3. Hamburger Ganztag: Kultur der Kooperation

Mit 500 Teilnehmenden war der 3. Hamburger Ganztag der Serviceagentur „Ganztägig lernen“ am 14. Februar 2014 ausgebucht. Kooperation, Inklusion und Ganztagsschule im Sozialraum waren Themen, die auf der Agenda standen.

Begrüßung
V.l.n.r.: Katrin Jessen (Ganztagsschulverband Hamburg), Ulrike Fledermann (Serviceagentur "Ganztägig lernen"), Uwe Gaul(Referat Behörde für Schule und Berufsbildung), Moderatorin Regula Venske© Carsten Thun

Zehn Themen, über die sie die rund 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihres Workshops auf dem 3. Hamburger Ganztag ausführlicher informieren würden, haben Schulleiter Björn Steffen und Heilerziehungspfleger Cornelius Göbel zur Auswahl gestellt. Punkt für Punkt kleben die Anwesenden hinter das Thema „Kultur der Kooperation“, das am Ende mit Abstand am meisten angewählt worden ist. Der Beratungsbedarf zu diesem Thema ist bei den anwesenden Schulleitungen und Lehrkräften ebenso wie bei den Vertreterinnen und Vertretern aus der Jugendhilfe und der Kultur augenscheinlich am höchsten. Von der Theodor-Haubach-Grundschule in Hamburg-Altona erhoffen sie sich Fingerzeige, wie eine „Multiprofessionelle Kooperation in der teilgebundenen Grundschule“ gelingen kann. Immerhin ist die Theodor-Haubach-Grundschule eine Hospitationsschule zu genau diesem Thema.

Offenbar hatte Dr. Heike Kahl, die Geschäftsführerin der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS), bei ihrem Grußwort an diesem 14. Februar 2014 in der Staatlichen Jugendmusikschule vor rund 500 Teilnehmenden nicht ganz unrecht, als sie „trotz der Freude über das bisher Erreichte“ resümierte: „Bei den Kooperationen von Ganztagsschulen mit außerschulischen Partnern fehlt die gleiche Augenhöhe oft noch. Häufig fehlt es an Wissen über den jeweiligen Partner.“

Die Theodor-Haubach-Schule in Hamburg-Altona© Theodor Haubach Schule

Schulleiter Björn Steffen unterstützt diese Sichtweise: „Wir Lehrkräfte haben schon ein gewisses Standesbewusstsein: Studium, Staatsexamen und Urkunde. Und dann kommen da auf einmal diese anderen Professionen in unsere Schulen, die vorher nichts zu sagen hatten. Da ist auch viel Angst im Spiel, darüber muss sich die Schulleitung bewusst sein. Und über Angst spricht man nicht gerne. Konflikte werden dann über Stellvertreterthemen ausgetragen.“ Dabei sei klar: „Wir Lehrerinnen und Lehrer haben mit unserem Lehren nicht das erreicht, was wir zu erreichen glaubten. Ich bin überzeugt, dass wir nur mit beiden Professionen eine echte Ganztagsbildung erreichen, wie sie Prof. Thomas Coelen von der Universität Siegen beschrieben hat.“

Kollegiumszimmer statt Lehrerzimmer, Kollegiumskonferenz statt Lehrerkonferenz

Auf der anderen Seite seien in seiner Schule anfangs die zur Kollegiumskonferenz eingeladenen Erzieherinnen und Erzieher nicht gekommen. „Als ich fragte, warum nicht“, erinnerte sich Björn Steffen, „sagten sie mir: Ich gehöre da doch gar nicht hin.“ Cornelius Göbel meinte: „Am Anfang wurde wirklich gefragt: Was machen die Erzieher hier? Und auch wir selbst mussten uns auseinandersetzen über Lehren, Lernen und Bildung. Wir haben inzwischen eine Teambesprechung eingerichtet, bei der wir uns über diese Themen austauschen.“

Benedikt Sturzenhecker während eines Vortrags
Prof. Benedikt Sturzenhecker erläutert die Bildungswelten von Jugendlichen© Carsten Thun

Seit dem Schuljahr 2012/2013 ist die Theodor-Haubach-Grundschule eine teilgebundene Ganztagsschule: An zwei Tagen ist für alle Kinder der Schulbesuch von 8.00 bis 15.30 Uhr verpflichtend. An den anderen drei Tagen dauert die verpflichtende Schulzeit von 8.00 bis 13.00 Uhr, und bis 16 Uhr wird ein vielfältiges Kurs- und Betreuungsangebot angeboten. Die Kurse werden in Kooperation mit dem FC St. Pauli, dem Eishockey-Club Hamburg Freezers, der Jugendmusikschule, dem Jugendhilfe-Kinderhaus Rotznasen und dem Freizeit- und Kulturzentrum Haus Drei e.V. durchgeführt. Sozialpädagoge Resul Önal und Cornelius Göbel leiten die Jungengruppen, bieten pädagogische Spielstunden und Pausenspiele an und haben die Fußball-Kinderliga an der Schule gegründet. Ein tägliches zusätzliches Betreuungsangebot in den Früh- und Spätzeiten ist darüber hinaus von 6.00 bis 8.00 Uhr und von 16.00 bis 18.00 Uhr sowie in den Schulferien gewährleistet. Der Unterricht ist jahrgangsübergreifend in altersgemischten Lerngruppen von Klasse 1 bis 4 organisiert.

Die gesamte Betreuung von 6.00 bis 18.00 Uhr liegt in den Händen des sechsköpfigen Erzieherteams, „da gibt es keine Brüche, es bleibt immer die gleiche Schule“, wie Björn Steffen es formulierte. Wichtig sei es, das Signal zu geben, dass man „miteinander statt gegeneinander“ arbeiten wolle. So gibt es kein „Lehrerzimmer“ mehr, sondern ein Kollegiumszimmer. Ebenso keine Lehrer-, sondern eine Kollegiumskonferenz, zu der alle pädagogischen Fachkräfte eingeladen sind. „Wir haben vier Kollegiumskonferenzen im Schuljahr, und es ist schön zu sehen, wie die Kontakte von Vierteljahr zu Vierteljahr sichtbar enger werden“, so Björn Steffen.

Gute Ganztagsschulen klären ihr Bildungsverständnis

Prof. Benedikt Sturzenhecker© Carsten Thun

Prof. Dr. Benedikt Sturzenhecker von der Universität Hamburg fragte in seinem Impulsreferat „Ganztagsschule im Sozialraum entwickeln“: „Gibt es ein gemeinsames Bildungsverständnis von Schule und Jugendhilfe?“ Der Erziehungswissenschaftler erläuterte: „Selbstbildendes Handeln an einem Ort machen einen Sozialraum zu einem Bildungsraum. Diese Bildungsräume ergeben zusammen mit den Bildungsorten wie der Schule eine Bildungslandschaft. Hier ergänzen sich formelle, nicht-formelle und die informelle sowie die von Sturzenhecker bezeichnete wilde (Selbst-)Bildung.“

Eine Ganztagsschule müsse die Lebenswelt der Kinder konsequent auf die Bildungsräume ausweiten. Lehrerinnen und Lehrer müssten sich von den Schülerinnen und Schülern deren (Selbst-)Bildungsräume zeigen und erklären lassen, dabei Bildungsthemen entdecken und dialogisch klären. „Die Ganztagsschule muss zusammen mit den Kindern und Jugendlichen auch in den Sozialräumen entwickelt werden“, folgerte Sturzenhecker.

Lern- und Förderkonzepte

Paul Mecheril während seines Vortrags
Prof. Paul Mecheril© Carsten Thun

Prof. Dr. Paul Mecheril von der Carl- von-Ossietzky Universität in Oldenburg warnte in seinem Vortrag „Interkulturalität und Ganztag“ davor, „Migration und Interkulturalität gleichzusetzen“. Der Forscher weiter: „Wir sind von kultureller Pluralität noch weit entfernt, die Zielsetzung der Bildung ist ökonomistisch.“

„Gestaltungsansätze für einen inklusiven Ganztag“ beschrieb Christiane Winter-Witschurke vom Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg in ihrem Referat. „Inklusion heißt: Ein willkommen heißender Umgang mit allen Formen der Heterogenität. Eine inklusive Schule eröffnet allen Kindern gleiche Chancen, woran alle Erwachsenen beteiligt sind.“ Auch bei diesem Thema tauchte das gemeinsam „geklärte Bildungsverständnis“ wieder auf. „Erfolgreiche Ganztagsschulen arbeiten mit einem Bildungsverständnis, das sich in einem gemeinsam geplanten Lern- und Förderkonzept widerspiegelt“, berichtete Christiane Winter-Witschurke.

Christiane Winter-Witschurke© Carsten Thun

Das Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg (LISUM) hat eine entsprechende Handreichung „Förderplanung im Team“ veröffentlicht, in der eine „Kooperative Förderplanung in acht Schritten“ vermittelt wird. „Dabei muss unter anderem gefragt werden, ob sonderpädagogische Aktivitäten darauf zielen, Lernen und Teilhabe zu erhöhen und Ausgrenzung abzubauen, ob die Schule versucht, die Selbstachtung von Schülerinnen und Schülern zu stärken“, so die Referatsleiterin Grundschule / Sonderpädagogische Förderung im LISUM.

Im Lern- und Förderkonzept müssten Überschneidungszeiten der verschiedenen Professionen zur Besprechung ebenso eingeplant werden wie Entwicklungsgespräche zwischen Lehrkräften, Erzieherin, Eltern und Sozialpädagogen. Spielangebote müssten integriert und ein Therapieangebot an der Schule installiert werden.

Insgesamt waren es über 20 interessante Workshops, welche mit Schulbeispielen und Vorträgen aus der Wissenschaft über Entwicklungen vor Ort und allgemein den breiten Bogen an Möglichkeiten in der Ganztagsschule aufzeigten.

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