Für zwei Jahre als Externe im Ganztag

Seit 2009 unterstützen junge Akademikerinnen und Akademiker der Teach First-Initiative auch Ganztagsschulen in sechs Bundesländern, helfen bei der Lese- und Sprachförderung oder organisieren Elterncafés.

Das Budget vieler Ganztagsschulen ist knapp. Die Schulen sind fortwährend darum bemüht, einerseits neue Partner zu gewinnen, andererseits interessante AG-Angebote fortzuführen und eine personelle Kontinuität zu gewährleisten. Eine Möglichkeit, für zwei Jahre eine Unterstützung zu erhalten, ist die Kooperation mit der Initiative Teach First Deutschland.

Teach First-Fellow mit Schülerinnen und Schülern
Teach First-Fellow mit Schülerinnen und Schülern© Teach First Deutschland

Die Städtische Gesamtschule Duisburg-Meiderich ist eine gebundene Ganztagsschule, an deren Nachmittagen sowohl Unterrichts- als auch AG-Angebote stattfinden. Die Fünft- und Sechstklässler lernen in einem eigenen Gebäude, das über einige zusätzliche Lernorte verfügt – neben den Sportanlagen, Spiel- und Freizeiträumen über einen Schulgarten, einen Ökoteich, eine Schülerbibliothek und einen Computerraum. Förderunterricht unterstützt die Schülerinnen und Schüler in Deutsch, Englisch und Mathematik.

Um die Entwicklung fester Beziehungen zwischen Schüler- und Lehrerschaft zu begünstigen, hat die Gesamtschule Lehrerteams und Doppelklassen gebildet: In zwei Parallelklassen unterrichtet ein möglichst kleines Lehrerteam. Klassenlehrkräfte und ihre Stellvertreter sind mit hoher Stundenzahl in der Klasse eingesetzt, die Klassenlehrer stehen in der Mittagsfreizeit zeitweise ohne andere Aufgaben mit so genannten AKL-Stunden (Aufsicht Klassenlehrer) ihrer Klasse zur Verfügung.

„Mit meinem Engagement etwas zum Positiven verändern“

In Klasse 7 wird die zeitlich begrenzte Förderung in einer Kleingruppe für die Schülerinnen und Schüler angeboten. Ab Klasse 8 können die Schülerinnen und Schüler als weitere Fremdsprache Latein wählen. Die Jugendlichen, welche dies nicht wahrnehmen, belegen in Klasse 8 einen zweistündigen Förderunterricht in Deutsch, Englisch oder Mathematik oder “Forderunterricht” mit dem Akzent auf der Förderung von besonderen Begabungen. Von der 8. Klasse an werden alle Schülerinnen und Schüler im Rahmen der Grundbildung Telekommunikation in die Arbeit mit Computern, Anwendungsprogrammen und dem Internet eingeführt. Die Schule verfügt hierzu über eine umfangreiche Geräteausstattung.

Die Gesamtschule nimmt an zahlreichen Projekten wie Buddy, Comenius oder der Lernplattform Edunex teil. Ein weiteres Projekt, an dem sich die Ganztagsschule beteiligt, ist Teach First Deutschland. Zum Schuljahr 2012/13 stieß die Japanologin Bettina Richter zum Kollegium der Schule. Lehrerin möchte sie nicht werden, aber sie engagiert sich, weil „es mich ärgert, dass in Deutschland ein guter Schulabschluss immer noch so stark von der sozialen Herkunft abhängt. Viele Kinder werden nicht genug gefördert. Mit meinem Engagement möchte ich etwas zum Positiven verändern“.

130 Fellows in sechs Bundesländern

Um als Fellow an einer Schule eingesetzt zu werden, müssen die Bewerberinnen und Bewerber ein abgeschlossenes Studium vorweisen. Sie sollten möglichst sozial engagiert sein, also zum Beispiel ein Ehrenamt ausgeübt haben. „Die Fellows durchlaufen vor dem Schuleinsatz ein mehrmonatiges Trainingsprogramm und werden auch während des Einsatzes an der Schule betreut und weiter qualifiziert“, erklärt Ulf Matysiak, der Geschäftsführer von Teach First Deutschland.

Frau mit Schülerinnen und Schülern auf dem Schulhof
© Britta Hüning

Die Teach First-Idee hat ihren Ursprung in den USA. Heute gibt es diese Initiative in über 30 Ländern, die sich im Netzwerk „Teach for All“ austauschen. 2009 startete das Programm in Deutschland. Aktuell arbeiten 130 Fellows in über 100 Schulen in Baden-Württemberg, Berlin, Hamburg, Hessen, Nordrhein-Westfalen und Thüringen – „in Ganztagsschulen“, wie Matysiak hervorhebt. Die Fellows erleichterten durch ihren Einsatz am Vor- und Nachmittag einen nahtlosen inhaltlichen und personellen Übergang im Ganztag, der eine enge individuelle Betreuung der Schülerinnen und Schüler ermögliche.

„Wir schicken für zwei Jahre Fellows an Schulen, die sich bei uns beworben haben. Die Fellows unterstützen dort Schülerinnen und Schüler, verhelfen ihnen zu besseren Leistungen und tragen zu einem Ausbau ihrer persönlichen Fähigkeiten für ihren weiteren Lebensweg bei.“ Die Fellows verdienen bei ihrer Vollzeitstelle mindestens 1.750 Euro, abhängig von Bundesland und Schulträger.

Qualifizierung durch Hospitationen, eLearning und Sommerakademie

Jeweils am 1. März endet die Bewerbungsfrist für die Studienabsolventen. Nach der Zusage kümmern sich die Fellows um ein einwöchiges Praktikum an einer Schule, um erste Einblicke in den Schulalltag zu erhalten. Ab Mitte April qualifizieren sie sich über eine eLearning-Plattform über fünf Wochen à 20 Wochenstunden, um sich ein Grundwissen in allgemeiner Methodik und Didaktik, Fachdidaktik und Sprachförderung anzueignen. In der daran anschließenden achtwöchigen Sommerakademie werden die Fellows unter Anleitung von Trainern praxisorientiert Schritt für Schritt auf ihren Schuleinsatz vorbereitet. An der Konzeption der Vorbereitungsphase hat unter anderem Prof. Dr. Kurt Czerwenka von der Leuphana Universität Lüneburg mitgearbeitet, die das Projekt neben Wirtschaftsunternehmen und Stiftungen unterstützt.

„Die Fellows kommen in den Kernfächern Deutsch, Mathematik, Englisch, in der Sprachförderung und, abhängig vom eigenen Studium und beruflichen Erfahrungen, auch in weiteren Fächern zum Einsatz“, berichtet Ulf Matysiak. „Weitere sechs Stunden sollen sie in zusätzlichen Förderkursen, in der Einzelförderung, in der Hausaufgabenbetreuung oder bei Prüfungsvorbereitungen eingesetzt werden. In zusätzlichen sechs Stunden wirken sie in Arbeitsgemeinschaften, berufsqualifizierenden Projekten, Sportkursen, Kooperationen mit dem Stadtteil und weiteren Projekte mit.“

Vielfältige Ideen und Einsatzgebiete

An der Gesamtschule Duisburg-Meiderich unterstützt Bettina Richter bis zum Schuljahresende 2013/14 die Schule in der Sprachförderung, in Englisch, hilft im Hauswirtschaftsunterricht sowie bei der Ausgestaltung der Bibliothek und der Leseoase für die 7. Klassen. Ihre spezielle Stärke – die Japanologie – setzt sie in einer Japan-AG ein, in der sie Sprache und Kultur vermittelt.

Schülerin und junger Mann in der Schule
© Britta Hüning

Die Humboldt-Werkrealschule in Mannheim beschäftigt seit 2010 Fellows: Eine Politikwissenschaftlerin unterrichtete Englisch, startete gemeinsam mit anderen Fellows das Projekt "Helden des Alltags" und initiierte das Elterncafé. Aktuell ist Dorothea Link engagiert. Die Politik- und Rechtswissenschaftlerin übernimmt in erster Linie die Englischförderung in den Klassen 5, 6 und 10 und unterstützt die Organisation des Elterncafés. Sie leitete den Mittags- und Kreativclub und startete im aktuellen Schuljahr gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern das Schülercafé.

An der Hamburger Stadtteilschule Stellingen arbeitet seit dem Schuljahr 2012/13 die Erziehungswissenschaftlerin Anne Knüppel mit: Sie hilft Schülerinnen und Schülern in Mathematik und Lern- und Arbeitstechniken, leitet den Ganztagskurs Kreativwerkstatt, führt Suchtprävention zum Thema Alkohol in Jahrgang 7 und ein Projekt zur Entwicklung von Apps für Smartphones für Neuntklässler durch. Außerdem unterstützt sie Jugendliche bei der Gestaltung einer neuen Schülerzeitung. An der Gustav-Heinemann-Gesamtschule hilft die Kulturwissenschaftlerin Nadja Walraff, zu Vorleseaktionen oder zum Poetry Slam-Workshop viele Akteure in die Schule zu bringen. An zwei Tagen bietet sie in der Bibliothek Vorlesepausen an. Sie coacht die Jugendlichen, damit diese ihre eigenen Stärken entwickeln.

Bindeglied zwischen Vor- und Nachmittag

Derweil haben sich aktuell 900 Bewerberinnen und Bewerber für den Einsatz in den Schuljahren 2014/15 bis 2015/16 beworben und damit mehr als je zuvor. Die Rückmeldungen zu Teach First sind überwiegend positiv. Eine Evaluation kam 2011 zum Ergebnis, dass die Fellows auch als Bindeglied zwischen Vor- und Nachmittag im Ganztag wirken.

Das nordrhein-westfälische Schulministerium ermutigte im Januar 2014 Gesamtschulen, Ganztagshauptschulen, Ganztagsrealschulen und Ganztagsgymnasien, sich um den Einsatz von Fellows zu bewerben. „Aufgrund der gemachten Erfahrungen sind wir sicher, dass das Engagement und die Kompetenz der jungen Akademikerinnen und Akademiker geeignet sind, die Schülerinnen und Schüler noch nachhaltiger individuell in ihren Lernprozessen zu unterstützen.“ Positiv schätzte auch die baden-württembergische Landesregierung anlässlich einer Landtagsanfrage im März 2013 den Einsatz der Fellows in Ganztagsschulen ein.

Kritische Stimmen

Kritische Stimmen kommen dagegen von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, die eine schleichende Privatisierung der Schulen fürchtet und eine Verdrängung regulärer Lehrerstellen durch die „Lehrkräfte auf Zeit“. So äußerte sich die damalige stellvertretende GEW-Vorsitzende Marianne Demmer 2012: „Die Fellows sind sicherlich um gute pädagogische Arbeit bemüht, aber mit einem einen Pädagogik-Crashkurs von sechs Wochen nicht ausreichend qualifiziert.“ Der Berliner GEW-Landesverband sieht im Teach First Projekt „einen Einstieg in Leiharbeitsverträge im Schulbereich“.

Detlef Aßmann ist Schulleiter an der Ganztagsstadtteilschule Mümmelmannsberg in Hamburg, die mit Teach First kooperiert. Er vertritt einen differenzierten Standpunkt: „Voraussetzung für eine gute Schule ist ein motiviertes und von Zusammenhalt geprägtes Lehrerkollegium. Wenn sie inhaltlich und charakterlich ins Konzept passen, kann es nützlich sein, Externe wie die Fellows zu beschäftigen. Es dürfen nur nicht zu viele Externe werden, weil man sonst Parallelstrukturen aufbaut. Der Einsatz von externen Kräften darf nicht darin münden, dass Schulleitung und Lehrkörper ihre Verantwortung an Dritte delegieren.“

 

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