Ernährungsbildung in Ganztagsschulen: "Ganz erhebliche Chancen!"

Die Sarah Wiener Stiftung möchte die Ernährungskompetenz von Kindern und Jugendlichen verbessern und frühzeitig den Grundstein für Ernährungsbewusstsein legen. Sie verbindet dabei praktische Ernährungsbildung mit sozialer Bildung. Beides sieht die Stiftung als zentrale Voraussetzungen für Gesundheit, Wohlbefinden, Selbstbestimmung und Autonomie von Kindern und Jugendlichen.

Beispiele sind die Kochkurs-AG an der Ganztagsschule Hegelsberg in Kassel, ein pädagogisches Angebot im Wahlpflichtbereich, für das die AG-Leiterin im Rahmen der Schulbezogenen Sozialarbeit den Kontakt mit der Stiftung suchte, oder auch das „Projekt Ma(h)lzeit – Kunst und Kochen“ mit der Berliner Schule im Ostseekarree. Auch Exkursionen zu Bio-Bauernhöfen gehören zum Programm der Stiftung – mit kleinen Forschungsaufgaben, eigenen Melkversuchen und selbstgemachter Butter oder Honigschleudern. Rund 8000 Kinder werden jährlich mit den Programmen erreicht.

Geschäftsführer Daniel  Mouratidis gibt im Gespräch mit www.ganztagsschulen.org einen Einblick in Anliegen und Ziele des Engagements.

Internet-Redaktion: Welche Ziele verfolgt die Sarah Wiener Stiftung?

Sarah Wiener mit Schülerinnen und Schülern beim Kochen
© INKcorporated for Sanetta

Daniel Mouratidis: Wir wollen die Ernährungskompetenz von Kindern und Jugendlichen verbessern. Kinder sollen dazu befähigt werden, sich für eine vernünftige Ernährung zu entscheiden. Das geht nur, wenn sie wissen, wie man sich eine einfache Mahlzeit kocht, wie der ursprüngliche Geschmack von frischem Obst und Gemüse ist. Das ist gar nicht so einfach angesichts der Tatsache, dass die meisten Erdbeerjoghurtsorten wegen hinzugefügter Aromastoffe viel stärker nach Erdbeere schmecken als das Original vom Feld. 
 
Internet-Redaktion: Kommen Ernährungsbildung und die Förderung eines nachhaltigen Umgangs mit Ressourcen in Schulen zu kurz?

Mouratidis: Das hängt stark von der jeweiligen Schule ab. Insgesamt betrachtet hat das Thema nachhaltige Ernährungsbildung noch nicht den Stellenwert, den wir uns wünschen.

Internet-Redaktion: Welche Chancen haben Ganztagsschulen, Schülerinnen und Schüler an gesunde Ernährung heranzuführen?

Mouratidis: Ganz erhebliche Chancen! Viele denken: Nun ja kochen, da rührt man eben etwas zusammen. Dabei werden gleich mehrere positive Faktoren unterschlagen. Erstens ist Kochen die erste soziale Errungenschaft der Menschheit. Gemeinsam eine Mahlzeit zubereiten, mit Geschmäckern experimentieren und sich am Ende zusammen an einen Tisch zu setzen und zu essen, fördert den sozialen Zusammenhalt in der Gruppe. Viele Kinder kennen das leider von zu Hause nicht mehr.

Sarah Wiener mit Schülerinnen und Schülern beim Kochen
© Sarah Wiener Stiftung

Zweitens finden Kinder mit ganz unterschiedlichen Talenten ihre Rolle. Das eine Kind schnibbelt gerne Gemüse klein, ein anderes würzt lieber, das Dritte findet Gefallen an der Gestaltung einer schönen Tischdekoration. Es ist also möglich, jahrgangsübergreifend zu arbeiten oder Kinder mit besonderen Förderbedarf – Stichwort Inklusion – daran zu beteiligen. Drittens ist es geeignet,  beispielsweise handlungsorientierten Spracherwerb zu ermöglichen. Kochen ermöglicht also je nachdem, wie die Pädagogen an der Schule Ernährungsbildung leben, unterschiedliche Bildungsziele neben der reinen Ernährungslehre zu vermitteln.

Internet-Redaktion: Welche konkreten Angebote unterbreitet die Sarah Wiener Stiftung für Schulen?

© Daniel Mouratidis

Mouratidis: Wir bilden in erster Linie Multiplikatoren aus, die dann in Eigenregie die Koch- und Ernährungskurse umsetzen. Wir nennen sie Genussbotschafter. Das sind in der Regel Erzieherinnen und Erzieher, Lehrerinnen und Lehrer oder andere Pädagogen, die in der Schule oder Kita tätig sind. Sie werden in unser Netzwerk aufgenommen. Es gibt regelmäßig neue Tipps, Rezepte, manchmal verlosen wir etwas. Momentan verteilen wir beispielsweise Öko-Saatgut an unsere Partnereinrichtungen, die im Klassenraum oder im Schulgarten etwas anpflanzen wollen. Wenn es die schmalen Finanzen der Stiftung erlauben, organisieren wir mit Kindern und Jugendlichen Fahrten zu Bauernhöfen. Diese eintägigen Fahrten sind eine prima Ergänzung. Dort erleben die Kinder, wo und wie unsere Lebensmittel hergestellt werden.

Internet-Redaktion: Teilen Sie die Forderung nach einem eigenen Unterrichtsfach Ernährung?

Mouratidis: Nein. Erstens wünsche ich mir die Einbettung in den Themenkomplex Verbraucherbildung. Zweitens halte ich es für falsch, für das Erlebnis Kochen Noten zu verteilen. Es soll Spaß machen zu kochen, Kinder sollen die Möglichkeit bekommen, Dinge auszuprobieren.

Internet-Redaktion: Schulessen soll möglichst wenig kosten. Ist damit eine gute Küche möglich?

Mouratidis: Die Reduzierung von Lebensmitteln auf deren Kosten ist ein Grundübel unserer Gesellschaft. Wir haben den Bezug verloren für die Wertigkeit von frischem Gemüse, wissen nicht mehr, welche Mühen es für den Bauern macht, bis am Ende ein Brot oder ein Schnitzel auf dem Teller liegt. Dennoch muss gutes Essen nicht teuer sein, wenn man saisonal kocht und beispielsweise teure Zutaten wie nachhaltig hergestelltes Fleisch reduziert.

In einem so reichen Land wie Deutschland ist das keine Frage der Finanzierung, sondern der Priorisierung. Was sollte uns denn mehr wert sein als die Dinge, die wir täglich zu uns nehmen? Unter einem gewissen Betrag ist keine vernünftige Herstellung von Mahlzeiten möglich. Wir beobachten, dass Eltern in der Kita sehr stark auf die Ernährung achten und bereit sind, für Bioessen mehr Geld hinzulegen. Je älter die Kinder werden, desto unwichtiger wird vernünftiges Essen. Das ist sehr schade.

Internet-Redaktion: Wie sieht Ihrer Meinung nach eine gute Schulmensa aus?

Mensa
© Britta Hüning

Mouratidis: Ein großer Schritt wäre geschafft, wenn das Thema Schulmensa nicht von den Kosten her gedacht würde, sondern der Qualitätsgedanke an erster Stelle stünde. Also: So frisch, regional und saisonal wie möglich, mit genügend Wahlmöglichkeiten für die verschiedenen Geschmäcker.

Ganz wichtig ist es, bei der Neugestaltung eines Mensaangebotes das Thema Ernährungsbildung einzubeziehen. Wenn beispielsweise jedes Kind einmal einen Kochkurs mit einem der Mensaköche in seiner Schulzeit erlebt und vielleicht einmal die Kartoffeln geerntet hat, die dort verarbeitet werden, bekommt es einen ganz anderen Bezug zum Essen. Leider sieht die Realität anders aus.

Darüber hinaus muss die Atmosphäre stimmen. Eine Mensa sollte menschenfreundlich eingerichtet sein. Ein nicht zu unterschätzender Faktor, insbesondere in Kitas, ist die Teilnahme der Erzieherinnen und Erzieher an den Mahlzeiten. Wenn das nicht der Fall ist, sind die Kinder viel unzufriedener mit dem angebotenen Essen.

Internet-Redaktion: Sarah Wieners Kollege Johann Lafer betreibt eine eigene Schulkantine, mehrere prominente Köche setzen sich für frühzeitige gesunde Ernährung der Kinder ein. Gibt es eine Kooperation der Spitzenköche?

Schülerinnen
© Britta Hüning

Mouratidis: Die Spitzenköche ergänzen sich – zu tun gibt es genug. Während Johann Lafer eine Modellkantine betreibt, verfolgen wir eher den Graswurzelansatz. Mit den deutschlandweit über 1200 weitergebildeten Pädagogen an rund 600 Schulen und Kitas säen wir viele kleine Körner, die den Gedanken einer nachhaltigen, vernünftigen und genussvollen Ernährung weitertragen. Damit ist die Sarah Wiener Stiftung die zweitgrößte zivilgesellschaftliche Organisation, die deutschlandweit Ernährungsbildung umsetzt. Es ist immer wieder schön zu erleben, wenn sich eine Genussbotschafterin bei uns meldet und berichtet, wie die Kinder die Rezepte mit den Eltern nachkochen.

Internet Redaktion: Wie sieht es mit der Unterstützung Ihres Engagements aus?

Mouratidis: Wir haben eine lange Warteliste an Schulen, die an unserem Programm teilhaben wollen. Wir freuen uns immer über Unterstützung. Auf unserer Webseite sind die Möglichkeiten aufgezeigt. Als gemeinnützig anerkannte Einrichtung sind Spenden steuerabzugsfähig.

Die Sarah Wiener Stiftung wurde 2007 gegründet und fördert auf die Erziehung und Bildung zur gesunden Ernährung und Lebensmittelzubereitung. Dazu gehören unter anderem Aktionen rund ums Kochen und die Lebensmittelkunde sowie Exkursionen zu (Schul-)bauernhöfen mit dem Schwerpunkt Lebensmittelerzeugung und -zubereitung.

Seit 2009 ist die Stiftung ein Ort von "Deutschland - Land der Ideen". 2012 erhielt Sarah Wiener für ihr Engagement den „Bremer Kinderoskar“, den der Landessportverband Bremen an Menschen und Organisationen vergibt, die sich in besonderer Art und Weise für das Wohl von Kindern einsetzen. Im Januar 2014 wurde das Projekt „Landschaft schmeckt“ der Deutschen Bundesstiftung Umwelt und der Sarah Wiener Stiftung als Projekt der UN-Dekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ ausgezeichnet.

In Kooperation mit der Schelchen-Stiftung, den Staatlichen Museen zu Berlin und einem Biohof der Region Dahme-Spreewald führt die Sarah Wiener Stiftung das Projekt Ma(h)lzeit – Kunst und Kochen durch.


 

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