Wenn Eltern die Schule pflegen - und ein Fest mit dem Bundespräsidenten feiern

Die überschaubare Polis Ganztagsschule lebt vom Engagement vieler Menschen in der Schulpflegschaft. Schüler, Lehrer, Kommune und die Eltern sind gefordert, um den ganztägig aktiven Schulkörper mit Leben und Qualität auszustatten. Wie gut die Polis am Rhein funktioniert, illustriert die Vorbereitung der Jubiläumsfeier mit Bundespräsident Johannes Rau. Die IGS Bonn-Beuel: ein gutes Beispiel für Ganztagsschulen in Deutschland.

Johannes Rau kommt. 170 Martinsfackeln in Tomatenform leuchten für den Bundespräsidenten, wenn er am Freitag, dem 7. November die Integrierte Gesamtschule Bonn-Beuel besucht. Sie feiert ihr 25-jährigen Jubiläum. Unter Schülerinnen und Schülern heißt die IGS Bonn-Beuel auch "Tomatenschule". Den Spitznamen hat sich die Ganztagsschule aufgrund ihrer unverwechselbaren roten Fassade erworben.

Der Besuch des Bundespräsidenten gilt einer Schule, die sich in besonderer Weise für Integration und Demokratie einsetzt. Momentan besuchen 1.325 Schülerinnen und Schüler die IGS Bonn-Beuel, die im August 1978 den Lernbetrieb als erste Ganztagsschule in Bonn und als eine der ersten in Nordrhein-Westfalen aufnahm. Seit 18 Jahren werden behinderte und nicht behinderte Kinder und Jugendliche gemeinsam unterrichtet.

Laut Bundespräsidialamt besucht Rau eine Schule, die sich "durch sehr viel Schülerengagement" auszeichnet. Und durch besonderes Elternengagement in der Schulpflegschaft, müsste man ergänzen.

Eltern machen Ganztagsschule

Schüler und Eltern vor der IGS Bonn-Beuel.

Der Bundeselternrat fordert schon seit langem eine bessere Einbindung der Eltern in den Schulalltag mit dem Ziel die Schulqualität zu verbessern, leistungsschwache- und starke Schülerinnen und Schüler zu fördern, marode Schulgebäude zu sanieren etc. Die Aufforderung Ressourcen nicht zu verschwenden, untermauert jüngst auch die Studie "Schule aus der Sicht der Eltern" von Infratest Sozialforschung.

Ein Beispiel für ein gelungenes Zusammenspiel von Eltern und Schule in der Schulpflegschaft ist die IGS Bonn-Beuel: "Das Ganztagsschulprogramm an unserer Schule ist auch dadurch ins Laufen gekommen, dass die Eltern sich dafür eingesetzt haben", sagt Dirk Lahmann, Vorsitzender der Schulpflegschaft.

Die Schulpflegschaft ist ein Ausschuss, der sich aus Vertretern von Eltern, Lehrern und Kommunalbehörden zusammensetzt. Sie unterstützt die Schulleitung bei der Arbeit. Neben der Schülervertretung, Lehrerkonferenz, Fachkonferenz und Schulkonferenz trägt sie zur kreativen und aktiven Mitwirkung am Schulleben bei. Sie ist dazu aufgrund des Schulmitwirkungsgesetzes § 38 Abs. 1 Allgemeine Schulordnung (ASchO), berechtigt.

Die Eltern als Erziehungsberechtigte haben einen doppelten Auftrag: einen Bildungsauftrag und einen Erziehungsauftrag. In einer Ganztagsschule bekommen beide Aspekte der Verantwortung eine neue Dimension - bei der gleichberechtigten Mitwirkung aller Beteiligten in Schulkonferenzen, der Mitgestaltung neuer Projekte, der Öffentlichkeitsarbeit und bei der Organisation von Schulveranstaltungen. Beispielsweise bei der Vorbereitung des 25-jährigen Jubiläums mit Bundespräsident Johannes Rau als Gast.

Eine "rote" Bibel für den Bundespräsidenten

Das Protokoll steht schon lange fest: Oberbürgermeisterin Bärbel Dieckmann und Schulleiter Jürgen Nimptsch nehmen Johannes Rau in Empfang und begleiten ihn zum Festakt in die Schulaula.

Symbole spielen in der Choreographie des Festaktes eine besondere Rolle.
So bekommt Rau die "rote" Bibel, einen Band zur Schulentwicklung ausgehändigt. Die "rote Bibel" ist die Denkschrift der Kommission "Zukunft der Bildung - Schule der Zukunft", die sich bereits 1995 mit Schulentwicklungsfragen auseinandergesetzt hat und die bis heute - gerade nach PISA - hochaktuell ist.

Sie entstand noch in der Ära des Ministerpräsidenten Rau und ist ein Symbol für notwendige Bildungsreformen in einer Gesellschaft, die sich mit großer Dynamik verändert.

Zauberwort "Kommunikation"

Gibt es einen Schlüssel für das hohe Engagement der Schüler an der IGS Bonn-Beuel? "Kommunikation ist das Zauberwort", betont Lahmann. Je transparenter und lebendiger das Schulleben gestaltet wird, umso eher sind die Schülerinnen und Schüler bereit, sich einzubringen. Es gibt jeden Monat jeweils einen Jour fixe mit dem Schulleiter und einen mit der Schülervertretung. Dabei wird über alles gesprochen, was aus Sicht der einzelnen Gruppen von Belang ist, es werden Projekte verfolgt oder Zielvereinbarungen getroffen.

Madeleine Czycholl, 17 Jahre, lobt als Schulsprecherin und Mitglied der Schulpflegschaft dieses institutionalisierte Schülerfeedback und die Transparenz der Entscheidungen: "Die Schulpflegschaft ist wichtig, um die Angelegenheiten der Schülerinnen und Schüler zu klären. Wir werden bei Entscheidungen regelmäßig zu Rate gezogen."

Dagegen beklagt Martin Ströhmeier vom Vorstand der LandesschülerInnenvertretung Nordrhein-Westfalen die häufig anzutreffende Scheindemokratie auf den Schulkonferenzen und die mangelnde Partizipation von Schülern: "Es wir immer über Schüler geredet und nicht mit den Schülern auf gleicher Augenhöhe. Die Schüler müssen darauf vorbereitet werden, dass sie Ihre Rechte wahrnehmen."

Gleiche Augenhöhe mit den Schülerinnen und Schülern und ihrer Interessenvertretung ist für Dirk Lahmann, selbstverständlich: "Wir nehmen unsere Kinder und Jugendlichen ernst. Schüler sind die Abnehmer einer Leistung, die die Lehrer erbringen, daher ist das institutionalisierte Gespräch so wichtig."

Herr Bundespräsident, wie kann man die Eltern besser motivieren?

Wenn Dirk Lahmann während des Festaktes die Gelegenheit bekäme, dem Bundespräsidenten eine Frage zu stellen, was würde er ihn fragen? Der Elternvertreter: "Herr Bundespräsident, wie kann man die Eltern noch besser motivieren, Schule mitzugestalten?"

Schüler bilden auf einem Sportplatz den Schriftzug "Schule ohne Rassismus!".

Lahmann sieht das Problem von Schulen vor allem darin, dass sie laut Landesverfassung in den Bundesländern keinen kompletten Erziehungsauftrag besitzen, sondern nur einen Bildungsauftrag. Vielen Eltern fällt es dagegen schwer, sich neben der Erziehung auch noch in der Schule zu engagieren, und das nicht nur aus Zeitgründen: "Obwohl wir nach den rechtlichen Voraussetzungen eigentlich die besten Mitwirkungsmöglichkeiten haben müssten, sieht das in der Praxis an vielen Schulen nach wie vor anders aus." Hilfsleistungen wie Feste organisieren, Kuchen backen oder Klassen anstreichen, würden von den Schulen gerne angenommen. Aber wenn es in den Gremien um Fragen der Qualität des Unterrichts geht, um Lerninhalte oder pädagogische Fragen, bleibe man doch gerne unter sich.

Die Lebenserfahrung und berufliche Kompetenz der Eltern nutzen

Es geht aber auch anders, nimmt man die Polis am Rhein als Beispiel: "Die Eltern bereichern mit ihrer Lebenserfahrung und beruflichen Kompetenz die inhaltliche Entwicklung und beeinflussen durch offene Kommunikation das Klima an der Schule positiv", so steht es in dem Kurzprogramm der IGS Bonn-Beuel. Nicht nur gemessen an dem Beitrag der Eltern für die Vorbereitung des Präsidenten-Besuchs vor Ort stimmen Anspruch und Wirklichkeit überein.

Die Schule hat sich "aus dem eigenen Saft bedient, indem sie die Ressourcen der Eltern genutzt hat", sagt Lahmann. So wird die Beleuchtung der Aula für den Staatsgast aus Berlin von einer Mutter in die Hand genommen, die professionell am Theater arbeitet. Keine Frage: Von der Ganztagsschule Bonn-Beuel lernen, heißt von den Eltern lernen.

Wenn Johannes Rau beim Festakt die pädagogischen Erfolge der "Tomatenschule" würdigt - in einer Schule mit moderner Architektur, "offen und lichtdurchflutet" - wird er ein "Treibhaus der Zukunft" in Bonn erleben. Ganz ähnlich dem, wie es Reinhard Kahl in seinem Film gezeigt hat, nur noch hautnaher.

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