"Die Ganztagsschule – Eine Einführung“

Aufbauend auf dem aktuellen Forschungsstand haben Autorinnen und Autoren der Justus-Liebig- Universität Gießen und der Universität Siegen eine „Einführung“ in die Ganztagsschule erarbeitet, welche gleichermaßen interessant für Lehrkräfte und pädagogisches Personal, Wissenschaftler sowie Gestalter von Bildungspolitik ist.

© Beltz Juventa
Das Buch „Die Ganztagsschule – Eine Einführung“, herausgegeben von Prof. Dr. Thomas Coelen und Prof. Dr. Ludwig Stecher, bietet, wie der Titel schon erahnen lässt, eine Einführung in das Thema der Ganztagsschule. Dabei wird von den Autoren nicht der klassische Aufbau – im Sinne der Konzeptentwicklung der Ganztagsschule – gewählt, wie er in vielen anderen Büchern zur Anwendung kam. Stattdessen wird hier, in allgemeinverständlicher Form und mit Praxisbezug, eine einführende Darstellung der Entwicklung seit der PISA Studie aus dem Jahr 2000 geliefert. Das 226 Seiten starke Buch gliedert sich in fünf Teile: Organisation, Konzepte, Personal, Adressaten sowie Politik.

Organisation

In den Kapiteln zur Organisation werden zunächst kritisch der Begriff und die Definitionen der Ganztagsschule erörtert. Dies geschieht in dem Wissen, dass es eine Vielzahl von unterschiedlichen Formen und Konzepten in und um Ganztagsschule gibt. So wird der Gefahr begegnet, Schulen als Ganztagsschulen zu verorten welche unterschiedlicher kaum sein können. Dabei spricht dieses Kapitel nicht nur Personen mit wissenschaftlichen Vorkenntnissen an, sondern gibt auch für Berufspraktiker einen gelungenen Einstieg in die Abgrenzung und die zahlenmäßige Entwicklung der Ganztagsschule in Deutschland.

Anschließend werden Aufbau und Struktur der Kooperation mit Partnern außerhalb der Schule für außerunterrichtliche Angebote dargestellt. Diese werden sowohl nach der Orientierung des Angebots (Nutzer-, Kooperations- oder Anbieterorientierung) als auch nach der Art der Trägerschaft/Anbieter (freigemeinnützige, öffentliche Träger sowie gewerbliche Anbieter) unterschieden. Dabei werden anschaulich die Bedeutung von gemeinsamen Zielen und die Kooperation auf Augenhöhe betont.

Konzepte

Die Buchkapitel, die sich mit den Konzepten der Ganztagsschule beschäftigen, thematisieren den generellen Aufbau und die geschichtliche Entwicklung, die Erwartungen und Chancen sowie die Rolle der Ganztagschulen als und für Bildungslandschaften. Der geschichtlichen Darstellung (in der BRD und der DDR) folgt eine ausführliche Darstellung der Ziele nach dem PISA-Schock, welcher zum Investitionsprogramm „Zukunft, Bildung und Betreuung“  (IZBB) führte. Dazu zählen: die Vereinbarkeit von Familie und Erwerbstätigkeit, die individuelle Förderung, Partizipation und Demokratiebildung sowie Chancengerechtigkeit. Es wird dargestellt, inwieweit die Erwartungen erfüllt wurden oder zu hoch gegriffen waren und wieviel (bildungspolitische) Arbeit noch notwendig ist.

Im Weiteren wird die Bedeutung und Wirkung von außerunterrichtlichen Angeboten wissenschaftlich fundiert aufgezeigt, welche als Kern ein Mehr an Zeit für pädagogische Nutzung bedeuten. Angebote werden als eigengesetzliches Feld pädagogischer Arbeit mit einer enormen Vielfalt erfasst und dargestellt. Für das Verständnis dieses Kapitels und insbesondere das der Studienergebnisse sind wissenschaftliche Grundkenntnisse sehr erforderlich. Die Autoren nehmen eine Einteilung zwischen Unterrichtsbezug und Freizeitbezug vor: Sie unterscheiden Hausaufgabenbetreuung, fachbezogene Angebote, fächerübergreifende Angebote sowie Freizeitangebote, die vom erst- bis zum letztgenannten einen immer stärkeren Freizeitbezug aufweisen.

© Britta Hüning

In der Darstellung wird immer wieder auf Studienergebnisse aus StEG („Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen“), der größten Studie zur Ganztagsschulforschung  in Deutschland rekurriert. Insgesamt ist ein breites Angebotsspektrum an den Schulen festzustellen, lediglich interkulturelles Lernen wird sehr selten durch die Schulen in außerunterrichtlichen Angeboten thematisiert. Die Teilnahmequoten sind bei Hausaufgabenbetreuung sowie Freizeitangeboten als hoch zu bezeichnen, bei fachbezogenen und fachübergreifenden Angeboten sind die Quoten dagegen niedrig bis sehr niedrig. Die Verzahnung von Unterricht durch die Kooperation von Lehrkräften mit dem Personal, welches für die Nachmittagsangebote zuständig ist, zeigt sich als schwach und ausbaufähig.

Im folgenden Kapitel wird kritisch, aber dennoch verständlich der Frage nachgegangen, inwieweit Unterricht und Außerunterricht eine Eigenständigkeit aufweisen und aufweisen sollten und wie sich beide beeinflussen können. Dazu passend führen die Autoren aus, dass Ganztagsschulen als „Keimzelle“ kommunaler, lokaler und regionaler Bildungslandschaften fungieren. Ein ganzheitliches Bildungsverständnis findet Betonung, das zur Vernetzung von Politik, Fachöffentlichkeit, Erziehungswissenschaften sowie Bildungsforschung beiträgt und sich über die Arbeit der Ganztagsschule mit externen Partnern wiederspiegelt.

Personal

Der dritte Teil des Buches geht auf zwei Berufsgruppen ein, welche die Ganztagsschule tragen und gestalten. Zum einen sind das die Lehrkräfte, deren Aufgaben und Rollen sich durch den Ausbau von Halbtagsschulen zu Ganztagsschulen verändert haben. Zum anderen ist es das weitere pädagogische Personal, welches unter der Verantwortung der Schulleitung viele Ganztagsangebote gestaltet.

Hier zeigt das Buch seine Stärken: in der wissenschaftlich fundierten Darstellung beider Berufsgruppen nicht die Zielgruppe des Buches, nämlich Lehrkräfte und pädagogisches Personal,  aus den Augen zu verlieren. So werden trotz einer reflektierten Darstellung beider Gruppen sowie der Einbeziehung  von empirischen Ergebnissen für die Berufspraxis anschauliche und nachvollziehbare Erkenntnisse aus der aktuellen Forschung präsentiert. Als zentrales Ziel für die Zukunft nennen die Autoren eine deutlich verzahntere Ausbildung beider Berufsgruppen, die auf das gemeinsame kooperative Arbeiten vorbereitet.

Adressaten

Der vierte Teil des Buches fokussiert die Adressaten und Adressatinnen, die von außerunterrichtlichen Angeboten profitieren und an diesen teilnehmen: also Schülerinnen und Schüler, aber auch deren Eltern. In der klassisch aufgebauten Darstellung und Erörterung zu Familie, sozialer Herkunft und Bildungsungleichheit laufen nicht-wissenschaftlich orientierte Leser Gefahr sich zu verlieren, für andere bietet dies allerdings einen sehr guten Überblick für die einzelnen Themen.

Ähnlich verhält es sich bei der Darstellung der Peer-Gruppen an Ganztagsschulen und des Einflusses auf die Lernkultur der Schülerinnen und Schüler. Dieser eher theoretische Beitrag zeigt fundiert auf, welche Potentiale Peer-Gruppen nicht nur für die Entwicklung der einzelnen Schülerinnen und Schüler haben, sondern auch, welche Möglichkeiten für die Schulentwicklung bestehen. Aufgrund kaum vorhandener Studienergebnisse aus der Kindheitsforschung zur Ganztagsschule können die Autoren keine gesicherten Aussagen über die möglichen Mechanismen, die man auf Seiten der Schule angehen könnte, um Peer-Gruppen mit einer positiven Lernkultur zu verknüpfen, bieten.

© Britta Hüning

In der systematischen Darstellung der Erwartungen und Ziele der Ganztagsschule sowie der Darstellung aktueller Forschungsergebnisse dazu, wird der Einführungscharakter des Buches deutlich.

Die Erarbeitung der Inhalte dieses Kapitels ermöglicht es der Leserin/dem Leser logische und sachlich fundierte Annahmen über das Wirkungsgefüge der Ganztagsschule zu bilden bzw. vorgefertigte Annahmen zu hinterfragen. Als Kernziele außerunterrichtlicher Angebote werden von den Autoren Leistungsfähigkeit, soziales Lernen sowie interkulturelles Lernen aufgeführt und beleuchtet.

Die Quintessenz ist bei allen Autorinnen und Autoren dieses Abschnitts nahezu gleich: Die Wirkungen, seien es Lernleistungen, soziale Kompetenzen oder außerunterrichtlicher Angebote auf die Schülerschaft hängen stark von der Qualität ab. Einer der Gründe ist die aktuell überwiegende Funktion der Betreuung gegenüber der Funktion der Kompetenzförderung. Erst Letztere macht die Erwartungen an Ganztagsschule überhaupt erst erfüllbar.

Politik

Im letzten Teil des Buches werden europäische Ganztagsschulstrukturen miteinander verglichen sowie die Verflechtung der Bildungs- und Gesellschaftspolitik im Bezug zur Ganztagsschule erörtert. Zunächst wird ein methodisch fundierter und nicht wertender Vergleich der Strukturen zwischen Deutschland, Frankreich, Italien und den Niederlanden vorgenommen. Der Autor kommt zu dem Schluss, dass kein kausaler Zusammenhang zwischen Lernleistungen und den Strukturen besteht. Entscheidend sei vielmehr die Frage, wo man mit der Ganztagsschule hin möchte. Geht es um die Qualifikation und eine arbeitsmarktorientierte Bildung oder um eine partizipative demokratiebildende Funktion der Ganztagsschule?

Das Autorenteam dieses Kapitels zeigt auf, dass in der Bildungspolitik kein homogenes stringentes Ziel verfolgt wird, und stellt dar, welche Ziele und Motive unterschiedlichster Akteure sich hinter den tatsächlichen Entscheidungen der Bildungspolitik verbergen. Denn vielfach würden bildungspolitische Debatten eine einfache Lösung suggerieren, die es in der Realität aber nicht gibt. Zusammenfassend geben sie an: Bildungspolitik ist die Austragung von Konflikten zu Entscheidungen bezüglich der Institutionalisierung von Bildungsprozessen, -inhalten und -strukturen.

Fazit

Insgesamt ist das Buch eine gelungene Einführung in die Entwicklung der Ganztagsschule seit dem Jahr 2000. Es ist gekennzeichnet durch den Spagat zwischen Lesefreundlichkeit und wissenschaftlichem Anspruch – den es gut bewältigt und der es für Lehrkräfte und pädagogisches Personal, Wissenschaftler sowie Gestalter von Bildungspolitik gleichermaßen ansprechend macht.

Coelen, Thomas &  Ludwig Stecher (Hrsg.) (2014). Die Ganztagsschule. Eine Einführung. Weinheim und Basel: Beltz Juventa.

Wolf-Dieter Lettau ist Soziologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Schulpädagogik der Universität Rostock. Seine Forschungsschwerpunkte sind: Empirische Forschungsmethoden, Übergänge in der Bildung  und Ganztagsschule. Niehoff, S. , Lettau, W.-D. , Fussangel K. & Radisch F. (2014). Die Erstellung der Übergangsempfehlung als gemeinsame Aufgabe von Lehrpersonen und pädagogischem Personal? Zur interprofessionellen Kooperation an Ganztagsgrundschulen. In: Zeitschrift für Schulpädagogik heute, 5, Ausgabe 09. Lettau, W. - D., Struckmann, I. (2011). Gelingende Transitionen an der Schnittstelle Studium und Beruf. In: hpsmedia (Hrsg.) Kongressband, Lernwelten 2011, hpsmedia, Hungen. v. d. Heyden, R., Nauerth, A., Lettau, W. - D., Walkenhorst, U. (2011). Entwicklung von Kompetenzmessinstrumenten zur Erfassung der Studierfähigkeit sowie der Beschäftigungsfähigkeit im Rahmen des Forschungsprojektes Transitionen. In: Marzinzik, K. et al. (Hrsg.). Abschlussband KomPASS, Lit, Münster.

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