Freundschaften in der Ganztagsschule

Von 2008 bis 2012 forschte Prof. Maria von Salisch von der Leuphana Universität Lüneburg zu den Auswirkungen der Ganztagsschule auf Peer-Netzwerke und Freundschaften. Im Interview erläutert die Entwicklungspsychologin, welches Potenzial Netzwerke und Freundschaften für Schulleistungen besitzen und warum das Wissen darum wichtig für Ganztagsschulen ist.

Online-Redaktion: Frau Prof. von Salisch, warum haben Sie zu diesem Thema geforscht?

Maria von Salisch: Es gab zwei Impulse. Zum Einen bin ich Entwicklungspsychologin und interessiere mich für die Bedingungen des Aufwachsens von Kindern und Jugendlichen, mit der Spezialisierung auf Freundschaften und Peer-Beziehungen. Zum Anderen sieht meine Kollegin Rimma Kanevski das Thema mehr von der schulpädagogischen Seite, sie hat ihre Doktorarbeit über Peer-Netzwerke in Internaten, die ja auch eine Form der Ganztagsschule sind, geschrieben.

Unsere Ausgangsfrage war: Ist der längere gemeinsame Schultag in der Ganztagsschule eher förderlich für den Aufbau von Peer-Beziehungen und soziales Lernen, das daraus folgen kann, oder ist er hinderlich, weil die Jugendlichen dann ihren Sozialbeziehungen nicht nachgehen können? Es stellt sich auch die Frage, welches soziale Potenzial in der Ganztagsschule schlummert – Potenzial für soziales Lernen, das man nutzen kann.

Online-Redaktion: Ist Ihre Forschung auf diesem Gebiet etwas Neues?

von Salisch: Natürlich hat es schon Forschung zu Freundschaften und Peer-Beziehungen in der Schule gegeben. Aber für Deutschland hieß das eben: Halbtagsschule. Unser schulpädagogischer Fokus und der Blick darauf, welchen Einfluss bei der Ganztagschule die systemische Ebene auf die Praxis der Beziehungen hat, sind neu.

Online-Redaktion: Wie sind Sie vorgegangen?

von Salisch: Bei der PIN-Studie haben wir uns auf Siebtklässlerinnen und -klässler konzentriert, denn wir halten Peer-Beziehungen und Freundschaften im Jugendalter für noch wichtiger als in der Kindheit. In dieser Phase gibt es noch diverse andere Entwicklungsaufgaben wie Pubertät, Werteentwicklung, Identitätsentwicklung oder Berufsorientierung zu bewältigen, was mit unterstützenden Peer und Freundschaften besser gelingen kann.

Wir haben die Studie in Brandenburg durchgeführt, weil dort der Übergang in die weiterführenden Schulen erst nach der 6. Jahrgangsstufe erfolgt. Hier haben wir sieben Oberschulen im ländlichen Umfeld wie dem Oder-Spree-Landkreis ausgewählt, Ganztags- wie Halbtagsschulen, die wir dann parallelisiert haben. Die Schulauswahl erfolgte auch im Hinblick auf die sozio-ökonomische Lage.

Online-Redaktion: Wie war die Studie zeitlich gegliedert?

Schüler und Schülerinnen im Gespräch
© Britta Hüning

von Salisch: Den ersten Messzeitpunkt gab es gleich zwei Monate nach Beginn des 7. Schuljahres, der zweite lag am Ende des Schuljahres. Unser Forscherteam hat die rund 300 Schülerinnen und Schüler im Klassenverband mit dem Instrument LüNIK, das ist das Lüneburger Netzwerkinterview für Kinder, befragt. Die Kinder werden gefragt, wer wem soziale Unterstützung unter anderem in der Freizeit, bei den Schulaufgaben, Hausaufgaben oder Konflikten mit Lehrern und Eltern gibt. Manche dieser Unterstützungen korrespondieren auch mit Entwicklungsaufgaben. Durch die Förderung des BMBF erhielten wir die Möglichkeit, dieselben Schülerinnen und Schüler nochmal in der 9. Klasse zu befragen, sodass es zu einem echten 3-Jahres-Längsschnitt gekommen ist.

Online-Redaktion: Welche wichtigen Erkenntnisse haben Sie gewonnen?

von Salisch: Eine bereits vorhandene Erkenntnis fanden wir bestätigt: Nach dem Schulwechsel in die Klasse 7 tut sich eine Art „Markt der Möglichkeiten“ auf: Neue Freundschaften werden geschlossen, alte auf die Probe gestellt. Wir konnten zeigen, dass sich gerade bis zur 9. Jahrgangsstufe die Schülerinnen und Schüler in der Ganztagsschule im Vergleich zur Halbtagsschule mehr auf die Schulfreundschaften konzentrieren. Hier werden die Freundschaften bevorzugt gepflegt. Umgekehrt gehen die außerschulischen Beziehungen hier zurück.

In der Ganztagsschule bestehen am Ende mehr reziproke Freundschaften, also Freundschaften auf Gegenseitigkeit, die ein höheres Potenzial beinhalten, entwicklungsförderlich zu sein. Hier gibt es auch eine größere Bandbreite gegenseitiger Unterstützungen unter den Schülerinnen und Schülern. Die Unterstützung geschieht dabei nicht nur bei den Hausaufgaben oder gemeinsamer Freizeitgestaltung, sondern auch in den emotionalen Bereichen. Eine Schülerin mit Liebeskummer beispielsweise, die von ihrer Freundin aufgefangen werden kann, kann den Verlust leichter bewältigen und den Kopf schneller wieder für andere Dinge, wie etwa schulische Inhalte, frei bekommen.

Online-Redaktion: Was bedeutet das für die Schulen?

von Salisch: Die Schulen sollten dieses große Unterstützungspotenzial der Schulfreundschaften zur Kenntnis nehmen und überlegen, wie man Schule an dieser Stelle anders gestalten sollte. Bisher ist das noch nicht der Fall. Ein Schulleiter sagte uns zum Beispiel: „Freundschaft in der Schule? Das ist doch nicht unser Thema.“ Bei einem Workshop, den wir zu diesem Thema veranstaltet haben, wurde von den Schulleitungen eingewendet, dass man dazu mehr Geld benötige, und damit war für sie das Thema erledigt.

Schülerinnen und Schüler auf dem Schulhof
© Britta Hüning

Online-Redaktion: Wie gelangen Ihre Ergebnisse in die Öffentlichkeit?

von Salisch: Wir haben eine Broschüre veröffentlicht und viele Vorträge gehalten. Meine Kollegin Rimma Kanevski war als Beraterin bei der Umwandlung einer Schule in eine Ganztagsschule in Lüneburg dabei. Das Interesse an diesem Thema ist durchaus vorhanden, besonders von Seiten der Schulsozialarbeit, deren Auftrag ja unter anderem darin besteht, Peer-Beziehungen zu begleiten. Bei der Schuladministration und den Schulleitungen würden wir uns allerdings ein etwas offeneres Ohr wünschen.

Online-Redaktion: Woran forschen Sie aktuell?

von Salisch: Wir haben gerade einen Beitrag in der Zeitschrift „Social Development“ veröffentlicht: Welche sozial-emotionalen Kompetenzen braucht es, um Freunde zu haben und zu halten? Das ist Grundlagenforschung für die angewandte Forschung im Schulkontext. Darauf lassen sich zum Beispiel Interventionen aufbauen.

Eine andere Publikation, an der wir derzeit arbeiten, befasst sich mit dem schulischen Engagement von Schülerinnen und Schülern beziehungsweise Freundinnen und Freunden und dessen Einfluss auf Schulmotivation und Schulleistung. Da finden wir interessante Ergebnisse: Bei engagierten Jugendlichen lassen sich die Schulleistungen und deren Veränderungen phänomenal vorhersagen. Diese Studie wollen wir bis Weihnachten abschicken und dem gestrengen Urteil der Zunftkolleginnen und -kollegen unterwerfen...

Ergebnisse des Forschungsprojekts „PIN – Peers in Netzwerken“ sind in der Reihe „Studien zur ganztägigen Bildung“ veröffentlicht:

Rimma Kanevski & Maria von Salisch (2011). Peernetzwerke und Freundschaften in Ganztagsschulen. Weinheim: Juventa.

Annegret Schmalfeld (2013): Peer-gerechte Ganztagsschule? Eine qualitative Befragung von Jugendlichen zu ihren Freundschaften und Peerbeziehungen. Weinheim: Beltz Juventa.

 

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