"Das heißt Grundschullehrerin!" – Männer in der Ganztagsschule

Gerade im Grundschulbereich ist der Anteil männlicher Lehrkräfte gering. Bei Elternsprechtagen und Schulveranstaltungen glänzen die Väter oft durch Abwesenheit. Wie sich mehr Männer auf beiden Seiten des Lehrerpults in die Schulen holen lassen, zeigen Projekte an Universitäten und in Bremer Ganztagsgrundschulen.

Unabhängig davon, wie man die Situation der Schulbildung in Deutschland bewertet – eines scheint unstrittig: Die Bildung ist weiblich. Sieben von zehn Lehrkräften in Deutschland sind Frauen. Von Schulform zu Schulform gibt es indes erhebliche Unterschiede: Während für Gymnasien mit durchschnittlich über 40 Prozent – an einzelnen Schulen deutlich mehr – ein vergleichsweise hoher Anteil männlicher Pädagogen ermittelt werden konnte, kamen Grundschulen im Jahr 2012 nur noch auf 12 Prozent. Und auch hier gibt es wiederum Unterschiede von Grundschule zu Grundschule: In Bremen beispielsweise unterrichtet aktuell in 15 von 74 Grundschulen gar kein Mann.

Christoph Fantini

„Noch vor drei Jahrzehnten lag der Männeranteil bei rund 40 Prozent. Bis in die 1960er Jahre war das Bild der Volksschule von Männern geprägt“, berichtet Dr. Christoph Fantini, Lektor im Fachbereich Interkulturelle Bildung an der Universität Bremen. „Mitte der 1980er Jahre ist das Verhältnis dann zugunsten der Frauen gekippt.“

Noch drastischer stellt sich das Missverhältnis in den Kindertagesstätten dar: Das Statistische Bundesamt ermittelte 2012 lediglich rund 4 Prozent männliche Mitarbeiter – unter Einbeziehung von Aushilfskräften und Praktikanten. Es kann passieren, dass Schülerinnen und Schüler bis zum Besuch der Sekundarstufe I nie einem männlichen Pädagogen begegnet sind. Und das vor dem Hintergrund, dass gleichzeitig die Männer in vielen Fällen auch aus der elterlichen Erziehung „verschwinden“. Der Anteil der Männer, die täglich mehr als eine Stunde mit ihren Kindern verbringen, sei wesentlich kleiner, als es das „neue Männerbild“ vermuten lasse, erklärt Fantini.

Verzerrte Berufsbilder

Gründe für den Männermangel gerade im Primarbereich liegen auf der Hand: deutlich bescheidenere Bezahlung, geringere Aufstiegschancen im Lehrerberuf,  Rollenklischees. Die Professionalität von Erzieherinnen und Grundschullehrerinnen wird immer noch mit „mütterlichen Qualifikationen“ verwechselt. Aber Christoph Fantini sieht auch darüber hinaus Vorbehalte bei vielen Männern gegenüber dem Lehrerberuf, der als „weiblich“ gilt. Was er ja in einer Art selbsterfüllenden Prophezeiung, statistisch gesehen, auch geworden ist.

Mann mit Schülern
© Britta Hüning

Lehrerausbilder wie Fantini versuchen gegenzusteuern und Studienanfänger für den Lehrerberuf im Primarbereich zu gewinnen. Die Universität Hildesheim hat seit 2010 ein Projekt „Männer und Grundschullehramt“ aufgelegt. Das Gleichstellungsbüro der Stiftung Universität Hildesheim möchte Männern einen realitätsnahen Blick auf den Beruf ermöglichen und so das Berufsfeld für sie öffnen. Dazu gibt es Angebote wie den Boys Day-Zukunftstag: Schüler können für einen Tag praktische Erfahrungen im Lehramtsstudium sammeln. Es werden Informationsveranstaltungen zum Studien- und Berufsfeld Grundschule veranstaltet. Man nimmt an Berufsinformationsabenden von Gymnasien teil und initiiert „Schultandems“ zwischen Gymnasien und Grundschulen. Eine Online-Praxisbörse zeigt, wie an Grundschulen und im Lehramtsstudium praktische Erfahrungen gesammelt werden können.
 
In Bremen hat Christoph Fantini zusammen mit dem Landesinstitut für Schule und der Senatorin für Bildung und Wissenschaft das Kooperationsprojekt „Männer in die Grundschule“ gegründet. „Die ausgewogene Erziehung durch Frauen wie Männer ist für die Entwicklung von Kindern anerkannt wichtig. Beide Geschlechter spielen ihre ganz eigene Rolle in diesem komplexen Prozess“, meint der Wissenschaftler. „So wie schon länger versucht wird, Frauen für Männerberufe zu interessieren, ist es für die frühe kindliche Erziehung wichtig, entsprechend Männer zu gewinnen. Nicht, weil sie besser, sondern weil sie anders sind und das erzieherische Setting dadurch bereichert wird.“

„Leih dir einen Lehrer“

In drei Arbeitsgruppen wird an der Aufgabe gearbeitet, eine größere Wahrnehmung und Resonanz des Berufsbildes Grundschullehrer in der Öffentlichkeit und insbesondere bei den potenziellen Zielgruppen zu erreichen. In der AG Ausbildung wird diskutiert, wie sich Netzwerke aufbauen, männliche Studierende optimal ansprechen und für die Primarstufe gewinnen lassen. In der AG Kontakte und Projekte geht es darum, frühzeitig Erfahrungsmöglichkeiten für junge Männer im Berufsfeld zu schaffen. In der AG Imageförderung steht die Frage im Vordergrund, wie der Grundschullehrerberuf für Männer attraktiver werden kann.

Daneben vermittelt Fantini seit Herbst 2011 Studierende in die männerfreien Bremer Grundschulen. Das Projekt „Leih dir einen Lehrer“ wird über Honorarmittel der Bildungssenatorin finanziert. Die Reaktionen sind auf allen Seiten positiv: „Die Kinder sind begeistert, wenn ein Mann in der Schule auftaucht, die Schulleitungen und Kollegien bitten darum, dass die Studenten länger bleiben mögen, und ich habe schon Gymnasiallehramtsstudenten erlebt, die zuerst sehr skeptisch und dann mit Eifer dabei waren“, berichtet Fantini

Er möchte mit diesem Projekt überhaupt erst einmal das Bewusstsein dafür wecken, dass Männer an Grundschulen gesellschaftlich akzeptiert werden und Dialoge, wie dieser, den ein Student bei seinem Einsatz in einer Grundschule erlebt hatte, irgendwann der Vergangenheit angehören:

Schülerin: „Was machst du hier?“
Student: „Ich will Grundschullehrer werden.“
Schülerin: „Das heißt Grundschullehrerin!“

In die Elternhäuser gehen

Der Fachbereich Erziehungswissenschaften der Universität bildet einen Pool von interessierten Lehramtsstudenten. Ihre Qualifizierung erfolgt durch das Seminar „Männer im Lehramt – Reflexionen zu Gender“. Hinzu kamen Austauschtreffen mit der Grundschulreferentin (!) der Bildungsbehörde. Aus dem Bewerberpool erhalten beteiligte Schulen Vorschläge für vorübergehende Einsätze. Die Studenten wirken unter anderem mit bei PC-Kursen, als Sportlehrer, Musiklehrer, Chorleiter, Assistent im Regelunterricht, in der Spiel-und-Sport-AG, beim Aufbau einer Lernwerkstatt, in einer Koch-AG... Die Studenten arbeiten zehn Stunden pro Monat an ihren Schulen.

Lehrer und Schülerinnen
© Britta Hüning

Nimmt man allerdings ernst, dass Einstellungen und Mentalitäten den Männermangel in den Grundschulen mitbewirken, dann steht zu vermuten, dass sich hier ein Wandel nicht so schnell herbeiführen lässt, auch wenn die Zahlen in Hildesheim Anlass für vorsichtigen Optimismus geben, da sich in den vergangenen Jahren die Zahl der Lehramtsanwärter im Primarbereich erhöht hat.

Aber was ist mit den Männern, die bereits da sind? Immerhin könnten sich Väter gerade in Ganztagsschulen stärker engagieren. In den Bremer Ganztagsschulen gibt es unterschiedliche Erfahrungen. Während ein Schulleiter meint, es sei „nahezu unmöglich“, an die Väter heranzukommen, und man müsse in die Elternhäuser zu den Vätern gehen, um sie zur Mitarbeit zu motivieren, ist Carsten Dohrmann, Schulleiter der Ganztagsgrundschule an der Stichnathstraße, optimistischer: Es gehe langsam voran. Alles in allem besteht aber noch das Bild von den „Vater Morganas“. Bei Elternabenden oder in den Beteiligungsgremien sind im Schnitt 20 Prozent Väter anwesend.

Vätertage und Väterabende

Was können Schulen tun, um mehr Väter zum Mitwirken zu gewinnen? Die Lehrkräfte könnten einen Rahmen für Begegnungen ermöglichen, bei dem auch Irrtümer wie „Männer halten die Schule für Frauensache“ korrigiert werden könnten. Es gilt, an die Kompetenzen von Vätern anzuknüpfen und die Kinder in Berührung mit dem Lebensalltag ihrer Väter zu bringen, beispielsweise durch Besuche der Klasse an den Arbeitsplätzen der Väter. Einen guten Rat gibt eine Bremer Lehrkraft: „Viel mehr als jede Einladung per Brief bringt es, Botschaften über die Kinder zu transportieren. Wenn ein Kind vor seinen Eltern steht und zu seiner eigenen Theater- oder Musikaufführung einlädt, ist die Besucherresonanz viel besser.“

Schulen können Sportfeste veranstalten, bei denen Väter die Wettkämpfe gemeinsam mit ihren Kindern bestreiten. Veranstaltungen zur Fußball-WM könnten ebenso Begegnungsanlässe sein wie Väterfrühstücke ohne Tagesordnung und in lockerer Atmosphäre, die auch die Kommunikation der Väter untereinander ermöglichen. Über solche Events kann die Schule dann versuchen, kontinuierliche Treffen zu erreichen. Julian Cirkovic, der an der Universität Bremen „Inklusive Pädagogik“ studiert und eine Bachelor-Arbeit zur „Vater-Kind-Beziehung“ vorgelegt hat, hat Interviews mit vier Grundschulvätern geführt: Die Väter schlagen eine bessere Ausrichtung von Terminen an Vollzeitstellen, Elternabende für Väter und überhaupt eine bessere Zusammenarbeit mit den Eltern vor.

 

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