Münchner Ganztagskongress: Die Logik der Zeit

Insgesamt 1.000 Teilnehmende, namhafte Vortragende und ein großes Angebot an Workshops – der 3. Münchner Ganztagsbildungskongress vom 14. bis 16. Januar 2014 stand unter dem Motto "Ganztagsbildung gemeinsam gestalten – Lehr- und Lernkultur in der Ganztagsbildung".

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des 3. Münchner Ganztagsbildungskongresses taten gut daran, ihre Programmhefte nicht zu verlegen: Das Programm des Kongresses bot ein so großes Angebot an Workshops, Vorträgen und Diskussionsforen – dazu noch an verschiedenen Veranstaltungsorten –, dass ein Wegweiser unerlässlich war.

Die Veranstalter, die Münchner Serviceagentur für Ganztagsbildung im Referat für Bildung und Sport der Landeshauptstadt, hatten aber auch ein beeindruckendes Programm auf die Beine gestellt, das durch namhafte Vortragende mitgestaltet wurde. So hielten unter anderem Prof. Jutta Allmendinger, Prof. Dr. Wassilios E. Fthenakis und Dr. Richard David Precht Vorträge.

Für die Stadt München eröffneten Bürgermeisterin Christine Strobl und Stadtschulrat Rainer Schweppe nach einem musikalischen Auftakt durch Schülerinnen und Schüler der Schule an der Wörthstraße die Veranstaltung im Großen Saal der Alten Kongresshalle. Christine Strobl nannte vielfältige Gründe für den Ausbau der Ganztagsschulen, unter anderem das intensivere Miteinander von Lehrkräften und Schülerschaft, vertieftes Lernen sowie die Förderung von Kindern nicht nur im kognitiven, sondern auch im musischen und sportlichen Bereich oder in ihren sozialen und personalen Kompetenzen. Stadtschulrat Schweppe betonte die Anstrengungen der Landeshauptstadt München, die Rahmenbedingungen zu optimieren. Der Bildungsetat betrage 1,5 Milliarden Euro.

Ganztagsschulen für Chancengleichheit

In seinem Impulsvortrag „Stellt die Schule auf den Kopf – Schule kann mehr! Vision zukünftiger Bildungsstätten“ erläuterte Richard David Precht, dass sich die Schule in Zeiten stets abrufbaren Wissens vom „Faktenvermittler“ zum „Kompetenzvermittler“ entwickeln müsse. Hier nannte der Philosoph die Vermittlung sozialer Fähigkeiten wie Fairness, Gerechtigkeitsempfinden und die Fähigkeit, Fehler einzugestehen. Precht plädierte für eine Grundschulzeit bis zur 6. Klasse und der dann weiteren Einteilung nicht nach Noten, sondern nach Interessen. Diese sollten hauptsächlich in fächerübergreifenden Projekten angesprochen werden. Die Ganztagsschule ist laut Precht besonders in der Lage, für Chancengleichheit zu sorgen. Mehrere Lehrkräfte oder professionengemischte Teams könnten die Schülerinnen und Schüler individuell unterrichten und gezielt Hilfestellungen anbieten, während ein Teil der Schülerinnen und Schüler selbstbestimmt lerne.

Jutta Allmendinger sprach sich in ihrem Beitrag ebenfalls gegen die „viel zu frühe Selektion“ aus. „Die Schulen sind froh über Homogenität in den Klassen, dabei müssen wir auf Heterogenität eingehen. Die Homogenität stärkt keine Leistungsspitzen. Es ist ein blankes Missverständnis, wenn wir daran festhalten.“ Der Bildungsvererbung, bei der zu viele junge Menschen ausgebremst würden, könne man nur durch eine Änderung der Schulstruktur begegnen. „Es gibt auch zu wenige verbindliche Ganztagsschulen. Nur durch ein Mehr an Zeit kann eine Gesamtbildung verwirklicht werden, die auch soziale und emotionale Kompetenzen fördert“, so die Bildungssoziologin. „Die Ganztagsschule benötigt dabei auch andere Professionen aus der Zivil- und Arbeitsgesellschaft.“

Gemeinsam Bedeutung erforschen

In der anschließenden Podiumsdiskussion, an der neben Richard David Precht, Rainer Schweppe und Jutta Allmendinger auch Cory Rudder, Vorstandsmitglied der Münchner Stadtschülervertretung, und Klaus Wenzel, der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), teilnahmen, stellte Letzterer fest: „Es gibt keine einzige Ganztagsschule in Bayern. Was es gibt, sind erfreulich viele Schulen, die Angebote über den Mittag hinaus machen. Wir Lehrerinnen und Lehrer fühlen uns von Politik und Verwaltung im Stich gelassen. Wir sollen alle Probleme lösen, aber ohne Unterstützung. Wir brauchen Sonder- und Sozialpädagogen, Schulpsychologen und Mediziner in unseren Schulen – und sozialpädagogische Kompetenz wird auch an den Gymnasien gebraucht.“

Musikgruppe auf der Bühne
Musikalische Darbietung bei der Eröffnung des 3. Münchener Ganztagsbildungskongresses© Valentum Kommunikation

Schüler Cory Rudder hielt die Präsenz von Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen als Mittlern zwischen Schülerinnen und Schülern sowie Lehrkräften für einen großen Gewinn, der ihm auch persönlich an einer Ganztagsrealschule sehr geholfen habe. „Auch gut war, dass man nachmittags individueller und mehr lernen konnte, was einen interessiert.“ Für Rainer Schweppe ergibt sich die Ganztagsschule aus der „Logik der Zeit“: „Wenn wir flexiblere Anfangsphasen, ein flexibleres Umgehen mit der Zeit, die Organisation von kleineren Schulen in der großen, die Einbindung von Eltern, Lernen über das Curriculum hinaus wollen, dann braucht das einfach mehr Zeit.“

Den zweiten Konferenztag eröffnete Prof. Fthenakis mit seinem Vortrag „Das Kind im Mittelpunkt: Wie Bildungsbiographien von Kindern gelingen können“. Der Pädagogikprofessor führte aus: „Die Generierung von Wissen und vor allem die Erforschung von Bedeutung wird sozial prozessiert. Das Kind gestaltet seine Entwicklung aktiv mit, aber nicht allein. Die Lehrerinnen und Lehrer stärken als Ko-Konstrukteure die kindlichen Bildungsbiographien. Die gemeinsame Erforschung von Bedeutung durch die Kinder und die Erwachsenen ist aufregend und bereichernd.“ In jedem Bildungsbereich, in dem das Kind kompetent sei, müsse es gefördert werden, um es zu motivieren. Und es brauche die Philosophie einer echten Bildungspartnerschaft zwischen Eltern und Schule.

Ziel: Eine gemeinsame Ganztagsbildung

Es folgte eine Podiumsdiskussion mit Vertreterinnen und Vertretern „von der Basis“. Sabine Mayer-Babic, Schulsozialarbeiterin an der Münchner Mittelschule an der Guardinistraße, an der in den Jahrgangsstufen 5 bis 9 Ganztagsklassen gebildet worden sind, konnte für ihre Einrichtung konstatieren, dass dort „verschiedene Akteure zusammenarbeiten und eine echte Schulfamilie bilden, wozu wir uns aber auch zusammenraufen und viel Respekt einbringen.“

Wenn Schülerinnen und Schüler von anderen Schulen an ihre Mittelschule kämen, hätten diese erstmal drei Wochen keinen Unterricht, sondern würden mit Lehrkräften, Sozialpädagoginnen und -pädagogen, Kooperationspartnern, älteren Schülerinnen und Schülern zusammentreffen, um sich gegenseitig und die Schule kennenzulernen und über ihre Situation zu sprechen. „Dabei thematisieren wir auch ganz offen alle Befürchtungen und Klischees, die sich mit der Hauptschule verbinden“, berichtete die Schulsozialarbeiterin.

Alexander Wenzlik, Leiter von Spielen in der Stadt e.V., berichtete von den Aktivitäten des Vereins: „Wir bieten allen Ganztagsklassen der Mittelschule an der Guardinistraße sämtliche Kunstformen an und arbeiten immer auf eine Aufführung hin. Es ist dann toll zu sehen, welchen unglaublichen Erfolg die Kinder und Jugendlichen auf der Bühne haben und wie das ihr Selbstbewusstsein stärkt.“ Wenzlik zufolge ist es wichtig, ausreichend Zeit zu haben, um gemeinsam und kontinuierlich mit einer Schule zusammenzuarbeiten. „Das Ziel sollte es sein, eine gemeinsame Ganztagsbildung zu verwirklichen.“

Für den Gemeinsamen Elternbeirat (GEB) saß Angela Wanke-Schopf auf dem Podium. „Ob eine Ganztagsschule gelingt, hängt von den Akteuren ab. Wir erleben es häufig, dass die Verantwortlichen nicht zusammenarbeiten.“ Man hoffe auf engagierte Schulleitungen, die sich auch vor Elterneinmischung nicht fürchten.

Münchner Schulpreis ausgelobt

Stadtschulrat Rainer Schweppe warf derweil bereits einen Blick auf den Kongress 2015: Dann wird der mit 30.000 Euro dotierte Münchner Schulpreis verliehen, für den sich alle allgemeinbildenden und beruflichen Schulen öffentlicher und privater Trägerschaft in München bis zum 20. Mai 2014 bewerben können.

Analog zum Deutschen Schulpreis hat die Münchner Serviceagentur für Ganztagsbildung verschiedene Bewertungskriterien aufgestellt: Schule als lernende Institution, Entwicklung der Unterrichts- und Lernkultur, Umgang mit Diversität, Multiprofessionelle Zusammenarbeit, Verantwortung übernehmen, nachhaltiger Bildungserfolg sowie Schulentwicklung im Ganztag. Ausgezeichnet werden Schulen, die möglichst viele dieser Kriterien erfüllen und sich in mindestens einem Bereich besonders profilieren.

 

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