"Die Ganztagsschule ist das liebste Kind der Stadt"

Schulleiterinnen und Schulleiter der ersten "Ganztagsstunde" ziehen nach zehn Jahren Bilanz. Heute: Pauline-Thoma-Mittelschule Kolbermoor (Bayern).

Online-Redaktion: Herr Sparrer, 2009 haben wir nicht nur Ihre Schule porträtiert, sondern auch detailliert Ihren mit IZBB-Mitteln errichteten Neubau in der BMBF-Broschüre „Gut angelegt“ beschrieben. Haben Sie danach einen Anstieg interessierter Besucher verzeichnen können?

Schulleiter Friedrich Sparrer
Schulleiter Friedrich Sparrer© F. Sparrer

Friedrich Sparrer: Es hat kein Besucheransturm eingesetzt, aber einige Architekten und Schulleiter sind schon vorbeigekommen. Zuletzt hatten wir Besuch einer Schuldelegation aus Österreich, die sich insbesondere über unsere Organisation des Ganztags informieren wollte. Ein Thema, das immer wieder von Interesse ist, ist unsere Organisation des Mittagessens. Wenn Schulen einen Ganztagsbetrieb planen, stoßen sie unweigerlich auf diesen Bereich. Dann werden sie mit Plänen für den Bau einer Küche und einer Mensa konfrontiert, und die Kommune wird unruhig, weil diese Maßnahmen die Kosten eminent nach oben treiben. Wenn Schulen dann erfahren, dass wir gute Erfahrungen ohne eine zentrale Mensa und ohne eine Großküche machen, werden sie natürlich neugierig.

Online-Redaktion: Wie ist es 2002 überhaupt zu der Entscheidung gekommen, auf die Mensa zu verzichten?

Sparrer: Als wir mit nur einer Ganztagsklasse gestartet sind und teilweise noch in Containern untergebracht waren, war an eine Mensa halt noch nicht zu denken. Wir haben stattdessen den Hauswirtschaftsunterricht von zwei auf vier Wochenstunden verdoppelt und konnten so für jeden Tag jeweils die halbe Klasse zum Kochen einteilen. Seitdem bereiten die Schülerinnen und Schüler das Essen für die gesamte Klasse. Inzwischen gibt es zwei Schulküchen, sodass auch parallel gekocht werden kann. So versorgen sich zwei bis drei Klassen täglich selbst; die anderen Klassen werden durch einen Catering-Service mit Thermobehältern beliefert.

© Britta Hüning

Wir haben die Entscheidung dann für unsere inzwischen zehn Ganztagsklassen bewusst beibehalten, weil wir möchten, dass die Jugendlichen in einer familiären Atmosphäre zusammen essen und nicht im Flair einer Großkantine. Dem Erziehungsauftrag, den wir auch an dieser Stelle besitzen, können wir in der Klassengemeinschaft viel besser gerecht werden – wobei ich nicht verhehlen möchte, dass es manchen Kolleginnen und Kollegen schwerer als anderen fällt, 25 Kinder beim Essen zu beaufsichtigen, und es also unterschiedlich gut funktioniert. Nicht zu unterschätzen ist aber auch, dass wir mit diesem System flexibler sind: Wenn es mal erforderlich ist, mit dem Mittagessen früher oder später zu beginnen, lässt sich das gut organisieren, weil man nicht von den starren Essenszeiten einer Mensa abhängig ist. Ich empfehle unsere Lösung immer weiter.

Online-Redaktion: Vor vier Jahren konnten wir konstatieren, dass Sie von der Stadt Kolbermoor als Schulträger sehr unterstützt wurden. Ist dies heute auch noch so?

Sparrer: Man kann sagen, dass die Ganztagsschule das liebste Kind der Stadt ist und entsprechende Rückendeckung, vom Bürgermeister angefangen, erhält. Unterstützung erfahren wir auch aus der Bevölkerung. Kolbermoor hat sich ein wenig zu einer Schlafstadt für die Beschäftigten im östlichen Münchener Speckgürtel entwickelt, viele Eltern pendeln, sind daher auf das Ganztagsangebot angewiesen und dafür dankbar - besonders weil für sie den Hausaufgabenstress entfällt.

Auch aus anderen Gemeinden melden Eltern ihre Kinder bei uns an, unter anderem weil sie den Qualitätsunterschied unserer gebundenen Ganztagsschule gegenüber der Hausaufgabenbetreuung andernorts sehen. Das ist zwar mit einem absurd aufwendigen Ab- und Anmeldeverfahren verbunden. Weil wir aber die einzige gebundene Ganztagsschule im Umkreis sind, ist es immerhin möglich. Wir freuen uns natürlich über diesen Zuspruch und über die dadurch konstant bleibenden Schülerzahlen.

Online-Redaktion: Sie führen eine so genannte Praxisklasse an Ihrer Schule – was verbirgt sich dahinter?

Mensa
© Britta Hüning

Sparrer: Die Praxisklasse gibt es seit dem Schuljahr 1999/2000 und wird von Schülerinnen und Schülern aus Mittelschulen des westlichen Landkreises Rosenheim besucht. Diese Jugendlichen, die an ihren Schulen die 8., 9. oder 10. Jahrgangsstufen besuchten, hatten Schwierigkeiten, ihre Jahrgangsziele zu erreichen, und drohten schlussendlich den Hauptschulabschluss zu verfehlen. Durch eine verstärkte Förderung in einer kleinen Klasse und einen hohen berufsbezogenen Praxisanteil in Kooperation mit außerschulischen Partnern wollen wir ihre Persönlichkeitsentwicklung stabilisieren, die größten Defizite im Bereich der Kulturtechniken beheben und vor allem Grundwissen und Grundfertigkeiten in Deutsch und Mathematik festigen.

Die Praxisklasse wird von einer erfahrenen Lehrkraft geleitet und von einer Sozialpädagogin mit halber Stelle unterstützt, die zu 80 Prozent aus dem EU-Sozialfonds finanziert wird. Diese beobachtet die Kinder, betreut sie einzeln und führt Elterngespräche. Die Klasse läuft sehr gut, und die Vermittlungsquote ist hervorragend – keine Schülerin und kein Schüler verlässt diese Klasse ohne Anschluss. Sie kommen in Berufsausbildung und Praktika unter. Im abgelaufenen Schuljahr hat ein Schüler durch anschließenden Übertritt in die Regelklasse 9 sogar den Quali geschafft, den Qualifizierenden Hauptschulabschluss, für den man sich freiwillig zur zusätzlichen Prüfung mit dem Nachweis überdurchschnittlicher Leistungen anmelden kann und eine 3,0 erreichen muss.

Obwohl diese Jugendlichen am Anfang "durch die Bank" leistungsschwächer als Schülerinnen und Schüler in den Regelklassen sind, holen sie durch diese intensive Förderung und Betreuung dermaßen auf und erhöhen ihre Berufsaussichten. Es wäre wirklich wünschenswert, dieses Modell auf die 9. Regelklassen zu übertragen.

Online-Redaktion: Welche Maßnahmen unternehmen Sie im Bereich der Berufsorientierung generell?

Sparrer: Die Berufsorientierung hat sich durch unsere Zusammenarbeit mit dem Berufsbildungszentrum Rosenheim sehr verstärkt. Sämtliche Projekte, die dort in den 7. und 8. Klassen durchgeführt werden, sind von unseren Klassenlehrerinnen und Klassenlehrern nicht nur mit der Organisatorin des Berufsbildungszentrums vorbesprochen worden, sondern auch mit EDV-Fachkraft, Hauswirtschaftslehrkraft, Koch, Metaller und so weiter, die dann die Maßnahmen durchführen. Diese intensive Vorbereitung, die etwa zwei Nachmittage von drei bis vier Stunden erfordert, hat sich absolut rentiert, denn die Maßnahmen sind erfreulich gut gelaufen.

© Britta Hüning

In der Schule selbst nehmen die Schülerinnen und Schüler der 8. Klasse an einer Projektübung teil, die auch bewertet wird. Hier können die Jugendlichen sehr kreativ und frei an einer Sache arbeiten. Die Themen sind nicht aufgesetzt, sondern haben einen sehr engen Bezug zur Berufswelt. Die Schülerinnen und Schüler bekommen eine allgemein gefasste Aufgabe, die sie dann inhaltlich füllen müssen. In der Hauswirtschaftslehre stellen sie beispielsweise ein Menü zusammen, fertigen im Bereich Technik ein Werkstück oder erstellen im EDV-Bereich Folder oder kleine Broschüren. Die Lehrkraft beobachtet und bewertet nicht nur das Ergebnis, sondern auch die Planung und die Durchführung. In den 9. und 10. Jahrgangsstufen wiederholt sich das jeweils als Projektprüfung.

Online-Redaktion: Welche wichtigen Erfahrungen haben Sie persönlich in den letzten Jahren gemacht?

Sparrer: Manchmal ist es gut, einfach mit etwas anzufangen, anstatt sich bei zig Leuten rückzuversichern und die Erlaubnis einzuholen. Politik und Verwaltung fordern ja Innovation und Kreativität von uns ein – solange die Ergebnisse stimmen, hat man einen Spielraum, den man nutzen sollte.

Und einen wichtigen Punkt zur Ganztagsschule: Ganztagspädagogik müsste verstärkt in der Lehrerausbildung, in der Universität und im Referendariat, eingebracht werden. Man braucht Personal, das auch mit voller Überzeugung an einer solchen Schule mitarbeiten möchte. Wenn jemand nur zu uns kommt, weil er es muss, und sich nicht auf die Themenorientierung in den Ganztagsklassen einlässt – das wird nichts! Der spult dann seinen Halbtagsunterricht bei längerer Verweildauer der Kinder ab. Ich bin froh, dass viele meiner Kolleginnen und Kollegen die Arbeitsmöglichkeit mit den Jugendlichen über den ganzen Tag als eine größere pädagogische Erfüllung empfinden.

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