Kooperative Entwicklungspartnerschaft von Ganztagsgrundschulen

Zwei Jahre lang begleitete ein Forscherteam die „Kooperative Entwicklungspartnerschaft“ der Grundschule am Hollerbusch in Berlin-Hellersdorf und der Pestalozzischule Eisenberg in Rheinland-Pfalz. Auf der Abschlussveranstaltung des Forschungsprojektes zogen alle Beteiligten eine positive Bilanz.

680 Kilometer. Das ist die Entfernung zwischen Berlin-Hellersdorf und der Gemeinde Eisenberg in der Pfalz. Da ist es buchstäblich nicht gerade naheliegend, dass sich zwei Ganztagsschulen auf den Weg machen, gemeinsam Schulentwicklung zu betreiben. Und das nicht nur punktuell, sondern über vier Jahre mit gegenseitigen Hospitationen mindestens alle zwei Monate und sogar mit wissenschaftlicher Begleitung.

Kinder turnen auf dem Gang
Bewegung im Schulalltag in der Grundschule am Hollerbusch in Berlin-Hellersdorf© Grundschule am Hollerbusch Berlin-Hellersdorf

Es ist eine ungewöhnliche Partnerschaft zwischen der Grundschule am Hollerbusch und der Pestalozzischule. Beide Schulen hatten von 2006 bis 2009 am Forschungsprojekt "LUGS - Lernkultur und Unterrichtsentwicklung in Ganztagsschulen" teilgenommen. Karin Ronneberger, Schulleiterin der Grundschule am Hollerbusch, und Markus Fichter, Schulleiter der Pestalozzischule Eisenberg, lernten sich 2009 auf der Abschlusspräsentation des LUGS-Projektes kennen und sahen die gemeinsamen Ansatzpunkte: Gesundheitsförderung, Inklusion und Differenzierung zum Schuleintritt. Man kam überein, sich gegenseitig zu besuchen, um jeweils zu sehen, wie es die andere Schule macht.

Die anfangs informelle Kooperation mündete in die „Kooperative Entwicklungspartnerschaft zweier Ganztagsgrundschulen“ (KEG), die von 2011 bis 2013 durch Prof. Sabine Reh (vormals TU Berlin, heute DIPF) in Kooperation mit Prof. Till-Sebastian Idel (Universität Bremen) wissenschaftlich begleitet wurde.

Wie kann Kooperation gelingen?

Zur Abschlussveranstaltung des Forschungsprojektes kamen alle Beteiligten, darunter viele Lehrkräfte der beiden Kollegien, am 31. Oktober 2013 in der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung am DIPF in Berlin zusammen, um eine gemeinsame Abschlussbilanz zu ziehen.

Im Mittelpunkt der Fallstudie stand die Frage, ob und was Schulen, die bereits selbst als "Best-Practice-Schulen" bekannt sind, noch voneinander lernen können und welchen Mehrwert ein solches bilaterales Entwicklungstandem als Kleinstform eines Netzwerks bereithält. Welche Effekte zeigen sich für die Förderung von innerschulischen Kooperationsstrukturen und die Steuerung von Schulentwicklung? Welche Gelingens- und Misslingensbedingungen sind bei einer Übertragung auf andere Schulen zu berücksichtigen?

Kolleginnen und Kollegen aus Berlin und Rheinland-Pfalz
Freundliche Begrüßung der Kolleginnen und Kollegen aus Berlin und Rheinland-Pfalz zu Beginn der KEG-Veranstaltung© Grundschule am Hollerbusch Berlin-Hellersdorf

Mit qualitativen Erhebungs- und Auswertungsverfahren haben die Doktorandin Birte Marquardsen und der wissenschaftliche Mitarbeiter Lars Kirstein die professionellen Lerngemeinschaften im Rahmen gemeinsamer Studientage und wechselseitiger Hospitationen begleitet.

„Die Grundlagen für gelingende Kooperationen waren von Anfang an gegeben“, konnte Birte Marquardsen den Anwesenden erläutern, „die gemeinsame Beschreibung eines Ziels, die Klärung der gemeinsamen Vorgehensweise, ausreichende Zeit- und Finanzressourcen, Unterstützung durch die Schulleitung, Offenheit, gemeinsame Fortbildungen und die Motivation aller Beteiligten. Letztere konnten wir daran messen, dass die Zahl der Plätze bei den gegenseitigen Hospitationen von der Nachfrage der Kolleginnen und Kollegen übertroffen wurde.“

Sonnenschein und Gewitter

In der Netzwerkforschung formulierte Gelingensfaktoren wie regelmäßige, gut vorbereitete Treffen und face-to-face-Kontakte seien ebenfalls verwirklicht gewesen, wobei „unsere KEG-Daten zeigen, dass unter einem gut vorbereiteten Treffen jeweils etwas Anderes verstanden werden kann“, so die Doktorandin.

Laut Birte Marquardsen sei „echte Begeisterung“ bei allen Beteiligten spürbar gewesen. Es hätten sich auch Freundschaften zwischen den Vertreterinnen der beiden Ganztagsgrundschulen entwickelt. Dennoch machte niemand der an dem zweijährigen Prozess Beteiligten einen Hehl daraus, dass der „Sonnenschein durch einige Gewitter unterbrochen wurde“, wie es Markus Fichter formulierte. So entstanden auch Irritationen in Fragen, über die man sich eigentlich schon einig schien, beispielsweise beim Thema „Inklusion“.

Präsentation der Ergebnisse
Wissenschaftler: Prof. Sabine Reh, Birte Marquardsen und Lars Kirstein (v.l.n.r.) präsentieren die Ergebnisse © Grundschule am Hollerbusch Berlin-Hellersdorf

Birte Marquardsen konstatierte: „Die KEG-Forschung zeigt, wie facettenreich eine Kooperation sein kann. Obwohl alle identifizierbaren Gelingensbedingungen erfüllt waren, nahmen die Konflikte zwischen den Partnern mit der Zeit zu und es kam zu Problemen. Warum?“ Grundsätzlich wurzelten Meinungsverschiedenheiten in professionellen Überzeugungen, zum Beispiel Vorstellungen, was eine „gute“ oder „schlechte“ Schule ausmache. Teilweise habe eine „fehlende Fachsprache nicht-moralisierende Einschätzungen erschwert“. Unterschiedliche Bewertungen und Normen, aber auch nicht offen thematisierte pädagogische Haltungen, zum Beispiel in der Frage der Inklusion, wurden im Verlauf der Kooperation erst sichtbar.

Ergebnisreicher Prozess , Konflikte inbegriffen

Aber man dürfe, so Birte Marquardsen, auch nicht vergessen, wie anspruchsvoll diese Kleinstkooperation für die Schulen gewesen sei: „In großen Netzwerken von mehr Schulen sind Kooperationen niemals so intensiv. Das KEG-Netzwerk wurde dagegen mit einer hohen Arbeitsdichte und vielen Treffen konfrontiert.“ Nur halb im Scherz meinte Eisenbergs Schulleiter Fichter, er habe sich manchmal wie der „Leiter eines Reisebüros“ gefühlt: „Diese Belastung hat sicherlich auch für Spannungen gesorgt.“

Delegation japanischer Lehrkräfte besucht die Grundschule am Hollerbusch in Berlin-Hellersdorf
Eine Delegation japanischer Lehrkräfte besuchte am 30. Oktober 2013 die Grundschule am Hollerbusch in Berlin-Hellersdorf© Grundschule am Hollerbusch

Bei allen Meinungsverschiedenheiten verloren die Beteiligten ihr gemeinsames Ziel, voneinander und miteinander zu lernen, letztlich nie aus den Augen. Hier lag wohl die positive Kehrseite einer Zweier-Gemeinschaft. Während eine Schule in einem großen Netzwerk eher versucht sein könnte, sich aus diesem zurückzuziehen, wenn sie mit Widerständen und Missklängen konfrontiert wird, war „uns klar, dass es nur heißen kann: Hopp oder top!“ So brachte es eine Lehrerin aus Eisenberg auf den Punkt. „Wir wollten alle, dass es weitergeht und gelingt.“ Und letztlich war der „Prozess trotz oder gerade wegen der intensiven Aushandlungsprozesse so ergebnisreich“, meinte Projektleiterin Prof. Sabine Reh.

Am Ende dieser zwei Jahre stellt sich – auch wenn bei dieser Kooperation der Weg zugleich das Ziel gewesen ist – natürlich die Frage, welchen Nutzen die Zusammenarbeit den beiden Ganztagsgrundschulen gebracht hat. Schulleiter Markus Fichter: „Was wir zusammen erreicht haben, ist sensationell. Sicher, wir wären auch ohne diese Kooperation den Weg unserer Schulentwicklung gegangen, aber nicht so intensiv und nicht so schnell.“

Die „unglaubliche Motivation des Kollegiums“ sei der entscheidende Faktor gewesen – und diese Motivation, das betonten viele der Anwesenden, sei durch den intensiven Austausch befeuert worden. „Selbst in der U-Bahn zu einem gemeinsamen Schulbesuch in Hamburg haben wir uns ja noch ausgetauscht: Wie macht Ihr das?“ erinnerte sich eine Kollegin aus Hellersdorf.

„Das, was ihr macht, ist in Ordnung“

Die beiden Schulen haben gemeinsame Unterrichtsbausteine entwickelt und Bewegungselemente im Schultag verankert. Die Grundschule Eisenberg hat ihren Bewegungsraum dank der Anregungen des Psychomotorikraums in der Grundschule am Hollerbusch eingerichtet. Man stellte sich gegenseitig Diagnoseinstrumente zum Schuleintritt vor, tauschte Materialien zu Lernstandserhebungen aus und entwickelte diese weiter. Gearbeitet wurde an individuellen Förderplänen und neuen Unterrichtsbausteinen. Handreichungen zum bewegten Lernen und zum Thema „Wahrnehmen und Entspannung“ wurden entwickelt.

Gesprächsrunde
Lehrer: Schulleiterin Karin Ronneberger (ganz rechts) schildert ihre Erfahrungen, zu denen ihr Kollege, Schulleiter Markus Fichter (ganz links) lauscht© Grundschule am Hollerbusch Berlin-Hellersdorf

„Sämtliche Elemente sind von den Beteiligten positiv bewertet worden“, konnte Birte Marquardsen resümieren. „Der Prozess war eine Art individualisierte Fortbildung – jeder nahm bestimmte Dinge wahr und für sich etwas mit. Trotz des Zeitaufwandes wurden die neuen Elemente ressourcenschonend umgesetzt, weil nichts völlig neu entwickelt werden musste.“ Die wissenschaftliche Begleitung konnte aber noch eine andere Art des Lernens beobachten: „Auch, dass eine Schule in ihrer Praxis durch die andere Schule bestärkt wird, sorgt für eine gegenseitige Inspiration.“ In der Schulentwicklungsliteratur heißt es, Lernen benötige Irritation. „Wir konnten feststellen, dass Lernen auch durch Bestätigung erfolgen kann.“

Karin Ronneberger, Schulleiterin der Grundschule am Hollerbusch, erklärte: „Wenn zwei Kolleginnen zu einer Fortbildung fahren, zurückkommen und dem Rest des Kollegium berichten ‚Schön war´s!’, hat dies nicht den Effekt, wie es der Fall ist, wenn 20 Lehrerinnen Erprobtes vor Ort abschauen und an den eigenen Unterricht anpassen können. Es entsteht ein unheimlicher Nachahmungseffekt. Und die Rückmeldung ‚Das, was ihr macht, ist in Ordnung’, gibt uns den Mut, uns nach außen zu vermitteln – in den Stadtbezirk oder auch wie im November auf einer Fortbildung der Serviceagentur ‚Ganztägig lernen’ Berlin in unserer Schule in die Stadt hinein.“

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