Interkulturalität an Bremer Ganztagsgrundschulen

Bis zum 30. August 2013 können sich Bremer Ganztagsgrundschulen für das Projekt „Interkulturalität an Ganztagsgrundschulen. Gelingende Zusammenarbeit mit Eltern“ bewerben. Die Projektkoordinatorin Anna Igho Priester erläutert Ziele und Erwartungen.

Online-Redaktion: Frau Priester, zum Schuljahr 2012/2013 hat das „Kom•In“, das „Kompetenzzentrum für Interkulturalität in der Schule“ seine Arbeit am Landesinstitut für Schule (LIS) in Bremen aufgenommen. Wie ist es zu dieser Einrichtung gekommen?

Anna Priester: Ausgangspunkt war eine 2010 von Frau Prof. Yasemin Karakaşoğlu im Auftrag der ehemaligen Bildungssenatorin Renate Jürgens-Pieper erstellte Expertise über Projekte, Konzepte, Angebote und Fördermaßnahmen für Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund in Bremen. Sie sollte die Wirksamkeit dieser Maßnahmen bewerten, internationale Erfahrungen einfließen lassen und Empfehlungen aussprechen, was in Bremen verbessert werden sollte.

Proträtfoto Anna Priester
Anna Priester© Anna Priester

Prof. Karakaşoğlu sprach 51 Empfehlungen aus, darunter die, ein Kompetenzzentrum für Interkulturalität aufzubauen, ähnlich wie in Hamburg, wo am Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung ein Angebot „Interkulturelle Erziehung“ bereits seit etwa zehn Jahren besteht. Das Kompetenzzentrum wurde am LIS angesiedelt, und ich habe mich als Studienrätin und erfahrene Fortbildungsleiterin auf die Leitungsstelle beworben. Seit September 2012 bin ich nun abgeordnet und von der Senatorin für Bildung und Wissenschaft beziehungsweise vom LIS beauftragt, das Kompetenzzentrum aufzubauen. Das Ganze ist als Projekt erst einmal auf zwei Jahre befristet; dann wird auch hier eine Bedarfsanalyse durchgeführt, um zu sehen, ob das Kom.In für die Schulen zielführend sein kann.

Online-Redaktion: Wie muss man sich Ihre Rolle vorstellen?

Priester: Ich wirke als Koordinatorin und als Schnittstelle für die bereits im Landesinstitut bestehenden Arbeitsstrukturen und Kompetenzen. Zum Beispiel koordiniere ich mit der Universität und unseren Mitarbeitern die ergänzenden Inhalte, die in die Ausbildung der Referendare einfließen. Es gibt kein festes Team im Kom•In, aber durch meine Position wird die Vernetzung der verschiedenen Akteure, die teilweise schon viele Jahre im Bereich der Interkulturalität arbeiten, sichergestellt.

Das Thema Interkulturalität ist sehr komplex. Im Kompetenzzentrum haben wir daher vier Säulen gebildet: Die erste Säule umfasst die Qualifizierung von pädagogischen Fachkräften, beispielweise von multiprofessionellen Multiplikatoren. Die zweite Säule umfasst die Beratung. Hier werden Beratungen für Eltern, Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte, Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen sowie Referendarinnen und Referendare vermittelt oder eigens durchgeführt – einzeln oder auch in der Gruppe. Drittens geht es um die Vernetzung und die Kooperation zwischen Schule und zwischen Schule und außerschulischen Bildungspartnern; die vierte Säule beinhaltet Öffentlichkeitsarbeit und Fachimpulse, in der wir zum Beispiel auch Fachvorträge organisieren. Drittens geht es um die Vernetzung und die Kooperation zwischen Schule und außerschulischen Bildungspartnern. Die vierte Säule beinhaltet Öffentlichkeitsarbeit, in der wir zum Beispiel auch Fachvorträge organisieren.

Online-Redaktion: Was verbirgt sich hinter dem Projekt „Interkulturalität an Ganztagsschulen“, das Sie gemeinsam mit der Serviceagentur "Ganztätig lernen" Bremen aufgelegt haben?

Logo
Logo „Kompetenzzentrum für Interkulturalität in der Schule“ © Kompetenzzentrum für Interkulturalität in der Schule

Priester: Aus Studien wie den PISA-Begleitstudien wissen wir, dass die Eltern eine wesentliche Rolle bei der Schulleistung ihrer Kinder einnehmen. Ich will daher diesen Bereich zu einem Schwerpunktthema dieses und des vergangenen des Schuljahres machen und in einem Pilotprojekt das Dreieck Schule-Schüler-Eltern exemplarisch an drei Ganztagsgrundschulen untersuchen. Dazu kam ich ins Gespräch mit der Serviceagentur „Ganztägig lernen“ Bremen, die ebenfalls hier im LIS sitzt. Die damalige Leiterin Sabine Heinbockel fand das Thema Interkulturalität ebenfalls sehr interessant, und wir kamen überein, unsere Kräfte zu bündeln.

Wir wollen wissen, wo die drei Ganztagsschulen gerade stehen, was sie an interkulturellen Angeboten benötigen und welche Unterstützung die Schulen brauchen. Daraus sollen Erfahrungswerte gesammelt und für andere Schulen genutzt werden. Bremer Ganztagsschulen können sich also bei uns bewerben, und drei werden dann für ein Schuljahr von uns begleitet.

Online-Redaktion: Was erwarten Sie von den Schulen?

Priester: Wichtig ist zunächst einmal, dass die ganze Schule hinter dem Projekt steht und nicht nur einzelne Personen. Deshalb haben wir zur Bedingung gemacht, dass das Vorhaben in der Gesamtkonferenz vorgestellt und mit großer Mehrheit beschlossen wird. Die Ganztagsschulen sollen mit Hilfe des Projekts die Erziehungs- und Bildungspartnerschaften mit Eltern weiter aufbauen oder festigen. Bei der Zusammenarbeit mit Eltern, besonders mit Eltern mit Migrationsgeschichte, soll sich sichtbar etwas verändern. Dazu bildet sich pro Schule eine Projektgruppe, die eng mit uns zusammenarbeitet und durch erfahrene Prozessbegleiter unterstützt wird.

Online-Redaktion: Wie unterstützen Sie umgekehrt die drei Ganztagsschulen?

Priester: Wir bieten den Lehrerinnen und Lehrern sowie den pädagogischen Partnern – wünschenswert wäre, wenn eine Elternvertreterin oder ein Elternvertreter der Schule teilnähme und die Gruppe nicht größer als fünf Personen wäre – eine zweitägige Fortbildung zum Thema „Interkulturalität in der Schule“ an. Dort werden unter anderem durch Übungen und Simulationen Migrationserfahrungen und die mögliche Situation einzelner Schülerinnen und Schüler wie Eltern erlebbar gemacht. Danach folgt ein weiteres zweitägiges Seminar zum Thema „Interkulturelle Zusammenarbeit mit Eltern“. Parallel dazu werden wir mit den drei Schulen eine Exkursion zu einer Schule mit etablierter Vielfaltkultur unternehmen, die in diesem Bereich bereits sehr weit ist und ihre Erfahrungen mit uns teilen wird. Aus diesen Beobachtungen sollen unsere drei Projektgruppen wiederum Aufgaben mit nach Hause nehmen: Was werden sie davon übernehmen? Wie können sie das Gesehene bei sich anwenden?

Wenn die Schulen beispielsweise ihre Flyer mehrsprachig gestalten wollen, ihre Beschilderung in der Schule in verschiedenen Sprachen ergänzen oder ihre Homepage neu gestalten möchten, dann können sie finanzielle und personelle Unterstützung erhalten.

Online-Redaktion: Was erwarten Sie von den Eltern?

Priester: Manche Eltern wissen nicht, was von ihnen erwartet wird, dass sie eine Mitverantwortung für den Schulerfolg ihrer Kindes übernehmen. Sie gehen davon aus, dass die Schule alles regeln wird. Manche halten sich nicht für kompetent genug, hier zu unterstützen – vermutlich weil sie selbst nur über eine geringe Schulbildung verfügen oder nicht deutsch sprechen.

Schülerinnen und Schüler
© Thinkstock

Im Rahmen des Projekts werden die Schulen von uns unterstützt, regelmäßig Elternseminare anzubieten, in denen verschiedene Themen bearbeitet werden, die gerade aktuell sind. Aber es wird dort auch allgemein darum gehen, wie Eltern ihre Kinder zu Hause unterstützen können. Und wir reden hier nicht von Nachhilfe, sondern ganz basalen Dingen. Bei meinen Besuchen in Elternhäusern habe ich Familien getroffen, die in einem Zimmer lebten. Da geht es um die simple Frage, wo und wann der Sohn oder die Tochter überhaupt die Hausaufgaben erledigen kann, wie die Familie das organisieren kann. Die Eltern sind dankbar, wenn man sich mit ihnen gemeinsam Gedanken über eine Lösung macht.

Online-Redaktion: Welche Erwartungen haben Sie an das Projekt? Wie würden Sie nach einem Jahr einen erfolgreichen Abschluss definieren?

Priester: Wenn eine Schule, die viele Jahre ernüchternde Erfahrungen gemacht hat, weil Eltern nicht zu Elternabenden erschienen sind oder auf Kontaktversuche nicht reagieren, am Ende des Schuljahres feststellt, dass sie ins Gespräch mit den Müttern und Vätern gekommen sind, dass sich ein echter Kontakt aufgebaut hat und Entscheidungen gemeinsam getroffen werden, wäre das für mich ein Nachweis, dass das Projekt erfolgreich gewesen ist. Und schlussendlich hoffen wir natürlich auch, dass sich im Zuge dessen die Schulleistungen der Kinder und Jugendlichen insbesondere mit Migrationshintergrund, die ja gerade in Bremen im Durchschnitt wesentlich schwächer ausfallen, verbessern.

Natürlich sind auch die Ziele wichtig, die sich die Schulen setzen. Sie nennen in ihren Bewerbungsschreiben daher eigene Themenschwerpunkte. Das kann zum Beispiel das Thema Sprache betreffen. Wenn Schreiben an die Eltern auch in den Sprachen verfasst sind, die die Eltern zu Hause sprechen, können die Mütter und Väter das auch als Zeichen der Wertschätzung sehen. Oder das Thema Kommunikation: Dass es Schulen gelingt, nicht nur dann das Gespräch mit den Eltern zu suchen, wenn das Kind versetzungsgefährdet ist oder andere Probleme hat. Dieses kontinuierliche Im-Gespräch-Bleiben ist wichtig. Da geht es auch um kleine Erfolge, um kleine Schritte.

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