MIXED UP 2014: "Ein kleines, spannendes Abenteuer"

2005 riefen das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und die Bundesvereinigung Kulturelle Jugendbildung den Wettbewerb MIXED UP ins Leben, bei dem gelungene Kooperationen von Schulen und Partnern aus der Kultur- und Jugendarbeit prämiert werden. Am 5. September 2014 fand in Berlin die zehnte Preisverleihung statt.

„Kunst macht irgendetwas mit einem – sie ist aufregend, weckt Gefühle, bringt uns zum Nachdenken, regt zum Fragen und Ergründen an.“ Manuela Schwesig, die Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), ist niemand, die man von der Wirksamkeit von Kunst und Kultur noch überzeugen muss. Und da ihr Ministerium nun bereits zum zehnten Mal gemeinsam mit der Bundesvereinigung Kulturelle Jugendbildung (BKJ) den Wettbewerb MIXED UP ausrichtete, ließ es sich die Ministerin nicht nehmen, am 5. September 2014 im Podewil in Berlin gelungene Kooperationen von Schulen und Partnern aus der Kultur- und Jugendarbeit persönlich auszuzeichnen.

Jugendpolitische Ansprache von Ministerin Manuela Schwesig © Matthias Steffen (BKJ)

Im vollbesetzten Theatersaal bildeten die Ansprache der Politikerin sowie die anschließende feierliche Preisverleihung den Abschluss des BKJ-Fachforums „FREIRAUM im Ganztag. Zeit für kulturelle Bildung in und mit Schule“, auf dem sich Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus ganz Deutschland mit der Frage auseinandersetzten, wie im Rahmen der Ganztagsbildung mehr Freiräume für Schülerinnen und Schüler geschaffen werden können.

Auch abseits des profilierten MIXED UP-Wettbewerbs tut sich einiges, wie Axel Schneider von der Landesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung Sachsen-Anhalt in seinem Grußwort betonte: „Vor zwei Jahren hat das Bundesbildungsministerium das Projekt ‚Kultur macht stark’ ins Leben gerufen, das außerschulische Angebote der kulturellen Bildung für bildungsbenachteiligte Kinder und Jugendliche unterstützt.“ Dabei Freiräume im Ganztag zu nutzen erfordere einen Spagat zwischen den curricularen Vorgaben und Zeitstrukturen der Schule und dem Angebot der außerschulischen Partner. „Aber zwischen den Korsettstangen der Schule bleiben genügend Freiräume für kulturelle Projekte“, zeigte sich Schneider überzeugt.

Für Bundesjugendministerin Schwesig war das Schlagwort des Freiraums passend gewählt, denn „Jugendliche brauchen in ihrer Lebensphase Freiräume, und die Kultur ist ein solcher Freiraum“. Sie ermögliche Beteiligung, eröffne Zukunftsperspektiven, lasse die Kinder und Jugendlichen eigene Interessen und Stärken entdecken und den Fokus auf das richten, was sie könnten. „Die Bildung der Persönlichkeit ist für mich genauso wichtig wie das Schulcurriculum“, erklärte Manuela Schwesig. „Beides gehört zusammen – und wenn beide Bereiche gut sind und gut zusammenpassen, erhalten wir eine richtig gute Bildung. Von diesem Gedanken ist unser Wettbewerb MIXED UP getragen.“

Beeindruckende Vielfalt

Die Ministerin zeigte sich „beeindruckt von der Vielfalt“ der sieben ausgezeichneten Projekte, die von einer Fach- sowie einer Jugendjury unter 384 Bewerbern aus ganz Deutschland ausgewählt worden waren und mit je 2.500 Euro dotiert wurden. Die Beschäftigung mit gesellschaftspolitisch relevanten Themen stand dabei im Mittelpunkt vieler Preisträgerprojekte: Von Kinderrechten über Flucht und Tod bis zum Sinn des Lebens. Neben kleinen, manchmal ungewöhnlichen Kooperationsteams – etwa unter Beteiligung eines Bestatters – haben sich vielerorts große, nachhaltig wirkende Netzwerke gebildet, die eine umfassende und dezentrale Ganztagsbildung an der Schnittstelle von Jugendarbeit, Kultur und Schule voranbringen und dafür sorgen, dass sich eine neue Lehr- und Lernkultur an immer mehr Bildungsorten etabliert.

Manuela Schwesig (l.), BKJ-Vorsitzender Prof. Dr. Gerd Taube (2.v.l.) und Tom Braun (3.v.l.) im Gespräch mit Preisträgern des Projekts „Tschamedan – Kofferpacken“ aus Neumünster © Matthias Steffen (BKJ)

Im Projekt „Kofferpacken – Tschamedan“, eine Kooperation des Ganztagsgymnasiums Holstenschule im schleswig-holsteinischen Neumünster beispielsweise beschäftigten sich die Schülerinnen und Schüler und junge Flüchtlinge ohne gesicherten Aufenthaltsstatus in gemeinsamer künstlerischer Arbeit mit Fluchterfahrungen, ungleichen Chancen, Identität, Wünschen und Hoffnungen.

In der strukturschwachen Region um Teterow im Landkreis Rostock, in der es in einem Umkreis von 80 Kilometern kein Theater und kaum kulturelle Angebote gibt, suchten die Jugendlichen im Theaterprojekt „Was ist wirklich wichtig“ nach Antworten auf die Frage nach dem Sinn des Lebens. Der Kultur Förderverein Lelkendorf, das professionelle Theaterensemble chekh-OFF players Berlin und vier Schulen arbeiten seit 2008 zusammen. 2013 kam zur gemeinsam erarbeiteten Theaterinszenierung eine Ausstellung hinzu, für die Menschen aus der Region interviewt wurden. „Mitten in der Mecklenburgischen Schweiz, einem Landstrich, der wenig Möglichkeiten zur kulturellen Teilhabe bietet, ist eine Initiative wie diese von unschätzbarem Wert“, betonte die Fachjury.

Lernort Museum, Ausstellungsort Bestattungsunternehmen

„Das Museum – eine Schule der Dinge III“, eine Kooperation der Berliner Marcel-Breuer-Schule – Oberstufenzentrum für Holztechnik, Glastechnik und Design und des Werkbundarchivs – Museum der Dinge, eröffnete Berufsschulklassen vielfältige Ein- und Ausbli>

Das Carl-von-Bach-Gymnasium im sächsischen Stollberg und der BLETTERBOX GbR näherten sich mit ihrem Projekt „Von Seelen, Särgen und Anderem“ einem Tabuthema. In der Kooperation mit einem Bestatter und Mediengestalterinnen setzten sich die Schülerinnen und Schüler des Ganztagsgymnasiums kreativ mit dem Tod auseinander und präsentierten die entstandenen Kunstwerke in einer öffentlichen Ausstellung im Bestattungsunternehmen.

Poetry Slammer Jonis Aden Omar vom Preisträgerprojekt „Slam it!“ aus Münster © Matthias Steffen (BKJ)

Das Projekt „Slam it! – Texte und mehr“ des Geschwister-Scholl-Gymnasiums und des Kap.8 Stadtteilkulturzentrums Kinderhaus im nordrhein-westfälischen Münster öffnete einen kreativen Rahmen, um eigene Ideen und Erfahrungen auf die Bühne zu bringen. Die Jugendlichen formulierten Texte zu selbstgewählten Themen und lernten von Profi-Slammern, wie man sie am besten vor Publikum darbietet. Besonders die Öffnung zum Stadtteil und die von den Jugendlichen in Eigenregie am Ganztagsgymnasium übernommene Aufgabenvielfalt beeindruckte die MIXED UP Jugendjury.

Partnerland Berlin

Ebenfalls in Nordrhein-Westfalen, am Ratsgymnasium in Minden, einer Ganztagsschule und Modellschule für kulturelle Bildung, eröffnete das Projekt „Gestaltungs-Räume – Welche Farbe hat die Zukunft?“ den Schülerinnen und Schülern in Zusammenarbeit mit der Kreishandwerkerschaft Wittekindsland die Möglichkeit, ihre Lernumgebung nach ihren Vorstellungen zu gestalten. Die jahrgangsübergreifende Arbeitsstruktur entwickelte eine Eigendynamik, die enorm zur Identifikation der Jugendlichen mit dem Gymnasium beitrug.

In diesem Jahr war zum zweiten Mal – nach Sachsen 2013 – ein Bundesland Partner des Wettbewerbs. Als solcher stiftete das gastgebende Land Berlin auch einen der sieben Preise. Der MIXED UP Preis Berlin für eine Kooperation aus dem Bundesland Berlin zeichnete das Kinderrechte-Filmfestival aus. Hierbei handelt es sich um eine Kooperation von kijufi – Landesverband Kinder- und Jugendfilm Berlin e. V., dem Jugendprojekt KidsCourage, der Wilhelm-von-Humboldt-Gemeinschaftsschule und weiteren Schulen in Berlin. Über 200 Kinder zwischen neun und zwölf Jahren setzten sich nach dem Prinzip der Peer Education spielerisch mit den eigenen Fähigkeiten, Bedürfnissen und Rechten auseinander und drehten Kurzfilme zum Thema Kinderrechte. Die medienpädagogische Projektarbeit durchbrach die normale Unterrichtsstruktur und wurde curricular in die Fächer Deutsch, Kunst, Politik, Religion und Ethik eingebunden.

Gruppenbild mit allen MIXED UP Preisträgern im Hof des Berliner podewil © Matthias Steffen (BKJ)

Auf dem Fachforum präsentierten sich die Preisträgerschulen durch Ausstellerstände, Filme und Darbietungen. Daneben konnten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch aus fünf Themenkreisen auswählen, bei denen sich in Gesprächsrunden weitere Kooperationsprojekte vorstellten. So präsentierten unter anderem die „Hofhelden“ der Carl-Friedrich-von-Siemens-Oberschule aus Berlin-Spandau ihr Kunstprojekt. Diese Gruppe von rund 40 Jugendlichen hat innerhalb der letzten beiden Jahre in einem künstlerischen Auswahlprozess, der von einer Künstlerin unterstützt und gegenüber der Schulleitung moderiert wurde, die Schulgebäude und den Schulhof mit teilweise gesellschaftskritischen und zum Nachdenken anregenden Wandbildern verschönert.

Genügend künstlerische Freiräume zwischen den Korsettstangen der Schule

„Wir sind enttäuscht, dass die ganz kritischen Entwürfe von unseren Mitschülern nicht gewählt worden sind“, räumte allerdings eine Schülerin ein, „und wir hätten uns zum Schluss des Prozesses das Gespräch mit der Schulleitung gewünscht, die Entwürfe von uns zensiert hat“, nichtsdestoweniger seien alle über die Verschönerungen im Schulalltag glücklich und besonders den eigentlichen Schaffensprozess, der sich über drei Tage erstreckte, habe man als ein „kleines, spannendes Abenteuer“ empfunden, so ein Jugendlicher.

Rund 3.000 Wettbewerbsbeiträge hat die Jury von MIXED UP in den vergangenen zehn Jahren begutachtet. Für Arnold Bischinger von der Berliner Kulturprojekte GmbH nimmt der Wettbewerb inzwischen eine bundesweite Vorreiterrolle bei der Auszeichnung kultureller Bildung ein. Immer noch gibt es laut Lutz Lienke von der Landesvereinigung Kulturelle Jugendbildung zwar „eine Menge an Konfliktpotenzial“ zwischen Schulen und der außerschulischen Jugendbildung, aber ein Land wie Berlin erleichterte es mit seinem Rahmenkonzept „Kulturelle Bildung“ inzwischen, Strukturen zu schaffen, die solche Kooperationen besser ermöglichten.

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