Individuelle Förderung in der Ganztagsschule

Inwieweit ist die Maxime Individueller Förderung anschlussfähig an das fachliche Handeln sowie das Förderkonzept pädagogischer Fachkräfte? Wie sehen die Professionellen die Umsetzung dieses Anspruchs? Und wie steht es um die Kooperation der Pädagoginnen und Pädagogen unterschiedlicher Professionen in Ganztagsschulen?

© Britta Hüning

Das Buch „Individuelle Förderung in der Ganztagsschule. Anspruch und Wirklichkeit einer pädagogischen Leitformel“ ist die komprimierte Form eines umfassenden Forschungsberichtes zum Projekt „Individuelle Förderung in Ganztagsschulen – Inwiefern gelingt sie bei Kindern in schwierigen Lebens- und Bildungssituationen?“ aus den Jahren 2008 bis 2010. Durchgeführt wurde die Forschung von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (Institut für Erziehungswissenschaft) und dem Institut für soziale Arbeit e.V. (ISA Münster), wobei die Leitung bei Prof. Dr. Wolfgang Böttcher und Prof. Dr. Stephan Maykus lag.

Das Autorenteam geht im vorliegenden Buch den Fragen nach, inwiefern und unter welchen Bedingungen die Ganztagsschule dem besonderen erzieherischen Förderbedarf von Kindern in schwierigen Bildungs- und Lebenslagen gerecht werden kann. Im Mittelpunkt stehen bei dieser zielgruppenbezogenen Perspektive die Anschlussfähigkeit der Maxime Individueller Förderung an das fachliche Handeln sowie das Förderkonzept der pädagogischen Fachkräfte, weiter die Sicht der Professionellen hinsichtlich der Umsetzung dieses Anspruchs und nicht zuletzt die Zusammenarbeit der Pädagoginnen und Pädagogen unterschiedlicher Professionen in Ganztagsschulen.

© Britta Hüning

Das 214 Seiten starke Buch besteht aus fünf Kapiteln. Das erste Kapitel des Buches ermöglicht dem Leser einen Einstieg in die zentrale Thematik und bietet neben einem Grundverständnis Individueller Förderung in der Ganztagsschule einen umfangreichen Blick auf den aktuellen Forschungsstand. Im Rahmen des zweiten Kapitels werden die vier grundlegenden Konstrukte der Studie näher erläutert. So wird zunächst die Gruppe der Kinder- und Jugendlichen in schwierigen Lebens- und Bildungssituationen umrissen. Als zweites Konstrukt wird die Individuelle Förderung allgemein, aber auch fokussiert in den Blick genommen. Ebenfalls Bestandteil des zweiten Kapitels sind einige grundlegende Überlegungen zur Trias Profession, Professionalität, professionelles Handeln. Die Erläuterung dieser Begrifflichkeiten dient als Grundlage, um darauf aufbauend die Rolle der multiprofessionellen Kooperation in der Ganztagsschule als letztes Konstrukt zu spezifizieren.

Forschungsdesign

Das Forschungsdesign und die verwendeten Methoden werden im dritten Kapitel des Buches ausführlich beschrieben und ihre Auswahl begründet. Die im vierten Kapitel dargestellten Befunde basieren demnach auf 33 leitfadengestützten Experteninterviews mit Lehrkräften und weiteren pädagogisch tätigen Personen an Ganztagsschulen der Primar- und Sekundarstufe I in Nordrhein-Westfalen und Bremen. Die Auswertung der Interviews erfolgte gleichermaßen mittels einer Kodierung sowie der qualitativen Inhaltsanalyse, wobei sich das Forschungsinteresse auf die subjektiven und institutionsspezifischen Theorien hinsichtlich der zuvor beschriebenen Themenstellungen richtete. Erweitert wurden die Daten der Experteninterviews durch Dokumentanalysen, d. h. von Landesprogrammen, Gesetzen, Schulprogrammen etc., welche auf die konzeptionelle Entwicklung und strukturelle Verankerung von Individueller Förderung in Schulen mit ganztägigen Angeboten hin untersucht wurden.

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Die Darstellung der Befunde im vierten Kapitel des Buches erfolgt untergliedert nach den beiden Forschungsmethoden auf der einen und nach inhaltlichen Thematiken auf der anderen Seite. Anhand der Dokumentanalysen werden zunächst die bildungspolitischen Ausgangsbedingungen Individueller Förderung in den untersuchten Bundesländern analysiert und dargestellt (Kap. 4.1). Die Ergebnisse werden dabei für Nordrhein-Westfalen und Bremen getrennt voneinander skizziert und im Anschluss miteinander verglichen. An die Befunde der Dokumentanalyse schließen zwei weitere Unterkapitel an, in denen jeweils die Ergebnisse der qualitativen Interviews präsentiert werden. Kapitel 4.2 nimmt dabei die Professionalität und die Kooperation zwischen Lehrkräften und weiterem pädagogisch tätigen Personal in den Blick, wohingegen in Kapitel 4.3 der Individuelle Förderbedarf im Mittelpunkt steht. Beide Ergebnispräsentationen sind gekennzeichnet durch viele Unterkapitel, die jeweils einzelne Thematiken behandeln und oftmals durch abschließende Zusammenfassungen zusammengeführt werden.

Veränderungsbedarf: Umsetzung von Konzepten und organisatorische Strukturen

Eine Gesamtzusammenfassung der Ergebnisse einschließlich einiger vorsichtiger Folgerungen bietet das letzte Kapitel des Buches (5). Dabei werden zunächst wieder die zentralen Konstrukte des 2. Kapitels unter Bezugnahme der zuvor dargestellten Daten einzeln angesprochen, im Anschluss daran aber auch die Forderung nach Kooperation von Schul- und Sozialpädagogik im Allgemeinen thematisiert. Ein weiterer Passus dieses letzten Kapitels behandelt die ‚Zukunft‘ der Ganztagsschule und richtet sich an die Bildungspolitik.

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Die Autoren konnten „einen deutlichen Veränderungsbedarf in der Umsetzung praktischer Konzepte sowie in der Entwicklung organisatorischer Strukturen“ (S. 194) im Hinblick auf eine Individuelle Förderung an der Ganztagsschule entdecken. Darüber hinaus monieren sie neben einer nahezu programmlosen Idee von Individueller Förderung in Ganztagsschulen auch eine oftmals herrschende Überforderung des schul- und sozialpädagogischen Personals im Umgang mit Kindern in schwierigen Lebens- und Bildungssituationen. Gründe hierfür sind neben mangelnden Ausstattungsressourcen und fachlichen Grundlagen auch die prekären Arbeitsverhältnisse des Weiteren pädagogisch tätigen Personals sowie ausbaufähige Kooperationsformen zwischen den Professionsgruppen. Einen großen Handlungsbedarf sieht das Autorenteam dabei sowohl in der Bildungspolitik als auch in der Erziehungswissenschaft.

Bezug zur Schulpraxis

Nach einer kurzen Einleitung in das dem Buch zugrunde liegende Projekt führen die ersten beiden Kapitel in einer sehr komplexen und anspruchsvollen Art und Weise in die theoretischen und empirischen Grundlagen der Thematik ein. Aufgelockert wird dieses erste Viertel durch einige Abbildungen, die dem Text an Inhaltsfülle jedoch in Nichts nachstehen und somit dem Leser Einiges abverlangen, will dieser deren Aussage umfassend aufnehmen.

Mit dem dritten Kapitel beginnt die eigentliche Darstellung der Studie – also sowohl ihres Forschungsdesigns als auch der Ergebnisse. Während Ersteres ein gewisses Maß an Grundkenntnissen der wissenschaftlichen Forschung beim Leser voraussetzt, kann die Darstellung der Ergebnisse als durchaus gelungen und auch für Praktikerinnen und Praktiker ohne wissenschaftlichen Hintergrund als interessante und verständliche Lektüre erachtet werden. Dabei ermöglichen die sehr passend gewählten Interviewausschnitte die Herstellung eines stetigen Bezuges zur Schulpraxis.

© Britta Hüning

Dass die Interviewten dabei nur aus Nordrhein-Westfalen und Bremen stammen, stellt für die Adaption der Ergebnisse auch auf Ganztagsschulen anderer Bundesländer kaum ein Hindernis dar. Lediglich die Ergebnisse der Dokumentanalysen wirken für Leser/innen anderer Bundesländer möglicherweise etwas ermüdend. Zudem stellt sich diese Darstellung im Gesamtzusammenhang etwas isoliert dar, da auch im Abschlusskapitel kaum noch Bezug auf diese Befunde genommen wird. Vielmehr werden im letzten Kapitel die vorherigen Interviewanalysen zusammengefasst und mit Blick auf die drei Schwerpunktthemen Schwierige Schüler/innen, Individuelle Förderung und Kooperation erörtert.

Dabei fällt auf, dass Letztere eine ganz zentrale Rolle einnimmt, was jedoch der Titel des Buches nicht zwangsläufig vermuten lässt. Neben denen, die sich in der (Ganztags-)Schulpraxis befinden und dort vermutlich täglich auch mit ‚schwierigen‘ Kindern arbeiten, kann das Werk deswegen auch denen empfohlen werden, die sich für Kooperationsbeziehungen innerhalb der Ganztagsschulen bzw. zwischen den pädagogischen Professionen interessieren. Dabei liefert das Buch keine Handlungsempfehlungen, sondern bietet – wie der Untertitel schon beschreibt – einen umfassenden Überblick über den Anspruch und die Wirklichkeit der (kooperativen) Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in schwierigen Lebens- und Bildungssituationen an Ganztagsschulen.


Wolfgang Böttcher, Stephan Maykus, André Altermann & Timm Liesegang, unter Mitarbeit von Dirk Nüsken (2014): Individuelle Förderung in der Ganztagsschule. Anspruch und Wirklichkeit einer pädagogischen Leitformel. Münster/New York/München/Berlin: Waxmann Verlag. 214 Seiten, ISBN 978-3-8309-3059-4

Lisa Röhrig, M.A., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Erziehungswissenschaft, Professur für Empirische Bildungsforschung, der Justus-Liebig-Universität Gießen.

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