Wer nutzt die Ganztagsschule?

Anhand von Haushaltsbefragungen zwischen 1995 und 2011 hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) untersucht, wie sich die Nutzung der Ganztagsschule über fast zwei Jahrzehnte verändert hat. Die Bildungs- und Familienökonomin Prof. C. Katharina Spieß erläutert die Studie.

Online-Redaktion: Frau Prof. Spieß, warum befasst sich eine Bildungsökonomin mit dem Thema Ganztagsschule?

Prof. Katharina Spieß
Prof. C. Katharina Spieß© Stephan Roehl

C. Katharina Spieß: Ich bin nicht nur Bildungs-, sondern auch Familienökonomin, was für mich die Ganztagsschule noch interessanter macht. Denn diese hat zum einen eine starke bildungspolitische Komponente: Mit ihr verbindet sich die Hoffnung, die Fähigkeiten von Kindern zu verbessern. Aber sie ist daneben ein wichtiges Instrument zur Stärkung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf und damit auch unter diesem Aspekt für die Wirtschaft interessant. Ich schaue mir die Ganztagsschulen unter beiden Aspekten an.

Online-Redaktion: Welche Motivation lag Ihrer aktuellen Studie zugrunde?

Spieß: Wir haben im DIW diese Studie begonnen, da in den letzten Jahren der massive Ausbau von Ganztagsschulen stattgefunden und dies zu Veränderungen in Bildungs- und Betreuungsangeboten geführt hat. Das Investitionsprogramm des Bundes hat eine, wie wir Ökonomen sagen, exogene – also von außen vorgegebene –Veränderung ausgelöst. Wir wollten nun wissen, was diese Initiative letztendlich bewirkt hat.

Bevor man diese Wirksamkeit überprüfen kann, muss aber zuerst untersucht werden, wer diese Angebote überhaupt in Anspruch nimmt. Gibt es potenzielle Selektionseffekte, wird in diesem Fall die Ganztagsschule also nur von ganz bestimmten Gruppen wahrgenommen, oder gibt es eine heterogene Inanspruchnahme? In diesem Kontext haben wir auch untersucht, wie sich die Inanspruchnahme der Ganztagsschulen über die Zeit verändert hat. Ob es Veränderungen gab, die in die Zeit des Ausbaus der Ganztagsschulen fallen.

Online-Redaktion: Sie haben dazu Daten der Längsschnittstudien Sozio-oekonomisches Panel (SOEP) und "Familien in Deutschland" (FiD) ausgewertet. Wie sind diese Daten erhoben worden?

Spieß: Das Sozio-oekonomische Panel läuft seit 1984 und ist damit die zweitälteste Panelerhebung weltweit. Hier werden die Stichproben nicht wie bei üblichen Bildungsdatensätzen auf der Ebene der Kindertagesstätte oder der Schule erhoben, sondern es handelt sich um ein für Deutschland repräsentatives Haushalts- und Personenpanel. Im Auftrag des DIW werden jedes Jahr in Deutschland über 20.000 Personen aus rund 11.000 Haushalten von TNS Infratest Sozialforschung befragt.

Man muss sich das tatsächlich so vorstellen, dass seit 1984 Interviewer in die Haushalte hineingehen und diese mit Hilfe von Fragebögen befragen. Einige Haushalte füllen diese Fragebögen auch alleine aus. Es gibt jeweils Fragebögen für den Haushaltsvorstand, für alle Personen im Haushalt, die 17 Jahre und älter sind, und seit einigen Jahren auch Fragebögen spezifisch für Eltern.

Mit Hilfe dieser langen Zeitreihe können wir nachvollziehen, ob Kinder eine Ganztagsschule besuchen, wobei wir diesen Zeitraum auf 1995 bis 2011 beschränkt haben. Die Jahre von 1984 bis 1994 haben wir nicht berücksichtigen können, weil es für diesen Zeitraum anhand der Daten nur möglich ist, auf eine Betreuung am Nachmittag zu schließen. Wir können aber nicht genau spezifizieren, ob diese Betreuung in einem schulischen Rahmen stattfand. Erst seit 1995 ist konkret nach einer schulischen Nachmittagsbetreuung gefragt worden.

Online-Redaktion: Wie verhält es sich mit den Daten aus „Familien in Deutschland“?

Spieß: Diesen Datensatz gibt es seit 2010. Hier handelt es sich ebenfalls um eine Längsschnittuntersuchung, die sehr eng an das SOEP angegliedert ist. Diese Daten wurden im Rahmen der Gesamtevaluation ehe- und familienbezogener Leistungen in Deutschland erhoben. Hier erhebt das DIW Berlin seit 2010 zusammen mit TNS Infratest Sozialforschung Daten von mehr als 4.500 Haushalten.

Die Fallzahlen, auf denen wir unsere Berechnungen machen können, sind sehr groß, da wir sehr viele Familienhaushalte beobachten können. Bei einem Haushalt mit beispielsweise drei Kindern gehen drei in die Analyse ein. Dies berücksichtigen wir selbstverständlich in unseren statistischen Berechnungen. Alles in allem handelt es sich um eine bemerkenswert große Kontrollgruppe, auch mit vielen Kindern, die nicht die Ganztagsschule besuchen. Wir können daher Unterschiede differenzierter erfassen.

Online-Redaktion: Wie haben Sie diese Daten sortiert?

Spieß: Im ersten Schritt verglichen wir unsere Daten mit denen der Kultusministerkonferenz, die gut übereinstimmten. Dann haben wir die Daten über den gesamten Zeitraum ausgewertet, um die Nutzung der Ganztagsschulen durch bestimmte Gruppen und die Veränderungen über die Zeit festzustellen.

Online-Redaktion: Welche Ergebnisse waren besonders signifikant?

Spieß: Feststellungen aus anderen Studien, dass Jugendliche, also ältere Schülerinnen und Schüler, mit geringerer Wahrscheinlichkeit in die Ganztagsschule gehen und dass Kinder von Erwerbstätigen häufiger diese Schulen besuchen, konnten wir bestätigen. Sehr viel stärker als andere Studien konnten wir die Veränderung zeigen: Der Anteil von Kindern aus einkommensschwachen Haushalten ist in dem Zeitraum 2004 bis 2011 in Westdeutschland mit knapp 27 Prozent bei den Ganztagsschülern signifikant höher als bei den Halbtagsschülern mit etwa 21 Prozent. Im Vergleich zum ersten Zeitraum mit rund 18 Prozent lag der Anteil von Kindern aus einkommensschwachen Familien in Ganztagsschulen nunmehr fast zehn Prozentpunkte höher.

Zeitgleich sank der Anteil der Schülerinnen und Schüler aus einkommensstärkeren Elternhäusern, allerdings nur sehr leicht. Insbesondere Kinder mit Eltern aus der mittleren Einkommensgruppe besuchten ab 2004 relativ betrachtet seltener Ganztags- als Halbtagsschulen als zuvor. Dieses Ergebnis ist robust, aber über die Gründe können wir nichts sagen, da beim unseren Studie nicht nach der Motivation einer Teilnahme oder Nichtteilnahme an Ganztagsschulen gefragt wurde.

Online-Redaktion: Sie sprachen eben von Westdeutschland – unterscheiden sich die Zahlen in Ostdeutschland?

Spieß: Ja, es gibt Unterschiede: In Ostdeutschland haben über die Zeit Kinder aus unteren Einkommensgruppen in Ganztagsschulen nicht so stark zugenommen – diese Veränderung über die Zeit ist in Ostdeutschland nicht statistisch signifikant. Auch hier können wir nicht sagen, woran das liegt. Man könnte fragen, ob dies mit unterschiedlichen Zugangsregelungen zu tun hat oder unterschiedlichen Präferenzen der Eltern.

Online-Redaktion: Mit seinen Studien möchte das DIW auch gesellschaftliche Debatten begleiten oder anstoßen und Empfehlungen an die handelnden Akteure in der Politik geben. Was lässt sich aus den Ergebnissen Ihrer Studie schließen?

Spieß: Zunächst einmal konnten wir nachweisen, dass es Selektionseffekte bezüglich der Ganztagsschule gibt und diese sich über die Zeit verändert haben. Eine Ausbaumaßnahme und eine starke Förderung der Ganztagsschulen, wie wir sie durch das Investitionsprogramm des Bundes erlebt haben, hat in Westdeutschland dazu beitragen können, dass sich die Inanspruchnahme der Ganztagsschule durch die verschiedenen Einkommensgruppen ein wenig angeglichen hat. Man könnte also vorsichtig formulieren: Wenn es das bildungspolitische Ziel ist, das gemeinsame Lernen heterogener Gruppen in Ganztagsschulen zu fördern, dann hat der Ausbau der Ganztagsschulen in Westdeutschland dazu beigetragen.

Wir können auch feststellen, dass es zwischen Ost- und Westdeutschland und zwischen Stadt und Land Unterschiede bei der Nutzung von Ganztagsschulen gibt. Hier gilt es also, differenziert zu betrachten: In Ostdeutschland müsste man sich stärker um die einkommensschwachen Familien bemühen, wenn auch dort das Ziel des gemeinsamen Lernens von Kindern aus allen Einkommensschichten verfolgt wird, gleichwohl auch in Westdeutschland noch keine vollkommene Angleichung zwischen den Einkommensgruppen vorliegt, was die Nutzung von Ganztagsschulen betrifft.

Wenn man sich die Wirkungen von Ganztagsschulen besieht, darf man diese Selektionseffekte der Teilnahme, welche dann auch die Effekte der jeweiligen Angebote beeinflussen können, nicht außer acht lassen.

Online-Redaktion: Wie ist die Resonanz auf Ihre Studie ausgefallen?

Spieß: Wir haben viele Reaktionen erhalten, die sich positiv über die große Kontrollgruppe und die lange Zeitreihe äußerten. Auch wurde anerkannt, dass wir erstmals diese Datenquelle unter dieser Fragestellung bearbeitet haben. Aus den Bildungsadministrationen kam die Frage nach der Datenlage in einzelnen Bundesländern. Da können wir aufgrund zu geringer Fallzahlen in den Ländern aber leider keine zeitlichen Trends abbilden.

Online-Redaktion: Was würde Sie im Bereich der Ganztagsschule als Forscherin noch interessieren?

Spieß: Da komme ich auf meine Eingangsbemerkung zurück: Was kann die Ganztagsschule hinsichtlich der Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler bewirken, und inwieweit unterstützt sie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf? Beim Zusammenspiel von Bildungs- und Familienökonomie sind diese beiden Komponenten sehr wichtig und von hohem Interesse.

Prof. Dr. C. Katharina Spieß ist seit 2006 Universitätsprofessorin für Familien- und Bildungsökonomie an der Freien Universität Berlin in Kooperation mit dem DIW Berlin. Am DIW leitet sie seit 2012 die Abteilung Bildungspolitik. Sie gehört dem Wissenschaftlichen Beirat für Familienfragen beim BMFSFJ an und war Mitglied der Sachverständigenkommissionen für den 7. Familienbericht und den 14. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung.

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