Kinder- und Jugendhilfe: Selbstbewusst und selbstkritisch

Vom 3. bis 5. Juni 2014 wird in Berlin der 15. Kinder- und Jugendhilfetag unter dem Motto „24/7 Kinder- und Jugendhilfe – viel wert. gerecht. wirkungsvoll“ stattfinden. Prof. Karin Böllert, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe (AGJ), schildert ihre Erwartungen an den Kongress und den Stand der Zusammenarbeit von Kinder- und Jugendhilfe mit den Ganztagsschulen.

Online-Redaktion: Frau Professorin Böllert, was sind Aufgaben und Selbstverständnis der AGJ?

Porträtfoto Böllert
Prof. Dr. Karin Böllert © Wilhelms-Universität Münster

Karin Böllert: Die AGJ ist das Dach der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland, ein Zusammenschluss aller bundesweit agierenden Träger der Kinder- und Jugendhilfe. Inzwischen bestehen wir aus über 100 Mitgliedern. Wir beraten die Praxis und die Politik. Kompetenz, Kooperation und Kommunikation sind unsere Leitlinien.

Online-Redaktion: Welche Erwartungen verbinden Sie mit dem heute in Berlin startenden 15. Kinder- und Jugendhilfetag?

Böllert: Nach 50 Jahren kehrt der Kongress wieder an den Ort zurück, an dem er zum ersten Mal stattgefunden hat. Inzwischen stoßen wir in ganz andere Dimensionen vor: Mittlerweile ist die Veranstaltung der größte Kinder- und Jugend-Gipfel Europas, und wir rechnen mit rund 45.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Es werden über 230 Fachveranstaltungen stattfinden, und es gibt mehr als 240 Aussteller. Das lässt auch Rückschlüsse auf die enorme Themenvielfalt zu, die wir auf dem Kongress erleben werden.

Der zentrale Aufhänger ist die Tatsache, dass es Kindern und Jugendlichen noch nie so gut wie heute gegangen ist: Die meisten wachsen in materieller Sicherheit zusammen mit ihren Eltern sorgenfrei auf. Und dadurch, dass sie ein stressfreies Familienklima erleben, bildet sich bei den Kindern und Jugendlichen ein Zukunftsoptimismus heraus. Dem steht allerdings gegenüber, dass jedes sechste Kind inzwischen in Armut aufwächst und immer mehr Kinder bedroht sind, abgehängt zu werden.

Online-Redaktion: Was bedeutet das für die Kinder- und Jugendhilfe?

Böllert: Noch nie war die Kinder- und Jugendhilfe so bedeutsam wie heute, aber auch noch nie so gefordert. Mittlerweile arbeiten über 800.000 Beschäftigte in der Kinder- und Jugendhilfe – das sind mehr, als es Lehrkräfte an den allgemeinbildenden Schulen gibt. Wir sind also ein bedeutender Arbeitsmarkt, für den auch noch nie so viel Geld ausgegeben worden ist wie aktuell. Mit 31,3 Milliarden Euro haben wir derzeit ein Allzeithoch bei den Ausgaben erreicht – was auch widerspiegelt, dass noch nie so viele Kinder- und Jugendliche erreicht wurden wie heute.

Online-Redaktion: Dennoch kann man Ihrem kinder- und jugend(hilfe)politischen Leitpapier zum Kinder- und Jugendhilfetag entnehmen, dass eine Unterfinanzierung beklagt wird.

Tanzen
© Britta Hüning

Böllert: Die enorme Erfolgs- und Expansionsgeschichte der Kinder- und Jugendhilfe kann man nicht nur so deuten, dass es nicht weitere Dinge gebe, die wir in Angriff nehmen müssen, wie beispielsweise eine Qualitätsoffensive im Kita-Bereich, die nicht umsonst zu haben sein wird. Wir beobachten mit Sorge, dass in einigen Kommunen, deren Zahl wächst, die Haushalte nicht mehr gesichert sind. Es steht zu befürchten, dass die Schuldenbremse vor allem zu Lasten der kommunalen Haushalte umgesetzt und damit auch zu Lasten der Lebensqualität von Kindern und Jugendlichen gehen wird.

Online-Redaktion: Seit zehn Jahren sind die Ganztagsschulen massiv ausgebaut worden, und die Kinder- und Jugendhilfe ist der wichtigste Kooperationspartner in diesem Prozess. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Böllert: Der Ganztagsschulausbau ist ähnlich wie die Entwicklung der Kinder- und Jugendhilfe eine Erfolgsgeschichte. Die anfänglichen Bedenken gegenüber der Ganztagsschule sind einer breiten Zustimmung gewichen – und zwar sowohl auf Seiten der Eltern, Schülerinnen und Schüler als auch bei den Lehrkräften. Inzwischen hat sich die Ganztagsschule zu einer selbstverständlichen Schulform entwickelt. Was aber nicht bedeutet, dass auch für jedes Kind ein Platz zur Verfügung steht. Das Angebot kann mit dem Bedarf nicht Schritt halten.

Für die Kinder- und Jugendhilfe ist die Ganztagsschulentwicklung eine Herausforderung, der wir in meinen Augen sehr erfolgreich begegnet sind: Wir haben deutlich gemacht, dass Bildung mehr als Schule ist und so die Kinder- und Jugendhilfe auch ihren Ort an Ganztagsschulen besitzt. Unsere Befürchtungen bestehen darin, dass das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen zunehmend verschult wird. Dem kann nur begegnet werden, indem die Schule zu einem echten Lebensort, nicht nur zu einem Lernort ausgebaut wird.

Cover
© AGJ

Wir befürchten darüber hinaus, dass durch die Ganztagsschule das außerschulische Engagement von jungen Menschen in der Jugendverbandsarbeit leidet und das Wahrnehmen von Angeboten der offenen Kinder- und Jugendarbeit zurückgeht. In jenen Ganztagsschulen, in denen die Kinder- und Jugendarbeit dauerhaft integriert ist, machen wir mittlerweile aber die Erfahrung, dass hierüber dann die Schülerinnen und Schüler für offene Angebote begeistert werden können, von denen sie möglicherweise ansonsten nichts erfahren hätten.

Online-Redaktion: Für viele verbindet sich mit der Ganztagsschule gerade die Verbindung von Lern- und Lebensort. Sie sehen also Defizite in der tatsächlichen Ausgestaltung?

Böllert: Die Ganztagsschule kann durchaus ein Lebensort sein, wenn sie mit verschiedenen Institutionen, zu denen dann die Kinder- und Jugendhilfe sicherlich dazugehört, kontinuierlich kooperiert. De facto ist es aber so, dass die Beschäftigungssituation der Kinder- und Jugendhilfe eine ungesicherte ist, die durch befristete Arbeitsverträge, ungewünschte Teilzeitarbeitsverhältnisse und unzureichende Entgeltung gekennzeichnet ist. Um den Ganztag wirklich in seiner Vielfalt und Breite und entsprechende Optionen für die Kinder und Jugendlichen gestalten zu können, benötigen wir mehr Kontinuität auch für den außerunterrichtlichen Bereich.

Außerdem fordern wir, dass für jedes Kind ein Ganztagsplatz unabhängig von der Erwerbssituation der Eltern vorhanden sein muss. Jeder, der einen Ganztagsplatz haben möchte, sollte ihn auch bekommen können.

Zeitplan
© Britta Hüning

Online-Redaktion: Ist die viel beschworene „gleiche Augenhöhe“ in der Kooperation für die Kinder- und Jugendhilfe erreicht?

Böllert: Die Kooperation ist vielerorts auf einem guten Weg, wird aber noch häufig dadurch behindert, dass Unterricht und außerunterrichtliche Angebote sehr separiert sind, also zu wenig Kooperation von Lehrkräften und sozialpädagogischen Fachkräften im Unterricht wie im außerunterrichtlichen Bereich stattfindet. Da müsste man sicherlich noch weiter über die Strukturen nachdenken.

Online-Redaktion: Sprechen Sie sich demnach für die gebundene Ganztagsschule aus?

Böllert: Die gebundene Ganztagsschule könnte diese Probleme lösen, aber auch die offene Ganztagsschule kann diese Herausforderungen in Angriff nehmen, wenn es beispielsweise nicht mehr nur eine jährliche Finanzierung geben wird und somit nicht immer nur jährliche Kooperationsverträge geschlossen werden können. Wenn Schule und Jugendhilfe gemeinsam Schulentwicklungs- und Jugendhilfeplanung miteinander in Beziehung setzen würden, um dann auch längerfristige Zeiträume gemeinsam gestalten zu können.

Online-Redaktion: Sie sprachen die Frage der Gehälter an. Können Ganztagsschulen, die über ein nur geringes Budget für die Angebote verfügen, trotzdem gut ausgebildetes außerschulisches Personal gewinnen – oder ist das die Quadratur des Kreises?

Jugendzentrum
© Britta Hüning

Böllert: Die Ganztagsschule hat als Arbeitsplatz für sozialpädagogische Fachkräfte eine deutliche Attraktivität gewonnen. Wir erleben insgesamt in der Kinder- und Jugendhilfe, wie die Akademisierung dieses Berufsfeldes weiter voranschreitet. Mit Ausnahme der Kitas verfügen auf allen Feldern der Kinder- und Jugendhilfe die Beschäftigten im Schnitt zu 50 Prozent über einen Hochschulabschluss. Einen Mangel an qualifiziertem Personal kann man für die Ganztagsschule nicht prognostizieren.

Online-Redaktion: Zum Schluss noch eine Frage zum Kongress: Worauf sind Sie persönlich gespannt?

Böllert: Das Motto „24/7“ ist ausdrücklich gewählt worden als ein Hinweis darauf, dass wir die Kinder- und Jugendhilfe selbst in den Mittelpunkt des Deutschen Kinder- und Jugendhilfetags stellen werden. Wir haben allen Grund, selbstbewusst aufzutreten. Aber es gibt auch nicht wenige Gründe, selbstkritisch mit dem umzugehen, was wir geleistet haben.

 

Prof. Dr. Karin Böllert ist seit 2001 Professorin für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Sozialpädagogik an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Sie ist seit 2007 Vorstandsmitglied und seit 2012 Vorsitzende der AGJ sowie Mitglied im Beirat des Nationalen Zentrums Frühe Hilfen. Zuvor war sie von 1987 bis 1996 wissenschaftliche Mitarbeiterin bzw. Assistentin an der Universität Bielefeld und von 1996 bis 2001 Professorin für Sozialpädagogik an der Universität Rostock. Sie hat zahlreiche Forschungsprojekte im Kontext der Kinder- und Jugendhilfe, der Jugendforschung, Jugendberichterstattung und der Evaluationsforschung durchgeführt.

 

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