Ganztag in NRW: "Es gibt immer den Blick auf beide Professionen"

Birgit Schröder und Herbert Boßhammer vertreten den Bereich „Schule und Jugendhilfe“ am ISA Münster und steuern die Arbeit der Serviceagentur „Ganztägig lernen“ Nordrhein-Westfalen. Im Interview berichten sie über aktuelle Entwicklungen im Land und neue Angebote der Serviceagentur.

Online-Redaktion: Herr Boßhammer, wie schätzen Sie den aktuellen Ganztagsschul-Ausbaustand in Nordrhein-Westfalen ein?

Herbert Boßhammer: Im Primarbereich bringen es die Offenen Ganztagsschulen auf einen Anteil von 90 Prozent, das entspricht 3.000 Schulen. Damit ist gewährleistet, dass jedes Kind einen Platz in erreichbarer Nähe findet. Die Umwandlung der Sekundarstufe I geht zügig voran, gerade auch durch die Bildung neuer Gesamtschulen und Sekundarschulen, da diese ausschließlich als Ganztagsschulen konzipiert sind. Hier kommen wir auf 800 gebundene Ganztagsschulen und etwa 450 Ganztagsförderschulen. Insgesamt besuchen damit rund ein Drittel aller Schülerinnen und Schüler in Nordrhein-Westfalen eine Ganztagsschule, und der quantitative Ausbau ist weit vorangeschritten. Nun rückt die Frage in den Vordergrund, was sich qualitativ verbessern lässt.

Online-Redaktion: Welche Veränderungen im Angebot der Serviceagentur hat der Ausbau in der Sekundarstufe nach sich gezogen?

Boßhammer: Während im Primarbereich die Offene Ganztagsschule – einmalig in der Bundesrepublik – per Erlass als Kooperation von Schule und Jugendhilfe organisiert ist, ist dies in der Sekundarstufe I zwar gewünscht, aber nicht gefordert. Die Serviceagentur bemüht sich im Primarbereich, die Qualität deutlich zu verbessern. Im Sek I-Bereich liegt der Schwerpunkt darauf, den Schulen Angebote zu machen, welche Partner sinnvoll einbezogen werden können. Das erweiterte Bildungsverständnis, das über das Curriculare hinausgeht, vereint wiederum Primar- und Sekundarbereich.

Herbert Boßhammer (l.) und Birgit Schröder© Ralf Augsburg

Das Besondere unserer Serviceagentur ist, dass wir alle Angebote in den Bereichen Entwicklung, Vernetzung, Begleitung, Information und Fortbildung an Schule- und Jugendhilfe-Vertreter gleichermaßen richten. In der Serviceagentur arbeiten 14 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus beiden Bereichen. Es gibt immer den Blick auf beide Professionen.

Online-Redaktion: Frau Schröder, wie gestaltet sich Ihrer Erfahrung nach die von der Politik gewünschte Zusammenarbeit von Schule und Jugendhilfe unter dem Dach dieses Trägermodells in den Ganztagsschulen?

Birgit Schröder: Nach zehn Jahren besteht nach wie vor die Herausforderung in der Teamentwicklung der beiden pädagogischen Professionen und in der Verzahnung von Vor- und Nachmittag. Gehen wir vom Kind aus, sollte uns dies leichter fallen, als wenn wir mit der systemischen Brille draufschauen. Wenn wir die Frage stellen, was Kinder und Jugendliche benötigen, um gut aufzuwachsen und ihre Persönlichkeit zu entwickeln, kommen wir trotz der deutlichen Unterschiedlichkeit der Systeme Schule und Jugendhilfe sicher schneller zu einem Ergebnis.

Boßhammer: Uns erreichen immer noch Stimmen, die Ganztagsschulen würden den Verbänden, Vereinen und der Jugendhilfe die Kinder und Jugendlichen entziehen. Genau an dieser Stelle halten wir das nordrhein-westfälische Ganztagsmodell für bestens geeignet, die außerschulischen Angebote in die Ganztagsschule zu integrieren. Wobei das ausdrücklich nicht heißt, dass das unter dem Schuldach stattfinden muss, sondern für uns ist eine Ganztagsschule der Sozialraum rund um das Schulgebäude.

Online-Redaktion: Wie schaffen Sie es in einem so großen Flächenland, Angebote an alle Ganztagsschulen heranzutragen?

Boßhammer: Wir haben ein Beratersystem aufgebaut und setzen auf Multiplikatoren aus Schule und Jugendhilfe. Im Primarbereich gibt es in jedem Regierungsbezirk eine Lehrerin oder einen Lehrer, die oder der Ganztagsschulen begleitet und berät und eine Scharnierfunktion zur Serviceagentur wahrnimmt. In der Sekundarstufe I gibt es für die verschiedenen Schulformen, einschließlich der Gymnasien, ebenfalls Lehrkräfte als Beraterinnen und Berater vor Ort. Unsere Kolleginnen und Kollegen aus der Jugendhilfe unterstützen dabei die Berater mit ihrer Jugendhilfe-Perspektive. Was wir nicht leisten können, ist die Einzelschulberatung vor Ort, wie sie von Serviceagenturen in anderen Bundesländern teilweise durchgeführt werden.

Schröder: In NRW haben wir inzwischen rund 100 kommunale Qualitätszirkel etabliert. Das heißt, in jeder Kommune sitzen Schulaufsicht, Jugendamt, Schulleitungen, Träger, Weiterbildungsträger und pädagogische Fachkräfte an einem Tisch, um die Ganztagsschulentwicklung gemeinsam in den Blick zu nehmen, voranzutreiben und qualitativ zu begleiten. Nicht in jedem Qualitätszirkel sind alle Professionen vertreten, aber dass zumindest Schule und Jugendhilfe dabei sind, ist eine Voraussetzung. Die weitere Förderperiode der Qualitätszirkel beinhaltet neuerdings, dass sich die Zirkel thematisch vernetzen können, um in der Region an gleichen Themen zu arbeiten. Zweimal jährlich lädt die Serviceagentur zu Austauschtreffen der Qualitätszirkel ein, ansonsten arbeiten diese vor Ort selbstständig.

Online-Redaktion: An welchen Themen arbeiten die Qualitätszirkel?

Schröder: Düsseldorf und Köln haben sich zum Beispiel vernetzt, um an Qualitätskriterien für Ganztagsschulen zu arbeiten, damit die Schulentwicklung auch unabhängig von der Person des Schulleiters oder der Schulleiterin vorangebracht werden kann. Weitere Themen der überregionalen Austauschtreffen sind zum Beispiel Hausaufgaben und Lernzeiten, Partizipation, Teamentwicklung, Inklusion.

Online-Redaktion: Wie ist es im zehnten Jahr der nordrhein-westfälischen Ganztagsschulentwicklung um das Thema Hausaufgaben bestellt?

Boßhammer: Nach wie vor besteht ein hoher Informations- und Beratungsbedarf. Wir haben schon festgestellt, dass sich an Ganztagsschulen die Überzeugung durchsetzt, dass das Arbeiten an Aufgaben unerlässlich ist, um zu lernen, und dass diese Aufgaben in Lernzeiten in selbstständiger und eigenverantwortlicher Atmosphäre stattfinden sollten. Die Lernzeiten sind ein entscheidendes Element, um zu erreichen, dass Schülerinnen und Schüler nach 16 Uhr nicht mehr zu Hause arbeiten müssen. Die Serviceagentur bietet daher Beratungsforen zu Fragen der Lernzeiten durch.

Online-Redaktion: Wendet sich die Serviceagentur auch an Eltern?

Boßhammer: Ohne Eltern können ein gutes Aufwachsen und eine gute Bildung nicht gelingen – und wir brauchen die Eltern als Bildungs- und Erziehungspartner in den Ganztagsschulen. Wir haben lange Zeit zu wenig beachtet, welche Kompetenzen Eltern mitbringen. Im Sinne eines erweiterten Bildungsverständnisses wollen wir die traditionelle Sichtweise – Eltern erziehen, Schule bildet – überwinden. Wir schauen, was Eltern jenseits von Kuchen backen und Mithilfe bei Schulfesten in die Schularbeit einbringen können. Die Ganztagsschule bietet durch das Mehr an Zeit auch viel mehr Möglichkeiten, die Kompetenzen von Eltern einzubeziehen.

© Britta Hüning

Schröder: Das Thema begleitet uns in Nordrhein-Westfalen schon lange. Wir versuchen, alle Eltern in den Blick zu nehmen. Seit 2011 gibt es bei uns das Projekt „Bildungs- und Erziehungspartnerschaft mit Eltern“. Das ist ein Kooperationsprojekt mit der Landeskoordinierungsstelle der kommunalen Integrationszentren. Wir arbeiten auch deshalb sehr gerne mit diesem Partner zusammen, weil die Integrationszentren sich für die Eltern mit Migrationshintergrund engagieren. Hier gibt es sehr viele gute Ansätze, die Eltern in die Schule einzubeziehen. Wir zeigen Konzepte und Gelingensbedingungen für die Zusammenarbeit.

Online-Redaktion: Was planen Sie für die zweite Jahreshälfte?

Boßhammer: Unsere 9. Herbstakademie findet am 21. und 22. Oktober 2014 in Neuss statt und trägt den etwas provokanten Titel „Wie isst man einen Elefanten? – Mit kleinen Schritten zur inklusiven Ganztagsschule“. Wir haben die Einladung erstmals nicht breit gestreut, sondern gezielt an Schulleitungen und Ganztagsschulkoordinatoren gerichtet, denn in der Vergangenheit mussten wir feststellen, dass nur diese der Motor für Schulentwicklung sein können. Wir wollen aus der Herbstakademie keine Input-Fachveranstaltung machen, sondern die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollen für ihre konkreten Schulen erste Entwicklungsschritte zur Inklusion erarbeiten.

Online-Redaktion: Heißt das, Veranstaltungen für ein breites Publikum, für die einzelnen Lehrerinnen und Lehrer haben zu wenig in der Schulentwicklung bewirkt?

Schröder: Die Lehrkräfte sind sicherlich immer gut informiert, von neuen Ideen beseelt und angeregt wieder in ihre Schulen zurückgekehrt. Wir haben aber oft erfahren, wenn die Lehrkräfte ein Jahr später wieder auf der Herbstakademie dabei waren oder wir die Schulen besuchten, dass die Ideen nicht umgesetzt worden sind. Die Lehrerinnen und Lehrer machen die Erfahrung, dass, wenn sich Schulleitung und Ganztagsschulkoordinatoren nicht hinter eine Ideen stellen, kaum eine Möglichkeit besteht, etwas umzusetzen. Daher wenden wir uns nun bewusst an die sogenannte Steuerungsebene, damit die Tage bei uns nicht nur schön sind, sondern auch wirklich in die Schulentwicklung einfließen.

Boßhammer: Daneben gibt es in diesem Jahr noch eine Auftaktveranstaltung zur Bildungs- und Erziehungspartnerschaft von Schule und Eltern, in der wir die Ergebnisse der Arbeit des letzten Jahres fokussieren. Wir wollen herausarbeiten, wie die im Schulgesetz verankerten Möglichkeiten der Mitwirkung in der alltäglichen Praxis stärker zum Tragen kommen können. Mitwirkung soll sich nicht nur auf die Teilnahme an einer Schulpflegschaftssitzung beschränken.

Schröder: Ein weiteres Thema, dass uns in diesem Jahr stark beschäftigt hat und weiter beschäftigen wird, ist die Partizipation von Kindern und Jugendlichen. Zunächst lag da unser Schwerpunkt in der Sekundarstufe I. Jetzt haben wir eine Hospitationsreihe an fünf Grundschulen konzipiert. So können wir zeigen, dass es sehr wohl gute Beispiele der Mitwirkung bereits im Primarbereich gibt, was sonst nicht so nach außen dringt, weil die jüngeren Kinder nicht so einfach wie die Jugendlichen ihre Angebote auf Veranstaltungen präsentieren können.

Herbert Boßhammer ist stellvertretender Leiter des Arbeitsbereichs Jugendhilfe und Schule am Institut für Soziale Arbeit (ISA) Münster. Er war zuvor Lehrer für Mathematik, Physik und Musik und langjähriger Rektor der Margaretenschule Münster. Er ist außerdem Schriftleiter von „Schule heute“ des NRW-Landeverbandes Bildung und Erziehung.

Birgit Schröder ist stellvertretende Leiterin des Arbeitsbereichs Jugendhilfe und Schule im ISA Münster und war zuvor nach ihrer Lehramtsausbildung für Sport und Biologie in der Sekundarstufe II wissenschaftliche Mitarbeiterin im ISA Münster. Beide sind maßgeblich an der seit 2005 erscheinenden Schriftenreihe "Der GanzTag in NRW – Beiträge zur Qualitätsentwicklung" beteiligt, u. a. „10 Jahre offene Ganztagsschule in Nordrhein-Westfalen – Bilanz und Perspektiven“ (2013), „QUIGS SEK I - Qualitätsentwicklung in Ganztagsschulen der Sekundarstufe I“ (2012), „Bildungs- und Erziehungspartnerschaft“ (2010).

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