"Gemeinsam GANZstark!" in Baden-Württemberg

Was hat das Segeln mit einem Schilfboot über den Atlantik mit der Ganztagsschule zu tun? Auf dem 3. Fachkongress Ganztagsschule Baden-Württemberg „Gemeinsam GANZstark!“ am 17. Oktober 2013 in Stuttgart taten sich überraschende Parallelen von abenteuerlicher Seefahrt und Schulentwicklung auf.

Ungewohnte Bilder auf einem Ganztagsschulkongress: Die rund 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer sehen an diesem 17. Oktober 2013 im Haus der Wirtschaft in Stuttgart Fotos und Filme einer abenteuerlichen Nordatlantik-Überquerung. Der Experimentalwissenschaftler Dr. Dominique Görlitz ist von der Serviceagentur „Ganztägig lernen“ Baden-Württemberg als Hauptredner engagiert worden. „Nachdem wir in den ersten beiden Kongressjahren mit Prof. Heinz Günter Holtappels und Prof. Eckhard Klieme jeweils zwei ausgewiesene Kenner der Ganztagsschulmaterie begrüßen konnten, wollten wir in diesem Jahr den Blickwinkel mal etwas verändern“, erklärt Cathrin Michael-Koser, Leiterin der Serviceagentur.

Kongressankündigung
© Serviceagentur Baden-Württemberg

„Die Zukunft war gestern – was wir aus der Vergangenheit lernen können?“ hat Görlitz seinen Vortrag überschrieben. Den Wissenschaftler faszinierten von jeher das Maritime und die Wechselwirkung entfernter Hochkulturen der Frühzeit. Mit seinen nach Vorlagen aus der Antike nachgebauten Schilfbooten und -flößen versucht Görlitz seit rund 20 Jahren praktisch zu beweisen, dass es selbst in der Steinzeit schon möglich war, beispielsweise den Atlantik zu überqueren. Zuletzt segelte er mit einer Mannschaft von zehn Freiwilligen im Sommer 2007 mit einem vier Meter breiten und zwölf Meter langen Schilfboot von New York in 56 Tagen rund 4.400 Kilometer bis vor die Azoren. Das Ziel Festland-Spanien konnte das Schiff ABORA III nach schweren Stürmen nicht mehr erreichen.

Welche Lehren lassen sich aus diesem Abenteuer für die Schulentwicklung ziehen? Dominique Görlitz betonte sehr, wie wichtig die Auswahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für das Gelingen eines Unternehmens ist. „Erfolg kann nur im Team gelingen“, zeigte er sich überzeugt. „Es muss für jeden einzelnen ein Ziel sein, das gemeinsam Verabredete zu schaffen. Um erfolgreich zu sein, muss man sich vernetzen, den Austausch sicherstellen und diesen auch organisieren. Es muss aber auch feste Zeiten der Erholung und der Reflexion für die Teammitglieder geben.“ Wichtige Fähigkeiten in einem solchen Entwicklungsprozess seien die Fähigkeit, etwas ganz neu zu denken, und die Bereitschaft für Veränderungen.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Fachkongresses dokumentierten durch ihr Kommen, dass sie bereit für Veränderungen, Innovationen und einen Perspektivwechsel waren. Und sie standen damit nicht alleine – „wir haben leider sehr viele Absagen erteilen müssen“, berichtete Cathrin Michael-Koser.

Minister Stoch: „Flächendeckender Ganztagsschulausbau kommt“

So bedauerlich das für die nicht Anwesenden war – Andreas Stoch, der baden-württembergische Minister für Kultus, Jugend und Sport, konnte dem auch eine positive Seite abgewinnen: „Wenn man von solcher Resonanz hört, ermutigt das natürlich zum Weitermachen.“ Und weitermachen will Baden-Württemberg beim Ganztagsschulausbau. Der Minister kündigte in seinem Grußwort einen „massiven Ausbau“ an, der zu einem „flächendeckenden Netz von Ganztagsschulen“ führen soll, wobei die Eltern die Wahlmöglichkeit zwischen Halbtags- und Ganztagsschule behalten sollen. Stoch machte aber keinen Hehl daraus, dass er die gebundene Ganztagsschule für die „pädagogisch besser nutzbare“ Schulform halte, die auch bereits „einen deutlichen Zulauf“ verzeichne.

Zuschauerreihe
Interessierte Zuhörer im Stuttgarter Haus der Wirtschaft (v.l.n.r.): Dr. Ivo Züchner, Kati Helm, Maren Wichmann, Andreas Stoch, Cathrin Michael-Koser, Dr. Dominique Görlitz© Serviceagentur „Ganztägig lernen“ Baden-Württemberg

„Die Ganztagsschule ist einer der wichtigsten Schwerpunkte in den Bereichen Bildung und Familie in unserem Land“, erklärte der Kultusminister. „Im kommenden Schuljahr 2014/15 wird ein neues Ganztagsschulprogramm im Grundschulbereich kommen. Außerdem werden wir die Ganztagsschule aus dem Status eines Schulversuchs, in dem sie sich noch immer befindet, herausholen und im Schulgesetz verankern. Das wird mit vereinfachten Antragsverfahren und einer verbesserten Ausstattung mit Lehrerwochenstunden einhergehen. Auch die bestehenden Ganztagsschulen werden einbezogen.

„Jede dieser Schulen soll vor Ort Gestaltungsspielraum erhalten und diesen nutzen, um die Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler zu stärken und die Chancenungleichheit zu mindern“, meinte der Minister. „Die Ganztagsschule ermöglicht eine bessere Sicht auf das Kind, was besonders bei der Schulempfehlung und der Berufsorientierung eine Rolle spielt. Der erweiterte Bildungsbegriff wird hier Wirklichkeit. Das Mehr an Zeit in der Ganztagsschule ist auch eine Chance für die Gesellschaft.“

„Kooperation auf allen Ebenen ist eine Voraussetzung“

Über 1.500 Ganztagsschulen arbeiteten im Schuljahr 2012/13 in Baden-Württemberg. Weitere 95 wurden zum aktuellen Schuljahr 2013/14 genehmigt. „Die Bereitschaft zur Kooperation auf allen Ebenen ist eine Voraussetzung für das erfolgreiche Arbeiten. Lokale Bildungsnetzwerke bringen den Kindern die Erweiterung ihrer Bildungsmöglichkeiten. Wir haben deshalb in sämtlichen 21 Schulämtern Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner für Kooperationen installiert“, berichtete Stoch.

Von der ministeriellen Ebene an die Basis ging es anschließend im Workshop „Kooperatives Lernen in einer veränderten Lernkultur“. Tanja Médard und Kathrin-Julia Köhler sind als Fachberaterinnen Unterrichtsentwicklung im Staatlichen Schulamt Nürtingen tätig, arbeiten aber hauptberuflich als Lehrerinnen: Tanja Médard in der Neckar-Realschule in Nürtingen und Kathrin-Julia Köhler in der Grundschule Unterensingen. Beide nutzen in ihren Klassen kooperative Lernformen und stellten einige Möglichkeiten vor, den Unterricht anders zu gestalten.

„Ich verzweifele mit meinen Ideen, die ich alle wegen der fehlenden Zeit nicht umsetzen kann“, zitierte eine Lehrerin im Workshop eine Kollegin. „Die Kolleginnen der Halbtagsklassen sind neidisch auf uns in den Ganztagsklassen. Wir haben mehr Zeit, mehr Personal und können mehr Methoden nutzen“, ergänzte die Lehrerin einer teilgebundenen Ganztagsschule. „Außerdem hatte ich noch nie eine so sozial eingestellte Klasse, in der sich die Schülerinnen und Schüler gegenseitig helfen. Es macht einen Unterschied, wenn die Kinder acht Stunden täglich zusammen lernen.“

„Think – Pair – Share“

Die Workshop-Teilnehmerinnen und -teilnehmer bezeichneten die Ganztagsschule als eine Voraussetzung für die erfolgreiche Umsetzung neuer Lehr- und Lernformen – und umgekehrt diese neuen Lehr- und Lernformen als notwendig für eine gelingende Ganztagsschule.

Schiffs-Modell neben dem Redner-Pult
Dr. Dominique Görlitz informiert über seine Expeditionsreise über den Atlantik mit der ABORA© Serviceagentur „Ganztägig lernen“ Baden-Württemberg

Die beiden Referentinnen stellten den Teilnehmenden insbesondere die „Think-Pair-Share“-Methode vor, die von Norm und Kathy Green entwickelt wurde und mit dem Schuljahr 2008/09 an 18 Schulen – von der Grund- bis zur Berufsschule – im Landkreis Esslingen startete: In den Einzelschritten Einzelarbeit (think), Team- oder Partnerarbeit (pair) und Präsentation (share) werden hier Aufgaben bearbeitet. Nachdem sie erst für sich die Aufgabe zu lösen versuchen, tauschen sie sich mit dem Partner aus. Anschließend werden in Vierergruppen die Ergebnisse zusammengetragen, ausgetauscht und sich gegenseitig unterstützt – und so das Gelernte verinnerlicht. Erst zum Schluss wird festgelegt, wer die Ergebnisse der ganzen Klasse präsentieren soll. So kommen auch schüchterne und schweigsame Schülerinnen und Schüler vor den Wortführern dran.

Verschiedene Übungen sind dieser Arbeitsweise vorgeschaltetet. Sie ermöglichen das gegenseitige Kennenlernen der immer wieder neuen Sitznachbarn. Tanja Médard und Kathrin-Julia Köhler betonten, wie wichtig es sei, dass die Kinder zum Beispiel beim Schnittmengenfinden eigener Interessen oder Beantworten persönlicher Fragen mehr voneinander erfahren und so eine ganz andere Beziehung aufbauten. Und auch kognitiv sei die „Think-Pair-Share“-Methode ein Gewinn: „Kinder behalten wenig von dem, was ihnen nur erzählt wird, aber fast alles von dem, was sie selbst einmal erklären müssen“, meinte Kathrin-Julia Köhler.

 

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