Berlin: "Gemeinsam den GANZ(EN) TAG gestalten!“

Auf dem Berliner Ganztagsschulkongress „Gemeinsam den GANZ(EN) TAG gestalten!“ am 19. März 2014 standen die Themen Rhythmisierung und Kooperation im Mittelpunkt.

Auch in Berlin hieß es wieder: Ausgebucht! Wie auf allen anderen Landesganztagsschulkongressen war auch das Interesse am Berliner Kongress „Gemeinsam den GANZ(EN) TAG gestalten!“ so groß, dass „wir organisatorisch an unsere Grenzen gekommen sind“, wie Karin Schreibeis von der Serviceagentur „Ganztägig lernen“ Berlin berichtet. „Wir sind sowohl mit der Resonanz als auch mit den Rückmeldungen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer sehr zufrieden.“ 500 Interessierte waren zu der Veranstaltung am 19. März 2014 gekommen, die wie im Vorjahr in der traditionsreichen Fritz-Karsen-Schule in Berlin-Neukölln stattfand.

Sandra Scheeres, Berliner Senatorin für Bildung, Jugend und Wissenschaft, bei ihrem Grußwort © bulldesign 2014

Bezirksstadträtin Dr. Franziska Giffey sagte zur Begrüßung des Plenums in der Aula der Schule sehr klar: „Letztlich wollen wir die gebundene Ganztagsschule.“ Die Senatorin für Bildung, Jugend und Wissenschaft, Sandra Scheeres, begrüßte die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit den Worten: „Sie sind die Ganztagsschule!“ Tatsächlich repräsentierten die Anwesenden das breite Spektrum der Berufsgruppen, die tagtäglich die Berliner Ganztagsschulen gestalten – was nicht zuletzt an einem der beiden Schwerpunkte des Kongresses lag: Kooperationen.

Über den zweiten Schwerpunkt Rhythmisierung referierte Dr. Ilse Kamski. „Rhythmisierung ist eine Frage der Lernorganisation, keine des natürlichen Arbeitsrhythmus' der Schülerinnen und Schüler.“ Dabei muss der Diplom-Pädagogin zufolge zunächst einmal von der Schule geklärt werden, was überhaupt das Ziel des Ganztages sei: „Warum sind wir Ganztagsschule?“ An diesen Zielen orientiert, müsse die Schule die Rhythmisierung planen. „Und dann müssen Sie wissen, welche Kooperationen notwendig sind, um ihre Visionen zu verwirklichen. Denn ohne Kooperationen wird es schwer möglich sein, den möglichen notwendigen Veränderungsbedarf in der Zeitstruktur und in der Lernkultur umzusetzen“, führte Ilse Kamski aus.

„Kooperationen sind fachlich geboten“

Das Stichwort Kooperation leitete nahtlos zum zweiten Vortrag im Plenum über. Prof. Karsten Speck von der Universität Oldenburg stellte gleich zu Beginn klar: „Kooperation macht nicht nur Sinn, weil sie vorgeschrieben ist, sondern weil sie fachlich geboten ist. Die Forschung zeigt, dass Kooperationen etwas bringen: Sie sorgen für viele Angebote, öffnen die Schule und bereichern die Schülerinnen und Schüler mit anderen Inhalten und Eindrücken. Die Öffnung von Schule in die Lebenswelt funktioniert nur mit Partnern, ebenso wie zum Beispiel die individuelle Förderung oder das Demokratielernen nur mit Partnern der Kinder- und Jugendhilfe möglich ist.“

Bisher stelle man noch eine geringe Kooperationsbereitschaft von Lehrkräften und auf der anderen Seite massive Schulkritik der Partner am Schulwesen fest. „Es führt kein Weg drumherum, dass Anpassungsleistungen erbracht und auch Zumutungen erduldet werden müssen, um eine gelingende Kooperation zu etablieren“, so der Erziehungswissenschaftler. „Die Zusammenarbeit gelingt nur bei gegenseitiger Anerkennung der Kompetenzen des Anderen.“

Kinder auf Stelzen
© Britta Hüning

„Aussagen von Lehrkräften, dass die pädagogischen Partner ‚da irgendwas mit Batiken machen … im Keller’, sollten der Vergangenheit angehören.“ Dazu sei ein erweitertes Bildungsverständnis nötig, müssen gemeinsame Bildungsziele entwickelt werden. Es brauche neue Arbeitszeitmodelle für die Lehrkräfte, gemeinsame Orte und feste Kooperationszeiten, um zu planen, zu reflektieren, jahrgangsübergreifende Projekte zu organisieren, schulische und außerschulische Lernorte zu verknüpfen. „Wenn man die Ganztagsschule ernst nimmt, dann braucht man Kooperationen. Besehen wir uns die Verknüpfung mit der Vision einer inklusiven Schule, dann ist sie sowieso unumgänglich.“

Im zweiten Teil zeigte der Ganztagsschulkongress die beeindruckende Vielfalt der Möglichkeiten von Kooperationen, der Umsetzung von Strukturänderungen und des Etablierens neuer Lernkulturen in mehr als 40 Impuls- und Vertiefungsangeboten.

Unterstützung für Schülerfirmen

Mit dem Fachnetzwerk Schülerfirmen der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) stellte sich ein Partner vor, der in Berlin bereits seit rund 15 Jahren Schülerfirmen bei der Gründung unterstützt – auch durch Anschubfinanzierungen – und dann begleitet. Romy Posmik von der Koordinierungsstelle für Schülerfirmen in Berlin stellte die verschiedenen Unterstützungsmöglichkeiten ebenso vor, wie sie die möglichen Stolperstellen und Herausforderungen bei der Etablierung von Schülerfirmen erläuterte.

„Die Gründungsidee sollte idealerweise von den Schülerinnen und Schülern kommen“, so Romy Posnik. „Die Jugendlichen brauchen feste Ansprechpartner in der Schule, die Projekte sollten langfristig angelegt und die Mitarbeit freiwillig sein.“ Die DKJS-Schülerfirmenberater helfen den Schülerinnen und Schülern beim Finden der richtigen Rechtsform für die Firma, halten Mustersatzungen, Musterverträge sowie Kooperationsverträge vor und organisieren Workshops zu diesem Thema, ebenso wie zum Thema „Buchführung und Organisation“.

Die Schülerfirmen können sich Kooperationspartner wie Betriebe und Institutionen in der Umgebung suchen, um zum gegenseitigen Nutzen diesen Partnern die eigenen Produkte zu zu verkaufen und im Gegenzug Betriebsbesichtigungen, Weiterbildungen oder Praktikumsplätze bei den Partnern zu erhalten.

Offene Lernprozesse in der Lernwerkstatt

In Berlin erhielt gerade „Schwitters Art“ der Kurt-Schwitters-Schule, eine Sekundarschule mit gymnasialer Oberstufe in Prenzlauer Berg, als erste Schülerfirma der Stadt das bundesweite Siegel KLASSE UNTERNEHMEN 2014 der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS). Die Schülerfirma existiert seit 17 Jahren, sie verkauft und vermietet
Kunst ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler: Bilder, Plastiken und Zeichnungen.

© Britta Hüning

In Lichtenberg liegt der Grüne Campus Malchow, eine Gemeinschaftsschule mit einem offenen Ganztagsbetrieb. Die Lehrerinnen Claudia Sorgenfrei und Patricia Montag berichteten von ihrer Arbeit in den beiden Lernwerkstätten für die Grund- und Sekundarschülerinnen und -schüler. „Die Lernwerkstatt existiert seit zehn Jahren an unserer Schule“, erklärte Claudia Sorgenfrei. „In der Primarstufe besteht sie aus zwei Räumen, in denen die Kinder sowohl im Rahmen des Unterrichts, als auch nachmittags kreativ tätig sein, sich ausprobieren, experimentieren und sinnliche Erfahrungen mit unterschiedlichen Materialien gewinnen können.“

Beim Lernen in der Lernwerkstatt in der Woche begeben sich Lehrkräfte, Erzieherinnen und Erzieher anhand verschiedener Projekte, die in der Regel zwei Monate andauern, gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern in offene Lernprozesse, in denen das selbstständige Entdecken von Zusammenhängen und das Suchen nach eigenen Lösungswegen im Vordergrund stehen. Die Lernwerkstatt bietet mit ihrer anregenden Lernlandschaft den Kindern alternative Möglichkeiten, sich selbstständig Fähigkeiten, Erkenntnisse und Wissen anzueignen. Die Projekte lauten zum Beispiel "Begreifen – sägen, hämmern, bohren, bauen“, „Federhalter und Tusche, Sprachen aus aller Welt“ oder „Entdecke Deine Sinne!“

Schülerinnen und Schüler lernen, eigene Fragen zu stellen

„Nicht alle Kolleginnen und Kollegen nutzen die Lernwerkstatt, manche haben auch die Befürchtung geäußert, dann ihr Pensum nicht zu schaffen. Aber da viele Projekte fächerübergreifend angelegt sind, nehmen die Schülerinnen und Schüler von allem etwas mit, sei es Deutsch, Sachkunde oder später Naturwissenschaften“, so die Pädagogin. „Die Kinder lernen frei mit allen Sinnen, dürfen Fehler machen und werden nicht benotet. Und es ist interessant zu sehen, wie unterschiedlich jedes Kind an die Aufgaben herangeht und wie ruhig und intensiv sich eine Klasse von 28 Schülerinnen und Schülern beschäftigt. Uns gibt das reichlich Zeit zum Beobachten.“

Patricia Montag, welche die Lernwerkstatt in der Sekundarstufe begleitet, ergänzte: „Wir holen die Kinder und Jugendlichen bei ihren Fragen ab. Viele Schülerinnen und Schüler haben gar keine eigenen Fragen mehr. Die sagen: ‚Komm, Lehrer, frag mich was' und gut is.’ Wenn sie aber verstanden haben, dass es um ihre Neugier geht, dann ist die Motivation toll. Da tüfteln dann Jungen meiner Klasse, die mit Physik nicht so viel am Hut haben, stundenlang, wie sie einen funktionierenden Brunnen bauen – und ich frage sie dann nachher: ‚Wisst ihr eigentlich, dass ihr gerade ganz viel mit Physik gearbeitet habt?’“ Im Sekundarbereich werden Zwischenetappen des Lernens in der Lernwerkstatt benotet. Für andere interessierte Schulen bieten die Lehrerinnen Workshops und Fortbildungen an.

C-Lizenz der Übungsleiter deckt Aufsichtspflicht ab

Ein großer Kooperationspartner ist auch in Berlin der Sport. Johannes Kowalewsky, Lehrer an der Carl-von-Ossietzky-Schule in Kreuzberg und Fachwart für Straßenradsport beim RC Charlottenburg, stellte die Möglichkeiten der Sportjugend Berlin vor: „Wir unterbreiten in Berlin im Jahr 750 Kooperationsangebote und können den Schulen Aktivitäten von A wie Akrobatik bis Z wie Zirkus machen. Die Verträge werden mit dem jeweiligen Verein geschlossen.“

Plenum in der Aula der Fritz-Karsen-Schule in Berlin-Neukölln
© bulldesign 2014

Bezüglich der immer wieder gestellten Frage der Aufsichtspflicht konnte Kowalewsky berichten, dass die C-Lizenz eines Übungsleiters ausreiche, um diese zu übernehmen. Liege der Übungsort außerhalb der Schule, müsse zwischen Schule und Verein geklärt werden, wie die Schülerinnen und Schüler dort hin- und wieder zurückkämen oder ob sie gegebenenfalls von dort direkt nach Hause gehen könnten.

Vormittags ist es weiterhin sehr schwierig, Übungsleiterinnen und -leiter zu gewinnen, da diese dann selbst berufstätig sind. Eine Möglichkeit, auch am Vormittag Sportangebote machen zu können, zeigte ein Teilnehmer auf, der darauf hinwies, dass Lehrkräfte, die Mitglieder in einem Sportverein sind, diese Lücke über eine bestimmte rechtliche Konstruktion und Abrechnung füllen können.

Dass Kooperationen das Schulleben in der Tat bereichern und den Horizont aller Beteiligten weiten können, spürte man auf dem Berliner Ganztagsschulkongress bei allen diesen Beispielen, ihren mit Begeisterung vortragenden Vertreterinnen und Vertretern und dem regen Interesse der Lehrkräfte und pädagogischen Partner.

 

Die Übernahme von Artikeln und Interviews - auch auszugsweise und/oder bei Nennung der Quelle - ist nur nach Zustimmung der Online-Redaktion erlaubt.
Wir bitten um folgende Zitierweise: Autor/in: Artikelüberschrift. Datum. In: https://www.ganztagsschulen.org/xxx. Datum des Zugriffs: 00.00.0000

 

 


 
(Ende der inhaltlichen Zusatzinformationen)