Die Medienberater-AG vom Ganztagsgymnasium Leopoldinum

Es gibt ein beeindruckendes Instrumentarium medienpädagogischer Ansätze. Mit dem Medienpass NRW hat die Landesregierung eine Initiative etabliert, mit der die Medienbildung in Primarstufe und Sekundarstufe I übersichtlich verzahnt und das erlernte Wissen der Schülerinnen und Schüler dargestellt werden kann.

Schülerinnen vor einem Computer
© Britta Hüning

Das Mädchen wird sichtbar unruhig, dann bricht es in Tränen aus: „Ich habe alles falsch gemacht.“ Eine Reaktion, welche die Schülerinnen und Schüler der Medienberater-AG des Gymnasiums Leopoldinum im westfälischen Detmold bei den Jüngeren schon häufig erlebt haben. „Wenn wir in unseren Vorträgen darlegen, was man bei einer Anmeldung bei facebook vermeiden und worauf man achten sollte, reagieren manche entsetzt“, berichtet Lars aus der 9. Klasse – weil ihnen bewusst werde, dass sie fahrlässig mit ihren Daten umgehen.

Solche Momente sind eine Bestätigung für die Medienberater-AG. Die seit vier Jahren an dem Ganztagsgymnasium bestehende Arbeitsgemeinschaft möchte den Klassen ab Jahrgangsstufe 5 aufwärts helfen, mit den neuen Medien verantwortungsvoll umzugehen, Cybermobbing oder Handy-Abzocke vorzubeugen und bei konkreten Schwierigkeiten Gespräche zu führen. Die Schülerinnen und Schüler sind selbst am Anfang ihrer Teilnahme von einer Medienpädagogin in einem dreitägigen Seminar fortgebildet worden. Für ihr Engagement – das außerhalb der Unterrichtszeiten durch das Disponieren der Vortragseinsätze in den Klassen und anderer Aktionen wie der „Langen Nacht der Computer“ viel Organisationsarbeit mit sich bringt – erhalten die Medienberaterinnen und -berater einen Eintrag im Zeugnis.

Sieben Schülerinnen und Schüler aus den Jahrgangsstufen 9 und 11 stellten ihr Konzept „Schülerinnen und Schüler als Medienberater – durch Peers medienkompetenter werden“ im Rahmen eines Workshops auf dem Medienpass-NRW-Kongress am 27. Juni 2014 im Haus der Technik in Essen vor. Etwa ein Dutzend Schülerinnen und Schüler von Jahrgangsstufe 7 bis 11 sind Mitglieder dieser AG, der bei Bedarf zwei Beratungslehrkräfte zur Seite stehen.

Schüler, Eltern und Lehrer suchen Beratung

Einmal pro Woche halten die Medienberater eine Sprechstunde ab. Wichtiger noch sind aber der Schülerin Franca zufolge die informellen „Gespräche auf dem Schulhof und die Fragen, die man uns nach unseren Vorträgen oder Unterrichtsgesprächen stellt“. Hier werden laut Sven teilweise auch Sachverhalte an die Medienberatergruppe herangetragen, „die man manchmal kaum glauben kann“. Auch Eltern, Lehrerinnen und Lehrer würden von sich aus das Gespräch suchen. „Wie lange kann ich mein Kind vor dem Computer sitzen lassen?“, sei beispielsweise eine Frage, während die Lehrkräfte das Thema Cybermobbing häufig nachfragen.

Schülerin am Computer
© Britta Hüning

Die Medienberater-AG handelt nach einem etablierten Fahrplan. In Jahrgangsstufe 5 können Fünftklässler den Internet-Führerschein ablegen, bei dem unter anderem ein grundlegendes Verständnis des Internets und der sozialen Netzwerke thematisiert werden. Der Internet-Führerschein wird nach einem Test von 15 Minuten mit einer Teilnahmeurkunde vergeben. In der 6. Jahrgangsstufe folgen die Themen „Cybermobbing“ und „Abzocke, Recht, Handy“ im Rahmen von Vorträgen und kurzen Filmen zur plastischen Illustration – oftmals „Augenöffner“ für die Mitschülerinnen und Mitschüler.

Wissen, was Schülerinnen und Schüler „da überhaupt treiben“

In Klasse 7 beginnt die Rekrutierung des Nachwuchses für die Medienberater-AG, was Sven zufolge zunehmend leichter wird, da nun die Schülerinnen und Schüler nachwachsen, welche die Medienberater-AG seit der 5. Klasse aus Vorträgen und Unterrichtsgesprächen kennen. „Dafür wissen leider manche Lehrerinnen und Lehrer immer noch nicht, was wir eigentlich machen“, bedauert Franca, „und denken, wir wären dafür zuständig, die Computer anzuschließen oder so.“ Diejenigen, welche die Medienberater-AG in ihren Unterricht einbinden, „bekommen auf jeden Fall mit, was ihre Schülerinnen und Schüler da überhaupt mit ihren Handys, Tablets und im Internet machen“, erklärt Lisa. In der 7. Klasse führt die Medienberater-AG auch die Initiative Medienpass NRW durch, bei dem die Medienkompetenz der Schülerinnen und Schüler über einen Zeitraum von zwei Jahren gefördert und Lehrkräfte bei der Unterrichtsgestaltung unterstützt werden.

Medienpass NRW
Der Medienpass NRW© Medienbildung NRW

„Der Medienpass besteht aus drei Elementen“, erläuterte Wolfgang Vaupel, der Geschäftsführer der Medienberatung NRW, für die rund 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Der Kompetenzrahmen biete Orientierung, über welche Fähigkeiten Kinder und Jugendliche verfügen sollten. Er unterscheidet zwischen Kindern (Elementarbereich und Grundschulalter), Heranwachsenden (Klassen 5 bis 6) und Jugendlichen (Klassen 7. bis 10). „Der Lehrplankompass zeigt auf, wo und wie die Anforderungen des Kompetenzrahmens in den Schulunterricht integriert werden können, und gibt praktische Hinweise und Anregungen für Lehrerinnen und Lehrer. Der eigentliche Medienpass dokumentiert das Kompetenzniveau der Schülerinnen und Schüler und motiviert zur weiteren Beschäftigung mit Medien.“

Die Medienberatung NRW hatte im Sommer 2011 gemeinsam mit der Landesanstalt für Medien, dem Schulministerium und dem Jugendministerium per Online-Konsultation alle Interessierten eingeladen, an der Konzeption des Medienpasses NRW mitzuwirken. Die Ideen und Kommentare wurden detailliert ausgewertet, und die gewonnenen Anregungen flossen in das Konzept ein. Von Februar bis Mai 2012 wurde der Medienpass NRW von 68 Grundschulen erprobt. Seit dem Schuljahr 2012/13 steht das Angebot allen Grundschulen zur Verfügung. Der Medienpass für die Klassen 5 und 6 wurde im ersten Halbjahr 2013 von 77 weiterführenden Schulen erprobt und steht nun ebenfalls landesweit zur Verfügung. Nach Erprobungsphasen für die Klassen 7 bis 10 steht der Medienpass auch in digitalisierter Form zur Verfügung.

Medienpass in Kooperation von Schule und Jugendhilfe

Michaela Heiser und Christoph Klimt
Moderatorin Michaela Heiser (l.) bei der Diskussion mit Prof. Christoph Klimmt© Ralf Augsburg

„Wir brauchen eine gemeinsame Vorstellung, wo wir mit der Medienbildung hinwollen“, beschrieb Vaupel die Motivation für die Einführung des Medienpasses. Oder anders ausgedrückt: „Was muss ein Kind in welchem Alter lernen?“, wie es Mechthild Appelhoff von der Landesanstalt für Medien beschrieb. Wolfgang Vaupel erläuterte hierzu: „Der Lehrplankompass zeigt die Lehrplanbezüge für die fünf Kompetenzbereiche ‚Bedienen und Anwenden’, ‚Informieren und Recherchieren’, ‚Kommunizieren und Kooperieren’, ‚Produzieren und Präsentieren’ sowie ‚Analysieren und Reflektieren’ und listet entsprechende Materialien auf. Das Medienpass-Heft ist wichtig, um das Gelernte zu dokumentieren. Er formuliert die geforderten Fähigkeiten.“

Dabei sei der Medienpass „nicht allein als schulische Angelegenheit zu sehen“, betonte Silke Fabian vom Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport. „Es gibt auch viele gute Angebote der Jugendhilfe, zum Beispiel in Sachen Cybermobbing. Die Teilnahmebescheinigungen für den Medienpass können die Jugendlichen auch erwerben, wenn sie solche Jugendhilfeangebote in Anspruch genommen haben.“

Laut Mechthild Appelhoff gibt es „keine Alternative zu diesem Vorgehen angesichts der Mediatisierung unserer Gesellschaft“. Dass der Medienpass im kommenden Schuljahr auch in Rheinland-Pfalz eingeführt werde, belege die Erfolgsgeschichte dieser Initiative zusätzlich.

Medienkritikfähigkeit mangelhaft

Überreichen der Urkunde

Sylvia Löhrmann, die nordrhein-westfälische Schulministerin betonte, man müsse der Gefahr begegnen, „sich im Internet zu verlieren“, und auf der anderen Seite „Werte vermitteln, die im Netz nicht verloren gehen sollen“. Die Ministerin zeichnete zwei Schulen aus, die im Rahmen eines Wettbewerbs Namen für die Maskottchen des Medienpasses gefunden haben. Die Ganztagsgrundschule Augustinus aus dem münsterländischen Dülmen und die Ganztagsschule Wilhelm-Ferdinand-Schüßler-Tagesschule dürfen sich über jeweils 400 Euro Preisgeld freuen.

Dass Medienbildung insgesamt nötig ist, konnte Prof. Christoph Klimmt vom Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover belegen. Er hatte anhand von Testaufgaben bei 189 Neuntklässlern im Raum Hannover die „Medienkritikfähigkeit“ überprüft. Sein Fazit: „Nur wenige Jugendliche sind in der Lage, Journalismus kritisch zu reflektieren.“

 

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