Kinder und Eltern machen Schule

Dass Eltern besser in die Ganztagsschule einbezogen werden und mehr mitarbeiten, wird häufig gefordert. Manche Pädagogen sehen darin sogar eine Voraussetzung, damit die Ganztagsschule funktioniert. Doch oft ist es gerade in einem sozial problematischen Umfeld schwierig, Eltern zur Kooperation mit der Schule zu bewegen.

Die bessere Einbeziehung von Eltern in die Ganztagsschule ist eine Forderung, die von Lehrerinnen und Lehrern, Pädagogen und Wissenschaftlern gleichermaßen erhoben wird. Doch immer häufiger sind Klagen zu hören, Eltern sähen die Schule als eine Art Dienstleistungsbetrieb, in welchen sie ihre Kinder abgeben, mit dem sie ansonsten aber nichts zu tun haben wollen. Allzu vielen Erziehungsberechtigten ist das Wohl ihrer Kinder vollkommen gleichgültig und gerade in sozialen Brennpunkten ist es nahezu unmöglich, aktive Partizipation von Eltern einzufordern, die weder zu Elternabenden noch zu Elternsprechtagen kommen. So berichtet zum Beispiel Sandra Hoffmann, Leiterin der Gilden-Grundschule in Dortmund-Huckarde: "Wir liegen in einem Stadtteil mit vielen sozial schwachen Familien, darunter vielen mit Migrantionshintergrund, und da ist die Elternbeteiligung ein sehr schwieriges Themenfeld."

In Ganztagsschulen verbringen die Schülerinnen und Schüler nun noch mehr Zeit. Damit die Nachmittage nicht nur aus Betreuung bestehen, holen sich die Schulen Expertise von außen. Eltern können Impulse in das Schulleben einbringen, sei es durch das Näherbringen von Hobbies oder des eigenen Berufes vor einer Schulklasse. So können auch Betriebsbesichtigungen oder Praktika eingefädelt werden.

Formelle Regelungen für die Partizipationsmöglichkeiten bietet das Schulgesetz. Wie diese jedoch in Ganztagsschulen genutzt werden, muss vor Ort selbst entschieden und entwickelt werden. Dabei werden unterschiedliche Erfahrungen gemacht.

Eltern ausreichend informieren

"Man sollte zu Beginn erst mal definieren, was man unter Partizipation versteht", meint Elke Münich, Fachbereichsleiterin Schule und Jugend der westfälischen Stadt Herten, "denn jeder versteht darunter etwas Anderes. Dann sollte geklärt werden, an welcher Stelle welche Beteiligungsformen von Eltern bzw. Schülerinnen und Schülern überhaupt erwünscht sind." In Herten begann man vor zwei Jahren, als die beiden ersten Offenen Ganztagsgrundschulen starteten, zunächst mit den Eltern in der Schulpflegschaft zu sprechen und lud dann zu offenen Informationsabenden ein, zu denen sehr viele Eltern erschienen. "Es war im ersten Jahr notwendig, den Eltern Informationen über das Modell der Ganztagsschule zu geben. Viele Eltern beklagten sich, dass sie überhaupt nichts erfahren würden, höchstens mal aus der Zeitung", erinnert sich die Fachbereichsleiterin. "Diese Informationsabende waren im Grunde der erste Schritt zur Partizipation."

Danach wurde den Eltern das erste Modell des Ganztags vorgestellt und gemeinsam darüber diskutiert. Das führte unter anderem dazu, dass die Betreuungsverträge für den Nachmittagsbereich nicht - wie ursprünglich von der Stadt geplant - für die gesamte Grundschulzeit gelten, sondern nur für ein Schuljahr. "Die Eltern haben aufgeschrien: Wir wollen doch nicht die Katze im Sack kaufen!" berichtet Elke Münich. "Da wir die Eltern gewinnen wollten, sind wir auf deren Forderung eingegangen. Jetzt schließen die Eltern für ihre Kinder Verträge für nur ein Jahr ab. Bereits an dieser Stelle konnten die Eltern also entscheidenden Einfluss nehmen."

In der Planungsphase erweisen sich Beteiligungsformen für Eltern wie Informationsveranstaltungen, Zukunftswerkstätten, schriftliche Befragungen, Schulkonferenzen und Elternabende als sehr hilfreich. In Herten gestalteten die Eltern die Angebote am Nachmittag mit, indem sie ein möglichst abwechslungsreiches und anspruchsvolles Programm von Montag bis Freitag für die Schülerinnen und Schüler forderten. Hier zeigte sich allerdings, dass die Eltern des Guten zu viel gewollt hatten - die Schülerinnen und Schüler wünschten sich mehr Phasen zum freien Spiel und zum Entspannen. "Das macht den prozesshaften Charakter der Ganztagsschule aus", so Elke Münich. "Die Vorstellungen und Wünsche von Eltern und Kindern müssen in der Umsetzung berücksichtigt werden."

Fragebögen sollten bereits im Rahmen des Anmeldeverfahrens sowohl an die Eltern als auch an die Kinder gehen. Denn bei der Frage nach den Vorstellungen und Wünschen für die Angebote im Nachmittagsbereich zeigt sich oftmals ein ziemliches Auseinanderklaffen zwischen dem, was die Schülerinnen und Schüler gerne möchten, und den Angeboten, die Eltern vorschweben. Hier können Schulleitung und Kollegium schon sehr gut abschätzen, was von den Beteiligten gewünscht wird. Die Kunst besteht dann darin, die verschiedenen Wünsche kompatibel zu machen.

Bei der Beteiligung der Schülerinnen und Schüler gibt es bereits aus anderen Zusammenhängen gute Erfahrungen wie zum Beispiel Kinderkonferenzen, Sozialraumerkundungen oder Spielplatz- und Schulhofgestaltung. Darüber hinaus bieten sich kindgerechte Befragungen und kindgerechte Planungsbeteiligung an: Bilder malen, Skulpturen bauen oder Räume planen. An einer Grundschule in Bielefeld wollten die Schülerinnen und Schüler zum Beispiel, dass die Schuluhr repariert und der Schulhof begradigt wird, damit die Pfützen verschwinden. Bei einer Ganztagsgrundschule in Bonn fuhr man mit den Kindern von Spielplatz zu Spielplatz, damit sie sich Anregungen für ihren geplanten Schulhofspielplatz holen konnten.

Im Rahmen von Zukunftswerkstätten oder Elternabenden können Schulen und Eltern vereinbaren, zu welchen Themenfeldern Mütter oder Väter am Nachmittag eingeladen werden, um in den verschiedenen Handlungsfeldern des Ganztags, beim Mittagessen, bei der Freizeitgestaltung oder der Hausaufgabenbetreuung, zu helfen. Natürlich können dies nur Eltern leisten, die am Nachmittag Zeit haben. Aber es lohnt sich, findet Elke Münich: "Das Verständnis von Eltern dafür, wie der Ganztag überhaupt läuft, wird ein anderes. Man gewinnt die Eltern, auch wenn die Zusammenarbeit am Anfang neu und ungewohnt ist, als Partner."

Fördervereine als problematische Partner

Wenn Elterninitiativen oder Fördervereine als Träger des Ganztags am Nachmittag auftreten, darf sich die Schulleitung bei der Organisation nicht zu sehr zurückziehen und alles den Eltern überlassen. An einem Schulstandort beispielsweise zeigte sich, dass den etablierten Eltern im Förderverein recht wenig daran gelegen war, die soziale Mischung der Gruppen am Nachmittag zu erreichen, die von der Schulleitung gefordert wurde. An diesem Knackpunkt scheiterte die Arbeit des Fördervereins, und er zog sich als Träger zurück.

Hans-Peter Hunold, Schulleiter einer Grundschule in Wiehl im Oberbergischen Kreis, hält Elterninitiativen und Fördervereine als Träger sowieso für problematisch: "Oft hängt die Mitwirkung von Personenkonstellationen ab. Wenn diese Personen nach einigen Jahren ausscheiden, hängt die ganze Arbeit plötzlich in der Luft. Viel wichtiger finde ich es, dass Eltern mit Kindern im Ganztag in der Schulkonferenz vertreten sind."

Wie sieht es in Stadtteilen mit hohem Migrantenanteil aus? Auch hier hat Elke Münich Erfahrungen gemacht, denn in Herten liegt eine der Offenen Ganztagsgrundschulen in solch einem Stadtteil. Hier gelang es, über den Moscheeverein in der Nachbarschaft Kontakte zu den Eltern zu knüpfen. Einige Mütter übernahmen Patenschaften für den Nachmittag. "Ein Angebot am Nachmittag besteht aus einer Karategruppe, die ein männlicher Trainer anbietet. Schülerinnen wollten auch gerne teilnehmen, aber die Eltern hatten da ein bisschen Angst", erzählt die Fachbereichsleiterin. "Jetzt kommt eine Mutter zu diesem Kurs und hilft dort auch mit. Sie ist ganz begeistert und froh, dass nun auch die Mädchen daran teilnehmen. Wenn mir das vor zwei Jahren jemand gesagt hätte, hätte ich das nicht für möglich gehalten, aber diese andere Form der Kontaktaufnahme über den Moscheeverein hat das ermöglicht."

Den Kinderwillen in den Mittelpunkt stellen

Die Schulverwaltungsämter Meerbusch und Neuss gehen das Thema Kindermitwirkung in größerem Rahmen an und arbeiten mit dem Schulamt für den Rhein-Kreis Neuss, dem familienforum edith stein, einem Bildungswerk der katholischen Arbeitsgemeinschaft für Weiterbildung Neuss zusammen, um ein Konzept für Partizipation zu erstellen. Mit drei Schulen in Neuss und Meerbusch will man Modellversuche starten, um die Mitwirkungsmöglichkeiten in drei Phasen zu beobachten. Ob das Projekt allerdings durchgeführt werden kann, hängt von der Bewilligung eines beantragten Förderzuschusses ab. Johannes Bienefeld, Ganztagsschulkoordinator in Neuss, erklärt: "Die erste Schule ist bereits Ganztagsschule, die zweite wird es zum kommenden Schuljahr und die in Meerbusch zum übernächsten Schuljahr. So können Partizipationsmöglichkeiten erstens während des laufenden Betriebs, zweitens beispielsweise vor dem Start zu Einrichtungsfragen und drittens bei der Konzeptentwicklung erprobt werden."

In Neuss denkt man nun auch über ein Projekt "Am Freitag hat die Schule frei" nach. Man hofft, am Freitagnachmittag alle Beteiligten wie Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler, außerschulische Fachkräfte und die Eltern in die Schule zu bringen, um gemeinsam etwas zu erreichen: Zum Beispiel einen Spielplatz zu bauen. Johannes Bienefeld warnt jedoch auch: "Alle stürzen sich auf die Kinder und wissen, was das Beste für sie ist. Dann entsteht am Nachmittag eine Art Kindervolkshochschule, was die Schülerinnen und Schüler eigentlich gar nicht wollen. Auch wenn Kinder Pause haben, machen sie ganz viel. Es geht dann darum, dieses Tun sinnvoll zu begleiten."

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