Schulpreis 2014: Der Trend Ganztagsschule

Bei der Auszeichnung mit dem Deutschen Schulpreis 2014 am 6. Juni 2014 in Berlin gehörten drei Ganztagsschulen zu den sechs Preisträgern, darunter die Anne-Frank-Realschule in München als Hauptpreisträgerin und "Schule des Jahres".

Schülerinnen bei der Preisvergabe
Die Anne-Frank-Realschule aus München bejubelt ihre Auszeichnung als "Schule des Jahres 2014"© Robert Bosch Stiftung / Max Lautenschläger

Es ist ein wenig wie mit der Frage nach der Henne und dem Ei. Sind unter den Preisträgern des von der Robert Bosch Stiftung ausgelobten Deutschen Schulpreises so viele Ganztagsschulen, weil es inzwischen ganz simpel immer schwieriger wird, Schulen zu finden, die nicht ganztägig arbeiten? Oder bieten Ganztagsschulen eben genau die gesuchten Qualitäten – Leistung, Umgang mit Vielfalt, Unterrichtsqualität, Verantwortung, Schule als lernende Institution, Schulklima, Schulleben und außerschulische Partner – und sind deshalb so prominent vertreten?

Sei es, wie es sei. Am 6. Juni 2014 wurde auf jeden Fall mit der Anne-Frank-Realschule aus München eine gebundene Ganztagsschule als Schule des Jahres 2014 ausgezeichnet. Hauptpreis: 100.000 Euro. Von den fünf weiteren Preisträgern, die je 25.000 Euro erhalten, kamen mit der Erich-Kästner-Schule aus Hamburg eine teilgebundene Ganztagsschule und mit der Römerstadtschule in Frankfurt am Main eine Ganztagsgrundschule hinzu. Das Regionale Berufsbildungszentrum Wirtschaft in Kiel arbeitet als berufliche Schule ebenfalls ganztägig. Halbtags organisiert ist – noch – das Geschwister-Scholl-Gymnasium aus dem nordrhein-westfälischen Lüdenscheid. Die SchlaU-Schule für junge Flüchtlinge in München, die den „Preis der Jury“ erhielt, ist sicherlich ein besonderer Fall.

Selbstbestimmtes Lernen in Lernhäusern und Lernbüros

Bei der Preisverleihung in Berlin-Kreuzberg nahm Schulleiterin Eva Espermüller-Jag die Auszeichnung aus den Händen von Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier entgegen. Der Minister hatte zuvor im Interview auf dem Podium die Chancengerechtigkeit bei der Bildung betont: „Jeder, der das Zeug hat, muss unabhängig von Herkunft und Geschlecht die Chance haben, seinen Weg zu gehen.“

Schulleiterin Eva Espermüller-Jug (l.) erhält für ihre Anne-Frank-Realschule den Hauptpreis aus den Händen von Außenminister Frank Walter Steinmeier© Robert Bosch Stiftung / Max Lautenschläger

Die Geschlechterfrage spielt bei der Schule des Jahres eine dominante Rolle, denn die Anne-Frank-Realschule ist seit 1957 eine reine Mädchenschule. „Mädchen lernen in unserer Schule die naturwissenschaftlichen Fächer besser“, zeigt sich Schulleiterin Espermüller-Jag überzeugt. Chancengerechtigkeit durch Geschlechterhomogenität. Aber auch durch den Ganztag, der zum Schuljahr 2012/13 auf Wunsch der Eltern eingeführt wurde. Hier findet der Unterricht in rhythmisierten Doppelstunden statt, es gibt keine Hausaufgaben. Das Lernen wird in Logbüchern dokumentiert, über die wöchentliche Gespräche geführt werden. In den Arbeitsgemeinschaften am Dienstagnachmittag werden die Schülerinnen musisch-künstlerisch gefördert. In der 5. und 6. Jahrgangsstufe besteht eine verpflichtende Teilnahme am Mittagessen.

Eine zentrale erzieherische Aufgabe sehen Schulleitung und Kollegium darin, das Selbstwertgefühl der über 600 Mädchen zu stärken, sie zur Selbstständigkeit und Eigenverantwortlichkeit zu erziehen und sie erleben zu lassen, dass Naturwissenschaft und Technik interessant sind und Freude machen können. Ziel der verschiedenen, gerade auch fächerübergreifenden Projekte ist es, den Blick für neue Berufsfelder zu erweitern: für informationstechnische Berufe, aber auch naturwissenschaftliche Ausbildungsfelder. Im Sinne der ganzheitlichen Erziehung werden die Schülerinnen zu Tutorinnen und Mediatorinnen ausgebildet. Sie können ihre sozialen Kompetenzen durch Mitarbeit in den verschiedenen Arbeitskreisen, wie zum Beispiel Schülerinnenzeitung, Schülerinnencafeteria, Schulsanitätsdienst unter Beweis stellen oder ihr Talent in der Theatergruppe zeigen.

Lehrkräfte müssen Kontrolle abgeben

Die Jury des Deutschen Schulpreises, welche die Schule im Januar 2014 neben 19 weiteren Schulen besuchte – nachdem sich insgesamt 116 Schulen beworben hatten –, lobte insbesondere die Lernhäuser, „die eine hohe Identifikation und fast familiäre Atmosphäre schaffen“. Die Mädchen durchlaufen ihr Lernhaus von der 5. bis zur 10. Klasse und arbeiten in sogenannten Lernbüros in fest verankerten Stunden im Stundenplan zweimal in der Woche mit jeweils einer Doppelstunde in Mathematik, Deutsch und Englisch. Je Halbjahr muss eine bestimmte Anzahl von Bausteinen je Fach bearbeitet werden. Welches Fach an welchem Tag besucht wird, entscheidet jede Schülerin selbst. Das Fortkommen im jahrgangsgemischten Lernbüro wird im Logbuch dokumentiert. Wer Fragen hat, schreibt sie an die Tafel – es findet sich schnell eine Mitschülerin, die hilft.

Die Trophäe des Deutschen Schulpreises
Die Trophäe des Deutschen Schulpreises© Robert Bosch Stiftung / Max Lautenschläger

„Bei unseren vor zwei Jahren eingeführten Lernbüros gehen die Meinungen auseinander – auch bei den Lehrkräften“, meint Deutschlehrerin Gabriele Halligan. „Manche Kolleginnen oder Kollegen würden am liebsten alles kontrollieren, aber im Lernbüro müssen sie die Kontrolle an die Schülerinnen abgeben. Ich finde die Altersmischung toll. Ich habe noch nie erlebt, dass eine ältere Schülerin einer jüngeren nicht hilft.“ Eineinhalb Jahre haben Lehrerinnen an den vielfältigen Materialien für die Lernbüros gearbeitet. In Zukunft soll es auch noch Lernbüros für Erdkunde, Französisch und Physik geben.

Die prämierte Römerstadtschule in Frankfurt am Main ist seit dem Schuljahr 2010/11 im Ganztagsprogramm des Landes Hessen als "Schule mit Ganztagsangeboten Profil 1“ aufgenommen. Die Schule mit ihren rund 300 Schülerinnen und Schülern erhält für das Angebot die zusätzliche Ressource von einer Lehrerstelle zur Hälfte in Stunden und zur anderen Hälfte in Sachmitteln. Diese gehen an den Verein Arbeits- und Erziehungshilfe e.V. (VAE e.V) als Kooperationspartner der Pädagogischen Mittagsbetreuung.

Bessere Förderung in der „klassenlosen Gemeinschaft“

Die Delegation der ausgezeichneten Römerstadtschule aus Frankfurt am Main© Robert Bosch Stiftung / Max Lautenschläger

Die Jury des Deutschen Schulpreises lobt die Römerstadtschule als einen „warmherzigen, sozialen Ort im Stadtteil für Kinder und Erwachsene“ und den inklusiven Ansatz. Die aktuelle Schulentwicklung steht unter der Überschrift "Die Römerstadtschule macht sich auf den Weg zu einer inklusiven Schule". Gemeinsam mit einem Team von Lehrern und Lehrerinnen besuchte Schulleiterin Heike Schley inklusiv arbeitende Schulen in Berlin, Köln und Münster. „Das Konzept hat uns überzeugt “, berichtet die Schulleiterin, die im Anschluss an die Hospitationsreisen jahrgangsübergreifenden Unterricht beim Hessischen Kultusministerium beantragte.

„Die Kolleginnen und Kollegen haben mich überredet, diesen Schritt zu gehen – und wir wollten trotz des Schulgesetzes weg von der Jahrgangsschule.“ Die Genehmigung kam schrittweise. Zwischen 2010 und 2012 wurden zunächst zwei Jahrgänge zusammengelegt, dann drei und schließlich alle vier. „Seither können wir unsere Schülerinnen und Schüler viel besser individuell fördern“, freut sich Heike Schley.

„Kompliment für Schülerrat, Elternrat und Kollegium“

Sechs multiprofessionelle Teams gestalten das schulische Leben für jeweils 50 Schülerinnen und Schüler. So werden die Klassenräume zu anregungsreichen Lernwerkstätten, in denen Kinder unterschiedlichen Alters gemeinsam lernen und ihren individuellen Lernweg finden. Den Kindern wird viel zugetraut: Vierteljährlich wählen sie freie Projektthemen, die sie mit einer schulöffentlichen Präsentation abschließen. Schulleiterin Schley findet: „Jetzt sind die Gruppen zwar größer, doch unser eingespieltes Team aus vier Pädagogen, das die Stärken und Schwächen seiner Schüler kennt, kann spontan Gruppen bilden, die viel funktionaler sind als starre Klassenverbände. Es gibt viel weniger Reibungsverluste.“

Vertreterinnen und Vertretern der Erich Kästner Schule aus Hamburg
Jubel bei den Vertreterinnen und Vertretern der Erich-Kästner-Schule aus Hamburg© Robert Bosch Stiftung / Max Lautenschläger

Schulleiter Pit Katzer sah die Auszeichnung für seine Erich-Kästner-Schule in Hamburg als „tolles Kompliment für den engagierten Schülerrat und den Elternrat und für unsere vor über 20 Jahren begonnene Arbeit“. Als eine der größten allgemeinbildenden Schulen Hamburgs mit über 1.300 Schülerinnen und Schülern bietet die Stadtteilschule und teilgebundene Ganztagsschule eine integrierte Langform von der Vorschule bis zum Abitur. Länger und intensiver als jede andere Hamburger Gesamtschule hat man hier das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne Behinderungen entwickelt.

„Aufstieg durch Bildung“

Neben vielen grundlegenden Konzeptionen zur Lern- und Leistungsförderung gibt es an der Erich-Kästner-Schule eine beeindruckende Kultur des Schullebens, zu der Bewegung und Gesundheitsbildung ebenso gehören wie Natur- und Welterfahrung, kultureller Ausdruck, frühzeitige Berufsorientierung und konsequente Begleitung in Krisensituationen. Wie in München ist auch in Hamburg das Logbuch ein wichtiger Teil des Lernens. Schulleiter Pit Katzer führte die sogenannte Lernzeit in Deutsch, Mathematik und Englisch ein. Während dieser Zeit können die Jugendlichen in einem Fach ihrer Wahl arbeiten und selbst die Schwierigkeitsstufe ihrer Aufgaben wählen.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier mit den Preisträgerschulen© Robert Bosch Stiftung / Max Lautenschläger

„Wir haben eine sehr heterogene Schülerschaft“, erklärt Katzer „die wir aber alle gemeinsam unterrichten. Da ist es unverzichtbar, dass die Schüler am gleichen Gegenstand lernen, aber auf unterschiedlichem Level.“ Wichtig sei es, dass die Kinder und Jugendlichen die Sinnhaftigkeit des Lernens für sich erkennen – warum es wichtig ist, bestimmte Dinge zu beherrschen.

Und tatsächlich scheinen die pädagogischen Maßnahmen erfolgversprechend, wenn man sich die Abschlüsse im 10. Jahrgang ansieht, die deutlich besser ausfallen, als es die Grundschulempfehlungen erwarten lassen. Nur acht Prozent der Schülerinnen und Schüler haben in der 5. Klasse eine Gymnasialempfehlung. Am Ende erreichen fast 40 Prozent die Versetzung in die Oberstufe. Für das von Außenminister Steinmeier betonte „Gebot der Stunde: Aufstieg durch Bildung“ wird an den drei Ganztagsschulen das Fundament gelegt.

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