Verband berufstätiger Mütter: „Gebundener Ganztag für alle“

Seit Jahren setzt sich der Verband berufstätiger Mütter (VBM e.V.) für die flächendeckende gebundene Ganztagsschule ein. Im Gespräch erläutert die Vorsitzende und berufstätige Mutter eines Sohnes, Cornelia Spachtholz, die Gründe.

Online Redaktion: Frau Spachtholz, warum fordert der VBM e.V. Ganztagsbetreuung für Kinder von null bis 14 Jahren?

Cornelia Spachtholz: Kinder sind nicht nur Kinder bis zum Alter von sechs Jahren, sie brauchen auch im Alter bis zu 14 Jahren und darüber hinaus noch Betreuung, Aufsicht und Begleitung. Entsprechend endet das Vereinbarkeitsproblem von Eltern nicht, wenn die Kinder sechs Jahre alt sind. Nachdem große Anstrengungen in den U3- und Ü3-Bereichen – gepaart mit dem Rechtsanspruch – unternommen worden sind, müssen Betreuung und Bildung auch die Übergänge in Grundschule, weiterführende Schule bis in die Pubertät hinein über eine hochwertige Ganztagsschule berücksichtigen – hier ebenfalls verbunden mit einem Rechtsanspruch auf einen solchen Platz für alle Kinder.
 
Online-Redaktion: Wenn Interessenvertretungen so weitgehende Forderungen mit der Begründung „Bildung“ stellen, kommt schnell der Verdacht auf, sie wollten von ihrer eigentlichen Intention – in Ihrem Fall die Möglichkeit der Berufstätigkeit – ablenken...

Spachtholz: Natürlich ist die reine Betreuung eine Forderung, die wir aus der Vereinbarkeit von Familie und Beruf ableiten. Die Frage der Bildung ist damit aber noch nicht geklärt. Sie schließt sich an, wenn wir qualitativ weiter denken als über die reine Verwahrung. Beides – Vereinbarkeit von Beruf und ganzheitliche Bildung der Kinder – hängt zusammen und sind volkswirtschaftliche Schlüsselfragen. Es geht hier also nicht einfach nur um Partikularinteressen eines „kleinen Interessenverbandes“.

Online-Redaktion: Der Ausbau der Ganztagsschulen in Deutschland ist in den vergangenen Jahren massiv vorangeschritten. Wo hapert es Ihrer Meinung nach noch?

Spachtholz: Was unter dem Etikett „Ganztagsschule“ fungiert, ist zu mehr als 80 Prozent die offene Ganztagsschule, also Halbtagsschule wie gewohnt mit nachmittäglichem Betreuungsangebot. Das ist aber nicht das Bildungsmodell, das wir uns vorstellen und das den heutigen Anforderungen und mit dem Bildungsangebot in anderen Europäischen Staaten übereinstimmt. Wir brauchen hochwertige bundeseinheitliche Standards in der Betreuungs- und Bildungslandschaft, mit einem Ganztagskonzept, das den wissenschaftlichen Erkenntnissen zur Förderung und zum Wohlbefinden der Kinder entspricht. Schule als Lern- und Lebensort – hierfür haben wir bereits 2007 ein ausführliches Positionspapier zum flächendeckenden Ausbau der gebundenen rhythmisierten Ganztagsschule erarbeitet.

Online-Redaktion: Warum setzen Sie sich für eine flächendeckende rhythmisierte gebundene Ganztagsschule ein?

Spachtholz: Rhythmisierung statt 45 Minuten-Stunden stellt sich mehr auf die Aufnahmekapazitäten von Schülerinnen und Schüler ein. Das Lernklima und die Lernphasen sind lockerer, Anspannungs- und Entspannungsphasen können sich bedarfsgerecht abwechseln. Hausaufgaben werden in der Schule erledigt, gegebenenfalls mit individueller Förderung. Das entlastet die Familien von der Hausaufgabenbetreuung. Heutige außerschulische Bildungsangebote werden in den Schulalltag integriert. Bildung wird somit weniger abhängig von den finanziellen und sozialen Kapazitäten in den Familien, alle Kinder können chancengleich ganzheitlich an Bildung teilhaben. Nur über diese Form der gebundenen rhythmisierten Ganztagsschule wird das Wirklichkeit, was heute von politischer Seite schon versprochen wird: Chancengleichheit und „Kein Kind bleibt zurück“.

Porträtfoto Cornelia Spachtholz
Cornelia Spachtholz© Verband Berufstätiger Mütter

Wenn der verpflichtende gemeinsame Teil im Rahmen der gebundenen rhythmisierten Ganztagsschule nachmittags endet, kann die Schulform übergehen in eine offene Ganztagsschule mit Angeboten im Nachmittagsbereich wie bisher üblich. Dann können Kinder, deren Eltern(teile) auf weitere Betreuungsangebote angewiesen sind, sich gut betreut in der Schule noch aufhalten, währenddessen andere Kinder Freizeitgestaltung in ihrer Familie wahrnehmen können, wo finanzielle und zeitliche Ressourcen zur Verfügung stehen.

Online-Redaktion: Es gibt aber auch immer noch viele Eltern, die fürchten, ihr Einfluss auf die Erziehung ihrer Kinder werde durch die Ganztagsschule zu stark beschnitten. Was sagen Sie diesen Skeptikern?

Spachtholz: Die Sorge um den zu großen Einfluss der Schule auf die Kinder kann nur bedeuten, dass Schule auch heute noch eine ideologische Indoktrination der Kinder unterstellt wird, wie es historisch tatsächlich der Fall war. Das Leitbild der Bildung heute ist aber, Kinder zu verantwortlichen, selbstständigen und kritischen Mitmenschen zu erziehen und ihnen eine umfassende Bildung zuteil werden zu lassen. Eltern, die diesem Ideal nicht trauen oder ihre Kinder in einem anderen Sinne erziehen wollen, muss im Rückschluss dann auch die Frage gestellt werden dürfen, nach welchen ideologischen Maßgaben sie ihre Kinder erziehen wollen und ob dies für die Gesellschaft förderlich ist. Ganz praktisch betrachtet: Auch nach dem Ganztagsschulalltag, der in der Kernzeit nur bis maximal 15.30 oder 16 Uhr angedacht ist, bleibt genügend Zeit für den Einfluss der Eltern auf ihre Kinder. Des Weiteren müssen die Vorteile und Nutzen der individuellen Förderung, des Lernens und Wohlfühlens für die Kinder eines rhythmisierten Ganztagsschulbetriebes klarer kommuniziert werden.

Online-Redaktion: Welche Erfahrungen haben Sie als Mutter mit Ganztagsbetreuung gemacht?

Spachtholz: Im Kleinkindalter ist die Betreuung deutlich verlässlicher als im Schulalter. Auch am Vormittag fallen Randstunden aus, daher müssen sich Eltern täglich spontan auf fehlende Betreuung einstellen. Ansonsten habe ich überwiegend positive Erfahrungen mit Ganztagsbetreuung gemacht: Die Kinder sind dann nicht isoliert in der Kleinstfamilie, sondern finden gleichaltrige Spielgefährtinnen und Spielgefährten und das Umfeld, soziales Verhalten in Gruppen einzuüben, von Gleichaltrigen und Älteren zu lernen und vieles mehr. Die Sozialisation auf der Straße gibt es nicht mehr. Begegnungsort ist stattdessen die Kita, die Ganztagsschule, ergänzt um sporadische Begegnungen auf dem Spielplatz, und die Vereine – hier aber meist unter Begleitung von Eltern.

Online-Redaktion: Warum haben Sie sich als berufstätige Mütter organisiert? Müssten Mütter und Väter nicht die gleichen Interessen bei der Frage der Ganztagsbetreuung haben?

Spachtholz: Das hat einfach historische Gründe: Vor knapp 25 Jahren fühlten sich Männer nicht von der Vereinbarkeitsfrage berührt. Sie konnten Kinder und Beruf immer vereinbaren. Erst im letzten Jahrzehnt fordern Väter auch mehr ihr Recht auf Zeit in und für die Familie ein. Entsprechend hat sich das Motto des VBM gewandelt: Vereinbarkeit von Familie und Beruf – für Frauen und Männer.

Mutter holt Kinder von der Schule ab
© Britta Hüning

Trotzdem ist es nach wie vor sinnvoll, wenn Frauen und Mütter zunächst ihre Wünsche unter sich klar definieren. Väter tun dies ja in ihren Foren und Verbänden mittlerweile ebenfalls. Diese Trennung wird zunächst von beiden Seiten als nützlich empfunden. Auf Verbandsebene kommen wir dann mit unseren Positionen zusammen, finden Gemeinsamkeiten, aber auch unterschiedliche Positionen. Eingeübte Verhaltensmuster und Rollenzuschreibungen darf man in diesem Prozess nicht unterschätzen.

Online-Redaktion: Wie viel Zeit muss Ihrer Meinung nach noch ins Land gehen, bis Interessen wie die berufstätiger Mütter ganz selbstverständlich in der Gesellschaft verankert sind – ein Verband wie der Ihre also gar nicht mehr nötig wäre?

Spachtholz: Wir hätten nichts dagegen, uns am Ende dieses Jahrzehnts schon zu verabschieden, weil die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowohl für Mütter als auch für Väter selbstverständlich und partnerschaftlich gelöst wäre. Ich fürchte aber, dass wir uns noch lange mit den leider immer gleichen Fragen auseinander setzen müssen, da das Ganze von einem Umdenken zu einem Kulturwandel reifen muss – auf allen Ebenen. Das ist ein Prozess verglichen zu change management – mit Widerständen, die es zu aufzulösen gilt. Wir haben schon lange kein Wissensdefizit, sondern vielmehr ein Umsetzungsproblem – trotz der vielen vorliegenden wissenschaftlichen Expertisen und guter Beispiele aus dem Ausland.

Der Verband berufstätiger Mütter e.V. (VBM) wurde 1990 in Köln gegründet und ist ein gemeinnütziger überparteilicher Bundesverband mit ca. 20 Regionalstellen deutschlandweit. Der VBM e.V. engagiert sich zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie – für Frauen und Männer - in den Themenfeldern Betreuung & Bildung, Familie & Rollenbilder, Arbeitswelt & Karriere sowie Recht & Steuern.

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