Ganztagsschule und Inklusion

Ganztagsschulentwicklung und Inklusion zusammenzudenken – diesen Impuls gab die Landestagung des Hessischen Ganztagsschulverbandes, die am 2. April 2014 im nordhessischen Wolfhagen unter der Überschrift „Ganztagsschule und Inklusion“ stattfand.

Den konkreten Stand der Ganztagsschulentwicklung und der Inklusionsdebatte in Hessen bilanzierte Guido Seelmann-Eggebert, der Vorsitzende des Landes-Ganztagsschulverbandes, in seiner Eröffnungsrede. 300 Anmeldungen und damit so viele wie noch nie zeigten die Relevanz und das Interesse an dem Thema. Bei der Inklusion gebe es noch viel zu tun, die Umsetzung sei noch ausbaufähig, wegen des Ressourcenvorbehalts der Landesregierung gebremst.

Lehrerin und Schülerinnen
© Britta Hüning

Beim Ganztagsschulausbau „freuen wir uns über die Aussage des neuen Hessischen Kultusministers Alexander Lorz, die Ganztagsschulentwicklung voranzutreiben und über das Bekenntnis der Landesregierung, Ganztagsschulen verbesserten die Bildungschancen der Kinder. Qualitativ hochwertige Angebote müssten dabei das Hauptaugenmerk sein.“ Seelmann-Eggebert befand auch für positiv, dass die Ganztagsgrundschulen demnächst ihr Angebot statt nur an drei Tagen an fünf Tagen bis 14.30 Uhr organisieren müssen. Die Betreuungszeit bis 17.00 Uhr werde durch Vereinbarungen mit den Kommunen im „Pakt für den Nachmittag“ sichergestellt, der nach Verhandlungen zwischen Landesregierung und kommunalen Trägern demnächst in eine Pilotphase starten soll. „Leider sind besonders die Grundschulen noch chronisch unterfinanziert. Hier wäre eine Aufstockung der Lehrerstunden von 40 Prozent, wie wir ihn seit Jahren fordern, angesagt“, forderte der Landesvorsitzende.

Für das Hessische Kultusministerium entgegnete Wolf Schwarz, Leiter des Referats Ganztagsschule, individuelle Förderung und schulische Integration: „Der Ausbau von Ganztagsgrundschulen ist der Schwerpunkt der gerade begonnenen Legislaturperiode. Während in der Sekundarstufe I über 90 Prozent der Schulen im Ganztagsprogramm sind, gilt das nur für 37 Prozent der Grundschulen: 400 sind bereits Ganztagsschulen, 700 fehlen noch. Wir wollen an sämtlichen 1.100 dieser Schulen ein Programm an fünf Tagen ermöglichen. Das ist eine Herkulesaufgabe.“

„Behinderung nur ein Merkmal unter vielen“

Prof. Dieter Katzenbach berichtete in seinem Vortrag auf der Tagung „Ganztagsschule und Inklusion“ des Hessischen Ganztagsschulverbandes in der Stadthalle von Wolfhagen von einer Passantin, die nach dem Unterschied von „Integration“ und „Inklusion“ gefragt worden war: „Integration ist für Ausländer. Und Inklusion ist doch das für Behinderte.“

Unabhängig von diesem Bonmot ist es für den Erziehungswissenschaftler der Johann-Wolfgang-von-Goethe-Universität in Frankfurt am Main unstreitig, dass es noch viel Aufklärungsbedarf rund um das Thema „Inklusion“ gibt. Es sei ein Paradigmenwechsel, der sich immer deutlicher für Politik, Verwaltung und Schulpraxis im Nachgang der Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention und des Artikels 24 abzuzeichnen beginne.

„Es geht hier nicht um behinderte und nichtbehinderte Kinder“, so Katzenbach, „sondern um die Anerkennung der Unterschiedlichkeit und Individualität aller Kinder – Behinderung ist da nur noch ein Merkmal unter vielen.“ Durch Inklusion könne es möglicherweise gelingen, die lebensgeschichtliche Bedeutsamkeit von Behinderungen zu minimieren. „So wie es heute kein gesellschaftlich relevantes Thema mehr ist, ob jemand katholisch oder protestantisch ist, so könnte in der Zukunft auch die Unterscheidung zwischen Nichtbehinderung und Behinderung weniger relevant werden. Natürlich bleibt die Behinderung – es wäre zynisch das zu leugnen nach dem Motto ‚Sind wir nicht alle ein bisschen behindert?’ Aber der Umgang damit könnte sich verändern in Richtung eines selbstverständlichen, gleichberechtigten, wertschätzenden Miteinanders der Verschiedenen, bei dem die Unterschiedlichkeit nicht immer eigens thematisiert wird.“

„Inklusion spitzt nur eine Herausforderung zu, der wir uns sowieso stellen müssen“

Unterricht
© Britta Hüning

Die Inklusion spitzt für Katzenbach nur eine Herausforderung zu, denen sich „die Schulen sowieso stellen müssen“: Es geht um den Umgang mit heterogenen Lerngruppen und um die Kooperation mit multiprofessionellen Teams. Beide bildeten fundamentale Überschneidungen mit Motiven der Ganztagsschule. Schulen sollten den gewaltigen Schub, den die Inklusion der Schulentwicklung gebe, mit den übereinstimmenden Zielen der Ganztagsschule und ihren Innovationen zusammenführen und nutzen.

Was aber muss dabei auf den verschiedenen Ebenen angestoßen, welche Veränderungen eingeleitet und umgesetzt werden? Im Schulsystem müssen Katzenbach zufolge die sonderpädagogische Expertise im Regelschulsystem verankert und angemessene Ressourcen für den Abbau von materiellen Barrieren bereitgestellt werden. Die einzelnen Schulen müssen die immateriellen Barrieren durch ein wertschätzendes, möglichst angst- und beschämungsfreies Schul- und Unterrichtsklima minimieren. Daneben muss die Schule ein innerschulisches Unterstützungssystem etablieren und eine professionelle Kultur des gegenseitigen Beratens entwickeln.

Keine „Sonderschule in der Westentasche“

„Es braucht eine geteilte Vorstellung zum Ziel und Prozess der gemeinsamen Arbeit und der Inklusion“, forderte Katzenbach. Wie sehr es daran noch hapert, sollte sich am Nachmittag in einem Workshop der Tagung zeigen. Nach einem in ihrer Schule vorhandenen, von allen getragenen Konzept gefragt, verneinten so gut wie alle anwesenden rund 20 Lehrkräfte und außerschulische Pädagogen, dass es dieses in ihren Schulen gebe.

Auf Klassenebene bedarf es Dieter Katzenbach zufolge einer „Abkehr vom gleichschrittigen Lernen“ zugunsten einer „Balance von gemeinschaftlichen und individualisierten Lehr- und Lernformen“. Die ganztägige, inklusive Schule sei eine „Schule für alle“, was durch eine ganztägig rhythmisierte Struktur erleichtert werde. „Es wird die Herausforderung sein, nicht eine Sonderschule in der Westentasche entstehen zu lassen, wie Helmut Reiser das bereits 1996 genannt hat, in welcher die Kinder mit Lernschwierigkeiten oder Beeinträchtigungen ständig von der Lerngruppe separiert werden“, so der Erziehungswissenschaftler. Erfahrungen aus einem fünfjährigen Schulversuch zeigten, dass Inklusion „den Blick auf das Kind verändere“. Diese Aussage bejahten 90 Prozent der Lehrkräfte als zentralen Gewinn aus der Implementierung inklusiven Unterrichts.

Instrument zur Selbstevaluation: „Aargauer Bewertungsraster“

Wie Schulen, die sich diesen Herausforderungen gegenüber sehen, überprüfen können, an welchen Stellen Handlungs- und Entwicklungsbedarf besteht, zeigte Eva Henniges in einem der rund 15 Workshops am Nachmittag. Die Fachberaterin Inklusion am Staatlichen Schulamt für die Stadt und den Landkreis Kassel stellte vier Instrumente zur Selbstevaluation vor.

Schülerin und Schüler vor einem Spind
© Britta Hüning

Das „Aargauer Bewertungsraster“, das für die Volksschulen im Kanton Aargau (Schweiz) entwickelt wurde, enthält acht Dimensionen der schulischen Inklusion – zum Beispiel „Umgang mit Heterogenität“, „Lehr- und Lernarrangements im Unterricht“, „Förderplanung“ oder „Lernerfassung und Beurteilung“. Zu jedem wichtigen Aspekt des betreffenden Themas wird ein Leitsatz festgelegt, der als normativer Orientierungspunkt für die Praxisgestaltung dient. Zu jedem Leitsatz werden Indikatoren auf vier verschiedenen Bewertungsstufen beschrieben – Merkmale, an denen man eine gute Praxis und bevorstehende Entwicklungsschritte erkennen und mit denen die Schule eine differenzierte Selbstbewertung vornehmen kann.

Zu jedem thematischen Aspekt und dem dazugehörigen Qualitätsindikator werden vier verschiedene Qualitätsstufen beschrieben: Die „Defizitstufe“ zeigt an, dass Schul- und Unterrichtspraxis noch wenig entwickelt sind. Die „Elementare Entwicklungsstufe“ legt nahe, dass sich trotz guter Ansatzpunkte noch Optimierungsbedarf beim Bemühen zu einer institutionell und schulkulturell getragenen, gemeinsamen Praxis zeigt. Die „Fortgeschrittene Entwicklungsstufe“ bescheinigt der Schule ein gutes Niveau in der Inklusionspraxis. Schließlich bescheinigt die „Excellence-Stufe“ einer Schule, dass diese im Bereich der schulischen Integrationsprozesse die Erwartungen übertrifft.

Index für Inklusion

Der aus Großbritannien stammende „Index für Inklusion“ – laut Eva Henniges so etwas wie die „Bibel unter den Instrumenten der Selbstevaluation, sehr fundiert und tiefgreifend“ – offeriert ein großes Menü von inhaltlichen Impulsen, das differenziert auf etwa 50 Seiten sowohl zur momentanen Praxis als auch zu möglichen nächsten Schritten Anregungen bietet. Die ursprüngliche Version für Schulen wurde inzwischen um eine für Kindertageseinrichtungen ergänzt, die ebenfalls auf Deutsch vorliegt. Eine Version für eine inklusive kommunale Entwicklung wurde von der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft erstellt.

Der Hessische Referenzrahmen Schulqualität bietet sieben Qualitätsbereiche schulischer Entwicklung, beim Punkt „Lehren und Lernen“ ist der „Umgang mit heterogenen Lerngruppen“ enthalten. Der Referenzrahmen dient der Schulinspektion als Beurteilungsgrundlage. Eine „Checkliste Inklusion" schließlich wurde vom Institut für Qualitätsentwicklung und dem Projektbüro Inklusion gemeinsam entwickelt und kombiniert die drei vorgenannten Instrumente.

Auch Eva Henniges betonte, Ganztagsschulen böten sich für die Verbindung mit der Etablierung inklusiver Strukturen an: „Beides – Ganztag wie Inklusion – sollten bei Planung und Konzept bereits zusammen gedacht werden – so erspart man sich doppelte Arbeit.“

 

Die Übernahme von Artikeln und Interviews - auch auszugsweise und/oder bei Nennung der Quelle - ist nur nach Zustimmung der Online-Redaktion erlaubt.
Wir bitten um folgende Zitierweise: Autor/in: Artikelüberschrift. Datum. In: https://www.ganztagsschulen.org/xxx. Datum des Zugriffs: 00.00.0000

 

 


 
(Ende der inhaltlichen Zusatzinformationen)