"Der Ganztag prägt"

Vom 10. bis 13. März 2014 fand in Berlin der 24. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE) statt. Das Thema Ganztagsschule stand dabei natürlich auch auf der Agenda.

Wie es sich für ein Jubiläum gehört, war der 24. Kongress zum 50-jährigen Bestehen der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE), der vom 10. bis 13. März in der Berliner Humboldt-Universität stattfand, der bislang größte. 2.500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer konnten unter mehr als 150 Veranstaltungen auswählen. „Die Internationalisierung der Disziplin spiegelt sich auch in den internationalen Dialogen und hier auf dem Kongress in den internationalen Gästen wider“, so Prof. Jan-Hendrik Olbertz, Präsident der Humboldt-Universität, in seinem Grußwort zur Eröffnung des Kongresses.

Die Ganztagsschule wurde im Eröffnungsteil bereits durch die Berliner Bildungssenatorin Sandra Scheeres thematisiert: „Die DGfE begleitet den Ganztagsschulausbau wissenschaftlich und forscht auf diesem Gebiet. In Berlin prägt uns der Ganztag: Alle Grundschulen und integrierten Sekundarschulen sind bereits ganztägig organisiert. Die Gymnasien bewegen sich dahin.“

Auf dem Kongress fand das Thema Ganztagsschule dementsprechend seinen Platz in Workshops und Symposien, wobei teilweise auch neueste Studienergebnisse kommuniziert wurden. So in dem Forschungsforum „Ganztagsschule in Deutschland – aktuelle Situation, Qualität und Wirkungen“, auf dem StEG-Forscherinnen und -Forscher einige Ergebnisse der Schulleitungsbefragung 2012, aber auch den Stand der aktuell laufenden vier Teilstudien berichteten.

StEG erforscht Angebotsqualität und Wirkungen

Stephan Kielblock von der Justus-Liebig-Universität Gießen stellte die Teilstudie „Angebotsqualität und -wirkung als sozialer Ko-Konstruktionsprozess im Primar- und Sekundarbereich“ (StEG-Q) vor. StEG-Q untersucht detailliert den Alltag an mehreren Ganztagsschulen – vier Primarschulen und acht Schulen der Sekundarstufe I.

„Wir wollen die Qualität der Angebote durch Befragung der an den Angeboten Beteiligten verifizieren. Dazu führen wir an drei Messzeitpunkten problemzentrierte Interviews mit Lehrkräften, den pädagogischen Partnern und den Schülerinnen und Schülern, führen Gruppendiskussionen durch und werden auch mit teilnehmender Beobachtung arbeiten. Ebenso kommen Fragebögen zum Einsatz.“ Als einen Fokus nannte Kielblock die Hausaufgabenbetreuung an einem ländlichen Gymnasium.

© DGfE

Das StEG-Team des Instituts für Schulentwicklungsforschung an der Technischen Universität Dortmund befasst sich mit der „Angebotsqualität und individuellen Wirkungen in der Primarstufe“ (StEG-P). Stephan Jarsinski, Lea Spillebeen und Dr. Ariane Willems berichteten von der Längsschnittstudie, die sie an 65 Ganztagsgrundschulen mit vier Messzeitpunkten durchführen. „Eine Fragestellung lautet dabei: Kann der Besuch von Ganztagsschulangeboten zu einem Mehr an Chancengerechtigkeit beitragen?“, formulierte Lea Spillebeen. Dazu erhebe man Daten zum sozialen Hintergrund der Schülerinnen und Schüler und werde Schulgruppen als Standorttypen bilden. Leistungstests werden mit Hilfe von IGLU- und TIMMS-Testheften durchgeführt.

Auf die „Stabilisierung von Bildungsverläufen durch die Ganztagsschule“ (StEG-A) fokussieren Bettina Arnoldt und Dr. Christine Steiner vom Deutschen Jugendinstitut (DJI) in München. Sie berichteten von ihrer Längsschnittstudie, die auf Datenerhebungen durch Fragebögen in drei Wellen basiert. „65 Sekundar I-Schulen ohne Gymnasien nehmen an unserer Studie teil“, so Bettina Arnoldt. 1.900 Schülerinnen und Schüler der 9. und 10. Jahrgangsstufen sind beteiligt. Dabei schätzen die Jugendlichen auch retrospektiv ihre zurückliegende Schulzeit und die Teilnahme an Ganztagsangeboten ein.

Mit der „Leseförderung in der Ganztagsschule – Vorstellung eines Interventionsprogramms für die Sekundarstufe I“ (StEG-S) befasst sich das Team des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) in Frankfurt am Main. Désirée Theis und Markus Sauerwein präsentierten die Teilstudie. Die „Intervention“ besteht darin, dass in Sekundarschulen ein Lese-Ganztagsangebot für Schülerinnen und Schüler eingerichtet wurde. Die nicht teilnehmenden Schülerinnen und Schüler bilden die Kontrollgruppe, um die Wirksamkeit des Angebots zu bestimmen. „Unser Angebot mit einer Ritualisierung der Lesezeit, Lesestrategietraining, motivierenden Elementen sowie Betreuung und Unterstützung basiert auf dem Schulentwicklungsprogramm des Instituts für Qualitätsentwicklung an Schulen Schleswig-Holstein“, berichtete Désirée Theis. Die Ergebnisse zwischen den ersten beiden Messzeitpunkten deuten Verbesserungen durch die zusätzlichen Angebote an.

Traditionelle Aufgabendeutung durch die Professionen

Die Integration der außerschulischen Fachkräfte in die Ganztagsschulen bleibt ein strukturelles und organisatorisches Problem, wie die Arbeitsgruppe „Kooperation in Schulen – Forschungsbefunde zu Formen und Wirkungen“ verdeutlichte. „Eingestellt – und vergessen“, charakterisierte eine Teilnehmerin die Lage von außerschulischem Personal an Ganztagsschulen.

Zur „Interprofessionellen Kooperation in Ganztagsgrundschulen“ forscht ein Projekt der Bergischen Universität Wuppertal. Die Professionen definierten ihre Aufgabenbereiche noch sehr traditionell. Nur in der Hausaufgabenbetreuung gibt es echte Berührungspunkte. Dem außerschulischen pädagogischen Personal komme oft noch eine intervenierende „Feuerwehrfunktion“ bei schwierigen Schülerinnen und Schülern zu – regelmäßige Austauschmöglichkeiten über Schülerinnen und Schüler finden zu wenig statt. „Es wird nur da kooperiert, wo es sein muss. Der pädagogische Ehrgeiz scheint unterentwickelt“, resümierte Prof. Heinz Günter Holtappels vom IfS Dortmund.

Kooperationsintensität nicht besonders hoch

Katja Tillmann vom IFS Dortmund stützte die Thesen und Befunde durch Längsschnittbefunde aus der StEG-Studie: „Das außerschulische Personal ist bezüglich der Fluktuation, der divergierenden Stundenzahl und der unterschiedlichen Ausbildung sehr heterogen. Das Verständnis der verschiedenen Berufsgruppen zur Notwendigkeit von Kooperation ist unterschiedlich ausgeprägt.“ Aber die Zeitfenster und Gelegenheiten zum Austausch seien aufgrund der begrenzten Ressourcen oft einfach nicht gegeben. Intensität werde nur durch eine hohe zeitliche Präsenz der pädagogischen Partner an den Schulen gefördert; an Schulen, denen es möglich sei, mit wenigen, dafür mit hoher Stundenzahl und entsprechender Qualifikation ausgestatteten außerschulischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zusammenzuarbeiten, liege die Zufriedenheit mit der Kooperation höher.

Wie sieht es mit der Kooperation von Lehrkräften aus? Tobias Mai und Heinz Günter Holtappels haben den „Einfluss professioneller Teamarbeit auf Schülerleistungen in Grundschulen“ untersucht. In der Längsschnittstudie ADDITION befragten die Wissenschaftler 363 Lehrkräfte und rund 1.200 Schülerinnen und Schüler an 54 Grundschulen. Tobias Mai berichtete: „Die Aktivitäten in den Teams trugen zur Verbesserung der Unterrichtsgestaltung bei. Teamarbeit wurde von den Beteiligten als Gewinn eingestuft: Die Isolation wurde reduziert, das Bemühen um Qualitätsverbesserung und eine unterstützende Lernumgebung wertgeschätzt.“

Heinz Günter Holtappels ergänzte: „Die Lehrerkooperation hat einen Einfluss auf die Entwicklung einer differenzierten Lernkultur und die Leseförderung. Durch die Kooperation gelingt es Lehrkräften auch besser, der Bildungsbenachteiligung gegenzusteuern.“ Um Kooperationen anzustoßen, sei aber nicht nur Innovationsbereitschaft notwendig, sondern auch die Führung durch die Schulleitung.

Weitere Symposien befassten sich mit Themen wie Familie und Ganztagsschule oder der Rolle von Ganztagsschulen im Sozialraum. Für die nächsten Jahre sind aus der Erziehungswissenschaft somit kontinuierlich neue Erkenntnisse für Ganztagsschulen zu erwarten. Für den Schwerpunkt „Qualität von Ganztagsschule“ ist das sehr erfreulich.

 

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