Die Brücke zur Integration

In vielen Schulen - dies hat der Fall Rütli gezeigt - wird der Dialog zwischen Schülerinnen und Schülern aus belasteten sozialen Verhältnissen und Pädagogen schwieriger. Die Kluft zwischen der Mehrheitsgesellschaft und diesen Kindern und Jugendlichen ist vielerorts größer worden. Brücken über diese Kluft können die Eltern bauen. Sie gilt es zu erreichen, bevor ganze Familien in Parallelgesellschaften entschwinden. Wie dies gelingen kann, zeigt das Beispiel des Türkischen Elternvereins Berlin-Brandenburg.

Als Tülay Usta auf der Tagung "Brennpunkt Hauptschule" ihre Sorge darüber äußerte, dass die Migranten sich hierzulande immer fremder fühlten, erntete sie dafür zunächst Protest aus dem Publikum. Denn, dass der Vorsitzenden des Türkischen Elternvereines eine wachsende Distanz zwischen der Mehrheitsgesellschaft und Eltern mit Migrationshintergrund auffiel, spiegelte während der Tagung der Friedrich-Naumann-Stiftung am 6. Juni 2006 in Berlin eine wahrnehmbare Kluft.

Tülay Usta

Einen Tag nach der Tagung ist die Atmosphäre bei dem Treffen mit Tülay Usta zwar gastfreundlich, aber auch vorsichtig distanziert. Der Türkische Elternverein Berlin-Brandenburg liegt in der Oranienstraße 12, also mitten im Berliner Kiez, und je länger das Gespräch über die 20jährige Arbeit Elternvereines dauert, desto spürbarer wird das Bedürfnis bei Tülay Usta nach einem Dialog, der auf Anerkennung und auf Wahrnehmung der realen Probleme der Migrantinnen und Migranten beruht.

Mehr Mut zur Integration

Dieses Bedürfnis artikulierte zum 20jährigen Bestehen des Elternvereines bereits der Türkische Generalkonsul in Berlin, Ahmet Nazif Alpman: "Wir ermutigen unsere Landsleute, sich vollständig in die Gesellschaft zu integrieren, in der sie leben. Denn sie bilden einen beachtlichen Bestandteil dieser Gesellschaft. Nur durch die Wahrnehmung ihrer gesellschaftlichen Verantwortung in einem solidarischen Geist und die Anerkennung der Integration als wichtigstes Ziel können sie in und mit der Mehrheitsgesellschaft in Einklang leben."

Der Berliner Bildungssenator Klaus Böger formulierte in seiner Grußrede vier gemeinsame Ziele, die den Elternverein und das Land Berlin verbinden: So wolle man erstens eine Steigerung des Anteils höher qualifizierter Schulabschlüsse erreichen, zweitens Eltern mit Migrationshintergrund stärker in den Bildungsprozess ihrer Kinder einbeziehen, drittens grundlegende Kenntnisse von Kultur und Gesellschaft vermitteln und viertens schließlich zur Entwicklung einer Schulkultur beitragen, die die Heterogenität der Schülerschaft wahrnimmt, fördert und den sozialen Zusammenhalt in der Schule und darüber hinaus in der Gesellschaft stärkt.

"Jetzt brauchen wir Taten"

Turgut Hüner, der im Elternverein für die Projektkoordination zuständig ist, richtete sich mit klaren Erwartungen an die Politik: "Es müssen mehr Mittel für Bildung und Erziehung freigegeben werden. Der Elternverein braucht aber auch mehr Mittel für die Beratung". Hüner weiter: "Wir kennen die Diagnosen, jetzt brauchen wir Taten".

Es gibt deutliche Signale dafür, dass der Berliner Senat aus der Rütli-Krise gelernt hat. Beispielweise wird der Ausbau der Ganztagsgrundschulen konsequent fortgesetzt. Auch die vorschulische Sprachförderung im Kontext von Kita und Schule soll gestärkt werden. Dazu Böger in einer Pressemeldung vom 8. Juni 2006: "Dabei geht es nicht nur, aber vor allem, um Kinder mit Migrationshintergrund. Hier müssen wir viel tun - und hier tun wir viel: Wir haben in Kitas und Schulen gute Möglichkeiten geschaffen, um vor der Schule Deutsch sprechen zu lernen".

Die Brücke sind die Eltern

Die wichtigste Brücke zwischen der Mehrheitsgesellschaft und den Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund sind die Eltern. Genau an dieser Schnittstelle setzt die Arbeit des Türkischen Elternvereins an, die auch aus den Mitteln des Landes Berlin finanziert wird, dabei aber - aus Sicht von Turgut Hüner - auf einen deutlich höheren Zuschuss angewiesen wäre. "Vor fünf Jahren hatten wir 3 0 Stellen, jetzt sind es nur noch 2,15, die von zwei Kollegen ausgefüllt werden", sagt Hüner.

Ein Berg Arbeit ruht also auf wenigen Schultern. Dazu gehört an erster Stelle die Beratung der Eltern, also Aufklärung über die Rechte und Pflichten der Eltern bzw. über das Berliner Schulgesetz. Darüber hinaus gibt es den "Schulaufgabenzirkel" für Sekundarschüler am Nachmittag, die Kita in Berlin-Moabit und die Arbeit mit acht Berliner Partnerschulen aus Berlin-Mitte. Außerdem bietet der Elternverein muttersprachlichen Unterricht, Infoveranstaltungen für türkisch sprechende Eltern, Elternabende in der Kita sowie die Betreuung einer Vermittlerkartei für Nachhilfelehrer an.

Dilan und Duygu beim Türkischen Elternverein

"Wer eine echte Chance bekommt, resigniert auch nicht so schnell", weiß Tülay Usta vom Türkischen Elternverein. Zwei Mädchen, die an diesem Nachmittag ihre Hausaufgaben erledigen, wissen ein Lied davon zu singen: Duygu, 12 Jahre und Dila, 13 Jahre, die beide die siebte Klasse eines Gymnasiums besuchen. Dila zum Beispiel. Ihre Lehrer hatten zu wenig Zeit, um sich um ihre individuellen Probleme - die ja allzu oft mit Deutsch als zweiter Muttersprache zusammenhängen - zu kümmern: "Die Lehrer erklären uns den Stoff nur einmal" sagt Dilan. Zu wenig Zeit also. Bezahlte Nachhilfe hat ihr auch nicht wirklich weitergeholfen, sagt die Schülerin, die entweder Polizistin oder Rechtsanwältin werden möchte.

Oder Duygu, 12 Jahre: Es war ihre Mutter, die sie dazu motiviert hat, an der Nachmittagsbetreuung des Türkischen Elternvereins teilzunehmen. Duygu nimmt auch an den Förderunterricht für das Probehalbjahr in der sechsten Klasse teil. Sie hat Schwächen in zwei Fächern, die sie in der Hausaufgabenhilfe am Nachmittag wettmachen möchte. Beide Schülerinnen nehmen sich spät am Nachmittag die Zeit für Schulaufgabenbetreuung, denn beide wissen, wie viel ein guter Abschluss im späteren Berufsleben wert sein kann.

Insgesamt nehmen derzeit rund 100 Kinder und Jugendliche an der Schulaufgabenbetreuung des Türkischen Elternvereins teil. Sie werden durch pädagogisches und außerschulisches Personal betreut, das entweder auf Honorarbasis arbeitet oder sich als Hartz IV-Bezieher finanziell etwas besser stellen möchte. Sie helfen den Schülerinnen und Schülern insbesondere dabei, im Probehalbjahr der 6. Klasse in den Fächern Deutsch, Mathe und Englisch besser abzuschneiden: "Bis zu 90 Prozent schaffen durch unsere Unterstützung das Probehalbjahr", erläutert Tülay Usta.

Mit anderen Worten: Die Schulaufgabenbetreuung hilft vielen Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund zum Sprung in das ersehnte Gymnasium und ist damit ein ganz konkreter Beitrag zu dem von Schulsenator Böger angestrebten Ziel, den Anteil von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund an höher qualifizierten Schulabschlüssen zu erhöhen.

Interkulturelle Pädagogik tut Not

Wenn es nach Usta ginge, müssten einheimische Lehrerinnen und Lehrer sich in interkultureller Pädagogik weiterbilden, denn vielen Pädagogen fehle der Blick in andere Kulturen: "Interkulturelle Pädagogik müsste Pflicht bei der Ausbildung von Lehrern werden, sie darf nicht nur auf dem Papier stehen", so die Elternrepräsentantin.

Andererseits gibt Usta aber auch zu bedenken, dass es gegenwärtig immer schwerer geworden ist, an die muslimischen Familien heranzukommen: "Sie kapseln sich ab". Zwar würden die Eltern ihre Kinder zur Hausaufgabenbetreuung schicken, doch "auf die Elternabende gehen sie nicht". Viele muslimische Familien nutzen zudem andere Strukturen und Organisationsformen wie zum Beispiel Milli Görüs.

Usta dagegen hat sich schon früh für die Integration entschlossen. In ihrer Kindheit und Jugend - so erzählt sie - waren es deutsche Großeltern, die sich voller Hingabe um sie gekümmert hätten. Heute sorge sie selbst dafür, dass auch ihre Töchter in die Mehrheitsgesellschaft aufgenommen werden, auch wenn "die Gesellschaft mehrheitlich Angst vor den Fremden hat."

Hoffen auf mehr Ganztagsschulen

Ihre Töchter schickt sie auf ein mehrheitlich von einheimischen Schülerinnen und Schülern besuchtes Gymnasium. Die Hauptschulen "gehören abgeschafft", so die Elternvertreterin, die der Meinung ist, dass Kinder und Jugendlichen auf die Hauptschulen abgeschoben würden: "Die Kinder entwickeln sich doch verschieden und es wird viel zu früh selektiert", fügt Usta mit Blick auf die PISA-OECD-Studie hinzu.

Mehr Bildungsgerechtigkeit versprechen sich Usta und der Türkische Elternverein insbesondere von den Ganztagsschulen. Sie sollten weiter ausgebaut und der Vor- und Nachmittag sollte möglichst rhythmisiert werden. "Auch die traditionellen Eltern sind sich bewusst, dass ohne Bildung heutzutage nichts mehr geht und sie wissen, dass ihre Kinder in den Ganztagsschulen ihre Hausaufgaben erledigen können". Mädchen aus traditionellen Zusammenhängen gelinge es zudem eher, sich durch Bildung zu emanzipieren.

Eine Kluft gibt es nicht nur zwischen der Mehrheitsgesellschaft und den integrationsbereiten Gruppen von Migrantinnen und Migranten, tiefe Gräben haben sich auch zwischen modernen und traditionellen Strömungen innerhalb der Migranten aufgetan. Vor diesem Hintergrund ist ein partnerschaftlicher Dialog notwendiger denn je: "Am Anfang hatten wir nicht das Gefühl mit den Behörden und der Mehrheitsgesellschaft auf gleicher Augenhöhe zu arbeiten, doch mittlerweile bringen wir unsere Positionen selbstbewusst ein".

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