Knackpunkt Hausaufgaben

Neben dem Mittagessen und den Arbeitsgemeinschaften bildet die Hausaufgabenbetreuung einen der Pfeiler der Offenen Ganztagsschulen. Für Kinder und Jugendliche, die zu Hause weder Ort, Zeit noch Ruhe finden, den Unterricht nach- oder vorzubereiten, ist die Erledigung der Hausaufgaben in der Schule eine Förderung. Doch die Erwartungen der Eltern an die Hausaufgabenbetreuung müssen von den Schulen manchmal aus pädagogischen und personellen Gründen gebremst werden.

"Wenn Sie glauben, Sie kaufen mit der offenen Ganztagsschule das stromlinienförmige Kind in Sachen Hausaufgaben, dann müssen wir Ihnen diesen Zahn ziehen." Diese klaren Worte kommen von Petra van den Brand, stellvertretende Geschäftsführerin des Caritas-Verbandes Geldern-Kevelaer, der die Trägerschaft der Offenen Ganztagsschule an drei Grundschulen in der niederrheinischen Grenzregion übernommen hat. Zum Schuljahr 2005/2006 starten in Kerken an einer Grundschule mit dem Offenen Ganztag. Bei einer Informationsveranstaltung für Eltern zur Vorbereitung auf die Einführung am 7. April 2005 fiel der oben zitierte Satz.

"Ich finde es wichtig, dass man Erwartungen der Eltern, die nicht erfüllbar sind, schon im Vorfeld bremst", steht die stellvertretende Geschäftsführerin zu ihrer Aussage. "Auf dem Informationsabend wurde sehr deutlich, dass die Eltern das Gewicht stark auf eine erhoffte Entlastung in Sachen Hausaufgaben legten. Sie führten den Zeitfaktor ins Feld: Wenn ihre Kinder so lange in der Schule seien, könne man nicht noch erwarten, dass sie zu Hause ab 16 Uhr Hausaufgaben machen müssten." Doch aus der Verantwortung, mit den Kindern daheim Vokabeln zu üben, könne man die Eltern nicht entlassen.

"Die Hausaufgabenbetreuung in der Schule ist ein staatlich gefördertes Gruppenangebot, kein Nachhilfeunterricht", stellt Petra van den Brand klar. "Sonderansprüche kann man da nicht stellen. Eltern können nicht erwarten, dass durch die Hausaufgabenbetreuung Schülerinnen und Schüler, die Schwierigkeiten beim Lösen der Aufgaben haben, mit einem Mal ein hohes Leistungsniveau erreichen."

Das Tempo des Kindes zählt

Die Erzieherinnen in der Hausaufgabenbetreuung achten der Caritas-Mitarbeiterin zu Folge "selbstverständlich" darauf, dass die Aufgaben möglichst vollständig und richtig erledigt werden. "Aber die Kinder können diese Aufgaben immer nur im Rahmen ihrer Fähigkeiten erledigen. Die Ganztagsschule kann dabei durch eine klare Struktur Unterstützung bieten, indem den Schülerinnen und Schülern eine feste Zeit, ein Raum, eine angemessene Atmosphäre und eine stete Ansprechpartnerin geboten werden", so Petra van den Brand. "Bei Kindern, deren Alltagssituation zu Hause nicht so strukturiert ist oder die Sprachschwierigkeiten haben, würde ich dann auch durchaus von einer individuellen Förderung sprechen."

Die "klare Struktur" bezüglich Zeit und Ort der Erledigung der Hausaufgaben - unbeeinträchtigt von Parallelaktivitäten und mit voller Konzentration - gibt es auch an der Franziskus-Grund- und Regionalen Schule in Irrel. Allerdings in keiner ganz starren Form. Wie in Geldern haben die Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit, sich den Zeitpunkt für ihre Hausaufgaben selbst zu wählen. "Wir haben die Erfahrung gemacht", berichtet Monika Zender, die für den Ganztagsbetrieb an der Schule in der südlichen Eifel zuständig ist, "dass es besser ist, die Strukturen offener zu gestalten. Die Schülerinnen und Schüler haben die Möglichkeit, von 14.30 bis 15.15 Uhr in die Hausaufgabenbetreuung zu gehen oder von 15.25 bis 16.10 Uhr. Manche wollen lieber erst die Hausaufgaben erledigen, andere erst eine AG besuchen. Der Vorteil ist, dass die Kinder bei dieser offeneren Gestaltung selbstständiger entscheiden können und das individuelle Tempo jedes Kindes zählt. Dadurch wird der Druck schon etwas genommen." Manche Kinder, die es wünschten, könnten je nach Bedarf auch bereits die betreute Freizeit nach dem Mittagessen ab 13.45 Uhr für die Hausaufgaben nutzen. Dazu steht ihnen ein spezieller Raum zur Verfügung. Oder sie nutzen gleich beide Betreuungsstunden.

Persönlicher Kontakt und Protokollhefte

Auch Monika Zender hat Erfahrungen mit "sehr hohen Erwartungen" von Eltern gemacht, die glaubten, dass sie "in der Ganztagsschule ihre Kinder nur abzugeben brauchen und sich um nichts sonst kümmern müssen". Auf Informationsabenden müsse die Schule die Eltern darauf hinweisen, dass dies so nicht gedacht sei. Zumal die Bedingungen noch nicht so optimal sind, wie man es sich wünscht: "Die Gruppen in der Hausaufgabenbetreuung sind mit bis zu 20 Schülerinnen und Schülern noch recht groß, so dass eine wirkliche individuelle Förderung schwierig ist", berichtet die Lehrerin. Man brauche mehr Personal, um hier zu besseren Ergebnissen zu kommen. Die Hausaufgabenbetreuung wird von Lehrerinnen und Lehrern und Erzieherinnen geleistet. Durch persönlichen Kontakt und Protokollhefte unterrichten die pädagogischen Fachkräfte das Lehrpersonal über eventuelle Probleme von Kindern bei den Hausaufgaben.

Um besser zu individualisieren, nimmt die Franziskus-Schule am Leseeckenprojekt des Landes Rheinland-Pfalz teil. "In den Leseecken, die wir einrichten wollen, können die Kinder dann auch mal für sich etwas nachschauen und recherchieren, so wie in Frankreich in den dortigen so genannten Recherchezentren (CDI)", erklärt die Ganztagsschulleiterin. Eine weitere Möglichkeit, individuell zu fördern, sind die je zweimal in der Woche stattfindenden Förderstunden in Deutsch, Englisch und Mathematik. "Einzelne Kinder, die Schwierigkeiten in diesen Fächern haben, werden dann aus der Hausaufgabenbetreuung herausgenommen und hier speziell gefördert", berichtet Monika Zender.

An der Franziskus-Schule sind von rund 500 Schülerinnen und Schüler 54 aus der Grund- und 87 aus der Regionalen Schule im Ganztagsbetrieb. Die Schule gehört zu jenen acht, die am Projekt INGA (Innovation Ganztagsschule) teilnehmen. Sie werden vom Konsortium "Wissenschaftliche Begleitung der Ganztagsschulen in Rheinland-Pfalz" der Universität Koblenz-Landau seit Herbst 2003 begleitet. Mit Ende des Schuljahrs 2004/2005 endet auch dieses Projekt.

Vorbereitende statt reproduzierende Hausaufgaben

In einem INGA-Workshop im Februar 2004, an dem neben den beteiligten Wissenschaftlern Lehrerinnen und Lehrer aller acht Schulen teilnahmen, stand das Thema Hausaufgaben als "Knackpunkt" analog zu den Elterninformationsabenden ebenfalls im Mittelpunkt, wie Prof. Jürgen Wiechmann zu berichten weiß. Ein Teilnehmer habe in Worte gefasst, was viele andere als erste Erfahrung mit dem neuen Schultyp Ganztagsschule erlebt hätten: "Die Ganztagsschule wird sich daran messen lassen müssen, wie sie mit dem Problem der Hausaufgaben fertig wird."

"Es gibt tatsächlich eine Bruchzone zwischen den Erwartungen der Eltern und der Schule an die Hausaufgaben", konstatiert INGA-Projektleiter Wiechmann. "Das Problem mit den Hausaufgaben ist dabei gar nichts Neues, das findet man schon seit dem 18. Jahrhundert in der Literatur." In der Ganztagsschule müssten die Lehrerinnen und Lehrer zunächst einmal eine "motivierende Lernumgebung" schaffen und die Zeit und den Aufwand, welche für die Hausaufgaben benötigt werden, richtig einschätzen lernen. Nach Beobachtungen des Wissenschaftlers gelingt dies Lehrerinnen und Lehrer zunehmend besser: "Oft lagen ihre Schätzungen nur Minuten neben dem, was die Schüler dann tatsächlich an Zeit benötigten." An manchen Schulen würde so verfahren, dass die Schülerinnen und Schüler das, was sie in der Schule nicht geschafft hätten, nicht noch zu Hause machen müssten.

Für Wiechmann sind Hausaufgaben keinesfalls Nachhilfeunterricht: "Hausaufgaben erweitern den Unterricht, sie sind eine autonome Auseinandersetzung aller Schülerinnen und Schüler mit einem Thema. Individuelle Förderung wie Nachhilfeunterricht ist immer langfristiger angelegt, und ihr muss eine Diagnose eines Defizits oder einer Stärke vorausgehen, der dann die spezifische didaktische Unterstützung folgt."

Hausaufgaben könnten ein Mittel sein, rein zweckorientiertes Lernen zu überwinden: "Bisher sind die Hausaufgaben viel zu sehr auf reproduzierende Aspekte angelegt. Dort wird nur wiederholt, was es schon im Unterricht gegeben hat. Stattdessen sollte mehr auf vorbereitende Aufgaben gesetzt werden, die den Lernenden auch aktiv mit seiner Lebenswelt in Berührung kommen lassen", so der Erziehungswissenschaftler. In Ganztagsschulen sollte daher den Schülerinnen und Schülern eine "hohe Selbststeuerungsfähigkeit" eingeräumt werden: "Die Schüler sollten sich hinsetzen können, wo sie wollen, und anfangen, wann sie wollen. Das Arbeitsklima muss so sein, dass sie sich wohlfühlen. Aber es muss natürlich auch klare Regeln für Konfliktfälle geben - und natürlich müssen die Hausaufgaben erledigt werden."

Hausaufgabenfreie Schule

Einen Weg, das Endlos-Thema Hausaufgaben zu beenden, hat die Sandower Realschule in Cottbus gefunden: Dort gibt es einfach keine Hausaufgaben mehr - jedenfalls nicht in ihrer traditionellen Form. "Als Ganztagsschule bemühen wir uns um eine weitestgehend hausaufgabenfreie Schularbeit", lautet das Motto der Schule. Im Hinblick auf die Weiterentwicklung der Lehr- und Lernkultur gehört zu den "Qualitätsmerkmalen für Ganztagsschulen", die das Land Brandenburg seit 1998 hat, auch die Abkehr von den traditionellen Hausaufgaben und die Entwicklung neuer Formen dafür - im Unterricht, in zusätzlichen Übungsphasen oder in so genannten Arbeitsstunden. Bereits im Schuljahr 2000/2001 lag in der Sandower Realschule folgender Beschluss des Lehrerkollegiums vor: "An unserer Schule soll es keine Hausaufgaben im traditionellen Sinn mehr geben. Den Schülern werden Arbeitsaufgaben erteilt, die in den Klassen 7/8 größtenteils in den Arbeitsstunden erledigt werden und in den Klassen 9/10 längerfristig und nicht so umfangreich erteilt werden."

Stattdessen hat sich die Realschule 2002 einem "Hausaufgabenersatzkonzept" verschrieben, bei dem im Wesentlichen im Unterricht geübt wird. Aufgabe der Lehrerinnen und Lehrer ist es, für jeden Schüler die beste Lernmethode zu finden, selbstständig zu üben, oder ihm Möglichkeiten der Selbst- oder Fremdkontrolle zu eröffnen. Zu Hause sollen die Schüler lediglich inhaltlich arbeiten, indem sie zum Beispiel für Kurzvorträge recherchieren oder im Unterricht nicht beendete Aufgaben vervollständigen. Größere Tests werden in der Regel vorher angekündigt und die Schwerpunkte besprochen. Dadurch soll das ineffiziente Kurzzeitlernen vermieden werden. Im Gegenteil bereiten kleinere Tests oder wiederholende mündliche und schriftliche Übungen langsam darauf vor. Auch Arbeitsaufgaben für zu Hause sollen nicht für den nächsten Tag aufgegeben werden, sondern möglichst über den Zeitraum von einer Woche oder mehr.

Das Erlangen von Recherchefähigkeit, das eigenständige Aneignen von allgemeinem Wissen sind der Sandower Realschule wichtiger als das von Wiechmann kritisierte reproduzierende Pauken: "Das erworbene Wissen und die geübten Fähigkeiten sind Grundlagen im Fachunterricht und wirken sich so indirekt auf die Leistungsbewertung aus. Es muss für die Schüler spürbar werden, dass solche Arbeitsaufgaben wichtiger und unverzichtbar für den Lernprozess sind." Ob das Hausaufgabenersatzkonzept diese Ansprüche auch erfüllt, wird in der Sandower Realschule regelmäßig durch Schüler-, Lehrkräfte- und Elternbefragungen evaluiert. Die anfängliche Skepsis auf allen Seiten, ob Lernen ohne die traditionellen Hausaufgaben möglich ist, gehört nunmehr der Vergangenheit an.

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