Interview mit Mostapha Boukllouâ

Das 2007 gegründete Netzwerk der Lehrkräfte mit Zuwanderungsgeschichte in NRW wirbt und qualifiziert Lehramtsstudierende und Lehrkräfte. Mostapha Boukllouâ, Landeskoordinator des Projekts „Lehrkräfte mit Zuwanderungsgeschichte“, erläutert im Interview die Herangehensweise des Netzwerks.

Online-Redaktion: Herr Boukllouâ, wie ist das Netzwerk der Lehrkräfte mit Zuwanderungsgeschichte entstanden?

Mostapha Boukllouâ: Das Netzwerk wurde 2007 als Folge des Aktionsplans Migration der damaligen nordrhein-westfälischen Landesregierung gegründet, damals mit Armin Laschet als zuständigem Migrationsminister. Man hatte festgestellt, dass rund 30 Prozent der Schülerinnen und Schüler über eine Zuwanderungsgeschichte verfügten, und besah sich die andere Seite: Wie sah es bei den Lehrerinnen und Lehrern aus? Hier kam man auf geschätzte zwei bis drei Prozent. Inzwischen gibt es eine Statistik, die bundesweit von rund fünf Prozent ausgeht. Es ist aus datenschutzrechtlichen Gründen schwierig, hier zu gesicherten Zahlen zu kommen.

Jedenfalls entschloss sich die damalige Landesregierung, den Anteil der Lehrkräfte mit Migrationshintergrund zu erhöhen, und rief das interministeriell organisierte Netzwerk ins Leben. Das Ministerium für Integration und das Ministerium für Schule und Weiterbildung taten sich zusammen und dockten das Netzwerk an die damalige RAA-Hauptstelle und jetzige Landesweite Koordinierungsstelle Kommunale Integrationszentren an. .

Online-Redaktion: Wie ist das Netzwerk personell ausgestattet?

Boukllouâ: Das Schulministerium stellt zwei Lehrerstellen per Abordnung zur Verfügung. Unsere Landesgeschäftsstelle wird vom Integrationsministerium finanziert. In unserem Netzwerk sind mehr als 500 Lehrerinnen und Lehrer mit Migrationshintergrund organisiert.

Online-Redaktion: Was möchte das Netzwerk erreichen?

Boukllouâ: Wir haben drei Handlungsfelder definiert. Das erste ist mit „Potenziale gewinnen“ überschrieben: Wir werben bei den angehenden Abiturientinnen und Abiturienten für den Lehrerberuf. Wir haben zum Beispiel drei Jahre lang jeweils einen Schülercampus durchgeführt: Über ein Wochenende wurden die Schülerinnen und Schüler mit allen Facetten des Lehrerberufs bekannt gemacht – von Eignungstests bis zur inhaltlichen Unterrichtsvorbereitung. Mit dem vorbereiteten Unterricht sind wir dann montags in die Schulen gefahren und haben Sequenzen daraus im Unterricht übernommen. Das war ein sehr großer Erfolg.

In diesem Jahr haben wir erstmals mit der Technischen Universität Dortmund als Kooperationspartner zusammengearbeitet: Wir waren maßgeblich für die Inhalte zuständig, für die Betreuung der Abiturientinnen und Abiturienten, für die Unterrichtsbesuche und -planung.

Online-Redaktion: Worin besteht das zweite Handlungsfeld?

Porträtfoto Mostapha Boukllouâ
Mostapha Boukllouâ, Landeskoordinator des Projekts „Lehrkräfte mit Zuwanderungsgeschichte“© Mostapha Boukllouâ

Boukllouâ: Da geht es um „Ausbildung begleiten“. Wir begleiten die Studierenden und die Referendarinnen und Referendare (in NRW Lehramtsanwärterinnen und -anwärter). In Nordrhein-Westfalen bieten elf Universitäten ein Lehramtsstudium an, und wir planen, an all diesen Standorten Studierendennetzwerke zu etablieren. In Dortmund und in Paderborn bestehen dank der Einzelinitiativen von Dozentinnen und Dozenten sowie anderen Akteurinnen und Akteuren vor Ort solche Netzwerke bereits. Wir möchten uns nun mit den Zentren für Lehrerbildung der Universitäten, in denen die Lehrerausbildung gebündelt wird, zusammen tun, um diese Netzwerke überall zu initiieren. Dabei sind wir in Köln, in Duisburg-Essen und in Bonn schon fortgeschritten. In Münster beginnen die Gespräche demnächst.

Daneben arbeiten wir auch mit den Studienseminaren zusammen. Davon gibt es 33 Standorte in Nordrhein-Westfalen, die jeweils nochmal nach Schularten unterteilt sind, sodass wir auf über 100 kommen. Netzwerkarbeit funktioniert da nicht, stattdessen bieten wir die Möglichkeit einer Beratung der Lehramtswärterinnen und -wärter durch unsere erfahrenen Netzwerkmitglieder an.

Online-Redaktion: Und das dritte Handlungsfeld?

Boukllouâ: Hier handelt es sich um „Personalentwicklung gestalten“ für die Kolleginnen und Kollegen, die schon im Schuldienst tätig sind. Wir qualifizieren hierbei alle Netzwerkmitglieder auf einer jährlichen Tagung über eineinhalb Tage weiter. Im letzten Jahr in Soest waren rund 100 Personen dabei und haben sich am ersten Tag in Workshops mit Themen wie Diskriminierung und Rassismus auseinandergesetzt, während es am zweiten Tag um berufsalltägliche Themen ging: Welche gestalterischen Möglichkeiten habe ich an meiner Schule, worauf muss ich als Referendar oder Referendarin achten?

Online-Redaktion: Welche Fortbildungen bieten Sie darüber hinaus an?

Boukllouâ: Anfang letzten Jahres beispielsweise zu den Themen „Rollenerwartungen“ oder „Zeitmanagement“. Ab dem Sommer boten wir eine dreimodulige Reihe zum Thema „Interkulturelle Moderation“ an, um unseren Pool an Referentinnen und Referenten zu erweitern. Im November startete eine fünfmal eineinhalb Tage lange Reihe, bei der es darum ging, an der eigenen Schule ein Integrationskonzept zu planen, zu verfassen und umzusetzen. Da ging es dann auch um Projektmanagement, Change Management oder Präsentationsrhetorik. Das Interesse an diesen mehrtägigen Veranstaltungen war so groß, dass wir die Plätze mehrmals hätten vergeben können. Als Konsequenz werden wir diese beiden Fortbildungsreihen gemeinsam mit unseren Kooperationspartnern in diesem Jahr erneut anbieten.

Online-Redaktion: Wie erfahren die potenziellen Teilnehmerinnen und Teilnehmer von Ihrem Angebot?

Boukllouâ: Wir versenden regelmäßig einen Newsletter, und auch die kommunalen Integrationszentren senden unser Angebot über ihren Verteiler. Unsere Partner wie die GEW, der Philologenverband oder die Konrad-Adenauer-Stiftung veröffentlichen unser Angebot ebenfalls, zum Beispiel in ihren Mitgliederzeitschriften.

Online-Redaktion: Was planen Sie für dieses Jahr?

Boukllouâ: Wir wollen in Düsseldorf und Recklinghausen für alle Referendarinnen und Referendare zwei Projekttage anbieten, wo wir über Diversität an Schule, Bildungspartnerschaften oder Deutsch als Zweitsprache informieren werden.

Dazu bringen wir in Zusammenarbeit mit dem Philologenverband eine Broschüre heraus, die sich speziell an die Schulleitungen von Gymnasien und Gesamtschulen wendet, um auf das Potenzial und die Ressourcen von Lehrkräften mit Zuwanderungsgeschichte zu verweisen. Wie kann eine Schule zum Beispiel von den sprachlichen Kenntnissen, aber auch dem kulturellen Wissen profitieren?

Online-Redaktion: Sie bewegen eine Menge – haben Sie auch den Eindruck, dass Sie schon etwas bewirken konnten?

Boukllouâ: Es ist schwer zu sagen, was eine Folge unserer Arbeit ist. Die Anzahl der Studierenden mit Migrationshintergrund ist gestiegen, das kann natürlich auch andere Gründe haben. Die Nachfrage nach Lehrkräften mit Migrationshintergrund steigt ebenfalls, wobei man hinschauen muss, ob dies aus der Wertschätzung ihrer Kompetenzen und Ressourcen geschieht oder sie nur als Integrations-Feuerwehr gesehen werden. Das Netzwerk ist auf jeden Fall ein gern gesehener Partner, und Universitäten und Schulen fragen unsere Mitglieder häufig an.

 

Mostapha Boukllouâ ist seit 2012 Landeskoordinator des Projekts Lehrkräfte mit Zuwanderungsgeschichte. Er wurde in Nador (Marokko) geboren und ist Lehrer für Deutsch, Geschichte und Französisch in der Sekundarstufe I/II. Er ist Gründungsmitglied des Netzwerks der Lehrkräfte mit Zuwanderungsgeschichte und seit 2012 als Landeskoordinator abgeordnet.

 

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