Ganztagsgrundschule und Familie

Verändert sich das Verhältnis zwischen Schule und Familie durch den ganztägigen Schulbesuch des Kindes? Ist das der Fall, so stellt sich die Frage, wie die Eltern diese Veränderungen mitbekommen, begleiten, selbst wahrnehmen und ob sich Familie überhaupt durch die Einführung von Ganztagsschulen wandelt. Die Broschüre „Ganztagsgrundschule und Familien“ bündelt die Ergebnisse zweier Forschungsprojekte.

Mit der Ganztagsschule verbinden sich viele Erwartungen: Die Vereinbarkeit von Familienleben und Berufstätigkeit, die Bildungs- und Chancengerechtigkeit zu verbessern oder veränderte Lehr-Lernformen zu ermöglichen, um noch besser individuell fördern und fordern zu können. Die Schule übernimmt – alleine schon dadurch, dass die Kinder und Jugendlichen dort teilweise acht Zeitstunden verbringen – Aufgaben, die bislang weitgehend in der Verantwortung der Familien lagen. Ob und welche Auswirkungen dies auf das Familienleben hat, war in den Jahren 2007 bis 2009 von zwei Forschungsprojekten der Universität Bielefeld untersucht worden.

© Britta Hüning

Die Projektleitung lag bei Prof. Sabine Andresen, inzwischen an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main, und bei Dr. Martina Richter, heute an der Universität Vechta, die nun auch als Herausgeberinnen der vom BMBF geförderten 32-seitigen Broschüre „Ganztagsgrundschule und Familien – Herausforderungen für Bildung, Erziehung und Betreuung“ verantwortlich zeichnen. In dieser neu erschienenen und optisch ansprechend gestalteten Publikation bündeln sie Ergebnisse der Forschung zum Thema.

Unterschiedliche Erwartungen an die Ganztagsgrundschule

An den beiden Studien beteiligten sich mit Bremen, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Thüringen insgesamt vier Länder. Aus jedem Land nahmen zwei Ganztagsgrundschulen an der Studie teil. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nutzten leitfadengestützte Interviews - 64 Elterninterviews sowie 25 Interviews mit Lehr- und pädagogischen Fachkräften - sowie die teilnehmende Beobachtung, um die individuellen Perspektiven der verschiedenen Akteure zu erheben. In der zweiten, vertiefenden Phase basierten die Analysen auf intergenerationalen Interviews mit den Familien sowie auf Gruppendiskussionen mit Lehr- und Fachkräften.

© Britta Hüning

Die Broschüre gliedert sich nach der kurzen Vorstellung der zugrunde liegenden Forschung in zwei große Blöcke. Der erste widmet sich der „Ganztagsgrundschule: Aufgaben und Ziele“, der zweite dem Thema „Wie Erwartungen entstehen“. Beim Komplex „Aufgaben und Ziele“ kristallisierte sich durch die Interviews eine der großen Herausforderungen der Ganztagsgrundschule heraus: die heterogenen Erwartungshaltungen der Eltern, Lehrkräfte und außerschulischen pädagogischen Fachkräfte. So wird die formelle Bildung und Wissensvermittlung erwartet, Erziehung und informelle Bildung, das Ausformen von Zeiten und Struktur, Sorgen und Betreuen sowie die Unterstützung und Beratung der Eltern.

Entlastung in der Hausaufgabenfrage

Jedem dieser Unterthemen widmet die Broschüre ein Kapitel. Den Anspruch „Formelle Bildung und Wissensvermittlung“ stellen alle Akteure an die Ganztagsgrundschule, besonders die Lehrerinnen und Lehrer sehen dies als wichtigste Aufgabe an. Die Eltern heben das Einüben selbstständiger und selbsttätiger Arbeitsformen hervor. Diese sollen die Lernmotivation der Kinder unterstützen. Über den Unterricht hinaus sehen sowohl die Eltern als auch die Lehr- und Fachkräfte zudem die professionelle Hausaufgabenbetreuung als eine Kernaufgabe der Ganztagsgrundschule an. Dass die Schülerinnen und Schüler ihre Aufgaben im Rahmen des Ganztags fertig stellen, trägt aus Sicht der Eltern dazu bei, die Bildungschancen aller Kinder zu verbessern.

© Britta Hüning

Bearbeiten die Kinder ihre Hausaufgaben zuhause mit Hilfe ihrer Eltern, entstehen häufig Konflikte, die von den Eltern als Belastung für den Familienalltag empfunden werden. Auch deshalb soll die Schule ihrer Meinung nach angemessene Bedingungen für die Erledigung der Hausaufgaben schaffen und die Verantwortung für die Überprüfung übernehmen. Vor allem die Forderung nach erzieherischen Leistungen und informeller Bildung rückt an Ganztagsgrundschulen stärker in den Fokus, wie das Kapitel „Erziehung und informelle Bildung – Erfahrungsräume für Kinder“ darlegt. Sowohl die Eltern als auch die Lehr- und Fachkräfte sehen es als Aufgabe der Ganztagsgrundschule an, den Kindern soziale Kompetenzen nahezubringen.

Welche konkreten Erziehungsvorstellungen die Ganztagsgrundschule umsetzen soll, ist aufgrund der Vielfalt informeller Bildungsziele ein zentraler Aushandlungsgegenstand zwischen den Akteuren. Als wesentlich für die Erziehungsaufgaben der Ganztagsgrundschule begreifen alle Akteure den Kontakt zu den Gleichaltrigen, den die Kinder dort erfahren können. Lehr- und Fachkräfte sehen sich in diesem Zusammenhang in der Verantwortung, Gemeinschaftserlebnisse systematisch herzustellen. Als konkrete Möglichkeit dafür betrachten sie beispielsweise das gemeinsame Mittagessen.

Skepsis gegenüber freier Zeiteinteilung

„Kinder in der Ganztagsgrundschule brauchen verlässliche Menschen, die sich kümmern“, wird im Kapitel „Sorgen und betreuen“ eine Erzieherin zitiert. Die Autorinnen konstatieren, dass die Grundschule durch den Ganztag „auch hier eine ganz neue Dimension“ gewinnt. Die Eltern hoffen, dass ihre Kinder durch einen fürsorglichen Umgang seitens der Pädagoginnen und Pädagogen positive Erfahrungen sammeln können. Die Lehr- und Fachkräfte wollen dem Ausdruck von Emotionen an der Ganztagsgrundschule ebenfalls Raum geben. Außerdem geht es ihnen darum, das kindliche Selbstwertgefühl zu fördern. Vor allem die pädagogischen Fachkräfte schreiben sich selbst die Rolle der Vertrauenspersonen zu. Nach ihrer Ansicht bietet vor allem der Nachmittag Raum für Nähe. Dort lässt sich die Individualität der Kinder nach ihrer Meinung eher berücksichtigen und zum Vorschein bringen.

In Sachen „Zeiten und Struktur“ diskutieren die Beteiligten in den Ganztagsgrundschulen vor allem, in welcher Form und in welchem Ausmaß die Zeit des Ganztags zu strukturieren ist. Alle Akteure betonen die Bedeutung des freien Spiels für die Entwicklung und das Wohlbefinden der Kinder. Gleichzeitig besteht eine Skepsis, den Kindern die Strukturierung ihres Tages stärker selbst zu überlassen. Das Bedürfnis von Lehr- und Fachkräften nach einer zeitlichen und inhaltlichen Steuerung des Schultags ist vor allem durch das Ziel bedingt, kindliche Phasen der Konzentration und Entspannung zu berücksichtigen.

Bei den Unterstützungs- und Beratungsangeboten für Familien sollen den Eltern zufolge sowohl schulische als auch private und familiäre Probleme in der Ganztagsgrundschule ihren Platz finden. Als Voraussetzung für diese Form der Zusammenarbeit erwarten die Eltern allerdings, dass sie als gleichberechtigte Gesprächspartner anerkannt werden. Die Lehrkräfte wiederum haben zwar den Anspruch, durch persönliche Kontakte eine Vertrauensbasis herzustellen und so die Identifikation der Familien mit der Schule zu ermöglichen. Die Verantwortung für die Unterstützung bei familiären Problemen verorten sie allerdings bei der Kinder- und Jugendhilfe. Ihrer Ansicht nach kann die Aufgabe der Schule hier allenfalls die Vermittlung an entsprechende Einrichtungen sein.

Be- oder Entlastung durch die Ganztagsgrundschule?

Im zweiten Komplex „Wie Erwartungen entstehen“ erläutern die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die unterschiedlichen Blicke auf das Kind und auf die Eltern, den Einfluss der Ganztagsgrundschule auf die Familie sowie die Familienbilder der Akteure. Bei den Eltern zeigten sich in Bezug auf die Maßstäbe pädagogischen Handelns zwei gegenläufige Tendenzen: Nach Ansicht der einen sollen die individuellen Belange, Wünsche und Bedürfnisse der Kinder sowohl am Vormittag als auch am Nachmittag im Vordergrund stehen. Der andere Teil der Eltern sieht die formelle Bildung und Wissensvermittlung als wesentlich an.

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Schlussendlich geht es auch um die Kardinalfrage, ob die Eltern den Ganztag eher als entlastend oder sogar als zusätzliche Belastung empfinden. Es gibt beide Wahrnehmungen. So wird einerseits die Entspannung der Eltern-Kind-Beziehung durch die Entlastung von den Hausaufgaben benannt. Die Ganztagsgrundschule kann die Kinder zudem an abwechslungsreiche und altersentsprechende Aktivitäten heranführen – etwa, wenn Eltern die Angebote aus mangelnden Zeit- oder finanziellen Ressourcen nicht bereitstellen können.

Ein Teil der Eltern fühlt sich durch den Ganztag indes zusätzlich in Anspruch genommen. Als Grund nennen die Mütter und Väter fehlendes oder nicht ausreichend ausgebildetes Personal. Eltern fühlen sich dafür verantwortlich, eine in ihren Augen mangelnde individuelle Förderung der Kinder durch die Ganztagsgrundschule selbst kompensieren zu müssen. In Bezug auf das Verhältnis zwischen Familien und Lehr- sowie Fachkräften wird aus den Aussagen deutlich, dass der wahrgenommene Grad der Ent- oder Belastung eng mit ihrem Vertrauen in die Ganztagsgrundschule sowie in deren Tagesgestaltung zusammenhängt:

All diese Zusammenhänge bringt die Broschüre allgemein verständlich auf den Punkt. Darüber hinaus erläutert sie in Info-Kästen die Methodik eines Forschungsprojektes, sodass auch Laien das Vorgehen der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler leicht nachvollziehen können – eine pfiffige Idee.

 

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