bei diesem Thema bekommen wir zum Glück mehr und mehr Unterstützung von außen.

Redet man allein als jemand, der diese Disziplin vertritt, heißt es schnell: „Der redet halt pro domo.“ Inzwischen gibt es aber große Förderinitiativen des Bundesministeriums für Bildung und Forschung und mehrere Beschlüsse des Deutschen Bundestags. Der Wissenschaftliche Beirat Globale Umweltveränderung spricht in seinem Gutachten für eine Große Transformation davon, dass, wenn etwas in Richtung Nachhaltigkeit bewegt werden soll, es der beiden großen Partner Wissenschaft und Bildung bedarf.

Online-Redaktion: Parallel zur UN-Dekade verlief der Umbau des Schulsystems von der Halbtags- zur Ganztagsschule. Reiner Zufall oder sehen Sie hier einen Bezug zur Nachhaltigkeitsdebatte?

de Haan: Die Ganztagsschule kommt der Nachhaltigkeitsidee sehr entgegen. Nicht alle Hoffnungen mögen sich erfüllt haben, aber grundsätzlich hat der Nachmittag das Potenzial, stärker projektorientiert zu arbeiten. Das ganze Methodenrepertoire, das die Unterrichtsentwicklung bietet, kommt der Beschäftigung mit der Nachhaltigkeit entgegen. Viele Nichtregierungsorganisationen oder Organisationen aus dem Kreis der Natur- und Umweltbildung nutzen die Chance, das Thema in die Schulen hineinzutragen.

© Britta Hüning

Was sich als weitere Entwicklung, die ich hochinteressant finde, abzeichnet, ist der sogenannte Whole Institution Approach, der als Schwerpunkt im Weltaktionsprogramm, das sich an die Dekade anschließen wird, festgehalten ist. Hier geht es darum, die ganze Organisation zu betrachten, was für Ganztagsschulen einen bemerkenswerten Gesichtspunkt darstellt. Da geht es nicht nur um die Stoffströme: Was kaufen wir ein, was produzieren wir an Abfällen? Sondern es geht auch um den Verbrauch von Energieressourcen. Da können Ganztagsschulen zum Beispiel einen kritischen Blick auf ihre Essensversorgung und den Mensabetrieb werfen. Hier besteht ein unglaublich hohes Potenzial, das mehr und mehr ins Bewusstsein der Schulen gerät.

Online-Redaktion: Welche der ausgezeichneten Dekade-Projekte sind Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?

de Haan: Es gab aus dem schulischen Bereich einiges zum Thema Energiesparen und regenerative Energien. Aus Ganztagsschulen fielen uns besonders die vielen Schülerfirmen, die unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten arbeiten, auf. Im Saarland findet sich die Modellschule für nachhaltige Entwicklung, die Grundschule Eiweiler. Diese offene Ganztagsschule hat einen ökologischen Schwerpunkt: Sie bilden zum Beispiel Energiedetektive aus und halten und züchten Haus- und Wildtiere.

Online-Redaktion: Es gab Bemühungen, die UN-Dekade zu verlängern. Wie ist der Stand der Dinge?

de Haan: Es ist sich international gegen einen solchen Schritt entschieden worden. Wir benötigen aber eine Fortsetzung, weil wir das große Ziel einer wirklichen strukturellen Verankerung der Nachhaltigkeit in der Bildung noch nicht erreicht haben. Die UNESCO in Paris hat einen Vorschlag an die Vereinten Nationen unterbreitet, ab 2015 ein Weltaktionsprogramm zu starten, das einzelne Schwerpunkte setzen soll: Erstens eine deutlichere Präsenz in der Politik zeigen, zweitens das Thema Jugend in den Vordergrund stellen, drittens mehr tun in der Lehrerbildung und bei Multiplikatoren, viertens den Blick auf die gesamte Organisation werfen und fünftes mehr auf der lokalen Ebene, in lokalen Bildungslandschaften tun.

Diese Schwerpunkte kommen uns sehr entgegen, weil wir in Deutschland bereits in diese Richtung gehen. Wir haben zum Beispiel bereits Gemeinden ausgezeichnet, die Nachhaltigkeit als kommunales Entwicklungskonzept verstehen. Daher bin ich guter Dinge, dass wir da weiter kommen.

Gerhard de Haan ist seit 2011 Professor für Zukunfts- und Bildungsforschung an der Freien Universität Berlin. Er ist Vorsitzender des Deutschen Nationalkomitees der UN-Dekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (2005–2014) und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Umwelterziehung. Er war seit 1991 Professor für Allgemeine Erziehungswissenschaft und Umweltbildung an der FU Berlin und hat zahlreiche Forschungs- und Entwicklungsprojekte durchgeführt. Von 1999 bis 2008 leitete er das Bund-Länder-Programm „21 - Bildung für eine nachhaltige Entwicklung“ und das Folgeprogramm „Transfer 21“. Unter seiner Initiative und Leitung wurde 2008 eine berufsbegleitende Ausbildung für außerschulische pädagogische Fachkräfte im Bereich "Bildung für nachhaltige Entwicklung an Ganztagsschulen" ins Leben gerufen. http://www.bne-ganztagsschule.de

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