"Auf die Ganztagsschule gut vorbereitet": St. Andreas-Grundschule Cloppenburg

Immer mehr Schulen werden Ganztagsschulen. Viele von ihnen haben sich schon länger darauf vorbereitet. Heute im Interview: Schulleiter Ingo Götting von der St. Andreas-Grundschule Cloppenburg (Niedersachsen).

Mit dem beginnenden Schuljahr 2014/2015 ist es für viele Schulen endlich soweit: Sie können sich auf den Weg zur Ganztagsschule machen. Wir möchten wissen, wie so ein Umgestaltungsprozess in der Praxis verläuft. Was ist zu bedenken? Womit beginnen sie? Und wie überwinden sie die Anfangsschwierigkeiten? In unserer neuen Reihe „Auf die Ganztagsschule gut vorbereitet“ fragen wir Schulleitungen und Ganztagsverantwortliche, wie sie sich auf die Ganztagsschule vorbereitet haben.

Online-Redaktion: Herr Götting, zum neuen Schuljahr 2014/15 wird ihre Grundschule offene Ganztagsschule werden. Was lässt Sie diesen Schritt tun?

Ingo Götting: Wir haben immer mehr Anfragen von Eltern erhalten, die sich eine Betreuung am Nachmittag gewünscht haben, und daraufhin den Bedarf abgefragt. Ein Drittel der Eltern hat sich geäußert, die Ganztagsschule sofort unterstützen zu wollen, was wir als ausreichend für einen Antrag auf Einführung empfunden haben. Daneben sind unsere beiden Nachbarschulen bereits Ganztagsschulen, und wir denken, dass es auch zur Standorterhaltung sinnvoll ist, den Kindern und den Eltern ein solches Angebot zu machen.

Online-Redaktion: Sie sind eine sogenannte Volle Halbtagsgrundschule gewesen – ein Vorläufer der Ganztagsschule?

Götting: Die Volle Halbtagsgrundschule ist vor vier Jahren abgeschafft worden. Wir haben allerdings das AG-Angebot in die Verlässliche Grundschule sozusagen rübergerettet, sodass wir also seit Jahren kontinuierlich bis 14 Uhr Arbeitsgemeinschaften anbieten konnten. Insofern sind wir auf die Ganztagsschule gut vorbereitet.

Außenansicht der Schule St. Andreas
© Stadt Cloppenburg

Dass wir bereits seit geraumer Zeit in dieser Richtung unterwegs sind, ist den Kollegien und Schulleitungen, die schon vor meiner Zeit hier gewesen sind, zu verdanken. Sie wollten den Schülerinnen und Schülern ein zusätzliches Freizeitangebot unterbreiten. So sind AGs wie Theater, Step Aerobic, Werken, Töpfern, Singen oder Musik geschaffen worden, organisiert durch Kolleginnen und Kollegen, die selbst in diesen Bereichen interessiert und firm sind.

Online-Redaktion: Wie hat der Schulträger reagiert?

Götting: Die Stadt hat von den ersten Gesprächen an ihre Unterstützung zugesichert.

Online-Redaktion: Ihre Schule liegt in einer münsterländischen Kleinstadt. Haben Sie dort eine sozial homogene Schülerschaft?

Götting: Nein, es ist schon sehr gemischt. Die soziale Spreizung ist auch den Eltern schon aufgefallen. Um die verschiedenen Enden zusammenzuhalten, halte ich gerade eine Ganztagsschule für sehr geeignet: Hier sind alle Schülerinnen und Schüler zusammen, und auch die Eltern engagieren sich.

Online-Redaktion: Wie viele Kinder sind im vergangenen Schuljahr am Nachmittag geblieben?

Götting: Von 270 Schülerinnen und Schülern blieben 50. Die Teilnahme ist bisher freiwillig gewesen, aber bei Anmeldung für ein halbes Jahr verbindlich. Manche Eltern sind dann manchmal etwas nervös geworden, weil sie Angst hatten, dass es zu viel für ihre Kinder werden könnte. Aber da lag es dann an uns zu sagen: Man muss auch mal eine Sache durchziehen und kann nicht bereits nach zwei, drei Teilnahmen die Flinte ins Korn werfen. Ab und an finden die Schülerinnen und Schüler eine Arbeitsgemeinschaft erstmal nicht so spannend. Aber wenn sie dabeibleiben, bekommen wir am Ende immer zu hören, dass es sich für sie gelohnt hat.

Online-Redaktion: Hatten Sie auch schon eine Mittagsverpflegung?

Götting: Um 13 Uhr ist Unterrichtsschluss. Die Kinder, die bis 14 Uhr geblieben sind, haben eine Pause bis 13.15 Uhr eingelegt und sich dabei selbst versorgt. Das wird sich mit der Ganztagsschule ändern. Der städtische Hort ist bei uns im Gebäude und verfügt bereits über einen Mensaraum. Den erweitern wir über die Sommerferien mit zusätzlichen Tischen und werden dann gemeinsam mit den Hortkindern zu Mittag essen. Demnächst beliefert uns dann ein Caterer, der bereits mit dem Hort zusammenarbeitet, mit einem warmen Mittagessen. Wir haben uns umgehört und die Hortkinder befragt, wie ihnen das Essen schmeckt. Und die sind wirklich sehr zufrieden, besonders weil der Caterer immer wieder Wünsche der Kinder aufnimmt.

Online-Redaktion: Wie lang wird der Schultag demnächst sein?

Götting: Zunächst einmal geht es bis 15.10 Uhr. Für Eltern, denen diese Zeit noch nicht ausreicht, wird es die Möglichkeit geben, die Kinder anschließend bis 17 Uhr im Hort betreuen zu lassen.

Online-Redaktion: Wird sich der Schultag sehr verändern?

Götting: Wir planen eine zeitliche Rhythmisierung, indem wir Vor- und Nachmittag verzahnen wollen. Der längeren Anwesenheit der Kinder wie des Kollegiums müssen wir mit vernünftigen Ruhepausen Rechnung tragen. Dazu möchten wir unsere tägliche Förderzeit am Vormittag als offenen Unterrichtsbeginn vorziehen, um Pausen zu gewinnen. Uns ist bewusst, dass wir Luft und Lücken schaffen müssen zwischen den Übergängen von der Hausaufgabenbetreuung zum Mittagessen und zu den Angeboten, damit die Kinder nicht durch den Schultag hetzen müssen. Da steht uns ein anderer Schulalltag bevor, und ich bin froh, dass das ganze Kollegium an einem Strang zieht, um das alles gut bewältigen.

Online-Redaktion: Können Sie als offene Ganztagsschule auch rhythmisieren?

Götting: Wir wollen schrittweise vorgehen und lassen den Unterrichtsvormittag in den ersten Monaten bis zu den Herbstferien Anfang November erstmal unberührt. Wir können dann den Vormittag recht unproblematisch nach hinten ausdehnen, zum Beispiel durch zusätzliche Pausen, oder den Unterrichtsbeginn auf 7.45 Uhr vorziehen, weil wir als Innenstadtschule keine Buskinder haben. Da können wir zum Glück sehr flexibel sein. Die verschiedenen Konzepte habe ich dem Schulvorstand und dem Kollegium vorgelegt.

Online-Redaktion: Wie aufwendig war der verwaltungstechnische Akt für Sie als Schulleiter, die Ganztagsschule zu beantragen?

Götting: Erstmal kam als zusätzliche Aufgabe auf mich zu, mit Menschen in Kontakt zu kommen und sie einzuladen, um zu besprechen, ob sie als Kooperationspartner in Frage kämen. Dann die ganze vertragsrechtliche Situation: Welche zusätzlichen pädagogischen Mitarbeiter muss ich mit Arbeitsverträgen ausstatten, welcher Kooperationsvertrag muss mit den Partnern abgeschlossen werden? Alles Andere hielt sich im Rahmen. Dienstbesprechungen und Schulvorstandssitzungen hält man sowieso ab.

Online-Redaktion: Wie haben Sie die Kooperationspartner gefunden?

Götting: Das ist über Netze entstanden: Der eine kennt den, der andere kennt den. Ein Beispiel: Eine Kollegin hat Kontakte zum Therapiepunkt, einer Einrichtung für Rehabilitation und Physiotherapie, von deren Interesse, an Schulen zu arbeiten, sie erfahren hatte. Das hielt ich für eine super Idee, weil es in Sachen Ernährung und Bewegung auch in unser Konzept passt. Das wollten wir dann zusammen mit Bewegung und Koordination in einem Angebot für das 1. und 2. Schuljahr einbinden.

Aber bereits die Nachricht in der Zeitung, dass wir Ganztagsschule werden wollen, reichte aus, dass bereits am folgenden Tag bei uns das Telefon klingelte und uns Angebote zur Zusammenarbeit gemacht wurden, beispielsweise vom Sportverein TVC Cloppenburg, der Parkour bei uns anbieten möchte.

Online-Redaktion: Erhalten Sie zusätzliche Mittel vom Land für die Ganztagsschule?

Götting: Ja, und auf den ersten Blick bin ich damit auch zufrieden. Ich denke, dass ich damit planen kann.

Online-Redaktion: Worauf sind Sie am meisten gespannt, was die jetzt anstehenden Veränderungen betrifft?

Götting: Ich bin sehr gespannt, wie sich das gemeinsame Mittagessen mit den Hortkindern einspielen wird. Der Hort hat schon gewisse Rituale, und wir werden mal sehen, wie unsere Schülerinnen und Schüler das aufnehmen werden. Auch sehr gespannt bin ich auf unsere neuen Kooperationspartner und die Resonanz der Kinder. Letztendlich entscheiden ja die Schülerinnen und Schüler, ob ich mit den Angeboten und Partnern das Richtige getroffen oder daneben gelegen habe. Ich hoffe sehr, dass alles funktioniert und gut ankommt – andernfalls habe ich ein Problem und muss mir was überlegen.

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